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Gibt es eine weiblich Moral?

Hausarbeit 2010 16 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lawrence Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung
2.1. Kohlbergs Stufenmodell der Moralentwicklung

3. Die Kritik Carol Gilligans
3.1. Carol Gilligans These der weiblichen Moral
3.2. Die Entwicklung der Fürsorge-Moral
3.3. Kritik an Carol Gilligan

4. Fazit

5. Literaturangabe

1. Einleitung

Moral ist die „Gesamtheit akzeptierter und durch Tradition stabilisierter Verhaltensnormen einer Gesellschaft oder Gruppe. Moral nennt man das, was 'man' üblicherweise tut.“ (Honecker 1990, S. 4; Hervorhebung im Original)

„Fragen der Moral sind Fragen des sozialen Miteinanders. Von moralischen Entscheidungen sind immer - direkt oder indirekt - immer auch andere Lebewesen betroffen.“ (Oser & Althof 1994, S.35)

Dabei stehen sich in echten moralischen Entscheidungen Werte gegenüber, die mehr oder minder unvereinbar sind und doch beide von einem selbst vertreten werden. Von ihnen hingegen zu unterscheiden sind Fragen der Klugheit, in denen es darum geht: Wie viel Kraft wende ich auf um dieses oder jenes zu erreichen?

In dieser Arbeit soll die Frage verfolgt werden, ob Frauen und Männer identische moralische Urteile fällen, oder ob Unterschiede hinsichtlich ihrer moralischen Urteilsfähigkeit existieren.

Diese Frage entstand in einem Seminar zum Thema „Theorien der Moralentwicklung“ in dem Kohlbergs Stufenmodell der Moralentwicklung besprochen wurde. Den Graphiken zu seinen empirischen Untersuchungen zur Entwicklung und Begründung moralischer Urteile war zu entnehmen, dass ausschließlich männliche Probanden befragt wurden. Daraufhin fragte ich mich, ob sich bei Befragungen weiblicher Personen andere Ergebnisse hinsichtlich der Verortung im Stufenmodell ergeben würden.

Um dieser Frage nachgehen zu können, werde ich im Folgenden Kohlbergs Stufenmodell der moralischen Entwicklung vorstellen um dann die Frage nach der Existenz einer weiblichen Moral zu stellen.

2. Lawrence Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung

Aufbauend auf Jean Piagets Modell der kognitiven Entwicklung entwarf Lawrence Kohlberg eine Theorie der Entwicklung des moralischen Urteilens. (vgl. ebd. S.41) Er legte Kindern und Jugendlichen eine Reihe von hypothetischen moralischen Konfliktsituationen (Dilemmata) vor und versuchte über die Antworten und deren Begründungen „Aussagen […] über die kognitiven Muster, d.h. die Organisation und die Komplexität der Problemlösungsprozesse und über die Bedingungen von Aufbau, Verwendung und Transformation solcher Urteilsmuster“ zu treffen. (ebd. S.43f; Auslassung: F.H.) Um die moralischen Urteile strukturell zu erfassen und einzuordnen entwickelte Kohlberg ein Stufenmodell der Moralentwicklung.

2.1. Kohlbergs Stufenmodell der Moralentwicklung

Dieses Modell gliedert sich in drei Niveaus, welche sich insgesamt in sechs Stufen aufteilen. Die Stufen entsprechen dabei verschiedenen Stufen einer Entwicklung der kognitiven Prozesse, mit denen ein Mensch moralische Konfliktfälle und Fragen beantwortet. „Entwicklungsstufen sind konzeptuell immer auf ein Modell der Entwicklung bezogen. In der Piaget-Tradition steht der Begriff ‚Stufe‘ für qualitativ unterschiedliche Etappen in der Entwicklung des Denkens. Eine ‚Stufe‘ ist somit nicht einfach identisch mit einer Lebensphase. (ebd.; Hervorhebung im Original) Kohlberg geht davon aus, dass Menschen in ihrer Entwicklung sich die Welt aktiv aneignen und konstruieren (Konstruktivismus). Dies erfordert ein zunehmend komplexeres Denken und „da moralisches Denken natürlich auch Denken ist, hängt fortgeschrittenes moralisches Denken von fortgeschrittenem logischen Denken ab." (Kohlberg & Colby 1986, S.142) Demzufolge ist es dem Kind erst im Laufe seiner Entwicklung hin zum Erwachsenen möglich die eigene moralische Urteilskraft weiter zu entwickeln und in neue Stufen des Kohlbergschen Entwicklungsmodells vorzustoßen. (vgl. Oser & Althof 1994, S.68)

Die Stufen sind aufeinander aufbauend und müssen von jedem Menschen selbst erarbeitet und durchgangen werden um eine höhere zu erreichen. Dabei kann keine Stufe übersprungen werden, sondern eine jede ist Voraussetzung für die nächst folgende, da sie Ergebnis einer Umgestaltung der vorhergehende darstellt. „Die Merkmale der höheren Stufen addieren sich nicht einfach zu denen der niederen, sondern stellen eine Transformation dar.“ (ebd. S.70) Ist eine höhere Stufe erreicht, sind Rückentwicklungen (Regressionen) außer in Fällen geistiger Krankheit oder in der Folge traumatischer Ereignisse bisher nicht beobachtet bzw. erforscht worden. (vgl. ebd. S.69) Zu erforschen ist meinem Wissen nach ebenfalls die Regression auf der moralischen Entwicklungsskala im hohen Alter.

Das Besondere an Kohlbergs Theorie ist der Anspruch, sie „sei universell und unabhängig von sozialen und kulturellen Faktoren.“ (ebd. S.77; Hervorhebung im Original) Interkulturelle Studien belegen diese Universalität, da sich in allen untersuchten Kulturen sämtliche Stufen identifizieren ließen und beobachtet werden konnte, dass sowohl der Aufbau und die Reihenfolge identisch sind, als auch dass dabei keine Stufe übersprungen wird. Unterschiede zeigten sich jedoch hinsichtlich des Zeitpunktes des Übergangs von einer Stufe in die nächst höhere im Vergleich von abgeschiedenen dörflichen Strukturen und der anregungsreichen Umwelt einer städtischen Mittelschichtkultur. Je komplexer und widersprüchlicher die Umwelt ist, desto größer ist die Chance auf Erfahrungen die zum Aufbau höherer Stufen notwendig ist. (vgl. ebd. S.75ff)

Folgende Tabelle fasst die drei Niveaus mit ihren sechs Stufen zusammen und versucht sie Anhand von Definitionen und exemplarischer Maximen zu erklären:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MORALISCHEENTWICKLUNG/KohlbergTabelle.shtml

Kohlbergs Theorie konzentriert sich auf die Gerechtigkeitsaspekte der Moral, da für ihn die Herausforderung in moralischen Entscheidungen „in der Bestimmung, welche Ansprüche der an einer Konfliktsituation Beteiligten als legitim zu betrachten sind und wie die unterschiedlichen Ansprüche, Bedürfnisse und Werte in eine Prioritätenrangfolge zu bringen sind“, liegt. (Oser & Althof 1994, S.47) Kohlberg begründet dies mit folgenden Worten: „Unsere Schwerpunktsetzung bei der moralischen Gerechtigkeit und unser Wunsch, interpersonale Operationen mit der Piagetschen Theorie der kognitiven Operationen zu verbinden, hat uns dahin geführt, die Stufen anhand zunehmend reversibler Operationen zu definieren, die bei der Lösung von Gerechtigkeitsproblemen eingesetzt werden.“ (Kohlberg 1986b, S.486 zitiert nach Oser & Althof 1994, S.47)

3. Die Kritik Carol Gilligans

Die US-amerikanische Psychologin Carol Gilligan, langjährige Mitarbeiterin Kohlbergs und Schülerin von Erik Erikson, steht der Annahme, dass Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung universal und daher auch geschlechtsunspezifisch ist, kritisch gegenüber. Basierend auf Erkenntnissen in der Gender-Forschung die besagen, dass „ ‚Geschlecht‘ als soziales Konstrukt zu verstehen und damit gegen das natürlich Geschlecht ‚sex‘ abzugrenzen“ (Pieper 1998, S.25) ist, behauptet Gilligan, dass „Frauen keineswegs in puncto Moral von einem bestimmten Alter an hinter den Männern zurückbleiben, sondern aufgrund ihrer anders definierten sozialen Rolle ein anderes Verständnis von Moral entwickeln, dessen Logik nicht weniger konsistent ist als die der von Männern favorisierten Moralvorstellung.“ (ebd. S.89f) Sie kritisiert Kohlbergs einseitige Perspektive in seiner Forschung, da in dieser von vornherein Frauen nicht existieren und seine sechs Stufen empirisch auf der Untersuchung von 84 Jungen basieren, die Kohlberg über einen Zeitraum von über 20 Jahren interviewt hat. (vgl. Gilligan 1996, S.28f) So determiniert er sowohl durch die Auswahl der Probanden als auch durch „Interviewtechniken [die] das Frageraster bereits von vornherein auf ihr eigenes, an Gerechtigkeitsfragen ausgerichtetes Verstehensmuster zuschneiden“ (Pieper 1998, S.91f; Einfügungen und Auslassungen: F.H.) die zu beobachtenden Ergebnisse. Dabei folgt er Piaget, in dessen Darstellung „der moralischen Urteilsfähigkeit des Kindes die Mädchen eine Fußnote bilden - eine Kuriosität, der er vier kurze Bemerkungen in einem Index gönnt, in dem ‚Jungen‘ überhaupt nicht vorkommen, weil ‚das Kind‘ automatisch ein Knabe ist.“ (Gilligan 1996, S.28)

„Was Carol Gilligan bemängelt, ist die Selbstverständlichkeit mit welcher Psychologen die moralische Entwicklung von Jungen und Männern verallgemeinern und als die von Kindern und Menschen ausgeben, wobei sich dann nachträglich herausstellt, dass die andere Hälfte der Menschheit bedauerlicherweise weit hinter der Norm zurückbleibt.“ (Pieper 1998, S.92)

Annemarie Pieper verweist sehr passend auf das Sprichwort: „Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es heraus“ und hinterfragt sowohl Kohlbergs Interpretation der Antworten seiner Probanden als auch die Carol Gilligans. (vgl. ebd. S.103f) Ich verweise darüber hinaus auf die konstruktivistische Annahme, dass Forschung durch Einstellungen, Vorannahmen und Perspektiven der Forschenden in ihren Ergebnissen immer determiniert wird und per se subjektiv ist. (vgl. Watzlawick et al. 1981) Die Forschung Kohlbergs scheint hierfür nach der Auffassung Gilligans ein weiteres gelungenes Beispiel dazustellen, denn „die vermeintliche Neutralität der Wissenschaft wie auch der Sprache selbst wird zunehmend durch die Erkenntnis infrage gestellt, dass die Kategorien des Wissens menschliche Konstrukte sind.“ (Gilligan 1996, S.14)

3.1. Carol Gilligans These der weiblichen Moral

Da Kohlberg in seiner Theorie die normativen Bezugspunkte Autonomie und Gerechtigkeit nutzt, wobei Autonomie „als höchste Stufe kognitiv-emotionaler Entwicklung“ und „Gerechtigkeit als höchstes Prinzip moralischer Entwicklung“ (Oser & Althof 1994, S.296) gesehen werden, ist es weiblichen moralischen Urteilen auf der Basis der Fürsorge und Anteilnahme nicht möglich, höher als Stufe drei eingeordnet zu werden. Carol Gilligan kritisiert Kohlbergs Zentrierung auf Autonomie und Gerechtigkeit und plädiert in ihrem Buch „Die andere Stimme“ für eine zweite gleichberechtigte Moralvorstellung: Der Moral der Fürsorglichkeit und Anteilnahme. Ausgehend von den Untersuchungen Kohlbergs an denen sie als Mitarbeiterin mitwirkte und eigenen Untersuchungen konstatiert sie, dass es eine andere, eine weibliche Stimme gibt, die überwiegend aus der Fürsorge- und weniger aus der Gerechtigkeitsperspektive urteilt. (vgl. Pieper 1998, S.95f) Das Urteilen aus dieser Perspektive würde demzufolge erklären, warum Frauen auffallend oft auf der Stufe drei in Kohlbergs Stufenmodell eingestuft werden. (vgl. Gilligan 1996, S.29) Die dritte Stufe wird von Kohlberg als Stufe gegenseitiger interpersoneller Erwartungen, Beziehungen und interpersoneller Konformität definiert. Im Gegensatz zur Gerechtigkeitsmoral die sich auf „Rechte, Regeln und Pflichten“ beruft und „moralische Probleme […] als Konflikte zwischen Ansprüchen von Individuen oder von seiten der Gesellschaft“ sieht, kreist die Moral der Fürsorge und Anteilnahme „um Verantwortung und gegenseitige Abhängigkeit, um Bindung und Gemeinschaft, um Netzwerke von Beziehungen.“ (Oser & Althof 1994, S.296; Auslassung: F.H.) Im Bezug auf moralische Urteile im sogenannten „Heinz-Dilemma“ in dem es verkürzt darum geht, ob ein Mann ein Medikament von einem Apotheker stehlen soll um seine sterbenskranke Frau zu retten, akzeptieren Frauen anders als Männer, welche die Grundkonstellation der angeblich unauflösbaren gegensätzlichen Interessen als gegeben annehmen, diese nicht und hinterfragen die ganze Situation. So fragen sie „beispielsweise: ‚Warum verhält sich der Apotheker so gleichgültig?‘ Sie sehen in dieser Situation einen Menschen, der auf andere nicht eingeht, sich verweigert. Das ist das eigentliche Problem für sie, nicht so sehr die Rechtfertigung für diese oder jene Verhaltensweise.“ (Gilligan 1982, S.22f zitiert nach Oser & Althof 1994, S.295) „Auffallend ist der rote Faden dieser Aussagen, der Wunsch andere nicht zu verletzen und die Hoffnung, dass die Konflikte mit Hilfe der Moral so gelöst werden können, dass niemand verletzt wird.“ (Gilligan 1996, S.84) Daraus schließt Gilligan, dass die weibliche Herangehensweise an moralische Probleme und in ihrer Wahrnehmung nach den Bedürfnissen der Beteiligten fragt und daher eine Moral der Anteilnahme und Fürsorge darstellt.

3.2. Die Entstehung der Fürsorge-Moral

Gilligan stellt bedeutende Unterschiede in der Sozialisation von Mädchen und Jungen fest. Dabei greift sie auf die These von Nancy Chodorow zurück, dass die Erfahrung der unterschiedlichen Bindung bzw. Abgrenzung von der eigenen Mutter eine nachhaltige Bedeutung für kleine Kinder besitzt. (vgl. Oser & Althof 1994, S.298) Jungen grenzen sich in ihrer Entwicklung von der Mutter und dem von ihr repräsentierten Prinzip der Fürsorge ab und bilden eine männliche Geschlechtsidentität aus dem Gefühl des Verschiedenseins von der primären Bezugsperson der Mutter heraus mit dem Ziel der Autonomie und Unabhängigkeit. (vgl. Pieper 1998, S.99f) Mädchen hingegen internalisieren das Modell der Mutter und passen sich dem an, da sowie ihre Mutter, als auch ihre Umwelt sie als Fortsetzung der Mutter betrachten und demzufolge den Weg der Entwicklung vorzeichnen. (vgl. Oser & Althof 1994, S.298)

„Für Jungen und Männer sind Ablösung und Individuation entscheidend an die Geschlechtsidentität gebunden, da die Ablösung von der Mutter die entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung von Männlichkeit ist. Für Mädchen und Frauen hängt die Entwicklung von Weiblichkeit oder weiblicher Identität nicht vom Vollzug der Ablösung von der Mutter oder dem Fortschritt der Individuation ab. Da Männlichkeit durch Ablösung definiert wird, Weiblichkeit hingegen durch Bindung, wird die männliche Geschlechtsidentität durch Intimität bedroht, die weibliche Geschlechtsidentität hingegen durch Trennung. Das Eingebettetsein in soziale Interaktionen und persönliche Beziehungen, das das Leben der Frauen im Gegensatz zu dem der Männer charakterisiert, bleibt jedoch kein rein deskriptiver Unterschied, sondern wird zu einem Handicap für die Persönlichkeitsentwicklung, wenn die Meilensteine der kindlichen und adoleszenten Entwicklung in der psychologischen Literatur Markierungspunkte zunehmender Ablösung sind. Das Unvermögen der Frauen, sich abzulösen, wird dann per definitionem zu einem Unvermögen, sich zu entwickeln.“ (Gilligan 1996, S.17)

Diese Geschlechtsunterschiede tauchen in dem „Schmelztiegel der sozialen Entwicklung“ wie George Herbert Mead (1934) und Jean Piaget (1932) die Spiele von Kindern betrachten wieder auf. (vgl. ebd.) So beobachtete Janet Lever in einer Untersuchung von 181 weißen zehn- bis elf-jährigen Mittelschichtskindern und deren Spielverhalten interessante Unterschiede: Jungen spielten öfters in größeren und altersgemischten Gruppen sowie längere Gruppenspiele, als die Mädchen. Dabei dauerten die Spiele nicht nur länger, weil ein höherer Grad an Geschicklichkeit erfordert war, sondern auch, weil Streitigkeiten, die im Laufe des Spiels entstanden, besser gelöst werden konnten. „Im Laufe dieser Untersuchung sahen wir die Jungen ständig streiten, aber kein einziges Mal wurde ein Spiel wegen eines Streites abgebrochen und kein Spiel wurde länger als sieben Minuten unterbrochen. Bei den hitzigsten Debatten lautete das letzte Wort immer: ‚Wiederholen wir die Runde!‘ gewöhnlich gefolgt von dem Aufschrei: ‚Weil ihr gemogelt habt!‘“ (Lever 1976, S.482 zitiert nach Gilligan 1996, S.18) Die juristischen Debatten wurden von den Jungen ebenso genossen wie das Spiel an sich, wohingegen der Ausbruch von Streitigkeiten in der Regel das Spiel bei den Mädchen beendete. Diese ordneten die Fortsetzung des Spiels der Fortsetzung der Beziehungen unter. (vgl. Gilligan 1996, S.18f) Zu konstatieren ist eine unterschiedliche Entwicklung von Mädchen und Jungen hin zu Bindung oder Autonomie. Diese führt folglich zu unterschiedlichen moralischen Urteilen, da entweder auf der Basis von der Aufrechterhaltung von Beziehungen und dem Wunsch andere nicht verletzen zu wollen oder dem Abwägen von Ansprüchen und Pflichten geurteilt wird.

3.3. Kritik an Carol Gilligan

Gilligan bezeichnet das vergleichsmäßige schlechtere Abschneiden weiblicher moralischer Urteile als „Versagen, sich innerhalb der Grenzen des Kohlbergschen Systems zu entwickeln“ (ebd. S.30) und lastet dies Kohlberg als künstliches Forschungsresultat an. (vgl. Oser & Althof 1994, S.308) Theoretisch ist die Behauptung, „dass Frauen im Durchschnitt auf der Kohlberg- Skala nicht so weit vorankommen wie Männer, dass erstere ihren höchsten Entwicklungsstand meist bei Stufe 3 und letztere bei Stufe 4 haben“ (ebd.) aufgrund der Annahme unterschiedlicher Prioritäten im moralischen Urteilen der beiden Geschlechter belegbar. Praktisch sind ist sie ein Mythos. Zu diesem Schluss kommen jedenfalls Mary Brabeck (1983) und Lawrence Walker (1984, 1986), die eine Literaturübersicht erarbeitet haben, die sich auf insgesamt 152 Stichproben und 10637 UntersuchungsteilnehmerInnen stützt. In 85,5% dieser Stichproben ergaben sich keine signifikanten Differenzen hinsichtlich der moralischen Urteilsfähigkeit. Interessanterweise hingegen bestätigte sich Kohlbergs Theorie, dass die Komplexität der Umgebung Menschen stimuliert und ihnen durch aktives Verarbeiten von Erfahrungen ermöglicht zu einer höheren moralisch Urteilsfähigkeit zu gelangen. Denn schlechter schnitten Frauen meist nur ab, wenn die Daten aus heterogenen Erwachsenengruppen mit unterschiedlichen Niveaus von Ausbildung und Berufstätigkeit stammten. Wurden hingegen homogene Gruppen mit ähnlichen Einflussfaktoren untersucht, also keine Hausfrauen niedrigen Bildungsniveaus mit berufstätigen männlichen Akademikern verglichen, ergaben sich geschlechtsunabhängige Ergebnisse. (vgl. ebd. S.309) Stephen Thoma führte eine ähnlich große Analyse durch und errechnete die Effektgröße des Faktors Geschlecht. Dabei kam in einem Gesamtergebnis heraus, dass ein Geschlechtsunterschied zugunsten der Frauen zu beobachten war. Jedoch war dieser sehr klein und 250-mal kleiner als der Faktor des Alters und des Bildungsstandes. (vgl. ebd. S.310) Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Behauptung systematischer Benachteiligung weiblichen Denkens in Kohlbergs Stufensystem widerlegt und die geringfügig festgestellten Differenzen zugunsten der männlichen Probanden in alle Regel durch den Einfluss sozialer Faktoren bedingt wurden. Gilligan zog mittlerweile ihre Behauptung zurück und erklärte, dass dies nicht ihr wesentlicher Punkt sei. (vgl. ebd. S.310f)

Dieser scheint dagegen die These zweier unterschiedlichen moralischen Orientierungen zu sein. Dabei akzentuieren „beide Stimmen […] unterschiedliche Schwerpunkte: die Gerechtigkeitsmoral setzt mehr auf Entscheidungsregeln, die ‚Moral der Fürsorge‘ kann vor allem in Verbindung mit Begriffen wie Liebe und Altruismus gedacht werden. Beide Sichtweisen haben ihr Recht und ihre Bedeutung. Vom Konzept her schließen sie sich nicht aus.“ (ebd. S.313; Auslassung: F.H.) Sie sind eher ergänzend zueinander zu sehen. Die Frage nach der empirischen Beweislage für die geschlechterbedingte Existenz dieser zwei Stimmen kann nicht bestätigend beantwortet werden. In einer Vielzahl von Studien wurde untersucht, ob Frauen tatsächlich überwiegend aus der Fürsorgeperspektive argumentieren und Männer aus der Gerechtigkeitsperspektive. Dabei wurden keine signifikanten Tendenzen abgeleitet. Jedoch festgestellt werden konnte, dass „wichtiger als das Geschlecht ist für das konkrete moralische Urteil meist die Nähe zu einem Konflikt.“ (ebd. S.320) Widerlegt wurde Carol Gilligan in ihrem Grundanliegen jedoch nicht, dass „in der Beurteilung moralischer Konflikte die Koordinaten verschieden gesetzt, dass unterschiedliche Kriterien angelegt werden können, um zu entscheiden, welches Handeln richtig und verantwortungsvoll ist. Und häufig sind es tatsächlich die Frauen, die daran denken, möglichst niemanden zu verletzen und nicht zuallererst daran, wer in einer Situation welche Rechte hat.“(ebd. S.321)

Abschließend möchte ich Eleanor Maccoby im Hinblick auf Gilligans Untersuchungsmethoden zitieren: „Nur einfach zu zitieren, was einige Frauen gesagt haben, ist nicht genug. Wir müssen wissen, ob das, was da gesagt wurde, spezifisch weiblich oder ob es einfach menschlich ist“ (Greeno & Maccoby 1986, S.315 zitiert nach Oser & Althof 1994, S.322) und mit einer Aussage von Zella Luria enden:

„Wenn es eine Feststellung gibt, die der Öffentlichkeit von denjenigen, die Geschlechterunterschieden untersuchen, klar und laut mitgeteilt werden sollte, dann ist es die, dass die Überschneidung von Messwerten bei Männern und Frauen immer weit größer ist als der Unterschied zwischen diesen Werten, insbesondere wenn es um psychologische Maße geht. Wir sind nicht zwei Spezies, wir sind zwei Geschlechter.“ (Luria 1986, S.318 zitiert nach Oser & Althof 1994, S.322)

4. Fazit

Zusammenfassend kann ich sagen, dass meine Eingangsfrage nach der Existenz einer weiblichen Moral teilweise bestätigend beantwortet werden kann. So scheint es nach bestehender Forschungslage keine eigenständige weibliche Moral zu geben, jedoch eine geschlechterbedingte Gewichtung von Kriterien hinsichtlich der Beurteilung moralischer Probleme. „Im Sinne eines Trends kann man davon ausgehen, dass Frauen eher auf Kriterien der zwischenmenschlichen Verantwortung achten, während Männer eher in Kategorien von Recht und Pflicht denken.“ (Oser & Althof 1994, S.327, Hervorhebungen im Original) Dabei kann festgestellt werden, dass sich beide Perspektiven ergänzen und sich nicht in Konkurrenz zueinander befinden. Annemarie Pieper fordert: „Eine neue Moral, in welcher weder männliche noch weibliche Denk- und Handlungsgewohnheiten zur allgemeinen Regel erhoben werden, sondern gemeinsam anerkannte und als solche wirklich menschliche normative Muster von Kommunikation und Praxis.“ (Pieper 1998, S.115) Oser & Althof beurteilen die Arbeit von Carol Gilligan und die von ihr aufgeworfenen Frage nach der Existenz einer weiblichen Moral mit den Worten: „Die entscheidende Leistung der geschilderten Position liegt somit nicht darin, die Gerechtigkeitsorientierung der Kohlbergschen Moraltheorie ‚widerlegt‘ zu haben, sondern in dem Nachweis, dass eine Stimme nicht ausreicht, um ein vollständiges Bild der moralischen Entwicklung zu entwerfen.“ (Oser & Althof 1994, S.327)

Ich selbst denke, dass es einerseits wichtig ist, Theorien wie die von Lawrence Kohlberg zu hinterfragen und gerade im Hinblick auf die Perspektive aus der geforscht wird, genau nachzufragen, welche diese ist und welches Bild sich dadurch (nur) ergeben kann. Während meiner Recherche zu dieser Arbeit las ich zu Beginn Carol Gilligans Buch „Die andere Stimme“ und pflichtete ihr zu, dass Kohlberg durch die Auswahl seiner Probanden und dem Aufbau seiner Theorie auf dieser Empirie ein sehr einseitiges Bild gezeichnet hat. Ich konnte dem Gedanken sehr gut folgen, dass bei einer Existenz einer anderen als der männlichen und Kohlberg als Vorlage dienenden Moral, moralische Urteile aus dieser anderen Perspektive unpassend in das Kohlbergsche Modell sein können und demzufolge als schlechter bewertet werden, als zum Modell passende Urteile. Annemarie Pieper bestätigte mich in dieser Auffassung mit ihrem Buch „Gibt es eine feministische Ethik?“ und erst das Studium von Oser & Althofs Buch „Moralische Selbstbestimmung“ das Carol Gilligans Thesen auf einen kritischen Prüfstand stellt, ließ in mir die „Erkenntnis“ reifen, dass ich mich von Gilligans plakativen Äußerungen und ihrer einseitigen Empirie verführen ließ. Dadurch, dass sie im Verhältnis zu anderen Studien wesentlich kleinere zur Bekräftigung ihrer These heranzog und ihre Interviews so auswertete, dass eine klare Fürsorgeperspektive ihrer weiblichen Probanden zu erkennen war, wobei durchaus auch Aspekte der Gerechtigkeitsmoral für diese eine große Rolle spielten, habe ich für mich einmal mehr erkannt, dass Forschung und „Wissen“ sehr subjektiv sein kann und immer selektiv ist. Allerdings habe ich auch für mich erkennen können, dass einerseits durch die Sozialisation von Jungen und Mädchen diese sehr stark geprägt werden hinsichtlich ihres künstlichen Geschlechts (gender) und sich daher sehr wohl Unterschiede herausbilden können, diese jedoch größtenteils von der Gesellschaft künstlich erzeugte sind. Demzufolge kann ich für mich festhalten, dass es (mindestens) eine weitere moralische Perspektive gibt - die der Fürsorge - und dass diese bei Frauen in praktischen moralischen Urteilen stärker zu beobachten ist. Ich habe im Laufe dieser Arbeit für mich privat mehrere Freundinnen und Bekannte zu dem Heinz-Dilemma befragt und konnte ähnlich wie Gilligan einen Schwerpunkt in der Problemlösung auf die Beziehungen zwischen den Beteiligten beobachten. Ob dies nun jedoch objektiv beobachtbare Antworten waren kann bezweifelt werden, denn auch ich bin natürlich mit Vorannahmen in diese Befragungen hineingegangen. Abschließend möchte ich noch bemerken, dass auch mir im Rahmen meines Studiums und dem Seminar zu diesem Thema eine Diskussion über die Möglichkeit der Existenz einer (mindestens) zweiten Moral gefehlt hat und hätte diese als sehr bereichernd empfunden. Ich denke, wenn die Theorie Kohlbergs ohne kritische Stimmen dazu vorgestellt wird, besteht die Gefahr, dass die ergänzende Perspektive der Fürsorge unerwähnt und unbeachtet bleibt. Da ich diese jedoch als wichtig erachte, gerade in der Sozialen Arbeit, plädiere ich mit den Worten Oser & Althofs dafür, dass diese integraler Bestandteil einer jeden Diskussion von Kohlbergs Moraltheorie werden: „Fürsorglichkeit und Rücksichtnahme, die Berücksichtigung der kontextuellen Umstände bei moralischen Entscheidungen und der besonderen Bedürfnisse und Verletzlichkeit anderer Menschen sind Aspekte der Moral, die gerade im direkten zwischenmenschlichen Umgang nicht vernachlässigt werden dürfen.“ (ebd. S.329)

5. Literaturangabe

Gilligan, Carol: Die andere Stimme. Lebenskonflikte und Moral der Frau. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1996.

Gilligan, Carol & Brown, Lyn Mikel: Die verlorene Stimme. Wendepunkte in der Entwicklung von Mädchen und Frauen. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1994.

Honecker, Martin: Einführung in die theologische Ethik: Grundlagen und Grundbegriffe. De Gruyter Verlag, Berlin 1990.

Kohlberg, Lawrence & Althof, Wolfgang [Hrsg.]: Die Psychologie der Moralentwicklung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996.

Oser, Fritz & Althof, Wolfgang: Moralische Selbstbestimmung. Modelle der Entwicklung und Erziehung im Wertebereich. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1994.

Pieper, Annemarie: Gibt es eine feministische Ethik? Wilhelm Fink Verlag, München 1998.

Watzlawick, Paul (Hrsg.): Die erfundene Wirklichkeit - Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus. Piper Verlag, München 1991.

http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MORALISCHEENTWICKLUNG/KohlbergTabelle.shtml (zuletzt abgerufen am 29. Juli 2010, 14:07)

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (Buch)
9783656854029
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285370
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH) – Soziale Arbeit
Note
1,3
Schlagworte
Moral Weibliche Kohlberg Carol Gilligan

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Titel: Gibt es eine weiblich Moral?