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Paul Celan. Gedichtsanalyse Psalm und Mandorla

Celans Forderung nach einem neuen Bund zwischen Gott und seinem auserwählten Volk

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literarisches Schweigen nach 1945

3. Die Niemandsrose
3.1. Psalm
3.1.1 Stilistische und rhetorische Mittel
3.1.2 Gängige theologische Interpretationsansätze
3.1.3 Eigene Interpretationen
3.2. Mandorla
3.2.1 Stilistische und rhetorische Mittel
3.2.2 Gängige theologische Interpretationsansätze
3.2.3 Eigene Interpretationen

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Lyrik des jüdischen Autors Paul Celan war und ist nach 1945 einzigartig für die literarische Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Deutschland. Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Dichter Paul Celan und seinem Verhältnis zu Gott in Bezug auf die Judenvernichtung durch die Nazis. Seine Werke sind eine fortlaufende Problematisierung einer Theologie nach der Shoah. Celan veröffentlichte mehrere Gedichtbände, von welchem der vierte der am stärksten religiös geprägte ist. Daher werden zwei Gedichte des Gedichtbands die Niemandsrose beispielhaft untersucht. Für Paul Celan, einem Deutsch sprechenden, rumänischen Juden Jahr-gang 1920, stand das Verarbeiten des Holocaust im Mittelpunkt seines gesamten, lyrischen Schaffens. Es ist geprägt von der Frage nach dem Glauben und dem Un-glauben. Angesichts des millionenfachen Mordes durch die Deutschen, ist die Frage der Theodizee von Anhand der untersuchten Gedichte Psalm und Mandorla soll der These nachgegangen werden, dass es einer Neuinterpretation des Verhältnisses von Gott zu seinem auserwählten Volk bedürfe, da nach der Zäsur durch den Holocaust auch eine Zäsur der Theologie folgen müsse.

Dabei ist es hilfreich, zu Beginn einen kurzen Überblick auf die literarische Situa- tion nach 1945 in Deutschland zu werfen, da nach dem Zusammenbruch des na- tionalsozialistischen Herrschaftssystems auch hier eine Zäsur statt finden musste. In Bezug auf den Holocaust macht sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine literarische Sprachlosigkeit breit. In der deutschen Literatur hingegen finden sich schnell Themen wie Kriegsheimkehr, Nachkriegselend oder sogar profaner Naturlyrik. Die Sprachlosigkeit umfasste auch die Sphäre des Religiösen, denn jegliche Behandlung Gottes und der Religion hätte sich der Frage stellen müssen, wo denn Gott im Dritten Reich gewesen sei. Celan wagt in seiner Lyrik die Kon- frontation mit der Religion und mit Gott. Die religiösen, vor allem aber die christ existenzieller Glaubensbedeutung. lichen Anspielungen werden in den Gedichten Celans vorwiegend als Ausdruck des Bruches mit Religion und Glauben interpretiert, da in ihnen die Suche nach Halt in der Religion ad absurdum geführt zu sein scheint. Durch die Theophanie des Nichts nährte Celan immer wieder den Verdacht, Gott entthronisieren zu wol- len.1

Die Auseinandersetzungen mit den Werken Celans sind so umfangreich wie ge- gensätzlich. Die Einleitung im Celan-Handbuch bringt es auf den Punkt, indem gefragt wird: „Was muss ich wissen, um zu verstehen?“2 Celan wurde mit kom- pletter Ignoranz der religiösen Bezüge ebenso interpretiert, als dass ihm geradezu „fast gewaltsam christliche Konnotationen [abgerungen wurden] und damit oft den Eindruck erweck[t]en, als möchten sie ihn [...] für bedeutungsschwangere Predigtvorlagen gefügig machen.“3

Der Darstellung der gängigen theologischen Interpretationsansätze folgen eigene Interpretationen der Theologie Celans.

2. Literarisches Schweigen nach 1945

Theodor Adornos Aussage, dass nach Auschwitz Gedichte zu schreiben barbarisch sei, kann als eine Zäsur in der deutschen Lyrik bezeichnet werden, da sich nun jede Lyrik genau diesem Vorwurf stellen musste. Die grundlegende Debatte, ob eine Dichtung über die Thematik der jüngsten deutschen Vergangenheit nicht grundsätzlich Gefahr laufe, das Grauen zu ästhetisieren, war durchaus berechtigt.

Jedoch war der vielbeschworene Nullpunkt der Literatur eher ein Mythos, als geschichtliche Wirklichkeit.4 Paul Celans Lyrik brauchte sich dieser Debatte nicht stellen, da seine hartnäckige und anklagende Auseinandersetzung mit dem Holocaust, die direkte Benennung der Gräuel der Massenvernichtung dieser Debatte schonungslos jede Grundlage entzog. Im Gegenteil: Mit seinen Werken legte er Zeugnis darüber ab, dass es sogar nötig sei, nach der Shoah zu dichten. Das überzeugte selbst Adorno, der später seine Aussage widerrief.5

Die Beinahevernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten markierte für Celan einen geschichtlichen Bruch, der kulturelle, literarische und sprachliche Kontinuität grundsätzlich negiert. Daraus ergab sich für ihn die Not- wendigkeit, anders und auf neue Weise zu sprechen. Die Suche nach einer sprach- licher Angemessenheit, um das Erlebte zu verarbeiten und auszudrücken, führte in Celan zu einem inneren Konflikt.6 Einerseits war Deutsch die Sprache der Täter, der Mörder seiner Eltern und vieler Millionen Juden. Anderseits war es seine Mut- tersprache, und in ihr sah er das Bewahren des Andenken an seine eigene Mutter. Wie problematisch das Sprechen vor diesem Hintergrund war, zeigen zahlreiche Gedichte, die die (Un-)Möglichkeit des Sprechens thematisieren. Das Ringen um Worte spiegelt sich deutlich in der Lyrik Celans wieder, was beinahe bis zu einem kompletten Verstummen der Sprache führt. Die Gedichte Celans sind teilweise „hermetisch verschlüsselt“ und werden dadurch „fast unlesbar“.7 Das Versagen der Sprache drückt sich zudem in einer ungewöhnlichen Interpunktion aus, die die Verschlossenheit der Sprache, die Hermetik, unterstreicht.

Diese ganz eigene Sprache Celans äußert sich zudem in vielfältigen Verweisen auf die mystische Tradition einer mündlichen Überlieferungen des Judentums, der Kabbala.8 Ein Teil der kabbalistischen Anschauung besteht in der Entsprechung des Oben zum Unten: Alles, was Gott im Universum geschaffen hat, hat er auch im Menschen geschaffen. Daraus ergibt sich eine gegenseitige Entsprechung und eine abhängige Beziehung der Menschen zu Gott und umgekehrt. Dies wird durch das Gegensätzliche des Niemands zur Rose und des Nichts zu Gott beispielhaft aufgegriffen und verweist auf das thematisch und strukturell prägende Prinzip der Negation.9

3. Die Niemandsrose

Der Gedichtband Die Niemandsrose ist der vierte noch zu Lebzeiten veröffentlich- te Gedichtband Paul Celans. In vier Abschnitte unterteilt, umfasst er 53 lyrische Texte, die in der Zeit zwischen 1959 und 1963 entstanden sind. Die dichterische Entwicklung einer Wendung zu einem neuen Sprechen, die im dritten Gedicht- band Sprachgitter vorbereitet und mit dem fünften Atemwende endgültig vollzo- gen wurde, findet hier durch die Entstehungsgeschichte besonderen Ausdruck.10 Im Gesamtwerk Celans nimmt die Niemandsrose eine besondere Stellung ein, da dieser Band als Höhe- und Wendepunkt in der Celanschen Dichtung betrachtet wird.11

Die Niemandsrose entsteht zu einer Zeit, in der Celan zunehmend in eine psychi- sche Instabilität gerät. Einerseits sieht er durch die Kritiken seines 1959 erschie- nenen Gedichtbands Sprachgitter Anzeichen eines wiederauflebenden Antisemi- tismus in Deutschland, die ihn zutiefst emotional erschüttern, da er sich in seiner jüdischen Herkunft diskriminiert und angegriffen fühlt. Andererseits wird er 1960 mit schwerwiegenden Vorwürfen der Witwe Claire Golls konfrontiert: Sie bezich- tigte ihn des Plagiats an den Werken ihres verstorbenen Mannes Yvan Goll, was sich rasch öffentlich zur sogenannten Goll-Affäre ausdehnte. Beide Erlebnisse prägten Celan nachhaltig, da sie seine existentiellen und künstlerischen Grundla- gen bedrohen.

Diese Unsicherheit hat bei Celan eine Sehnsucht nach dem untergegangenem jüdischen Osten genährt.12 In der Folge kommt es zu einer dichterischen Neuorientierung, die sich in einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Judentum zeigte. In keinem anderen Gedichtband werden mehr jüdische Namen, Begriffe und theologische Kontexte einbezogen, als in der Niemandsrose.13

Darüber hinaus prägte ihn zu dieser Zeit vor allem die Lyrik des russische Dich- ters Ossip Mandelstamm.14 Durch das Übersetzen fremder Lyrik beeinflusst, setz- te er sich intensiv mit der russischer Literatur auseinander. Mit ihm fühlte sich Ce- lan eng verbunden, da auch er zu Lebzeiten mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert wurde.15 Mandelstamm stellte für Celan die Verbindung zum osteuropäischen Ju- dentum dar, im Gegensatz zu Nelly Sachs, in der er eine Repräsentantin des west- europäischen Judentums sah.16 Die Verbindung zum Osten war für Celan so wich- tig, dass der Die Niemandsrose Ossip Mandelstamm widmete. Diese einmalige Ehrung ließ er keinem anderen Dichter zuteil werden und unterstreicht diese enge und wichtige Beziehung.

3.1. Psalm

Das Gedicht Psalm entstand am 5. Januar 1961. Es steht an 14. Stelle im ersten Abschnitt der Niemandsrose. Es besteht aus insgesamt 20 Zeilen und hat vier Strophen. Es kreist um die Themen Schöpfung, Werden und Vergehen, Vergan genheit und Ewigkeit. In der ersten Strophe wird die Vergänglichkeit und die Singularität des menschlichen Lebens in drei Versen um die Worte Erde, Lehm und Staub thematisiert. Die zweite Strophe ist eine Lobpreisung. Die dritte und die vierte Strophe stellen ein Resümee des Lebens dar.

In der vierten Strophe wird noch einmal das Motiv des Staubs am Anfang aufgenommen, und bezieht sich damit wieder auf den Anfang.

3.1.1 Stilistische und rhetorische Mittel

Alle Strophen haben unterschiedliche Verslängen mit jeweils uneinheitlicher Metrik. Auffallend sind die ersten drei Zeilenanfänge, die mit der Wiederholung des Wortes Niemand beginnen. Das Stilmittel der Anapher ist bei Celan häufig anzutreffen. Teilweise wird es so stark überspitzt, dass die Sprache zu einem regelrechten Stottern wird.17 Die dreimalige wörtliche Wiederholung erzeugt eine Relevanz, durch die die Semantik des Wortes selber in Frage gestellt wird. In der Inversion des Begriffes Niemand hin zu einer Personifizierung zeigt sich der Grundgedanke des Gedichtbandes Niemandsrose.

Die Gestaltung des Enjambements betrieb Celan mit äußerster Sorgfalt. Dies zeigt sich u.a. in der zweiten Strophe: Hier stehen den dialogischen Aspekten einer Rede häufig „die akzentuierenden Imperativformen als Äußerung von Wünschen [...] und Bitten“18 entgegen: Wir wollen Dir zu Liebe blühen!

In der dritten Strophe verkehrt das Enjabement geschickt den eigentlichen seman- tischen Sinn: Indem die Zeile 11 mit „ /wir bleiben.../ “ beginnt, wird hier eine Verweildauer ab jetzt fortlaufend angezeigt. Ein Ende ist nicht gesetzt. Die Inter- punktion legt aber nahe, dass das Gegenteil gemeint ist: Ein Nichts ... werden wir bleiben.

[...]


1 Vgl. Schulze, Joachim: Celan und die Mystiker. Motivtypologische und quellenkundliche Kommentare, Bonn, 1976, S. 3.

2 Vgl. Celan-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Hrsg.: Markus May u.a., 2., aktualisierte und erweiterte Aufl., Stuttgart, 2012, S. 1.

3 Gaisbauer, Hubert: Aufmerksamkeit fordernd, aber zugrunde interpretiert, http://www.literatur-religion.net/essay/e1gaisbauer.pdf, Abgerufen am 20.7.2013.

4 Vgl: Tück, Jan-Heiner: Gelobt seist Du, Niemand. Paul Celans Dichtung - eine theologische Provokation, Frankfurt am Main, 2000, S. 14.

5 Vgl. Celan-Handbuch, S. 399.

6 Vgl. Bollack, Jean: Dichtung wider Dichtung. Paul Celan und die Literatur, Göttingen, 2006, S. 13.

7 Chon, Jin-Sok: Offenheit und Hermetik. Zur Möglichkeit des Schreibens nach Auschwitz: Ein Vergleich zwischen Günter Grass ‘ Lyrik, der ´ Blechtrommel ´ und dem Spätwerk Paul Celans, Frankfurt am Main, 2002, S. 14.

8 Vgl. Lexikon für Theologie und Kirche, 5. Band, Freiburg, 2006, S. 1119ff.

9 Vgl. Celan-Handbuch, S. 84.

10 Vgl. Celan-Handbuch, S. 81.

11 Vgl. Lehmann, Jürgen (Hrsg.): Kommentar zu Paul Celans ,Die Niemandsrose ‘, Heidelberg, 1997, S. 7.

12 Vgl. Günzel, Elke: Das wandernde Zitat. Paule Celan im jüdischen Kontext, Würzburg, 1995, S. 184.

13 Vgl. Celan-Handbuch, S. 81. Namenschreibung nach: Paul Celan. Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe, Hrsg. Barbara Wiedemann, Frankfurt, 2008, hier S. 123.

14 Vgl: Tück, Jan-Heiner: Gelobt seist Du, Niemand. Paul Celans Dichtung - eine theologische Provokation, Frankfurt am Main, 2000, S. 14.

15 Vgl. Felstiner, John: Paul Celan. Eine Biographie, München, 1997, S. 242.

16 Vgl. Celan-Handbuch, S. 81.

17 Vgl. Celan, Engführung aus dem Sprachgitter in den Zeilen 54/55/56, 58/59 und 60/61, S. 113.

18 Celan-Handbuch, S. 83.

Details

Seiten
23
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656857365
ISBN (Buch)
9783656857372
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285718
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
paul celan gedichtsanalyse psalm mandorla celans forderung bund gott volk

Autor

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Titel: Paul Celan. Gedichtsanalyse Psalm und Mandorla