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Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Eine Beschreibung des Syndroms

Zusammenfassung 2012 10 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Was ist Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit?
1.1 Die Ideologie der Ungleichwertigkeit
1.2 Das Syndrom

2. Die Elemente des GMF-Syndroms

2.1 Zusammenhänge

3. Das Forschungsprojekt

4. Ausgewählte empirische Ergebnisse

Literaturverzeichnis

1. Was ist Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit?

Der Begriff „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (GMF, engl. group-focused enmity) versucht feindselige Einstellungen gegenüber Menschen zu erfassen und systematisieren. (vgl. GMF In: Wikipedia 2012). Dabei bezieht er sich nicht auf ein Feindschaftsverhältnis gegenüber einzelnen Personen, sondern gegenüber Gruppen und deren Mitgliedern. Die Bezeichnung Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit findet Anwendung, wenn Personen aufgrund ihrer gewählten oder zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit als ungleichwertig markiert und abgewertet werden.

Dabei ist die große Spannweite des Begriffs eines seiner besonderen Kennzeichen. Einerseits wird von einer großen Spannweite in dem Sinne der Reichweite der Abwertungen gesprochen. Denn GMF umfasst sowohl die Abwertung von Personengruppen fremder Herkunft, als auch von Menschen gleicher Herkunft, deren Verhaltensweisen oder Lebensstile von der Gesellschaft als normabweichend empfunden werden (vgl. Heitmeyer 2005 In: Berliner Forum Gewaltprävention, S. 6). Andererseits ist der Begriff auch durch eine große Spannweite in dem Sinne geprägt, dass er sowohl negative Stereotype und kognitiv überformte Vorurteile, als auch emotionale soziale Distanzierungen und die Absichten, eine Fremdgruppe zu schädigen, enthält (vgl. Groß; Zick; Krause 2012 In: APuZ 2012, S. 11).

Der Begriff bezeichnet gleichzeitig ein Forschungsprojekt des Institutes für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld, welches seit 2002 über einen Zeitraum von 10 Jahren hinweg hauptsächlich der Frage nachging, wie Menschen unterschiedlicher sozialer, religiöser und ethnischer Herkunft mit verschiedenen Lebensstilen in der deutschen Gesellschaft von der Mehrheit wahrgenommen und mit feindseligen Mentalitäten konfrontiert werden (vgl. Küpper 2010, S. 3).

1.1 Die Ideologie der Ungleichwertigkeit

Nach dem Leiter des Forschungsprojektes zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, Wilhelm Heitmeyer, erkenne man die Qualität einer Gesellschaft vor allem an deren Umgang mit schwachen Gruppen (vgl. Heitmeyer 2005 In: Berliner Forum Gewaltprävention, S. 5). Die Gleichwertigkeit aller Menschen und die Sicherung deren Unversehrtheit gehöre nach Meinung des Forschungsteams zu den zentralen Werten einer demokratischen Gesellschaft (vgl. Groß; Zick; Krause 2012 In: APuZ 2012, S. 11). Dies wird auch im Artikel 3 des Deutschen Grundgesetzes festgehalten, der da lautet:

„Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ (Art. 3 Abs. 3 GG)

Menschenfeindliche Mentalitäten, welche soziale Gruppen abwerten, widersprechen der Norm- und Wertvorstellung von Gleichwertigkeit. Sie stellen die prinzipielle Gleichwertigkeit und Unversehrtheit von Gruppen und ihren Mitgliedern in der Gesellschaft infrage und rechtfertigen eine Ungleichwertigkeit von schwachen Gruppen. Diese Basis der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit wird als die Ideologie der Ungleichwertigkeit bezeichnet, welche den gemeinsamen Kern aller Abwertungen von Gruppen darstellt. Die Ideologie strebt danach soziale Ungleichheit zwischen Gruppen herzustellen und zu stabilisieren. Menschen werden einer ausschließenden Bewertung ausgesetzt, die kategoriale Klassifikationen erzeugen, welche häufig auf unveränderbaren Merkmalen wie Geschlecht oder ethnische Zugehörigkeit beruhen. Auf diese Weise verfolgt die Ideologie der Ungleichwertigkeit die zentrale Funktion Hierarchien, Überlegenheit und Machtpositionen zu sichern und erzeugt dadurch Zuweisungen von subdominanten Statuspositionen schwacher Gruppen und eine anschließend ökonomische Schlechterstellung und materielle Verarmung Statusniedriger. Somit werden undurchlässige Statushierarchien etabliert und soziale Ungleichheit gefestigt. In dem Sinne kann die Ungleichwertigkeit von Gruppen in soziale Ungleichheit transformiert werden. Die Ideologie dient also der Festigung sozialer Hierarchien zwischen Gruppen und der sozialen Ungleichheit, womit eine generelle Abwertung und Diskriminierung schwacher Gruppen legitimiert wird. Diese wird dann im Speziellen erklärt. So wird zum Beispiel Homosexuellen mit dem Argument der „Widernatürlichkeit“ Ungleichwertigkeit gegenüber anderen Gruppen zugeschrieben (vgl. Groß; Zick; Krause 2012 In: APuZ 2012, S. 11-14).

1.2 Das Syndrom

Da der Diskriminierungskomplex der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit sich durch einen gemeinsamen Kern, der gerade beschriebenen Ideologie der Ungleichwertigkeit, auszeichnet, spricht die leitende Forschungsgruppe der Universität Bielefeld dabei von einem Syndrom. Die einzelnen Elemente der Abwertung sind nicht unabhängig voneinander ausgeprägt, sondern in diesem gemeinsamen Kern miteinander verbunden (vgl. Groß; Zick; Krause 2012 In: APuZ 2012, S. 12). Dies konnte erstmals 2002 bewiesen und auch in den folgenden Jahren immer wieder empirisch bestätigt werden (vgl. Heitmeyer 2005 In: Berliner Forum Gewaltprävention, S. 6-7). Das hat zur Folge, dass eine Person, wenn sie der Abwertung einer bestimmten Gruppe zustimmt, mit einer signifikant höheren Wahrscheinlichkeit dazu neigt, auch andere schwache Gruppen zu diskriminieren (vgl. Groß; Zick; Krause 2012 In: APuZ 2012, S. 12). Die Forschergruppe der Universität Bielefeld geht darüber hinaus davon aus, dass das Syndrom der GMF kein Randphänomen, sondern ein von der Gesellschaft weithin geteiltes Meinungsmuster ist (vgl. Groß; Zick; Krause 2012 In: APuZ 2012, S. 12).

2. Die Elemente des GMF-Syndroms

Eine spezifische Gruppe, die Forscher sprechen hier von einem Element, kann dann ein Teil des GMF-Syndroms werden, wenn die Gleichwertigkeit der entsprechenden Gruppe in der Gesellschaft zur Disposition gestellt wird. Es hängt also unter anderem von gesellschaftlichen Entwicklungen ab, welche spezifischen Gruppen zum Syndrom gehören. Die Forscher des IKG zählen aufgrund langjähriger empirischer Analysen seit 2011 zwölf Elemente zu dem GMF-Syndrom, da diese Gruppen über lange Zeit und über verschiedene kulturelle Phasen hinweg Adressaten von Abwertung und Ausgrenzung waren: Fremdenfeindlichkeit, Etabliertenvorrechte, Rassismus, Islamfeindlichkeit, Antisemitismus, Homophobie, Sexismus, die Abwertung von Behinderten, von Langzeitarbeitslosen, von Obdachlosen, von Sinti und Roma und von Asylbewerbern. Diese Auflistung muss jedoch nicht abschließend sein (vgl. Groß; Zick; Krause 2012 In: APuZ 2012, S. 12-13).

Dabei ist mit Fremdenfeindlichkeit jene Abwertung gemeint, die sich gegen Menschen richtet, die subjektiv als ethnisch oder kulturell „fremd“ eingeordnet werden. Es geht bei diesem Element um eine als bedrohlich wahrgenommene kulturelle Differenz (z.B. in Werten und Lebensweisen) und die Konkurrenz um knappe Ressourcen (z.B. um Arbeitsplätze und Wohnraum) (vgl. Küpper 2010, S. 6). Etabliertenvorrechte beschreibt die von Alteingesessenen, gleich welcher Herkunft, beanspruchten Vorzügen, die auf eine Untergrabung gleicher Rechte hinauslaufen und somit gegen den Grundsatz der Gleichwertigkeit Aller verstoßen (vgl. Heitmeyer 2005 In: Berliner Forum Gewaltprävention, S. 6).

Unter dem Element Rassismus ist in dem Zusammenhang mit dem GMF-Syndrom nur die klassische Form von Rassismus gemeint, welche die Abwertung von Menschen aufgrund einer konstruierten „natürlichen“ oder „biologisch fundierten“ Höherwertigkeit der Eigengruppe bzw. Minderwertigkeit einer Fremdgruppe meint (vgl. Küpper 2010, S. 6).

Die Islamfeindlichkeit beschreibt pauschalisierende ablehnende Einstellungen gegenüber Muslimen, ihrer Kultur und ihren öffentlich-politischen, sowie religiösen Aktivitäten (vgl. Küpper 2010, S. 7).

Unter Antisemitismus wird eine feindselige Mentalität gegenüber Juden und ihren Symbolen verstanden. Dabei wird neben dem „klassischen“ Antisemitismus auch Augenmerk auf transformierte Facetten, wie z.B. antisemitische Kritik an Israel, gelegt (vgl. Küpper 2010, S. 6).

Homophobie benennt die feindselige Einstellung gegenüber Homosexuellen aufgrund eines als normabweichend angesehenen sexuellen Verhaltens und damit die einhergehende Verweigerung gleicher Rechte (vgl. Küpper 2010, S. 8). Sexistische Denk- und Verhaltensweisen betonen die Unterschiede zwischen den Geschlechter dahingehend, dass eine Überlegenheit des Mannes demonstriert und eine traditionelle Rollenverteilung zu Lasten der Gleichwertigkeit von Frauen befürwortet wird. Dabei handelt es sich um einen Sonderfall der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, weil es sich nicht, wie bei den anderen Elementen, um die Ungleichwertigkeit einer zahlenmäßigen Minderheit handelt (vgl. Küpper 2010, S. 7). Die Behindertenabwertung umfasst feindselige Einstellungen gegenüber Menschen mit körperlichen oder geistigen Besonderheiten, wodurch sie als normabweichend betrachtet werden (vgl. Küpper 2010, S. 8).

Die Abwertung von Langzeitarbeitslosen wurde im 2007 als weiteres Element des GMF-Syndroms eingeführt und bezeichnet eine abschätzende Mentalität aufgrund mangelnder wirtschaftlicher Nützlichkeit für die Gesellschaft (vgl. Küpper 2010, S. 8). Die ebenfalls erst später als ein einzelnes Element betrachtete Abwertung von Obdachlosen betitelt eine missbilligende Einstellung gegenüber Menschen, die der Normalitätsvorstellung eines geregelten Lebens nicht nachkommen (vgl. Küpper 2010, S. 8).

Die Abwertung von Sinti und Roma wurde erst 2011 in das Syndrom mit aufgenommen und bezeichnet die von Abneigung geprägte Einstellung gegen als „Zigeuner“ wahrgenommene Menschen (vgl. Antiziganismus In: Wikipedia 2012). Die Abwertung von Asylbewerbern wurde ebenfalls erst 2011 mit aufgenommen und benennt eine feindselige Mentalität gegenüber Menschen die in Deutschland um Asyl, also um Aufnahme und Schutz vor politischer oder sonstiger Verfolgung, ersuchen (vgl. Asylbewerber In: Wikipedia 2012).

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Details

Seiten
10
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656854579
ISBN (Buch)
9783656854586
Dateigröße
814 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285225
Note
bestanden
Schlagworte
Migration Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit Vielfalt Soziale Arbeit GMF-Syndrom group-focused enmity

Autor

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Titel: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Eine Beschreibung des Syndroms