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Hannah Arendt und die Erfahrung als Staatenlose im amerikanischen Exil in der Zwischenkriegszeit

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
Gliederung
Forschungsstand

II. Flucht aus Deutschland
2.1 Zusammenbruch der privaten Welt
2.1.2 Staatenlosigkeit
Keine Heimat, nirgends
2.2 Exil in Amerika
Hannah Arendt „Wir Flüchtlinge“
2.2.1 Wer sind wir eigentlich
2.2.2 Sprache und Heimat
2.2.3 Erfahrung der Fremdheit
Assimiliertes Judentum und bewusster Parias

III. Fazit
Literaturliste

„W ie dünn das Eis ist, auf dem der Flüchtling, der nichts ist als ein Jude,

sich bewegt - in jedem Moment der Gefahr gewärtig, dass er einbrechen wird.“[1]

Einleitung

Hannah Arendts Aufsatz „Wir Flüchtlinge“ beleuchtet die zentralen Punkte der Erfahrung von Heimatlosigkeit im jüdischen Exil in den Vereinigten Staaten von Amerika in der Zwischenkriegszeit und dient damit in der vorliegenden Arbeit als Forschungsgrundlage. Die Punkte die Hannah Arendt in ihrem Aufsatz thematisiert, sind der Zusammenbruch der privaten Welt, das Exil in Amerika und die Krise der Selbstwahrnehmung sowie die Erfahrung der Fremdheit in der Disparität von Heimat und Anpassung.

Hannah Arendt beschreibt in ihrem Essay außerdem den großen Konflikt des assimilierten Judentums im Umgang mit dem Jüdisch-Sein: Arendt thematisiert die Herausforderung als Flüchtling sich selbst und anderen treu zu sein, also die Herausforderung die „unveränderliche Wahrheit“ zu akzeptieren und damit thematisiert der Aufsatz letztlich den Konflikt zwischen bewusstem Parias und Parvenue.

Der Aufsatz, „We Refugees“ - „Wir Flüchtlinge“, erscheint erstmals im Menorah Journal in New York im Jahr 1943 auf englisch, demnach nicht in der Muttersprache der Autorin. Zwar ist die Exilerfahrung Hannah Arendts ein eigentlich persönliches Ereignis, doch „w ir können nicht begreifen, dass es dabei weniger um uns als einzelne geht, sondern um das ganze jüdische Volk.“[2] Das jüdische Exil ist nunmehr ein „persönliches Massenereignis“ und dessen ist sich Arendt gewahr, indem sie ihren Aufsatz „Wir Flüchtlinge“ überschreibt. Die Wahl des „Wir“ täuscht dabei eine Gemeinsamkeit vor oder geht von einer Gemeinsamkeit aus. Die Verwendung des „Wir“ verweist zudem auf die individuelle und zugleich kollektive Erfahrung des unerwünscht- und zurückgewiesen-Seins.[3]

Gliederung

Die vorliegende Arbeit beleuchtet zunächst den Prozess des allmählichen Zusammenbruchs der privaten Welt der Juden in Deutschland als Folge der nationalsozialistischen Politik. Anschließend werden die Symptome der Krise der Selbstwahrnehmung als auch der Erfahrung von Fremdheit, welche für den Flüchtling durch die Disparität von Heimat und dem Zwang zur Anpassung evoziert wird, herausgearbeitet. Der Konflikt zwischen dem assimilierten Judentum unter Anpassungsdruck und dem „bewussten Parias“, als dem Vorkämpfer eines würdevollen Judentums, wird dabei als weitere Folgeerscheinung des Heimatverlustes porträtiert. Besondere Beachtung findet hierbei die Frage, wie Hannah Arendt den Zusammenbruch der privaten Welt und seinen Folgewirkungen als deutsch-jüdischer Flüchtling in den Vereinigten Staaten von Amerika erlebt und wertet.

Das Anliegen der Arbeit ist die Darstellung der Lücke zwischen alter Heimat und „neuer Heimat“, also die Existenz des Staatenlosen zwischen Heimatverlust und Leerlauf, endlich die Darstellung der Lücke als dem Lebensraum jüdischer Exilanten sowie die Lücke als dem Fundament der Krise der Selbstwahrnehmung. Die Arbeit konzentriert sich in der Hauptsache auf den Zeitraum von Hitlers „Machtergreifung“ bis zum Erscheinen von Arendts Essay „Wir Flüchtlinge“ im Jahr 1943 und schlägt im Fazit schließlich eine Brücke zum Heimat- und Flüchtlingsbegriff bei Hannah Arendt im Kontext ihrer Erfahrung von Staatenlosigkeit und ihren Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung.

Forschungsstand

Über das jüdische Exil wird gegenwärtig sehr rege publiziert. Zahlreiche Arbeiten über die jüdische Emigration nach Palästina, den USA und anderen Zentren des jüdischen Exils sind bisher erschienen. Bei diesen häufig biografischen und autobiografischen Veröffentlichungen stehen oft die Schwierigkeiten bei der Ausreise aus Deutschland und der anschließende Tatendrang sowie die Euphorie in der „neuen Heimat“, dies ganz besonders in Palästina, im Zentrum der Darstellung.

Die Arbeit von Hannah Arendt im Kanon biografischer Schriften zur Exilerfahrung, die bereits 1943 die Austauschbarkeit einer Heimat in Frage stellt oder die Folgen der Erfordernisse für das „Ankommen“ in der neuen, nächsten Heimat kritisch darstellt, ist dagegen eine seltene, wenn nicht einzigartige Erscheinung. Das Gesamtwerk Arendts ist geprägt von der Erfahrung der Heimatlosigkeit. Von besonderer Bedeutung für die vorliegende Arbeit ist dabei ihr Aufsatz „Wir Flüchtlinge“, der die Frage nach dem Umgang mit den Folgen des Verlusts sowie der Wahrnehmung von Heimat in den Vordergrund stellt.

Ich war sofort der Meinung: Juden können nicht bleiben. Ich hatte nicht die Absicht,

in Deutschland

sozusagen als Bürger zweiter Klasse herum zu laufen.“[4]

2. Flucht aus Deutschland

2.1 Zusammenbruch der privaten Welt

Der Zusammenbruch der privaten Welt beginnt für die Mehrheit der hoch assimilierten deutschen Juden Anfang der dreißiger Jahre. Jener Zusammenbruch ist mit der Ankunft im Gastland jedoch längst nicht abgeschlossen, wie Hannah Arendts Aufsatz offenbart. Und für manche deutschjüdische Exilanten bricht die private Welt, als besten Falles „friendly enemy alien“ im Gastland vielmehr mit jedem Tag der Entfremdung zur ersten Heimat mehr. Denn „ nur sehr wenige Individuen bringen die Kraft auf, ihre eigene Integrität zu wahren, wenn ihr sozialer, politischer und juristischer Status völlig verworren ist.“[5] Mit dem Zuhause schließlich hat der Flüchtling die Vertrautheit des Alltags verloren. Er hat seinen Beruf verloren und damit die Gewissheit, in der Welt von Nutzen zu sein.[6] Er hat seine Sprache verloren und damit die Freiheit, sich unvermittelt mitzuteilen. Der Verlust des Zuhauses, des Berufs sowie des Gefühls nützlich und erwünscht zu sein, zeitigen den zunehmenden Zusammenbruchs der privaten Welt des deutschen Judentums seit 1933.

Im Jahr 1932 noch leben etwa eine halbe Million Juden innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches. Ein Fünftel von ihnen besitzt keine deutsche Staatsbürgerschaft. Bei jenem Fünftel handelt es sich zum überwiegenden Teil um Juden, die in den vergangenen Jahrzehnten aus Polen oder aus anderen Ländern Osteuropas in das Deutsche Reich zugewandert sind.[7] Mit der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 bricht das Politische nunmehr unmittelbar in das Private ein. „M an denkt heute oft, dass der Schock der deutschen Juden 1933 sich damit erklärt, dass Hitler die Macht ergriff. Nun, was mich und Menschen meiner Generation betrifft, kann ich sagen, dass das ein kurioses Missverständnis ist.“ [8] Hannah Arendt meint vielmehr, der Schock des Jahres 1933 läge unter anderem darin, dass die Vorgänge vom allgemein politischen ins persönliche gewendet wurden, dass das allgemein Politische ein persönliches Schicksal wurde, sofern man hinaus ging.[9] Der Einbruch des Nationalsozialismus in die private Welt bedeutet für Hannah Arendt auch, dass die Zugehörigkeit zum Judentum nun auch ihr „eigenes Judenproblem“ geworden war.

Und ihr eigenes Problem, sagt sie, war politisch, rein politisch.

Der Einbruch der Politik des Nationalsozialismus in die private Welt der Juden in Deutschland wird durch eine Vielzahl von Ereignissen markiert. Zu einem der ersten dieser Ereignisse zählt der „Judenboykott“ vom 1. April 1933, der die bald folgende Verdrängung und Enteignung der Juden aufzeigte, die alle Berufe und Wirtschaftszweige umfasste. Schon wenige Tage nach diesem 1. April folgt das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, welches die Entlassung aller Beamten ohne „arische Abstammung“ aus dem öffentlichen Dienst vorsieht. Neben der Verdrängung aus dem öffentlichen Dienst forcieren die Nationalsozialisten auch die Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben. Diese Verdrängung erfolgt durch Liquidierung oder „Arisierung“ jüdischer Wirtschaftsstrukturen: dies betraf zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent aller noch 1932 von jüdischen Eigentümern geführten Betriebe bis zum Zeitpunkt der Nürnberger Gesetze[10], also innerhalb eines Zeitrahmens von drei Jahren.

Die Nürnberger Gesetze die im September des dritten Jahres nach Hitlers „Machtergreifung“ verkündet werden, erklären jeden männlichen Juden zum potentiellen „Rasseschänder“ und zur Gefahr für die deutsche Frau. Mit den Nürnberger Gesetzen wird die gesellschaftliche Isolierung der Juden in Deutschland also noch intensiviert, vor allem jedoch wird den deutschen Juden damit der Status des gleichwertigen deutschen Reichsbürgers entzogen.

[...]


1 Marie Luise Knott, Nachwort, in: Marie Luise Knott (HG), Hannah Arendt, Zur Zeit. Politische Essays, Berlin 1986, S. 180.

2 Hannah Arendt, Wir Flüchtlinge, in: Arendt 1986, S. 13.

3 Vgl. Dagmar Barnouw, Der Jude als Paria. Hannah Arendt über die Unmündigkeit des Exils, in: Thomas Koebner/ Wulf Köpke/ Claus-Dieter Krohn/ Sigrid Schneider (HG), Das Jüdische Exil und andere Themen, München 1986, S. 43.

4 Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus, in: Was bleibt? Es bleibt die Muttersprache. Ein Gespräch mit Günter Gaus, in: Adelbert Reif (HG), Gespräche mit Hannah Arendt, München 1976, S. 13.

5 Arendt, Wir Flüchtlinge, S. 16.

6 Ebd., S. 8.

7 Vgl. Avraham Barkai, Die Heimat vertreibt ihre Kinder. Die nationalsozialistische Verfolgungspolitik 1933 bis 1941, in: Stiftung jüdisches Museum Berlin/Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (HG), Heimat und Exil. Emigration der deutschen Juden nach 1933, Frankfurt am Main 2006, S. 15.

8 Gaus Interview, S. 20.

9 Ebd., S. 20.

10 Avraham Barkai, S. 15.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656856139
ISBN (Buch)
9783656856146
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285538
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – simon dubnow
Note
1,0
Schlagworte
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Autor

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Titel: Hannah Arendt und die Erfahrung als Staatenlose im amerikanischen Exil in der Zwischenkriegszeit