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Die Faszination einer fiktiven Sprache. Eine Einführung in das Sindarin

Hausarbeit 2014 22 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Tolkiens Sprachwelten
Experimente und ihre Entwicklungen
Die Sprachen von Mittelerde
Quenya oder Sindarin?

Grammatik des Sindarin
Aussprache
Plural, Artikel und Konjunktionen
Verben, Adjektive und Lenierung
Präsens, Personalpronomen und Negation
Smalltalk

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang
Abbildungen
Interview mit Endoriell

Einleitung

„Niemand hat je die Nerven […], […] eine Sprache zu konstruieren; es ist nicht nur irrsinnig, sondern unnötig“, schrieb einst ein Kritiker zu J. R. R. Tolkiens Werk.[1]

Ob das stimmt oder ob Tolkiens Absichten nicht missverstanden worden sind, werde ich in meiner Arbeit anhand des Beispiels der fiktiven Sprache Sindarin untersuchen.

Ich versuche herauszufinden, worin der Reiz besteht, eine solche Sprache zu konstruieren und diese – insbesondere aus Sicht der Anhänger – dann auch zu erlernen. Obwohl Tolkien eine unbekannt große Anzahl an Sprachen skizziert hat, beziehe ich mich in meiner Ausarbeitung ausschließlich auf das Sindarin. Das verwandte Quenya wird aufgrund des Umfangs und der noch größeren Komplexität lediglich vorgestellt. Die vielen unterschiedlichen Schreibweisen (feanorisch, númerisch, von Beleriand, von Gondor, von Eregion, von Moria, Tengwar), die man beispielsweise auf Ringen und Toren in den Romanen beobachten kann, sowie die Runen in Der Hobbit werden nicht betrachtet.

Darüber hinaus werde ich die Sprache Sindarin in den Grundzügen ihrer Komplexität vorstellen. Dem Leser dieser Arbeit soll es ermöglichen, einfache Sätze und Konstituenten, wie sie in dem Roman „Der Herr Der Ringe“ vorkommen, zu verstehen und ein gewisses Verständnis zu entwickeln. Hierbei beziehe ich mich insbesondere auf den Literatur- und Sprachwissenschaftler Dr. Helmut W. Pesch, der als Kritiker, Übersetzer, Autor und Illustrator bekannt geworden ist. Er befasst sich besonders intensiv mit den linguistischen Aspekten der Elbisch-Sprachen. Seine Werke umfassen über ein Wörterbuch hinaus nicht nur die Grammatik, sondern auch die Geschichte der Entstehung dieser und weiterer von Tolkien entworfenen Sprachen.

Da es sich lediglich um eine Einführung handelt, werden die umstrittenen Pronomen (Personal-, Relativ- und Reflexivpronomen, Pronomen im Dativ, Akkusativ und Genitiv), weiterführende Zeitformen (Futur und Präteritum), so wie infinite Verbformen (Imperativ, Infinitiv, Gerundium, Partizipien) und Prä- & Suffixe außen vorgelassen. Bei Interesse sei insbesondere auf die Lehrbücher des bereits erwähnten Schriftstellers verwiesen.

Tolkiens Sprachwelten

Experimente und ihre Entwicklungen

John R. R. Tolkien, geboren 1892 in Südafrika[2], kehrte nach dem Tod seines Vaters mit seiner Familie nach England zurück. Während des Ersten Weltkriegs war er für das Traditionsregiment der Lancestershire Fusiliers im Dienst. Schon während dieser Zeit beschäftigte er sich mit seinen Gedanken um Mittelerde. Er begann, sich zunehmend für Sprachen, insbesondere das Walisische und das Finnische, zu interessieren. Ihre Einflüsse auf das Quenya und das Sindarin sind deutlich zu erkennen. Seine Zuneigung zur römisch-katholischen Kirche und zum Alt- und Mittelenglisch prägten ihn früh. In Oxford wurde der Philologe wider Erwarten zum Universitätsdo­zenten. Viele Quellen berichten, er sei ein guter und anregender Lehrer gewesen. 1937 erschien Tolkiens erstes Fantasy-Buch „The Hobbit“ (Der kleine Hobbit). Während des Zweiten Weltkriegs nahm er an den wöchentlichen Treffen des literarischen Clubs „The Inklings“[3] (sinngemäß: die Tintentunker) teil, so wie sein Freund und ebenfalls bekannter Fantasy-Autor C. S. Lewis. Seine Weltbestseller-Trilogie „The Lord Of The Rings“ kam 1954/55 (in Deutschland 1969/70) raus, sein letztes großes Werk „Das Silmarillion“ konnte er jedoch nicht vor seinem Tod im Jahre 1973 fertigstellen. Es wurde postum von seinem Sohn überarbeitet und veröffentlicht und widerspricht sich im Bezug auf das Elbische in Teilen mit seinen anderen Werken.

„Das Erfinden von Sprachen ist das Fundament. Die ‚Geschichten‘ wurden eher so angelegt, dass sie eine Welt für die Sprachen abgaben, als umgekehrt“, sagte Tolkien in einem seiner Briefe (Nr. 165) selbst.

Das Konstruieren einer fiktiven Sprache ist sicherlich eine seltene Verirrung, wie Pesch sie nennt, doch kein Einzelfall. Zahlreiche bekannte Science-Fiction- und Fantasy-Autoren, insbesondere Sprachwissenschaftler, haben eigene Sprachen für ihre Welten konstruiert – oder eben ihre Welten für ihre Sprachen.

Doch wie vollzieht sich der Vorgang dieser Sprachentwicklung? Die Antwort darauf ist nicht ganz einfach.

Tolkien experimentierte so lange herum, bis er ein Wort fand, das ihm ‚richtig‘ erschien. […] Und wenn er [ein Wort] einmal gefunden hatte, dann konnte er auch sagen, woher dieses Wort sich ableitete und welche Formen und Bedeutungen es in anderen Sprachen von Mittelerde besaß. Erst wenn es veröffentlicht war, hatte es auch für den Autor eine Endgültigkeit gewonnen, an der es nichts mehr zu rütteln gab, und der Rest seines Universums musste sich dem anpassen.[4]

Die imaginären Sprachen traten das erste Mal in seinen Romanen „Der Herr der Ringe“ (1954) an die Öffentlichkeit. Seine zahlreichen Überlegungen zu den verschiedenen Sprachen Mittelerdes verweilten zu dieser Zeit jedoch schon lang auf seinem Schreibtisch. In diesen Romanen gibt es zwei Lieder auf Elbisch, das Lied der Elben von Bruchtal („A Elbereth Golthoniel“, Sindarin) und Galadriels Klage in Lórien („Namárie“, Quenya), sowie einige kurze Sequenzen, beispielsweise die Beschwörungsformel Gandalfs vor dem Tor in Moria oder Sams Ausruf in Kankras Lauer. Ansonsten fand man nur die spärlichen Hinweise in den Anhängen, die es beispielsweise für die Aussprache gab. Erst in dem 1968 erschienenen Band „The Road Goes Ever On“ fand sich eine Übersetzung von Galadries Klage in Lórien. Dadurch gelang es, einzelne Wörter zu identifizieren und die Grammatik in Anfängen aufschlüsseln zu können.

Dass man dennoch aus diesem spärlichen und undurchsichtigen Material erstaunlich viel an Information über das Vokabular und den Aufbau dieser Sprachen entnehmen konnte, liegt an dem Phänomen, das zu den Grundzügen Tolkiens Werk gehört: Seine Beispiele sind […] sehr bewusst gewählt.[5]

Insbesondere die Namen seiner Protagonisten waren ihm wichtig, da sie viel über Charakter und Herkunft aussagten, und wurden im Laufe des Jahrhunderts während ihrer Entstehung oft verändert. So steht das Boro- in Boromir für ‚treu, standhaft‘, mir gehe auf den ‚Juwel‘ zurück. Faramir hingegen war das ‚hinreichende Juwel‘. Über die Bedeutung der Namen wussten aber oft nur der Autor selbst und einige Gelehrte Bescheid. In der Geschichte wurden Sprösslinge oft nach alten Helden benannt.

Die Sprachen von Mittelerde

Wie viele Sprachen Tolkien skizziert hat, ist schwer zu sagen. Es war ihm nicht wichtig, einfach nur eine oder zwei Sprachen zu erfinden, seine Liebe zum Detail ließ in einigen Sprachen teilweise zu wünschen übrig. Alles hatte sein System, alles seine Regeln, aber vorrangig musste jede Sprache zu ihrer Rasse und ihrer Geschichte passen.

Es gibt fünf dominierende Rassen, die alle in ihren eigenen Sprachen leben. Die folgende selbsterstellte Grafik soll in Kürze Tolkiens Konzept des Sprachklangs wiedergeben. ‚Ästhetisch, göttlich‘ meint einen sehr weichen, harmonischen Klang, ‚animalisch‘ klingt eher düster und böse, hier wird das Gefühlt erweckt, der Sprecher ersticke beim Sprechen. Die sogenannte Dunkle Sprache erinnert an ein Krächzen. ‚Künstlich‘ klingt wie konstruiert. Aneinander angereihte Morpheme werden selten angeglichen und es werden viele Konsonanten verwendet. ‚Natürlich‘ klingt im Gegenzug dazu sehr „rund“[6].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1

„Sprache sagt etwas aus über diejenigen, die sie sprechen, und die Welt, in der sie leben“, so Peschs Analyse. Tolkien erweise sich als ein linguistischer Moralist. Seine Absichten und Ansichten seien in jedem Charakter spürbar, wie beispielsweise bei den Hobbits, die ein antifaustisches Bewusstsein aufwiesen.[7] Die Ethik von Mittelerde spiegle sich in ihren Sprachen wieder. Und für alle Sprachen dieser Rassen gibt es tatsächlich Belege, aber keine sind so ausführ­lich beschrieben wie die Elbischen.

„[…] die Sprache der Elben ist wie ein Lied“[8]. Sicherlich liegt darin ein Aspekt der Faszination für diese fiktive Sprache begründet – sie klingt einfach schön. Auch Tolkien schienen die Sprachen der Elben die liebsten seines Repertoires gewesen zu sein, denn über keine anderen lassen sich so viele Belege für Grammatik und Wortschatz finden. Doch Elbisch ist nicht gleich Elbisch. Wie jede natürliche Sprache hat auch das Elbische ihre eigene Entwicklung und damit eine Geschichte.

Quenya oder Sindarin?

Die wichtigsten Unterschiede zwischen Quenya und Sindarin bestehen in ihrer Entwicklung und ihrem Gebrauch. Quenya wird zur Zeit des Herr der Ringe nur noch zu rituellen Zwecken und für Inschriften verwendet, darüber hinaus ist sie die alte Sprache der Weisen. Hier lassen sich Vergleiche mit dem Finnischen anstellen, einer Sprache, die nicht dem Indogermanischen angehört und daher ganz anders aufgebaut ist als Englisch oder Deutsch. J. R. R. Tolkien beherrschte das Finnische zumindest so weit, dass er Texte darin lesen konnte.

Sindarin hingegen ist die Umgangssprache der Elben und erfreut sich deshalb größerer Beliebtheit. Diese Sprache wurde in den Romanen auch von Menschen gelernt, die Umgang mit Elben pflegten. Die Silben sind weniger offen als in Quenya. Der wohl auffälligste Unterschied zwischen diesen Sprachen ist das beibehalten des th, welches schon im Primitiven Qendisch (Ur-Elbisch) gesprochen wurde und im Quenya zu s wurde. Außerdem werden Pluralformen nicht mehr durch Endungen gekennzeichnet, sondern durch Umlaute (Vokalveränderungen), so wie es auch im Walisischen in veränderter Art vorkommt. Das Walisische begeisterte Tolkien schon früh und prägte seine Sprachästhetik. Er schuf Sindarin nach diesem Vorbild, nur eben so, wie es ihm gerade besser passte oder schöner klang.

Daher finden sich im Sindarin viele Arten von Mutationen, die in ihrer Gänze kaum bekannt sind. Die Bekanntesten sind die Lenierung, die „vor allem bei Wörtern auftritt, welche mit anderen eine enge grammatische Verbindung eingehen“[9], und die Nasalmutation, bei dem der Laut nach einem Nasalen angeglichen wird. Dies lässt sich bei Präpostitionen oft beobachten. Ein Beispiel dafür findet sich in dem Satz „Lasto beth nîn, tolo dan na ngalad“ (Höre auf meine Stimme, komm zurück ins Licht), denn eigentlich hieße es am Ende nan galad.

Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass Quenya die ‚Vorgängersprache‘ Sindarins gewesen sei. Dies ist jedoch falsch. Die Elbensprachen sind weitaus komplexer und gefüllt mit Jahrtausenden von Sprachentwicklung. Tolkien versuchte so, dem Ganzen Authentizität einzuhauchen, Mittelerde wurde dadurch ‚realer‘. Wie ausführlich er dies gestaltet hat, möchte ich in einer Grafik Peschs auf der nächsten Seite kurz darstellen. „Die Sprachen der Elben in den Landen jenseits des westlichen Meeres sind kursiv gesetzt, die in Mittelerde in Grundschrift.“

Die Sprachen aus den Landen jenseits des westlichen Meeres hatten keinerlei Einflüsse mehr auf die Sprachen in Mittelerde. Archaisch bedeutet in diesem Zusammenhang vor dem Erfinden der Schrift. Doriathrin und Nordsindarin fanden ihr Ende durch den Untergang ihres Landes und eine herbe Niederlage. Innerhalb einer Abzweigung kann man von Dialekten sprechen, darüber hinaus wird es aber allmählich schwierig, sich noch ohne weitere Sprachkenntnisse zu verstehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2[10]

Ich habe eine junge Frau getroffen, die Sindarin erlernt hat. Anwendung fand diese Sprache in Fan-Foren und in eigenen Dialogen und Gedichten. Endoriell[11] war schon immer von Sprachen und ihren Kulturen fasziniert, belegte in der Schule sogar Latein, wo man sich auch mit der römischen und griechischen Geschichte und Mythologie befasst hat. Ausschlaggebend seien aber die Herr der Ringe-Filme gewesen. Sindarin sei zu dieser Zeit so angesagt gewesen, dass sie mit elbischen Sprüchen gut punkten konnte. Von Quenya habe sie zunächst gar nichts gewusst.

[...]


[1] Pesch, Helmut W.: Das große Elbisch-Buch. 3. Aufl. Köln 2009. S. 21

[2] Hetman, Frederik: Die Freuden der Fantasy. Von Tolkien bis Ende. Berlin 1984. S. 34 ff.

[3] Coren, Michael: J. R. R. Tolkien. Der Mann, der “Herr der Ringe“ erschuf. Königswinter 2001. S. 58.

[4] Zitat: Pesch, Helmut W.: Das große Elbisch-Buch. 3. Aufl. Köln 2009. S. 22 ff.

[5] S.o.

[6] Vgl. Pesch, Helmut W.: Das große Elbisch-Buch. 3. Aufl. Köln 2009. S. 38 f.

[7] Hetmann, Frederik: Die Freuden der Fantasy. Von Tolkien bis Ende. Der Meister und sein Mittelerde. Ulm 1984. S. 34-40.

[8] Zitat: Pesch, Helmut W, s.o.

[9] Zitat: Pesch, Helmut W.: Das große Elbisch-Buch. 3. Aufl. Köln 2009. S. 30.

[10] Pesch, Helmut W.: Das große Elbisch-Buch. 3. Aufl. Köln 2009. S. 51.

[11] Name geändert, Übersetzung vom Sindarin ins Deutsche: Tochter Mittelerdes.

Details

Seiten
22
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656860631
ISBN (Buch)
9783656860648
Dateigröße
985 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285826
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
faszination sprache eine einführung sindarin

Autor

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Titel: Die Faszination einer fiktiven Sprache. Eine Einführung in das Sindarin