Lade Inhalt...

Der Tatzelwurm

Das Rätseltier in den Alpen

Fachbuch 2014 170 Seiten

Biologie - Zoologie

Leseprobe

Inhalt

Vorwort. Wurm mit zwei Tatzen

Der Tatzelwurm

Der Tatzelwurm. Von Josef Victor von Scheffel

Frühe Berichte und Sichtungen

Die Tatzelwurm-Lawine der 1930-er Jahre

Das Tatzelwurm-Foto von Meiringen

Reaktionen auf die Tatzelwurm-Sensationsartikel

Offener Brief von „Nessie“ an den Tatzelwurm

Der „Tatzelwurm“ von Winterthur

Das Hallwiler Ungetüm

Ein Werbefilm über den Tatzelwurm

Der Tatzelwurm als Scherzartikel

Nur ein Knochenfisch?

Die Schlange der Wiesel

Ein Verwandter der Echsen?

Der Haselwurm

Die Krönleinschlange

Der Basilisk

Sichtungen von Tatzelwürmern

Literatur

Bildquellen

Ortsregister / S. 151,

Personenregister

Sachregister

Der Autor

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Angeblich erste Aufnahme von einem Tatzelwurm des Fotografen Paul Balkin, erstmals veröffentlicht in „ Berliner Illustrirte Zeitung “ vom 17. April 1935

Vorwort Wurm mit zwei Tatzen

Ein unscharfes Foto von einem unbekannten Tier aus der Schweiz mit einem Maul wie ein Haifisch, furchterregenden Zähnen und einer Nase wie ein Affe sorgte im April 1935 für großes Aufsehen in Europa. Denn bei diesem in einer Berliner Zeitschrift veröffentlichten Bild handelte es sich angeblich um die erste Aufnahme von einem Tatzel- wurm. Gemeint war damit allerdings nicht ein riesiger Drache (auch Lindwurm oder Tatzelwurm genannt), sondern ein oft nur einen halben Meter langes Geschöpf. Immer wieder wollen Augenzeugen einen solchen Wurm mit katzenartigem Kopf und zwei kurzen Beinen gesehen haben. Der Name Tatzelwurm beruht auf seinen zwei Tatzen, die für einen Wurm ungewöhnlich sind. Seine Heimat sollen die Berge der Alpen und deren Vorland sein. Die meisten Menschen betrachten den Tatzelwurm lediglich als Fabeltier, das nur in der Phantasie existiert. Es gibt aber auch Leute, die ihn für ein tatsächlich heute noch vorkommendes Tier halten. Was davon richtig ist, müssen die Leser/innen des Buches „Der Tatzelwurm“ selbst entscheiden. Ver- fasser ist der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst Probst, der bereits etliche Werke über Fabeltiere wie Affenmenschen, Drachen, Ein- hörner, „Nessie“ und andere Seeungeheuer geschrieben hat. Von 1986 bis heute veröffentlichte er mehr als 300 Bücher, Taschenbücher und Broschüren über Themen aus den Bereichen Paläontologie, Zoologie, Kryptozoologie, Archäologie, Geschichte sowie Biografien über berühmte Frauen und Männer.

Holzschnitt eines Basilisken aus dem Werk „ Serpentum et draconum historiae “ des italienischen Arztes und Naturforschers Ulisse Aldrovandi (1522 - 1605),

das 1640 erst nach seinem Tod erschien.

Der Tatzelwurm

Ein legendärer Halbdrache namens Tatzelwurm erregt seit Jahr- hunderten die Phantasie vieler Menschen in Europa. Seine Heimat sind offenbar das Gebiet und das Vorland der Alpen in Deutschland (Bayern), Österreich (Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol), der Schweiz (Kantone Bern, Jura, Solothurn), Italien (Südtirol) und Frankreich. Der Tatzelwurm gilt als kleiner Verwandter von Drache und Lindwurm, erscheint in unterschiedlicher Gestalt und Größe und trägt zahlreiche Namen. Über seine wahre Natur streiten sich seit langem die Gelehrten. Viele halten ihn für ein Fabeltier, wenige dagegen für ein tatsächlich existierendes Lebewesen.

Laut Sagen und Beschreibungen von Augenzeugen erreicht der Tatzelwurm eine Länge zwischen einem halben Meter und zwei Metern. Sein Kopf erinnert an eine Raubkatze. Das Tier hat einen stechenden Blick. Der plumpe, schmutzig-weiße Körper mit einem Umfang wie ein menschlicher Oberarm bis zu einem Schenkel erscheint reptilartig. Die kurzen Vorderbeine sind mit Pranken bewaffnet. Manchmal wurden auch Hinterbeine beobachtet. Mit den Beinen sind Riesensprünge von zwei bis drei Metern möglich.

Mitunter ist von Giftzähnen die Rede, durch deren Biss man sofort stirbt. Einerseits soll der Tatzelwurm relativ scheu sein, andererseits aber auch Menschen und Tiere angreifen. Angeblich entsteht der Tatzelwurm auf die selbe Weise wie ein Basilisk. Dabei handelt es sich um ein Mischwesen mit dem Oberkörper eines Hahns, mit einer Krone auf dem Kopf und mit einem Unterleib wie eine Schlange. Dem Tatzelwurm schreibt man ungewöhnliche Eigenschaften zu. Wenn er durch den Sand kriecht, schmilzt der Sand zu Glas. Bewirkt werde dies durch die Hitze, die der Körper des Tatzelwurms ausstrahle. Die Stollen und Höhlen, die ihm als Behausungen dienen, gräbt er selbst in den Fels.

Darstellung eines vierf üß igen Tatzelwurms von Ulisse Aldrovandi (1522 - 1605) aus dem 17. Jahrhundert Darstellung eines vierf üß igen Tatzelwurms in „ Neues Taschenbuch für Natur-, Forst- und Jagdfreunde auf das Jahr 1836 “ Darstellung eines zweif üß igen Tatzelwurms in „ Alpenrosen, ein Taschenbuch für das Jahr 1841 “

Andere Gestalt und Größe als der Tatzelwurm aus dem Gebiet und Vorland der Alpen haben der großgewachsene, geflügelte und feuerspeiende Drache, vor dem sich die Menschen im Mittelalter fürchteten, der erwähnte Basilisk, der Haselwurm, die Krönlein- schlange (Schlangenkönig mit goldenem Krönchen) und der Tau- sendfüsser (Tausendfüssler), der in manchen Gegenden der Schweiz auch Tatzelwurm heißt.

Der Name Tatzelwurm setzt sich aus den Begriffen Tatze - für Bein, Klaue, Pfote oder Pratze - und Wurm zusammen. In der Literatur über ihn findet man viele Bezeichnungen. Ausdrücke wie Daazlwurm, Dazzelwurm, Flüsselwurm, Praatzelwurm, Pratzelwurm, Tatzlwurm, Tazelwurm oder Tazzelwurm bezeichnen offenbar eine Schlange mit stark reduzierten Gliedmaßen. Einst hat man eine Schlange auch als Wurm betitelt. Bergstutz, Birgstutz, Birgstutzen, Natternstutz und Waldstutz erinnern an die gedrungene, hinten abgestutzte Gestalt. Die Begriffe Stollenwurm oder Stollwurm beruhen nicht darauf, dass sich diese Tiere in verlassenen Bergwerksstollen aufhalten, sondern auf den kurzen Füßen oder Stollen (Stumpffuß), wie sie Fußballschuhe haben. Von der runden Kopfform abgeleitet dürften die Namen Bisamkatze, Gartenkatze und Steinkatze sein. Die Bezeichnungen Bisamkatze, Bisamwurm, Moschusschlange sowie schmeckender, schmecketer oder schmöketer Wurm sollen auf einen starken Geruch hinweisen. Bergstutz, Heuwurm, Legernwurm (Legern = Legföhren), Steinkatze oder Waldstutz verraten beliebte Aufenthaltsorte. Spring- wurm bezieht sich auf das sprungartige Vorschnellen des Tieres oder dessen erstaunliche Behendigkeit und Angriffslust. Der in Unter- kärnten übliche slawische Name Psokok soll ebenfalls Springer be- deuten. In den französischen Alpen heißt das Tier Arassas.

Mit einem Tatzelwurm befassen sich viele alte Sagen. Teilweise han- deln diese aber nicht von einem kleinen Tatzelwurm wie im Al- pengebiet sondern von einem großen feuerspeienden Drachen. Letzteres ist beispielsweise beim Aschaffenburger Tatzelwurm in Unterfranken der Fall. Er soll in der Rückersbacher Schlucht zwischen

Aschaffenburg und Kahl gehaust und bei Wochenmärkten in Kleinostheim, Dettingen oder Kahl, das ihm seinem Namen verdanke, die Verkaufsstände leergefressen haben. Nachdem ein mit Futterrüben beladenes Fuhrwerk auf einer abschüssigen Gasse in die Stadtmauer von Aschaffenburg gerast war und in jene ein Loch gerissen hatte, konnte der Tatzelwurm auch diese Stadt verwüsten. Das schändliche Treiben des Aschaffenburger Tatzelwurms fand erst ein Ende, nachdem er von einem Turm aus mit schweren Glocken beworfen wurde. Die Treffer auf dem Rücken bewirkten, dass sich das Untier nicht mehr krümmen konnte, nach Stockstadt verschwand und nie mehr in Aschaffenburg auftauchte.

Dem Internet-Lexikon „Wikipedia“ zufolge, wurde der Tatzelwurm aber auch in modernen Zeiten immer wieder gesichtet. Es liegen zahlreiche Augenzeugenberichte aus dem 20. Jahrhundert vor. 1948 und 1968 erfolgten Sichtungen in den französischen Alpen. 1950 erblickten verschiedene Leute im Jura einen Tatzelwurm. 1953 wurde der Augenzeugenbericht eines zwölfjährigen Kindes publiziert, das in St. Georgen (San Giorgio) bei Bozen (Südtirol) einen dicken „Wurm“ mit einer Eidechse im Maul beobachtet hatte. Im Sommer 1963 sorgte ein etwa vier Meter langer Tatzelwurm in der Gegend von Udine in Oberitalien für Aufsehen. Sein Kopf soll so groß wie der eines Kindes gewesen sein. Bevor er erschien, habe er einen hohen Pfiff von sich gegeben. Anfang der 1980-er Jahre tauchte der Tatzelwurm in den französischen Alpen auf, 1984 bei Aosta.

Der Tatzelwurm ist auf umstrittenen Zeichnungen und Fotos zu sehen. Im Museum „Haus der Natur“ in Salzburg hat man lange Zeit einen Platz für ihn reserviert. Aber bisher konnte kein lebender Tatzelwurm gefangen und auch kein Leichnam oder ein Skelett von ihm gefunden werden, auch wenn dies mitunter behauptet wird. Um 1810 hatte die „Naturforschende Gesellschaft Bern“ eine Belohnung von drei bis vier Louis d’or für den ersten lebendigen, toten, großen oder kleinen Stollenwurm ausgesetzt, der nach Bern gebracht würde. Doch niemand kam in den Genuss dieses Geldes.

Dagegen hatten Aufrufe nach Augenzeugenberichten über Begeg- nungen mit einem Tatzelwurm Erfolg. 1928 startete der katholische Geistliche und Naturforscher Gymnasialprofessor Dr. Karl Meusbur- ger (1870-1940) aus Brixen in der Südtiroler Zeitschrift „Der Schlern“ einen solchen Aufruf. 1930 folgte ein Aufruf des deutschen Medizi- ners und Schriftstellers Dr. med. phil. Gerhard Venzmer (1893-1986) in der naturkundlichen Zeitschrift „Kosmos“, dem „Zentralblatt für das naturwissenschaftliche Bildungs- und Sammelwesen“. Bis 1934 zeichneten Meusburger und der Tatzelwurm-Experte Diplom- Ingenieur Hans Flucher (1896-1990) aus Saalfelden rund 85 mehr oder weniger authentische Beobachtungen auf und veröffentlichten sie in „Der Schlern“ und „Kosmos“. Flucher hatte 1932 im „Kosmos“ gemahnt: „In einer Sache bin ich mit allen Zweiflern einig: Lieber der ganzen Tatzelwurm-Angelegenheit mit Mißtrauen, als mit einer zu großen Begeisterung gegenüberstehen. Denn das kann einer sach- lichen Behandlung dieses Problems nur nützen und eher zu einer befriedigenden Lösung führen.“

An den Tatzelwurm erinnern Lokalitäten, Straßen (Tatzelwurm-Straße im nördlichen Mangfallgebirge in Bayern), Brücken (Holzbrücke bei Essing), Hotels („Feuriger Tatzelwurm“ in Oberaudorf, Bayern), Fahrzeuge, Flugzeuge (Transportflugzeug Arado Ar 232), Veran- staltungen und Gedichte. Im Strudeltopf (Gumpe) des Tatzelwurm- Wasserfalls bei Oberaudorf in Oberbayen hauste angeblich einst ein menschenfressender Tatzelwurm. Am Fuß dieses Wasserfalls erbaute der Bauer Simmerl Schweinsteiger den Alpengasthof „Zum feurigen Tatzelwurm“. Anlässlich dessen Eröffnung im Jahre 1863 hatte der badische Hofmaler August Vischer (1821-1898) ein Bild dieses Un- tiers gemalt, das über den Fenstern des Erdgeschosses angebracht und im Beisein der Gäste enthüllt wurde. Der Dichter Joseph Victor von Scheffel (1826-1886) widmete dem Tatzelwurm, den er als großen, flugfähigen und feuerspeienden Drachen schilderte, ein Gedicht. Letzteres wurde von Scheffel für seinen Freund Simmerl Schweinsteiger geschaffen.

Obere Stufe der Tatzelwurm-Wasserfälle nahe des Weilers Tatzelwurm im Mangfallgebirge in den Bayerischen Alpen. Foto: Mummelgrummel bei „ Wikipedia “ / CC-BY-SA3.0

Postkarte mit Bild des 1863 eröffneten Gasthauses

„ Feuriger Tatzelwurm “ in Oberaudorf (Bayern) und Gedicht

„ Der Tazzelwurm “ von Joseph Victor von Scheffel (1826-1886)

Foto auf Seite 16: Schilder zu den Tatzelwurm-Wasserfällen und zum Gasthof „ Tatzelwurm “ in Oberaudorf (Bayern). Foto: Mummelgrummel bei „ Wikipedia “ / CC-BY-SA3.0

Foto auf Seite 17 oben: Tatzelwurm-See

an der Tatzelwurm-Pass-Straße in den Bayerischen Alpen. Foto: Steffs88 bei „ Wikipedia “ / CC-BY-SA4.0

Foto auf Seite 17 unten: Münchner Straßenbahn Typ P1,

genannt Tatzelwurm, im Hannoverschen Straßenbahn-Museum. Foto: Fritz F. bei „ Wikipedia “ / CC-BY-SA3.0

Dichter Joseph Victor von Scheffel (1826-1886).

Zeichnung aus der Zeitschrift „ Die Gartenlaube “ von 1870

Der Tazzelwurm Von Joseph Victor von Scheffel

Als noch ein Bergsee klar und gross In dieser Täler Tiefen floss, Hab’ ich allhier in grosser Pracht Gelebt, geliebt und auch gedracht Als Tazzelwurm.

Vom Pentling bis zum Wendelstein War Fels und Luft und Wasser mein, Ich flog und ging und war gerollt, Und statt auf Heu schlief ich auf Gold Als Tazzelwurm.

Hornhautig war mein Schuppenleib Und Feuerspei’n mein Zeitvertreib, Und was da kroch den Berg herauf, Das blies ich um und frass es auf Als Tazzelwurm.

Doch als ich mich so weit vergass Und Sennerinnen roh auffrass, Da kam die Sündflut grausenhaft Und tilgte meine Bergwirtschaft Zum Tazzelwurm.

Jetzt zier’ ich nur gemalt im Bild

Des Schweinesteigers neuen Schild,

Die Senn’rin hört man jauchzend schrei’n Und keine fürcht’t das Feuerspei’n Des Tazzelwurms.

Historischer Weinbrunnen (Tatzelwurm-Brunnen)

in Kobern-Gondorf an der Mosel (Rheinland-Pfalz). Foto: Abrasax bei „ Wikipedia “ / CC-BY-SA3.0

Und kommt so ein gelehrtes Haus

So höhnt’s und spricht: „Mit dem ist’s aus, Der war ein vorsündflutlich Vieh, Doch weise Männer sah’n noch nie Den Tazzelwurm.“

Kleingläub’ge Zweifler! Kehrt nur ein Und setzt auf Bier Tiroler Wein ... Ob Ihr dann bis nach Kufstein fleucht, Ihr spürt, dass ich Euch angekeucht Als Tazzelwurm.

Und ernsthaft spricht der Klausenwirt:

„Schwernoth! Woher sind die verirrt?

Das Fusswerk schwankt ... im Kopf ist Sturm ... Die sahen all’ den Tazzelwurm!“

Den Tazzelwurm!

Längliche Bauwerke oder Fahrzeuge erhalten oft den Namen Tatzelwurm. Beispielsweise heißt die Hochbrücke Freimann, ein Abschnitt der A9 im Norden von München, auch Tatzelwurm. Letzteren Namen trägt auch die Münchner Straßenbahn „Typ P1“. Im Bozener Stadtteil Gries gab es von 1972 bis 1974 drei „Inter- nationale Tatzelwurm-Volksmärsche“. In Kobern-Gondorf an der Mosel (Rheinland-Pfalz) gilt der Tatzelwurm-Brunnen als Attraktion. Tazzelwurm heißen das erste Kölner Varieté-Theater in Köln nach dem Zweiten Weltkrieg, eine Dampflokomotive der Killesbergbahn Stuttgart und der zweite Umbau-Doppeltriebwagen (Versuchs- fahrzeug) der Stuttgarter Straßenbahnen mit der Nummer 201 und seinen zugehörigen Beiwagen Nr. 1201 von 1958.

In manchen Sagen erscheint der Tatzelwurm oder Stollenwurm in zweierlei Gestalt: Entweder als recht häufig auftretendes, dunkel gefärbtes Geschöpf oder in einer merklich selteneren weißen Form, Schweizerischer Naturforscher und Gelehrter Konrad Gesner (1516-1565). Stich von Conrad Meyer von 1662 die manchmal sogar eine goldene Krone auf dem Kopf trägt. Laut einer Sage im Berner Oberland stieß ein armes Mädchen auf der Heubühne seiner Hütte auf einen kranken weißen Stollenwurm, gab ihm Milch und erhielt dafür zum Dank eine goldene Krone geschenkt. Als weniger freundlich wird der schwarze Typ geschildert. Er erwürge das Vieh, sauge ihm das Blut aus oder labe sich nachts mit Milch. Manche Experten glaubten an Beziehungen zwischen dem Tat- zelwurm und der Drachensippe. Allerdings erwähnten die alten Naturforscher Konrad Gesner (1516-1565), Athanasius Kircher (1602-1680) und Johann Jakob Scheuchzer (1672-1773) die Namen Tatzelwurm oder Stollenwurm nicht in ihren Werken. Gesner befasste sich in seinem „Schlangenbuch“ (1593) mit den Drachen. Als „Track“ bezeichnete er geflügelte Formen, als Lindwurm die kriechenden, schlangenähnlichen Formen.

Noch im 19. und 20. Jahrhundert behaupteten immer wieder Menschen, sie seien einem leibhaftigen Tatzelwurm begegnet. Bei diesen Augenzeugen handelte es sich nicht nur um primitive, zu abergläubischen Vorstellungen neigende und wenig kritische Personen. Denn es lagen auch Zeugnisse ehrenwerter Personen darunter, die auf ihren guten Ruf achteten.

Bis 1934 hatten Professor Dr. Karl Meusburger und der Diplom- Ingenieur Hans Flucher rund 85 mehr oder weniger authentische Beobachtungen von Tatzelwürmern aufgezeichnet und nummeriert. Über diese Fälle berichteten sie in der Südtiroler volkskundlichen Zeitschrift „Der Schlern“ und in der deutschen naturkundlichen Zeitschrift „Kosmos“. Etliche dieser Sichtungen lagen weit zurück, stammten aus zweiter Hand, waren ungenau oder zu phantasiereich erzählt. Manche Augenzeugen hatten wohl aus Prahlerei oder zur Entschuldigung ihrer Feigheit im Angesicht eines vermeintlichen Tatzelwurms die Begegnung mit ihm übertrieben geschildert und zu dem, was sie wirklich gesehen hatten, noch etwas hinzugedichtet. Aber es waren auch sehr ehrenwerte Personen darunter, die sich wohl kaum zu einer Lügengeschichte hinreissen ließen. Dazu gehören die

Deutscher Jesuit und Universalgelehrer

Athanasius Kircher (1602-1680) vor 1664.

Zeichnung von Cornelius Bloemart (1603-1680)

Schweizerischer Naturforscher

Johann Jakob Scheuchzer (1672-1773).

Gemälde von Hans Ulrich Heidegger (1700-1747)

Abbildung eines kleinen Drachens aus dem 17. Jahrhundert in dem Werk „ Mundus subterraneus “ (1665) des deutschen Jesuiten und Universalgelehrten Athanasius Kircher (1602-1680) .

Die Zeichnung stellt ein langhalsiges, an einen urzeitlichen Plesiosaurier erinnerndes, ungeflügeltes, zweif üß iges Geschöpf dar, das angeblich im 16. Jahrhundert in Italien erbeutet wurde und als Präparat in die Sammlung des italienischen Arztes und Naturforschers Ulisse Aldrovandi (1522 - 1605) gelangte.

Radierung „ Draco Montanus “ (Berg-Drache) aus „ Ouresiphoites Helveticus, sive itinera per Helvetiae alpinas regiones “ (1723) des schweizerischen Naturforschers Johann Jakob Scheuchzer (1672-1773)

Fischotter mit Fisch im Maul auf einer Zeichnung des deutschen Kunstnalers Walter Heubach (1865 - 1923). Möglicherweise wurden wandernde Fischotter als Tatzelwürmer fehlgedeutet.

Meraner Malerin Ada von der Planitz (Fall 2, 1894), der königlich- bayerische Postillon Josef Grill aus Berchtesgaden (Fall 36, 1845), der Hofrat Dr. Albert von Drasenovich, einer der führenden Jäger aus der Steiermark (Fall 46, 1907), der Bundesbahn-Offizial i. R. Kaspar Arnold (Fall 48, 1883), der Telegraphen-Amtsdirektor i. R. Hans Eggenreiter aus Hallstatt (Fall 52, August 1929), der Hof- oberforstrat i. R. Franz Rayl (Fall 65, 1849) und der Branntwein- händler Andreas Klee aus Innsbruck (Fall 81, Mai 1929). Bei einigen Fällen dürfte es sich auch um Verwechslungen mit bekannten Tierarten gehandelt haben. Der Gymnasialprofessor Dr. Meusburger hielt zahlreiche der von ihm aufgezeichneten Fälle als Begegnungen mit Wieseln, Hermelinen, Mardern oder wanderfreudigen Fischottern. Die österreichischen Zoologen Otto Steinböck (1893-1969) aus Innsbruck und Joseph Meixner (1889-1946) aus Graz vermuteten Verwechslungen mit der Kreuzotter, der Glattnatter, der Smaragd- Eidechse sowie dem Alpen- oder Feuersalamander. Professor Meusburger und der Diplom-Ingenieur Flucher wollten aber die Existenz des Tatzelwurms nicht völlig ausschließen.

Frühe Sichtungen und Berichte

Beim Dorf Unken in den Loferer Steinbergen im Salzburger Land erinnerte jahrelang ein Marterl an die tödlich verlaufende Begegnung eines Bauern mit zwei Springwürmern, wie in dieser Gegend die Tatzelwürmer genannt werden. Unter einem Marterl versteht man eine kleine Holztafel mit einem im naivem Stil gemalten Bild. Ein Marterl wird entweder am Unglücksort von Hinterbliebenen zum Gedenken oder am Ort eines glücklichen Geschehens von Überlebenden aufgestellt. Nach der Inschrift des Marterls bei Unken zu schließen, wurde 1779 der Bauer Hans Fuchs beim Beerensammeln von zwei Springwürmern angegriffen. Er warf sich auf den Boden und hielt sich Mund und Nase zu, um sich vor dem Gifthauch der Springwürmer zu schützen. Doch der Gifthauch erreichte ihn doch Kreuzotter (Vipera berus) beim Verschlucken einer Waldeidechse (Zootoca vivipara) im „ Zootoca vivipara “ in Drenthe (Niederlande). Die Kreuzotter gilt als eines der Tiere, die möglicherweise als Tatzelwürmer fehlgedeutet wurden. Foto: Piet Spans bei „ Wikipedia “ / CC-BY-SA2.5 Feuersalamander (Salamandra salamandra) im Gras. Der Feuersalamander gilt als eines der Tiere, die möglicherweise als Tatzelwürmer fehlgedeutet wurden. Foto: Michael Linnenbach aus der deutschsprachigen Wikipedia / CC-BY-SA3.0

Bilder auf den Seiten 32 und 33:

Nahe des Dorfes Unken in den Loferer Steinbergen im Salzburger Land (österreich) erinnerte ein immer wieder ausgetauschtes Marterl an die angeblich tödlich verlaufende Begegnung eines Bauern mit zwei Springwürmern, wie in dieser Gegend die Tatzelwürmer genannt werden. Nach der Inschrift des Marterls bei Unken zu schließen, wurde 1779 der Bauer Hans Fuchs beim Beerensammeln von zwei Springwürmern angegriffen. Auf den Bildern von Seite 32 und 33 liegt der Tote mal auf dem Bauch, mal auf dem Rücken.

Berner Naturforscher und Volkskundler Samuel Studer (1757-1834).

Gemälde von Pieter Recco (1765-1830) von 1816 und beendete sein Leben. Nach anderen Angaben erlag er einem Herzinfarkt oder seiner Trunksucht. Das erwähnte Marterl gelangte später ins „Salzburger Museum für Naturkunde“. Das Tatzelwurm- Marterl von Unken hat man mehrfach erneuert, weil Regen und Schnee die Farben immer wieder verblassen ließen. Mal stellte man den Bauern Hans Fuchs auf dem Bauch liegend, mal auf dem Rücken liegend vor.

Eine frühe Erwähnung des Tatzelwurms in Österreich erfolgte in der 1796 erschienenen „Beschreibung des Erzstifts und Reichs- fürstentums Salzburg in Hinsicht auf Topographie und Statistik“, 3. Band, des katholischen Aufklärers, Publizisten und Übersetzers Lorenz Hübner (1751-1807). Auf Seite 868 dieses Werkes wird „eine Art Lacerta seps“ erwähnt, was „Gift-Eidechse“ bedeutet. Der in Donauwörth (Bayern) geborene Hübner lebte von 1784 bis 1799 in Salzburg. Mit der von 1785 bis 1799 in Salzburg erscheinenden „Oberdeutschen Staatszeitung“ schuf Hübner ein Medium auf- klärerischen Denkens, das über die Landesgrenzen hinaus von Bedeutung war.

Der erste Schweizer, der über den Stollenwurm berichtete, dürfte der Berner Naturforscher und Volkskundler Samuel Studer (1757-1834) gewesen sein. Er steuerte für das Buch „Reise in die Alpen“ (1814) von Franz Niklaus König (1765-1832) das Kapitel „Über die Insecten dieser Gegend und etwas über den Stollenwurm“ bei. Darin heißt es: „Von Unterseen weg bis einerseits auf die Grimsel, und andererseits bis gegen Gadmen hin, in einer Strecke von 10-12 Stunden, (...) nicht aber im Simmenthal, nicht im Frutig- oder Sanenlande, auch nicht im ganzen Wallis, noch jenseits der südlichen Alpenkette (...) herrscht der beynahe allgemeine Glaube, dass zuweilen nach einer schwülen Hitze, und wenn sich das Wetter bald ändern droht, sich eine Art von Schlangen (...) mit einem fast runden Kopf, ungefähr wie ein Katzenkopf, und mit kurzen Füssen (...) sehen lasse, welche die Einwohner, denen eine Schlange überhaupt ein Wurm, und ein dicker Fuss ein Stollen heisst, daher auch Stollenwürmer heissen Über die Zahl der letzteren (Füsse) waren sie indessen nicht immer einig, doch sprachen die Glaubwürdigsten ... stets nur von zwey, andere aber von vier, noch andere von sechs Füssen, und endlich einige sogar von einer ganzen Menge von dem Bauch herunter hängender Zizen oder Warzen Über die Länge des Thiers stimmten sie auch nicht immer zusammen überein, so wenig als über seine Dicke oder Stärke. Jene geben sie von ungefähr 3 bis 6 Fuss an, und diese vergleichen sie bald mit dem Arm und bald mit dem Schenkel eines starken Mannes.“

Studer erwähnte auch einige Augenzeugenberichte, die er zwei Jahre zuvor gehört und in der Schenke in Oberhasle (Kanton Bern) notiert hatte. Seine Gewährsmänner waren unter anderem der Spitalmeister des Grimselspitals, Jakob Leuthold, und der Schulmeister Heinrich aus Guttannen. Beide sagten unter Eid aus, sie hätten den Stollenwurm - „ein gut Klafter lang und Mannesschenkel dick“ - im Gebiet zwischen Passhöhe und dem Handeckfall mit eigenen Augen gesehen, zudem auch gerochen und pfeifen gehört. Der Schulmeister Heinrich war im Guttannental an einem Maimorgen 1811 einem „scheusslichen Stollenwurm“ begegnet. Das Tier starrte ihn mit seinem „furchtbaren Blick“ an, während er zwei „Vaterunser“ betete. Dann aber überkam ihn das Grauen und er suchte eilige das Weite.

Es soll Studer gewesen sein, der die „Naturforschende Gesellschaft in Bern“ um 1810 veranlasst hat, eine Belohnung „von 3-4 Louis d’or für den ersten lebendigen oder todten, grossen oder kleinen, wahren Stollenwurm, den man uns nach Bern bringen würde“ auszusetzen. Diese Prämie musste bis heute nicht ausbezahlt werden. Der Stollenwurm spielt auch im Kapitel „Reise in das Berner Oberland“ in dem Buch „Mythologie der Alpen“ (1817) des Berner Philosophie-Professors und Dichters Johann Rudolf Wyss der Jüngere (1782-1830) eine Rolle. Darin heißt es: „Während die Drachen in der jetzigen Schweiz als ausgestorben oder vertilgt betrachtet werden, ist das Oberland noch voll von Sagen und Zeugnissen über ein schlangenartiges Unthier, welches mit dem einheimischen Namen

[...]

Details

Seiten
170
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656860310
ISBN (Buch)
9783656860327
Dateigröße
15.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285867
Note
Schlagworte
Tatzelwurm Kryptozoologie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Tatzelwurm