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Die Lehre des Wu-wei, der Wahrhaft Schwachen und Wang-luns Entwicklungsstadien

Analyse des Romans "Die drei Sprünge des Wang-lun" von Albrecht Döblin

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 14 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die „Wahrhaft Schwachen“
2.1 Die Lehre des Wu-wei
2.2 Die Gründung der Wahrhaft Schwachen
2.3 Die Begegnung mit der Weißen Wasserlilie
2.4 Die Zersplitterung der Wahrhaft Schwachen und die Bildung der Gebrochenen Melone
2.5 Der Umschwung: Die Verbindung der Wahrhaft Schwachen mit der Weißen Wasserlilie und die Bewaffnung der Bünde
2.6 Die Niederlage und Ausrottung der Wahrhaft Schwachen

3. Wang-luns Entwicklungsstationen
3.1 Der erste Sprung: Wang-lun auf den Nan-ku-bergen
3.2 Der zweite Sprung: Wang-lun im Hia-ho
3.3 Der dritte Sprung : Wang-lun in Tschi-li

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der folgenden Seminararbeit werden wir uns anhand des Romans „Die drei Sprünge des Wang-lun“ von Albrecht Döblin mit der Lehre des Wu-wei, den Wahrhaft Schwachen und den Entwicklungsstadien Wang-luns beschäftigen.

Der Titel bezieht sich auf den Protagonisten des Romans, der als historische Figur in der chinesischen Geschichte im Jahr 1774 einen Aufstand angeführt hat. Eine Zeitungsnotiz ist für Döblin der Anstoß gewesen einen chinesischen Roman zu verfassen.[1] In diesem Zeitungsbericht wurde beschrieben „wie der Aufstand der chinesischen Goldwäscher von den Truppen des russischen Zaren blutig niedergeschlagen wurde. Döblin empfand Sympathie für die Armen und Schwachen, deshalb verstärkten solche Meldungen sein Interesse an China.“ [2] Nach seinen Recherchen hat Döblin die historische Persönlichkeit des Wang-lun als Führer des Aufstandes in seinen Roman eingebaut und obwohl das Motiv des Aufruhrs anfangs religiös gewesen ist, hat Döblin das Gewicht aufs Politische verlagert.[3]

In den folgenden Kapiteln werden wir uns mit der taoistischen Lehre des Wu-wei auseinandersetzen, die Wang-lun und alle von der Gesellschaft ausgestoßenen Menschen vom Nicht-Handeln und Nicht-Widerstreben überzeugt hat. Im Anschluss werden wir die Entstehung, die Ausbreitung und den Untergang der Wu-wei-Sekte, der „Wahrhaft Schwachen“, analysieren und mit den „drei Sprüngen“ Wang-luns abschließen.

2. Die „Wahrhaft Schwachen“

2.1 Die Lehre des Wu-wei

Der Begriff Wu-wei stammt aus dem Taoismus (oder Daoismus). Er wird definiert als „Nichthandeln“ im Sinne von „Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns“.[4] Er begründet sich aus der mystischen Auffassung vom Tao[5] und geht auf Laotse[6] und sein Buch Tao te king zurück.[7]

In unserem Roman wird das Wu-wei schon am Anfang vorgestellt und mit der Sekte der „Wahrhaft Schwachen“ verbunden. Die Lehre des Wu-wei bedeutet soviel wie Nichthandeln und Nichtwiderstreben. Sie beinhaltet Regeln, die den Sektierern keine Wohnstätte erlaubt und sie somit zum Wandern und Betteln verleitet. Sie haben keine Götterbilder, da sie sich von der offiziellen Tempelreligion losgesagt haben[8] und nicht zu jemandem predigen oder jemanden bekehren sollen (vgl. WL[9] 11). Sie dürfen niemanden zurückweisen, der Mitglied dieser Sekte sein will, auch Frauen nicht. Da sie sich aber nicht durch Lüste verderben lassen und keusch leben sollen, müssen sich die Frauen getrennt von ihnen aufhalten und getrennt lagern (vgl. WL 114). Das wichtigste dieser Lehre ist jedoch das Verbot etwas Lebendiges zu töten und keine Verbrechen durchzuführen, denn die Wahrhaft Schwachen sollen „wie das weiße Wasser schwach und folgsam sein; wie das Licht von jedem dünnen Blatt abgleiten.“ (WL 82)

Das Schicksal spielt bei dieser Lehre eine große Rolle, da die Wahrhaft Schwachen nicht gegen das Schicksal widerstreben sollen, denn das Schicksal ist es das bestimmt, ob sie leben oder sterben (vgl. WL 81). Und wenn sie sterben sollten, dann erwartet sie das „westliche Paradies“ (WL 251) auf dem „Gipfel der Kaiserherrlichkeit“ (WL 82) Auch Links behauptet, dass „[i]m Nirwana dieser Lehre […] man nicht ausgelöscht [wird] in einem Ort des Nichtmehrseins“, sondern „erhoben [wird] in einen Ort der jenseitigen Seligkeit“[10].

Die Lehre des Wu-wei hat es historisch schon vor Wang-lun gegeben (s.o.), Döblin hat sie aber mit dem Protagonisten des Romans verbunden und sie als sein Erbe vorgestellt, als sein Sohn, der nach ihm „winselt“. Mit diesem Sohn soll Wang-lun seine „Brüder“ und „Schwestern“ des Bundes beschützen und die Mandschu-Dynastie bekämpfen, damit ein neues Kaiserreich der Mings errichtet werden kann (vgl. WL 442).

2.2 Die Gründung der Wahrhaft Schwachen

Die Wahrhaft Schwachen sind die Armen und Bedrückten, die Bettler und die Ausgestoßenen (vgl. WL 60, 80). Sie haben sich zur taoistisch-buddhistischen Lehre des Wu-wei bekannt[11], weil sie von der Gesellschaft des Kaiserreiches ausgestoßen wurden. Sie ernennen Wang-lun als ihren Führer, da er sie zur Lehre des Wu-wei geführt hat: „Wenn ihr meinen Willen habt, will ich euch auch führen.“ (WL 82) Döblin schreibt zum epischen Thema des Romans, dass wenn einer vergeblich gewaltlos gegen die Gewalt kämpft, dann ist er ein schwacher Held, der wahrhaft Schwache.[12]

Der Glaube an die „Kraft der Schwachen“ und das Wu-wei wird zu einem Sammelbecken von Unzufriedenen und Ausgestoßenen.[13] In diesem Roman ist das ethische Problem des Schwachseins leitmotivisch für das ganze Werk[14] und unter diesem Motiv gründet Wang-lun den Bund der Wahrhaft Schwachen: „Geht mit mir. Wir sind Ausgestoßene und wollen es eingestehen. Wenn wir so schwach sind, sind wir doch stärker als alle anderen. […] Wir wollen sein, was wir sind: schwache hilfsbedürftige Brüder eines armen Volkes.“ (WL 82)

Auch das Element der Masse, das im Expressionismus eine große Rolle spielt, ist in diesem Roman vertreten. Der Bund der Wahrhaft Schwachen wird zu einer Masse von Menschen, die Zuflucht unter der Lehre des Wu-wei suchen: „Aus Hundert, die das Dörfchen Pa-ta-ling verließen, waren nach ein paar Wochen Tausende geworden.“ (WL 105) Ebenfalls nennen sie sich „Brüder“ und „Schwestern“, obwohl sie keine Verwandtschaft unter sich haben. Der Grund dafür ist die Lage in der sich alle befinden, dass sie alle arm und ausgestoßen von der Gesellschaft sind, verbindet sie miteinander. Diese Verbrüderung der Menschen macht sie zu Mitgliedern der Wahrhaft Schwachen: „Die Verzückung befiel sie, wo sie Brüder, schwache hilfsbereite Brüder schlimmer Vagabunden sein durften.“ (WL 87)

Nachdem der Bund der Wahrhaft Schwachen gegründet wurde, muss ihr Führer Wang-lun sie verlassen, um den Schutz bei den Brüdern der Weißen Wasserlilie zu erbitten (vgl. WL 82). An dieser Stelle muss aber erwähnt werden, dass ein aus religiösen Gründen erschaffener Bund plötzlich politische Macht haben kann, wenn er sich mit einem anderen Bund zusammenschließt.

So unpolitisch das Programm ihres Führers ist, Wang-lun ist sich von vornherein darüber im klaren, daß die Ohnmacht, wenn sie sich sammelt, ein politischer Faktor ist, der die Macht zu Maßnahmen reizt. So trifft der Theoretiker einer radikalen unpolitischen Haltung selbst höchst politische Präventivmaßnahmen[15], indem er zur Sicherung seiner Anhänger gegen Übergriffe der Staatsgewalt ein politisches Bündnis mit einem mächtigen Geheimbund einzugehen sucht.[16]

Kreutzer ist hier der Meinung, dass Wang-lun zum Schutz der Wahrhaft Schwachen nicht ein religiöses, sondern ein politisches Bündnis mit der Weißen Wasserlilie eingehen will. Dies macht ihn jedoch nicht zu einem Propheten des sanften Wu-wei[17], sondern wie Döblin ihn auch zeichnen wollte, zu einem „politischen Führer, der, bei aller Anfälligkeit für religiöse Schwärmerei, die politische Konstellation, die er schafft, genau durchdenkt.“[18]

Diese politische Situation wird uns klarer dargestellt, wenn wir an die Aufgaben Wang-luns für den Bund der Wahrhaft Schwachen denken. Es ist nämlich eine „Generalabsolution“ gewesen, die ihnen erteilt wurde. Sie sollen wandern, betteln, arbeiten, sich an keinem Ort lange aufhalten, in keinem Haus wohnen und keinen Menschen töten (vgl. WL 85). Die Bündler nehmen diese Aufgaben aber an, um „Brüder eines geheimen Bundes [zu sein], furchterregend, ohne wehezutun.“ (WL 86)

Dies sind aber nicht die einzigen Aufgaben des Bundes gewesen, denn sie sollen sich nur um sich selber kümmern, keine Früchte von den Bäumen reißen, sondern warten bis sie selber fallen. Sie sollen sich auch zerstreuen, um keine Anzeichen an die Existenz des Bundes zu geben und nur an einigen Tagen zusammenkommen. Sie können sich nirgends lange aufhalten, aber sie müssen immer voneinander wissen. Sie haben zwar die Freiheit neue Menschen in ihre Gemeinschaft aufzunehmen, aber es soll nicht zum einzigen Zweck des Bundes werden, da sie keinen großen Wert darauf legen sollen, neue Brüder zu gewinnen (vgl. WL 88).

[...]


[1] Vgl. Schuster (2007:112).

[2] Sang-Bum (2010) (Internetquelle).

[3] Vgl. Arnold (1971: 84).

[4] Vgl. Wu-wei (Internetquelle) [Hervorh. i. O.].

[5] Aus dem Chinesischen übersetzt heißt es „Weg“, „Straße“, „Pfad“ und bedeutet „Methode“, „Prinzip“, „der rechte Weg“. Das Tao (auch Dao) ist zugleich der Weltlauf und das Wirkprinzip, das die Ordnung und Wandlung der Welt verantwortet. Es ist der unfassliche Urgrund der Welt, das Gesetz aller Gesetze, Vernunft, das Absolute.

[6] Laotse (auch Lao Zi) hat ungefähr im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt. Er ist ein chinesischer Philosoph und Metaphysiker, der das Buch „Tao te king“ (auch Dao de jing) geschrieben haben soll.

[7] Vgl. Tan (2007:99) [Hervorh. i. O.].

[8] Vgl. Links (1984:37).

[9] Döblin (2008).

[10] Links (1984:38).

[11] Vgl. Steinecke (1994:218).

[12] Vgl. Kreutzer (1970:49).

[13] Vgl. ebd. (51).

[14] Vgl. Casey (1969:639).

[15] Vorbeugende, abschreckende Maßnahme.

[16] Kreutzer (1970:51).

[17] Vgl. Links (1984:39).

[18] Kreutzer (1970:50).

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656858966
ISBN (Buch)
9783656858973
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285602
Institution / Hochschule
Αριστοτέλειο Πανεπιστήμιο Θεσσαλονίκης - Thessaloniki – Deutsche Sprache und Philologie
Note
1
Schlagworte
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