Lade Inhalt...

Länger leben. Ist weniger doch mehr oder wirkt sich die signifikante Verlängerung unseres Lebens positiv auf unser Wohlbefinden aus?

Hausarbeit 2013 17 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Alter, Altern und Unsterblichkeit
2.1 Begriffsklärung Altern, Alter als Krankheit
2.2 Verschiedene Szenarien der Lebensverlängerung

3. Was verspricht ein signifikant verlängertes Leben?
3.1 Lebenszufriedenheit
3.2 Problem der Erneuerung und der Erinnerung

4. Vorzüge der Sterblichkeit und die Unumgänglichkeit des Todes

5. Fazit

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

ÄAlt wie ein Baum möchte ich werden“1 und eigentlich noch sehr viel älter. Wer so denkt, ist, wie eine Vielzahl von Altersforschern, Gerontologen, Medizinern und Evolutionsbiologen auf der Suche nach einem Weg, den Tod bis zur biologischen Unsterblichkeit hinauszuzögern. Der Wunsch nach einem langen und damit - wie wir glauben- zufriedenstellenden Leben ist in aller Munde. Er wird in Liedern, auf Geburtstagskarten und Gedichten zum Ausdruck gebracht und ist schon immer Teil unserer Kultur2.

Gegenwärtig mehren sich die Stimmen von Molekularbiologen und Vertretern aus der bioge- rontologischen Forschung, die eine künftige Medizin für denkbar halten, die dem biologi- schen Prozess des Älterwerdens entgegentritt. Diese Vorstellung lässt einige, grundsätzliche philosophische Fragen neu aufleben, u.a. die, ob eine gesteigerte Lebensdauer die individu- elle Qualität des Lebens und somit das Befinden einer Person erhöhen würde. Brauchen wir ein längeres Leben? Brauchen wir es, um glücklicher zu sein? Machte es uns zufriedener? Obgleich niemand einen Anspruch darauf erheben kann zu wissen, wie es tatsächlich in ei- ner Welt aussähe, die durch massenhafte, bisher unbekannte und für mich nahezu unvor- stellbare Langlebigkeit geprägt wäre, möchte ich dennoch eine Annäherung an die Antwor- ten dieser Fragen wagen. Diese Hausarbeit ist ein Realitäts-Entwurf und eine spannende Reise durch den Konjunktiv: Was wäre wenn…?

Die zentralen Begriffe Äsignifikante Lebensverlängerung“ und ÄWohlbefinden“ aus der Titel- fragestellung sind die beiden Schwerpunkte dieser Arbeit: Im ersten Teil möchte ich in die Begrifflichkeiten einführen und einen Überblick über Möglichkeiten der Lebensverlängerung geben. Es gibt wichtige Unterscheidungen zu treffen und Zusammenhänge zu verstehen, bevor ein konkreteres Bild davon entstehen kann, welche Wirkung ein sehr langes Leben auf unser Wohlbefinden haben könnte. Ich suche eine Antwort darauf, was genau wir damit mei- nen, wenn wir das Alter, die Krankheit oder den Tod als etwas zu vermeidendes, Unglück bringendes ansehen. Im weiteren Schritt möchte ich untersuchen, was unsere konkreten, individuellen Erwartungen an eine verlängerte Lebensspanne sind und welche Probleme sich abzeichnen. Das menschliche Befinden, genauer: Die subjektive Lebenszufriedenheit, möch- te ich ebenfalls im zweiten Teil ausführlicher unter die Lupe nehmen. Zuletzt werde ich die Bedeutung des Todes im Zusammenhang mit der Fragestellung betrachten und seine Un- umgänglichkeit betonen.

2. Alter, Altern und Unsterblichkeit

Der Weg aus dem Labyrinth verschiedener Zerfallsprozesse wird in der Biogerontologie - der Erforschung der Biologie des Alterns - geebnet. Viele Fragen versucht diese wissenschaftliche Disziplin zu beantworten: Warum altern Organismen? Ist biologische Unsterblichkeit möglich? Warum erleiden wir Einbußen an Kraft, Flexibilität, Schnelligkeit und Reaktionsvermögen mit dem Alter? Lässt sich diese Talfahrt unseres körperlichen Vermögens vermeiden? Oder lässt sich nur der Grad des Anstiegs verstellen?

Seit unzähligen Jahrhunderten ist der Wunsch, einen Sieg über das Altern, und somit über die damit einhergehenden Krankheiten zu erzielen, nicht mehr nur pure Abstraktion oder Äallein in Magie und Mythos beheimatet“3, sondern steht im Kern dieser modernen medizini- schen Wissenschaft. Doch was ist ÄAltern“ eigentlich? Was verstehen wir unter dem Stadium ÄAlter“? Und: Wo hört Gesundheit auf, wann fängt Krankheit an? Um also eine genauere Vorstellung zu bekommen, welche Bedeutung den einzelnen, in meiner Arbeit zentralen Terminologien zukommt, soll dieses Kapitel der Begriffsklärung und -eingrenzung dienen. Im zweiten Teil möchte ich verschiedene hypothetische, eher theoretische Möglichkeiten eines verlängerten Lebens betrachten.

2.1 Begriffsklärung Altern, Alter als Krankheit

Das Wort ÄAlter“ hat eine Vielzahl von Bedeutungen: Es ist die Summe der Zeit, die ein Lebewesen von Geburt an auf der Welt zugebracht hat, in meinem Fall 22 Jahre. Wir haben mit unserem ersten Lebensschrei bereits ein Alter und es nimmt kontinuierlich zu -wir Äaltern“. Dieser Prozess kann bei einem Menschen Äals die Summe aller guten und neutralen Reifungsvorgänge“4 verstanden werden. Wir werden reifer, klüger und erfahrener. In diesem Sinne ist es unmöglich, das Altern zu stoppen, ohne das Leben zu stoppen.

Ich möchte den Begriff ÄAltern“ hier jedoch nicht als Fortgang der Zeit verstehen, sondern als den biologischen Prozess der Seneszenz5 bzw. als jenes Lebensstadium, in welchem körperliche Funktionen fortschreitend abgebaut werden und somit die Anfälligkeit für Krankheit steigt und Gesundheit, Kraft und Wohlbefinden abnehmen.

Verstünde man das Leben als Zeitlinie -erst das Kleinkindalter, dann die Adoleszenz, Pubertät, Erwachsenenalter, Elternschaft und schließlich die Phase der Reife und des Verfalls6 - wäre das Alter jene letzte Phase des Verfalls. Diese Phase ist die körperlich beschwerlichste und geht einher mit verschiedenen Krankheiten wie zum Beispiel Inkontinenz, Demenz, Arth- rose, Diabetes Typ ll oder Parkinson. Oder sind diese Beispiele nur Symptome für die Krankheit ÄAlter“, so wie Husten, Schnupfen und Heiserkeit Symptome für eine Erkältung sind? In der Definition von Krankheit, wie sie im Gesundheits-Brockhaus steht, heißt es u.a.: ÄKrankheit ist definiert als Störung des körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefin- dens[...]. Bei der Beschreibung einer Krankheit muss zwischen ihren Ursachen (Krank- heitsursache) und ihren sichtbaren Anzeichen (Symptomen) unterschieden werden [..].“7 Wenn eine Erkältung die Ursache für meinen Schnupfen ist, ist dann nicht auch das Alter die Ursache für den Untergang nigrostriataler8 Bahnen im Gehirn, welcher dann zu Morbus Par- kinson führt? Ist Alter also eine Krankheit?

Sehen wir einen Zustand als Krankheit an, sind wir bemüht, ihn zu beseitigen. Thomas Schramme, Senior Lecturer am Centre for Philosophy, Humanities and Law in Health Care der University of Wales, Swansea, fasst ebenfalls allgemein zusammen: ÄKrankheiten wer- den üblicherweise als rechtfertigende Grundlage für den Anspruch auf medizinische Leistun- gen akzeptiert.“9 Somit geht mit dem Verständnis von Alter als Krankheit eines der wichtigen Motive der Anti-Aging-Bewegung einher: Wir wollen einer Krankheit den Kampf ansagen, ein Mittel gegen das Alter könnte schon bald Bestandteil einer medizinischen Grundversorgung werden. Indem wir das Altern als eine zu heilende Krankheit betrachten, ist im Prinzip der Wunsch ausgedrückt, niemals alt zu werden und somit auch: Niemals zu sterben.

2.2 Verschiedene Szenarien der Lebensverlängerung

Trotz der bestehenden Uneinigkeit und Vielzahl von Theorien der Biogerontologen, gibt es die gemeinsame Auffassung, Ädass Altern auf die Anhäufung von Schäden an Proteinen, Lipiden und DNA eines Organismus zurückzuführen ist“10. Zu einer Art Standardtheorie ist geworden, dass Lebensspanne und Altern die Wirkung von Schäden und Wartung sind.

Hier wird vorausgesagt, Ädass eine Verstärkung der somatischen Wartungsmechanismen die Lebensspanne verlängern sollte“11. Forschungsergebnisse aus aller Welt sind vielfältig und derzeit im Reifeprozess: Evolutionsbiologen, die nach den Vererbungsgrundlagen des Al- terns fragen, Genetiker, die nach Ursachen in der DNA suchen, Biochemiker, die nach den molekularen Prozessen des Alterns forschen. Bezugnehmend auf den Titel ÄLänger Leben- ist weniger doch mehr?“ sollte nun geklärt werden: was heißt länger? Welche Szenarien gibt es?

Fangen wir klein an: Schon eine bescheidene Erhöhung unserer Lebenserwartung erfahren wir durch die präventive, medikamentöse oder auch operative Behandlung bestimmter Krankheiten im Alter, sowie durch künstliche Ernährung, maschinelle Beatmung und Reani- mation. Im etwas größeren Maß beeinflusst würde die Länge unseres Lebens, indem man das Altern genetisch verlangsamte. Das Tempo des biologischen Prozesses zu drosseln, der sich beim Altern abspielt, hätte zum Ergebnis, dass Degeneration und zelluläre Apoptose12 später einsetzten. Doch wann ist langsam altern langsam genug? Schon David Gems merkt dazu kritisch an: ÄEs scheint, dass wir moralisch verpflichtet wären, dieses Spiel immer wei- ter zu treiben; einer immer stärkeren Verlangsamung des Alterns, einem immer weiteren Aufschub von Krankheiten und einer immer weiteren Verlängerung der Lebensspanne nach- zujagen.“13 Und tatsächlich: Reduziert man das Alter auf das ÄWunschalter“ des Patienten und zerreißt somit das ÄBand zwischen kalendarischem Lebensalter und biologischer Ge- sundheit“14, könnte dies eine Lebenserwartung von 700 bis 900 Jahren mit sich bringen (ÄIn- tervention in einem nachhaltigen Anhalten der gesamten Biologischen Alterung“15 ). Apropos ÄBand“: Eine Dehnung des Lebens, einschließlich seiner verschiedenen Zyklen, nach dem Muster eines Gummibands, wird von Kass et al. als eine von drei Techniken vorgestellt, die den Alterungsprozess beeinflussen16. Als zweites zählt das Aufschieben des körperlichen Verfalls dazu: Die Phase des Heranwachsens und Vergehens blieben unverändert, jedoch würde jene in der Mitte, also die Phase der Gesundheit und des Äbesten Alters“, eine erhebli- che Ausdehnung erfahren. Die dritte Möglichkeit beinhaltet eine veränderte Form des Ver- falls: Anstatt langsam und graduell Schäden am Körper zu verursachen, verläuft das Alter vital und gesund. Nach einer Vielzahl unbeschwerter Jahre stellt sich das Ende rasch ein und die Erlösung findet statt durch einen plötzlichen Tod.

[...]


1 Single 1976 Alt wie ein Baum -Song der deutschen Band „Puhdys“

2 Vgl. Die Verlängerung der Lebensspanne unter dem Gesichtspunkt distributive Gerechtigkeit, (H.-J. Ehni und G. Marckmann), Knell/Weber 2009, S. 269

3 The President`s Council on Bioethics (Leon R. Kass et al.) Aus dem Englischen übersetzt von Sebastian Knell in „Länger leben?“ Knell/Weber 2009, S͘ 77

4 Eine Revolution des Alterns (David Gems) us dem Englischen übersetzt von Marcel Weber in „Länger leben?“ Knell/Weber 2009, S. 31

5 Laut Duden „Das ltern und die damit verbundenen Körperlichen Veränderungen“

6 Vgl. The President`s Council on Bioethics (Leon R. Kass et al.) in Knell/Weber 2009, S. 94

7 Der Gesundheits-Brockhaus, F.A. Brockhaus GmbH, Leipzig -Mannheim

8 Das negrostriatale System ist eine Struktur im Mittelhirn.

9 Ist Altern eine Krankheit (Thomas Schramme), in Knell/Weber, S.235. Schramme entscheidet sich am Ende seines Aufsatzes gegen das Verständnis von Alter als Krankheit und bringt stichhaltige Argumente hervor, auf die zu erläutern ich leider verzichten muss, da für meine Fragestellung nicht relevant.

10 Eine Revolution des Alterns (David Gems) Knell/Weber 2009, S. 34

11 Ebd. S. 35

12 Zellulärer Selbstmord/ programmierter Selbsttod der Zelle

13 Eine Revolution des Alterns (Davod Gems) Knell/Weber2009, S.44

14 Nanomedizin (Robert A. Freitas Jr.), Knell/Weber 2009, S. 72

15 „Durch jährliche Checks und Reinigungen und gelegentliche größere Reparaturen könnte Ihr biologisches Alter jährlich auf ein konstantes von Ihnen gewähltes physiologisches lter eingestellt werden“- Ebd. Dass, wie und warum diese Möglichkeit besteht, wird in Robert A. Freitas Jr.s Aufsatz Nanomedizin genauer erläutert.

16 The President`s Council on Bioethics (Leon R. Kass et al.), Knell/Weber 2009, S. 90

Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656861348
ISBN (Buch)
9783656861355
Dateigröße
778 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285850
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Transhumanismus Lebensverlängerung Wohlbefinden Altersforschung Gerontologie Unsterblichkeit Biogerontologie Lebensdauer Zufriedenheit Lebensqualität Langlebigkeit Glück signifikante Lebensverlängerung Alter Lebensspanne Evolution Übermenschlichkeit Entmenschlichung Fortschritt Moral Technick Posthumanismus Wunschalter Vernunft

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Länger leben. Ist weniger doch mehr oder wirkt sich die signifikante Verlängerung unseres Lebens positiv auf unser Wohlbefinden aus?