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Empirische Erziehungswissenschaft

Referat (Ausarbeitung) 2014 11 Seiten

Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Empirische Erziehungswissenschaft
2.1. Erziehungswissenschaft und Wissenschaftsverständnis – die Erklären-Verstehen-Debatte
2.2. Die wissenschaftliche Erklärung
2.3. Intersubjektive Nachprüfbarkeit
2.4. Wissenschaftlichkeit von Wahrscheinlichkeitsaussagen
2.5. „Auf Jungen achtet man einfach mehr“ – empirische Pädagogik in der Praxis
2.6. Die Operationalisierung einer eigenen Hypothese und ihre empirische Überprüfung

3. Schluss

4. Literatur

1. Einleitung

„[W]eil sie am ehesten dem im heutigen Alltagsbewusstsein vorherrschenden Verständnis von Wissenschaft entspricht“ (Koller 2009: S. 179), damit begründet Koller seine Entscheidung, die empirische Erziehungswissenschaft als erste der methodischen Ansätze zu beschreiben. Die Bemühungen der empirischen Pädagogik, „empirisch-analytische Denkweisen zum zentralen Bestandteil der Erziehungswissenschaft zu machen“ (Raithel 2009, S. 180) zeugen von einem Bedürfnis, die Erziehungswissenschaft (als eine Sozialwissenschaft) von den Geisteswissenschaften abzugrenzen, indem man sich der Methoden der Naturwissenschaft bedient.

In dieser Ausarbeitung des Referats zum Thema Empirische Erziehungswissenschaft soll dargestellt werden, wo sich die Erziehungswissenschaft im weiten Feld der Wissenschaften einordnen lässt, und wovon ihre „Wissenschaftlichkeit“ abhängig gemacht wird. Dazu wird ein kurzer Abriss über die verschiedenen Erklärungsmodelle gegeben und anschließend das praktische Vorgehen in der empirischen Erziehungswissenschaft beschrieben.

2. Empirische Erziehungswissenschaft

2.1. Erziehungswissenschaft und Wissenschaftsverständnis – die Erklären-Verstehen-Debatte

Um die Erziehungswissenschaften in das Feld der Wissenschaften einzuordnen, muss hier zuerst einmal erläutert werden, wie dieses genau unterteilt wurde. Zunächst unterscheidet man nach Koller zwischen

Formalwissenschaften (wie z.B. Mathematik und Logik), Naturwissenschaften (wie z.B. Physik und Chemie), Sozialwissenschaften (wie z.B. Soziologie und Psychologie) sowie Geistes- oder Kulturwissenschaften (wie z.B. Literatur- und Sprachwissenschaften) (Koller 2009: S. 179; Hervorhebungen im Original)

Dieser Unterteilung liegen zwei Kriterien zugrunde, der Gegenstandsbereich der Wissenschaften und die Methoden, die in ihnen angewandt werden. Im Fall der Naturwissenschaften kann man also sagen, dass sie sich alle mit natürlichen Sachverhalten beschäftigen und auch in den angewandten Methoden übereinstimmen.

Der Unterschied zwischen den Natur-und den Geisteswissenschaften im Bezug auf ihre Methode lässt sich besonders an der Erklären-Verstehen-Debatte festlegen. Ihr zufolge ist das Ziel der Naturwissenschaften, „Erscheinungen in der Natur zu erklären, während die Geisteswissenschaften sich durch eine Methode auszeich[nen], die auf dem Verstehen beruh[t].“ (ebd. S. 180; Hervorhebungen im Original)

Die Vorgehensweise in den Naturwissenschaften bezeichnet man als nomothetisch, da das Erklären als „methodische Operation“ aufgefasst wird, „die darin besteht, eine Erscheinung oder einen Sachverhalt auf allgemein gültige Gesetzmäßigkeiten [. . .] zurückzuführen.“ (ebd. S. 180; Hervorhebungen im Original)

Im Gegensatz dazu wird das Verstehen als Deutung eines Sachverhalts „als Folge bestimmter Intentionen, Zielsetzungen oder Zwecke“ (ebd. S. 181.) angesehen und deswegen teleologisch genannt. Das Verstehen ist Methode der Geisteswissenschaften, da es die Interpretation von Gegenständen, Sachverhalten oder Ereignissen hinsichtlich der Intentionen und Ziele menschlichen Handelns voraussetzt, während in den Naturwissenschaften die objektive Betrachtung, Beschreibung und die Rückführung von Sachverhalten auf allgemein gültige Gesetze im Vordergrund stehen.

Für die Sozialwissenschaften, und damit auch die Erziehungswissenschaften, erweckt diese Einteilung den Eindruck, dass es notwendig ist, sich einer Methode anzuschließen, um klar entweder der einen Richtung oder der anderen zugeordnet werden zu können. Dies ist ein Konflikt, der später noch angesprochen werden soll.

2.2. Die wissenschaftliche Erklärung

Nach Koller besteht eine wissenschaftliche Erklärung aus drei Elementen: erstens einem Ereignis, das erklärt (bzw. vorausgesagt oder geprüft) werden soll, zweitens speziellen Bedingungen, unter denen dieses Ereignis auftritt, und drittens einem oder mehreren allgemeinen Gesetzen, die etwas über den Zusammenhang zwischen diesen speziellen Bedingungen und jenem Ereignis aussagen. (ebd. S. 183f. Hervorhebungen im Original)

Anschaulich macht dies das theoretische Modell von Carl Gustav Hempel. Bei ihm wird ein Ereignis E, bezeichnet als Explanandum (das Zu-Erklärende), mithilfe des Explanans (das Erklärende), das sich aus sogenannten „speziellen Sachverhalten“ bzw. „speziellen Bedingungen“ und einem allgemeingültigen Gesetz, „das besagt, dass bzw. warum das Ereignis E unter den genannten speziellen Bedingungen mit Notwendigkeit eintreten musste“ (ebd. S. 185; Hervorhebung im Original), zusammensetzt, erklärt.

Koller erläutert das Modell anhand eines Beispiels, nämlich dem Ereignis, dass in einem Auto über Nacht der Kühler platzt, In diesem Fall wäre der spezielle Sachverhalt, die Tatsache, dass der Kühler randvoll mit Wasser und fest verschlossen war. Das Explanans wird durch das allgemeingültige Gesetz, dass Wasser bei Temperaturen unter null Grad Celsius gefriert und der Druck der Wassermasse dabei steigt, vervollständigt. Somit wurde das Explanandum, das Platzen des Kühlers, erklärt und man kommt schließlich zu der Formel:„Das Gesetz G besagt, dass das Ereignis E eintreten muss, wenn die speziellen Bedingungen B gegeben sind.“ (ebd. S.186; Hervorhebung im Original).

Da man mithilfe dieses Schemas ein „Ereignis aus einem allgemeine[n] Gesetz und den speziellen Bedingungen ableitet“ (ebd. S. 186; Hervorhebung im Original), nennt man das Erklärungsmodell deduktiv-nomologisch.

2.3. Intersubjektive Nachprüfbarkeit

Diese allgemein gültigen Gesetze müssen zuerst hergeleitet werden, und zwar durch die der Deduktion (die oben beschrieben wurde) entgegengesetzten Induktion. Also werden „Gesetze [. . .] aus Erfahrungen abgeleitet, die sich systematisch mithilfe von Beobachtungen und Experimenten gewinnen lassen“ (ebd. S. 186). Es sollen demnach aus speziellen Fällen allgemeingültige Aussagen und Gesetze gewonnen werden.

Kommt man, wie Koller es tut, auf das Beispiel des geplatzten Autokühlers zurück, so würde das bedeuten, dass man unter Einbeziehung der speziellen Bedingungen versucht, das Gesetz zu formulieren, welches das Ereignis erklärt. Durch Experimente könnte ein Wissenschaftler sich also sowohl herleiten, dass das Platzen des Kühlers temperaturabhängig ist, als auch feststellen, dass ein Zufügen von Frostschutzmittel das Platzen verhindern könnte. Aus diesen Erkenntnissen kann er dann allgemeingültige Gesetze ableiten.

Die Induktion als Methode der Ableitung von allgemein gültigen Gesetzen weist allerdings Probleme auf. Schließt man von einem speziellen Fall auf alle potentiell folgenden, kann die Gültigkeit des Gesetzes jederzeit widerlegt werden, wenn man plötzlich doch auf die Ausnahme stößt, denn

Abgesehen von Aussagen über sehr begrenzte und vollständig überschaubare Gegenstandsbereiche ist es prinzipiell nicht beweisbar, dass eine auf induktivem Weg gewonnene verallgemeinernde Aussage wirklich für alle Fälle gilt bzw. dass es nie und nirgends einen Fall geben kann, der diese Aussage widerlegen würde (ebd. S. 188; Hervorhebungen im Original).

Seifert nennt in diesem Zusammenhang „das bereits klassische Beispiel für die Unsicherheit induktiver Schlüsse“ (Seifert in Raithel 2009: S. 183; Hervorhebung im Original) nämlich den weißen Schwan. Da man generell weiße Schwäne sieht, schließt man daraus, dass alle Schwäne weiß sein müssen. Die induktive Schlussfolgerung kann allerdings nicht ausschließen, dass es auch nicht-weiße Schwäne gibt. Wenn es nicht-weiße Schwäne gibt, dann ist das Gesetz falsifiziert, d.h. sobald man einen schwarzen Schwan sieht, ist das Gesetz hinfällig. Deswegen schreibt Seifert:

Bei induktiv-empirisch gewonnenen Sätzen muss stets damit gerechnet werden, dass sie nicht immer und überall gelten. Deshalb muss Erfahrungswissenschaft vorsichtiger formulieren und in diesem Fall sagen: „Bisher scheint es so, dass alle Schwäne weiß sind – aber es können ja jederzeit auch andersfarbige entdeckt werden“ (ebd. S. 183)

Um dieses Problem zu lösen, entwarf der Philosoph Karl Raimund Popper in seinem Buch Die Logik der Erforschung ein alternatives Modell wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung. Die Schritte, die Popper als „Erkenntniszusammenhang“ und Begründungszusammenhang“ bezeichnet, lassen sich in das „Aufstellen wissenschaftlicher Aussagen und [die] systematisch[e] Überprüfung und Begründung dieser Aussagen“ (Koller 2009: S. 189) einteilen. Sobald die wissenschaftliche Aussage aufgestellt ist, muss sie einer „radikal[en] Kritik“ (ebd. S. 189) unterzogen werden.

Als erstes operationalisiert man die Hypothese, die man aufgestellt hat, d.h. man benennt „konkrete, überprüfbare [. . .] Sachverhalte, die eintreten müssen, wenn diese Hypothese oder Theorie zutrifft“ (Brezinka in Koller 2009: S. 190). Was darauf folgt, ist eine Überprüfung dieser Prognosen anhand empirischer Beobachtungen, während der sie entweder verifiziert oder falsifiziert werden. Im Falle einer Falsifikation der Prognose, ist die gesamte Theorie widerlegt, wenn allerdings die Prognose verifiziert wird, so ist ihre Verifikation nur auf eben diesen Fall zu beziehen. Eine wissenschaftliche Hypothese ist demnach niemals als „wahr“ zu bezeichnen, sondern immer nur als „bewährt“, bis sie widerlegt wird.

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Details

Seiten
11
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656861102
ISBN (Buch)
9783656861119
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285812
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Schlagworte
Pädagogik empirische Erziehungswissenschaft Hans Christoph Koller Erziehungswissenschaft Theorien der Erziehung und Bildung Referatsausarbeitung

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Titel: Empirische Erziehungswissenschaft