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Reformerfolge in Ungarn: Trägt das Alterssicherungssystem zur Reduktion von Altersarmut bei?

Seminararbeit 2014 13 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Strukturmerkmale des ungarischen Alterssicherungssystems

3. Analyse der Altersarmut in Ungarn

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Jährliches medianes Nettoäquivalenzeinkommen in Euro nach Altersgruppe, 2010-2013

Abbildung 2: Armutsgefährdungsquote relativ zur Armutsgefährdungsgrenze in %, 2010-2013

Abbildung 3: Armutsgefährdungsquote der Älteren nach Geschlecht relativ zur Armutsgefährdungsgrenze in %, 2010-2013

Abbildung 4: Armutsgefährdungslücke relativ zur Armutsgefährdungsgrenze der Älteren insgesamt und nach Geschlecht in %, 2010-2013

Abbildung 5: Projiziertes kumuliertes Wachstum der Rentenausgaben als Anteil des BIP und der älteren Bevölkerung als Anteil der Gesamtbevöl- kerung jeweils in % gegenüber dem Ausgangsjahr 2000, 2005-2060

Abbildung 6: Armutsgefährdungsquote der Älteren vor Sozialleistungen ohne und mit Berücksichtigung von Rentenleistungen relativ zur Armutsgefähr- dungsgrenze in %, 2010-2013

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die kontinuierliche Zunahme der Lebenserwartung, die dadurch anhaltende Alte- rung der Bevölkerung und die niedrigen Geburtenraten sind die maßgeblichen Herausforderungen des ungarischen Alterssicherungssystems (ASS).1 Vor allem das steigende Missverhältnis von Erwerbstätigen zu Leistungsempfängern beein- flusst die Finanzierbarkeit der Renten.2 Durch die grundlegende Reform des unga- rischen ASS im Jahr 2010 wurde eine stärkere Abhängigkeit zwischen Renten- höhe und zuvor geleisteter Beiträge festgelegt. Zukünftig beruhen Rentenansprü- che auf den in die staatliche Rentenversicherung entrichteten Beiträgen und sind überwiegend von den Leistenden selbst abhängig.3 Ferner sind die Ausgaben für den Sozialschutz, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), in den letzten Jahren gesunken.4 Ein Grund dafür ist auch das Primärziel des Staatschuldenabbaus der seit dem Jahr 2010 regierenden Fidesz-Partei unter der Führung Viktor Orbáns.5 Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit der Fragestel- lung, ob die Reformen des ASS in den vergangenen Jahren zu einer Reduktion der Altersarmut beigetragen haben. Als Grundlage für die Messung von Altersarmut wird in diesem Zusammenhang die relative Armutsgefährdungsquote (AGQ) älte- rer Personen, d. h. der über 65-Jährigen im Verhältnis zum jeweiligen nationalen verfügbaren Einkommen, verwendet. Gemäß der Europäischen Union (EU) sind Mitglieder eines Haushalts armutsgefährdet, wenn deren Nettoäquivalenzein- kommen, als bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Nettoeinkommen6, weniger als 60 Prozent des nationalen Medianeinkommens beträgt. Diese festgelegte Schwelle wird als Armutsgefährdungsgrenze bezeichnet.7

Das zweite Kapitel widmet sich der Entwicklung des ungarischen ASS nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus im Jahr 1989 und dessen gegenwärtiger Ausgestaltung. Darauf aufbauend wird im dritten Kapitel die relative Armut älte- rer Menschen analysiert. Das vierte Kapitel schließt diese Arbeit mit einem kur- zen Fazit ab.

2. Strukturmerkmale des ungarischen Alterssicherungssystems

Charakteristisch für das staatssozialistische ASS war, neben der zentralstaatlichen Verwaltung und der umlagefinanzierten Ausgestaltung, die umfassende Versor- gung und Absicherung nahezu der gesamten Bevölkerung.8 Der wohlfahrtsstaatli- che Aufbau des ungarischen ASS unterlag jedoch seit Beginn des durch den Zu- sammenbruch des Staatssozialismus ausgelösten Transformationsprozesses im Jahr 1989 häufigen und grundlegenden Reformen.9 Zunächst führte Ungarn im Jahr 1997 ein Drei-Säulen-System ein, dass sich am Mehrsäulenkonzept der Weltbank orientierte.10 Die erste Säule beinhaltete ein obligatorisches, vom Staat verwaltetes, solidarisches Umlageverfahren. Die zweite Säule war ein kapitalge- decktes, beitragsfinanziertes System privater Pensionskassen, das für Berufsein- steiger obligatorisch und für die übrigen Versicherten freiwillig war. Die dritte Säule bestand aus einem optionalen, kapitalgedeckten privaten Sparsystem.11

Im Jahr 2010 wurde das ASS schließlich zu einem Zwei-Säulen-System umstruk- turiert. Das ASS basiert seitdem auf einer obligatorischen, staatlich verwalteten und umlagefinanzierten Pflichtversicherung sowie einem freiwilligen, kapitalge- deckten Sparsystem, welches von zugelassenen privaten Pensionskassen getragen wird. Bis Anfang des Jahres 2011 mussten sich die pflichtversicherten Mitglieder der ersten und zweiten Säule entscheiden, ob sie in der ersten Säule verbleiben oder vollständig in die zweite Säule wechseln wollten.12 Nur knapp drei Prozent der rund drei Millionen Mitglieder entschied sich für die Versicherung im priva- ten Vorsorgesystem,13 da die durchschnittlich erzielte Rendite aus dem privaten Sparsystem seit mehreren Jahren niedriger als die Inflationsrate war.14 Seit dem Jahr 2012 besteht für die Privatversicherten die Verpflichtung zur Zahlung eines 10-prozentigen Rentenbeitrags zur ersten Säule,15 obwohl ihnen daraus keine wei- teren Ansprüche auf eine staatliche Rente zustehen, bis auf die bis zum Austritt aus der ersten Säule erworbenen Ansprüche.16

Im Zuge der Rentenreform wurden das Regelrenteneintrittsalter von 62 auf 65 Jahre bis zum Jahr 2022 angehoben, die Renten an das reale BIP-Wachstum an- gepasst und die 13. Monatsrente abgeschafft.17 Weiterhin gilt als Anspruchskrite- rium für die staatliche Altersrente eine Mindestversicherungszeit von 20 Jahren. Eine Teilrente ist nach 15 Versicherungsjahren möglich. Seit dem Jahr 2013 wer- den die Rentenleistungen zudem besteuert.18 Basis des verdienstabhängigen Ren- tenanspruchs ist daher auch der Brutto- und nicht mehr der Nettolohn.19

Im Bereich der Mindestsicherung hat Ungarn im Jahr 1998 eine staatlich finan- zierte Mindestrente eingeführt,20 die seit dem Jahr 2009 konstant bei 28.500 Fo- rint21 monatlich liegt.22 Frauen können seit Anfang des Jahres 2011 unabhängig von ihrem Alter, wenn sie mindestens 40 Jahre Anwartschaftszeit aufweisen kön- nen, davon mindestens 32 Jahre sozialversicherungspflichtige Erwerbstätigkeit, in den Vorruhestand eintreten. Dazu zählt jede Erwerbstätigkeitsphase und Zeiträu- me in denen Familienleistungen, beispielsweise Mutterschaftsgeld oder Erzie- hungsgeld, bezogen werden.23 Andere Vorruhestandsleistungen sowie Frühverren- tungsmöglichkeiten werden seit Anfang des Jahres 2012 kontinuierlich gekürzt, um die Ausgaben für den Sozialschutz zu reduzieren. Dagegen wurden zeitgleich finanzielle Anreize für Spätverrentungen in Form von Rentenverbesserungen ge- schaffen.24 Invaliditäts- und Erwerbsunfähigkeitsrenten werden seit dem Jahr 2012 nicht mehr gewährt.25

Im Ergebnis der Reform des ungarischen ASS erfolgte eine dauerhafte Übertra- gung von Kapital und Beiträgen der zweiten Säule in die erste Säule. Dadurch konnte vor allem das Haushaltsdefizit verringert werden.26 Durch die Anhebung des Regelrenteneintrittsalters und der geringeren Anpassung aktueller Rentenleis- tungen wurde zudem die langfristige finanzielle Tragfähigkeit des ASS verbes- sert.27

[...]


1 Vgl. Hinrichs und Brosig (2013), S. 11; Europäische Kommission (2012a), S. 426.

2 Vgl. Hinrichs und Brosig (2013), S. 11 f.

3 Vgl. Internationale Vereinigung für soziale Sicherheit (2011).

4 Vgl. Eurostat (2014a).

5 Vgl. Auszug aus der Rede Orbáns zur Lage der Nation in: Budapester Zeitung (2011).

6 Grundlage ist die modifizierte Skala der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), bei der der erste Erwachsene im Haushalt mit 1,0, jeder weitere Erwachse- ne mit 0,5 und jedes Kind unter 14 Jahren mit 0,3 gewichtet wird - vgl. Hauser (2008), S. 126.

7 Vgl. Hauser (2008), S. 125 ff.

8 Vgl. Götting (1998), S. 156.

9 Vgl. Tausz (2008); Matthes (2012).

10 Vgl. Götting (1998), S. 162 f.

11 Vgl. Tausz (2008), S. 318 f.; Europäische Kommission (2013), S. 17.

12 Vgl. Internationale Vereinigung für soziale Sicherheit (2011); Europäische Kommission (2013), S. 4, 17; OECD (2014), S. 377.

13 Vgl. OECD (2014), S. 377.

14 Vgl. Internationale Vereinigung für soziale Sicherheit (2011).

15 Vgl. Europäische Kommission (2014), S. 46.

16 Vgl. Europäische Kommission (2013), S. 4; OECD (2014), S. 41.

17 Vgl. Europäische Kommission (2012b), S. 33 f.

18 Vgl. OECD (2014), S. 41, 151, 376.

19 Vgl. OECD (2014), S. 60.

20 Vgl. Nospickel (2012), S. 114.

21 Am 24.09.2014 entsprachen 28.500 Forint 91,67 Euro - vgl. Währungsrechner (2014).

22 Vgl. OECD (2014), S. 376 f.

23 Vgl. Europäische Kommission (2013), S. 18.

24 Vgl. OECD (2014), S. 377f.; Europäische Kommission (2013), S. 18 f.

25 Vgl. Europäische Kommission (2013), S. 15 ff.

26 Vgl. Hinrichs und Brosig (2013), S. 25.

27 Vgl. Hinrichs und Brosig (2013), S. 24.

Details

Seiten
13
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656857624
ISBN (Buch)
9783656857631
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285484
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Fachbereich Sozialökonomie, Professur für Soziologie insb. Makrosoziologie und Politische Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Europa Wohlfahrtsstaat Ungarn Altersarmut EU

Autor

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