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Die deutsche Öffentlichkeit im Zeitalter der Französischen Revolution

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 24 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ein Abriss über die deutsche Gesellschaftsstruktur um 1800
2.1. Deutschland aus französischer Sicht
2.2. Der Dritte Stand - Unterschicht, Bauern, Bürgertum
2.3. Wer konnte wirklich lesen? Der Alphabetisierungsgrad in der deutschen Bevölkerung

3. Die deutsche Öffentlichkeit während der Französischen Revolution
3.1. Eine nähere Begriffsbestimmung - Öffentlichkeit
3.2. Rezipienten der deutschen Zeitschriften und Journale während der Französischen Revolution
3.3. Die Französische Revolution in der deutschen Öffentlichkeit

4. Schlussbetrachtung - Deutschland auf dem Weg zur Nation

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Französische Revolution 1789 bis 1799 hat die Entwicklung Europas nachhaltig beeinflusst. In Frankreich kam es durch die Revolution zu politischen, kulturellen und sozialen Veränderungen. Der absolutistische, feudale Ständestaat wurde durch die Erhebung der Massen zerschlagen und kurzfristig durch hehre Ziele der Aufklärung ersetzt. Die Erschütterungen der französischen Revolution griffen auch auf das europäische Ausland über.

In Deutschland, so scheint es, gab es durch die Französische Revolution keine großen Veränderungen. Zwar gab es einige Aufstände, aber eine Revolution nach französischem Vorbild blieb aus, was unter anderem auf die deutsche Kleinstaaterei zurückzuführen ist. Die folgende Analyse wird der Frage nachgehen, ob und inwieweit ein öffentlicher Raum in Deutschland während der Französischen Revolution existierte und wie dieser die Gegebenheiten in Frankreich in Form von Zeitungen und Zeitschriften rezipierte. Außerdem soll ermittelt werden, warum in Deutschland keine Revolution nach französischem Vorbild entstand.

Dementsprechend wird im ersten Teil der vorliegenden Arbeit die deutsche Gesellschaftsstruktur um 1800 analysiert. Dabei wird vor allem ein Augenmerk auf die Mitglieder des Dritten Standes gelegt, da dieser den Hauptteil der Bevölkerung umfasste. In einem weiteren Schritt soll der Alphabetisierungsgrad der deutschen Bevölkerung herausgearbeitet werden um herauszufinden, ob der „gemeine“ Mann überhaupt in der Lage war Zeitung zu lesen. Im Hauptteil wird der Begriff der Öffentlichkeit näher definiert. Darauf aufbauend wird anhand von Zeitschriften und Zeitungen des späten 18. Jahrhunderts untersucht, an welches Publikum sich die publizierten Texte richteten und wer diese rezipierte. In einem weiteren Schritt wird die deutsche Berichterstattung über die Französische Revolution anhand ausgewählter Zeitschriften- und Zeitungsquellen näher analysiert. Abschließend soll als Ausblick dieser Arbeit die Entstehung eines deutschen Nationalgefühls beleuchtet werden. Die Quellenlage zum Thema ist sehr gut. Viele der Quellen sind durch ihre Digitalisierung gut zugänglich. Zum Thema Deutschland, Öffentlichkeit und das deutsche Pressewesen während der Französischen Revolution sind schon zahlreiche Publikationen erschienen. Viele Publikationen haben dabei einen regionalen Schwerpunkt.1 Ferner gibt es auch zahlreiche Forschungen zur deutschen Gesellschaft um 1800.2

2. Ein Abriss über die deutsche Gesellschaftsstruktur um 1800

2.1. Deutschland aus französischer Sicht

Einen ersten Eindruck über die Beschaffenheit der deutschen Gesellschaft um 1800 erhält man durch den Reisebericht einer Französin über Deutschland. In „D’Allemand“3 beschreibt Anne Germaine de Staël, Tochter des ersten bürgerlichen französischen Finanzministers Jacques Necker, den deutschen Nachbarn während ihrer beiden Deutschland Besuche in den Jahren 1803/4 und 1808.

Der Zeitraum ihrer Reisen bietet sich an, um einige ihrer Erkenntnisse und Eindrücke herauszustellen, auszuwerten und für diese Analyse nützlich zu machen. Nicht minder interessant ist die Tatsache, dass de Staël die Französische Revolution miterlebte. Der zu dieser Zeit in Deutschland vorherrschende und auf Reformen setzende Aufgeklärte Absolutismus ist ein krasser Kontrast zu der Entwicklung Frankreichs, in dem das Volk gegen den absolutistischen Staat aufbegehrte und diesen letztlich zerschlug.

Es muss hierbei bedacht werden, dass die Eindrücke von de Staël einerseits subjektiv, andererseits nationalistisch gefärbt sind. Heinrich Heine war der Auffassung, dass die Autorin in Deutschland nur das gesehen habe, was sie wollte.4 Ferner muss klar gestellt werden, dass die Autorin während ihren Deutschlandreisen nicht der deutschen Sprache mächtig war5, was zu Verständigungsschwierigkeiten und Missverständnissen im Umgang mit der deutschen Bevölkerung geführt hatte. Dementsprechend ist hier eine äußerst kritische Auseinandersetzung und Lesart mit dem Quellenmaterial Pflicht.

Bei der Lektüre fällt schon zu Beginn auf, dass die Autorin den in Deutschland fehlenden gemeinschaftlichen Mittelpunkt der Aufklärung bemängelt. Hier vergleicht de Staël das zentralistische Frankreich mit der dezentralen Kleinstaaterei Deutschlands. „In Frankreich interessiert man sich nur für Paris; und man tut recht daran, denn Paris ist ganz Frankreich.“6 Es mutet zwar richtig an, dass in Deutschland nicht das eine kulturelle Zentrum existierte, wie es Paris für Frankreich war und noch immer ist. Dennoch muss man bedenken, dass im polyzentrischen Deutschland viele kulturelle Zentren existierten. Diese Gegebenheit war dem kulturellen und deutschen Fortschritt keineswegs abträglich, im Gegenteil, wie noch zu belegen sein wird. In diesem Zusammenhang sind unter anderem Frankfurt am Main, Weimar, Leipzig und Berlin als deutsche kulturelle Zentren zu benennen, die die Autorin auch selbst besucht hatte. Allerdings muss hier festgehalten werden, dass sich diese Städte wohl kaum mit Paris zur damaligen Zeit vergleichen lassen, wo sich die Intelligenz sammelte und sich austauschte. Die Aufklärer sind in Deutschland nicht so gut vernetzt wie in Frankreich, wo sich alle in Paris tummeln. In Deutschland stehen die „ausgezeichnetsten Männer“ nur durch ihre Publikationen und Briefe miteinander in Verbindung.

Die Stadt Weimar ist laut der Französin ein Platz der vorzüglichsten Geister. „Zum ersten Male erhielt Deutschland eine literarisch-gelehrte Hauptstadt; doch konnte diese Hauptstadt, da sie sehr klein ist, nur durch ihr literarisches Licht Aufsehen erregen.“7 Zudem hebt de Staël hier die vorhandene Öffentlichkeit in Paris hervor, die Innovationen hervorbringt, während in der deutschen Lokalität der Geist, Weimar in diesem Fall ausgenommen, eingeengt werde.

Für Berlin hat de Staël ebenfalls lobende Worte übrig, sie macht Berlin gar zur Hauptstadt des neuen aufgeklärten Deutschlands. Sie bezeichnet die Stadt als einen Brennpunkt der Aufklärung und des Lichts dessen „Schauspiel in Deutschland kein andres gleich“ kam.8 Außerdem erwähnt sie die Pressefreiheit und das sich entwickelnde Vereinswesen des Bürgertums. Zwar seien die Wissenschaft und die Künste in ihrer Blüte, aber die Trennung zwischen Mann und Frau sei, im Gegensatz zu Frankreich, rückständig. Denn in Frankreich wird laut der Autorin kein Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht.

Darüber hinaus thematisiert de Staël in „Über Deutschland“ wiederholt die Trennung zwischen den Klassen, die sonst nirgendwo anders so hervorstechend sind. Die Trennung zwischen Adel und Bürgertum und dem damit einhergehenden Gegensatz zwischen Militär und Zivilisten lässt sie zu dem Schluss kommen, dass „die Nation minder kriegerisch wurde“.9 Eine Kritik de Stäels an der Scheidewand zwischen Bürgertum und Adel. In Deutschland um 1800 war es nur dem Adel bestimmt, die Offizierslaufbahn in der Armee einzuschlagen. In diesem Umstand meint die Autorin zu erkennen, dass dem Bürger der Sinn für das Militärische abhandenkam. Eine Liebe zum Vaterland und zur Freiheit spricht die Französin den Deutschen ab. Diese Behauptung muss ebenfalls kritisch gesehen werden und entspricht wohl kaum der Wahrheit. Die Tatsache, dass um 1800 nur Adeligen die Offizierslaufbahn offenstand, ist zweifelsfrei richtig. Der Niederlage Deutschlands während der napoleonischen Eroberungskriege liegen andere Ursachen zu Grunde als eine minder kriegerische Nation. Ferner stand ab 1808 durch die preußische Heeresreform auch Bürgern die Offizierslaufbahn offen.

Über das Gesellschaftsbild Deutschlands um 1800 von außen lassen sich hier zusammenfassend einige interessanten Fakten herausfiltern. Für die kultivierte Französin scheint die deutsche Gesellschaft in einigen Belangen als zurückgeblieben und weniger kultiviert erscheinen.10 Das bezog sich vor allem auf die deutsche Öffentlichkeit, die Kommunikation der deutschen Eliten und die Beziehung zwischen Mann und Frau. Insbesondere bemängelt die Autorin das fehlende Zentrum, in dem sich die deutsche Intelligenz sammeln, austauschen und Innovationen hervorbringen kann. In der folgenden Analyse wird zu prüfen sein, ob es in Deutschland um 1800 wirklich nur einen rudimentären öffentlichen Raum aufgrund der polyzentrischen Ausrichtung gab, der die Kritik de Staël stützt.

2.2. Der Dritte Stand - Unterschicht, Bauern, Bürgertum

Im deutschen Flickenteppich aus Königreichen und Herzogtümern bildete der dritte Stand den Großteil der Bevölkerung. Deutschland lässt sich um 1800 als „agricoles Reich“ charakterisieren. Immerhin lebte etwa 90 Prozent der Bevölkerung auf dem flachen Land und das Gros aller Beschäftigten war in der Landwirtschaft tätig.11

Im Aufgeklärten Absolutismus Deutschlands gliederten, ähnlich wie in Frankreich, Stände die Gesellschaft grob in Klerus, Adel und Dritter Stand. Letzterer fächerte sich wiederum unter anderem in Unterschicht, Bauern und Bürgertum auf. Die soziale Mobilität zwischen den Ständen war schwierig. Im Hinblick auf die deutsche Öffentlichkeit während der Französischen Revolution ist eine Analyse der deutschen Gesellschaft unerlässlich. Schließlich muss gefragt werden, wer überhaupt sozial und geistig in der Lage war die Zeitschriftenberichte der damaligen Zeit zu rezipieren.

Die Unterschichten definiert Josef Mooser als eine Gruppe, die weder eine selbstständige, mittelständische Familienexistenz, noch eine Aussicht auf eine solche hatte. Die Gruppe der Unterschichten lässt sich in drei weitere Untergruppierungen auffächern. Dazu gehören Tagelöhner, das Gesinde und Vagierende. Die Menschen der Unterschichten gehörten meist zu unterbürgerlichen und unterbäuerlichen Schichten und waren um 1800 keine Seltenheit. Jedoch ist ihre Zahl im späten 18. Jahrhundert enorm gewachsen.12 Die Bevölkerung verdoppelte sich gemäß Mooser zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert von zwölf auf 24 Millionen. Der Anteil der Unterschichten vergrößerte sich sodann von 30 auf 50 Prozent.

Die unterbäuerlichen Schichten arbeiteten meistens bei Bauern oder Gutsherren und wohnten bei diesen zur Miete. Die Lebensgrundlage dieser Schicht bildeten kleine Acker- und Viehwirtschaften mit der mehr oder minder legalen Nutzung der genossenschaftlichen Ländereien. Der Lohn auf dem lokalen Arbeitsmarkt wurde in Form von Naturalien ausbezahlt.13

Das Gesinde auf dem Land war keine eigene soziale Schicht, sondern eine altersspezifische Teilgruppe der ländlichen Unterschichten. Es handelte sich dabei meistens um unverheiratete, junge Menschen, die das ganze Jahr über als Mägde oder Knechte bei Bauern, Gutsherren oder Bürgern arbeiteten. Das Gesinde in den Städten stellt aufgrund der Arbeitsteilung, der beruflichen Spezialisierung und vollberuflichen Tätigkeit eher eine soziale Schicht dar, konstatiert Mooser.14 Zumal das Gesinde in der Stadt mit 16 bis 20 Prozent häufiger verbreitet war, als das Gesinde auf dem Land mit höchstens zwölf Prozent.

Die Vagierenden, die Menschen, die von Stadt zu Stadt zogen und auf der Straße lebten, bestanden meistens aus entlassenen und desertierten Soldaten, entlassenen Dienstboten sowie Tagelöhnern und Handwerkern. Diese Gruppe konnte bis zu zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Als grundlegendes Merkmal der Unterschichten beschreibt Mooser die Abhängigkeit von lokalen und überlokalen Märkten, die ein lockeres Netz zwischen Dorf und Welt darstellten.15

Die soziale Schicht der Bauern und ihre Tätigkeiten in der Ständegesellschaft lässt sich anhand eines fiktiv geführten Dialoges zwischen Bauer und Städter in der Zeitung Der Volks-Freund16 erschließen. Die Fiktion des Dialogs ist einerseits durch den konstruierten Gesprächsduktus der beiden Gesprächsteilnehmer zu beweisen, andererseits wird der Fronherr zu sehr von seinem leibeigenen Bauer verteidigt, in Schutz genommen und als gütig und weise bezeichnet. Ferner wird das Landleben idyllisch, schön und reichhaltig beschrieben. Dass fiktive Leserbriefe, Dialoge und andere Textgattungen in Zeitungen und Zeitschriften gedruckt wurden, war keine Seltenheit und diente als „unterhaltsame Belehrung“17, was vor allem bei volksaufklärerischen Zeitschriften ab den 1780er Jahren vermehrt verwendet wurde. Der Städter trifft den Bauern bei seiner Arbeit und fragt ihn intensiv und aufdringlich nach seinem Familienstand aus. Auf die Frage des Städters, wie die Familie des Bauers lebt, antwortet dieser: „Sehr gut! Wir haben schönes Brod, schöne Milch und herrliches Obst aus unserem Garten.“18 Hieraus lässt sich folgern, dass die Bauern Selbstversorger waren und von ihrem Angebauten lebten. Wenn die Zeit schlecht sei, so werde man von den Überschüssen der anderen Jahre leben. Auch das feudale System der damaligen Zeit wird in dem Dialog näher erläutert, als der Städter nach den Abgaben des Bauern fragt.

Wir bezahlen sie mit Freuden; wir wissen wohl, alle Menschen können nicht Edelleute seyn; der uns regieret und der unser Richter ist, kann nicht ackern. Sie besorgen das unsrige und wir das ihrige; jeder Stand hat seine Last.19

Dass die Bauern ihre Abgaben mit Freude beglichen, dürfte zweifelhaft sein. Die Antwort zeigt, dass die Bauern das Land ihrer jeweiligen Gutsherren bewirtschafteten und dafür Abgaben in Form von Naturalien oder Geld abgeben mussten. Auf die Frage, was der Gutsherr mache, antwortet der Bauer, dass er sich die Klagen der Bauern anhöre, ihnen bewillige was recht sei, ihre Kinder verheirate und dafür sorgt, dass in keiner Familie Streit herrscht. Dass der Gutsherr in die Heiratspolitik der Familien eingreift ist ein Hinweis auf die Leibeigenschaft der feudalen Ständegesellschaft im späten 18. Jahrhundert. Diese war allerdings nicht mehr so ausgeprägt, wie in den vorangegangenen Jahrhunderten.

Ein weiterer Bericht in Der Volks-Freund, der als Kommentar über die Geschichte des Frondienstes klassifiziert werden kann, geht explizit auf die Leibeigenschaft ein: „Unsere heutigen Bauern, waren in den alten Zeiten, größtenteils deutsche Leibeigene, sie hatten keine eigentliche persönliche Freiheit.“20 Der Schreiber geht dabei auf den geschichtlichen Verlauf ein und zeichnet ein düsteres Bild der Vergangenheit, in dem die Bauern wie Sklaven von ihren Leibeigenen behandelt wurden und deren Willkür ausgesetzt waren. In der Gegenwart sei den Bauern hingegen die Freiheit geschenkt worden aufgrund dessen noch immer Verpflichtungen gegenüber den Gutsherren bestehen. Deshalb relativiert der Verfasser des Kommentars „keine persönliche Freiheit“ mit dem Wort „eigentlich“. In Bezug auf die Leibeigenschaft gab es damals noch keine grundlegenden Reformen, die diese und die damit einhergehenden Pflichten und Lasten abgeschafft haben.

Das Bürgertum lässt sich indes in die drei weiteren Klassen gemeiner Bürger, Gelehrter und Großhändler untergliedern. Ute Frevert bezeichnet das Stadtbürgertum in seiner Arbeitsweise, Lebensführung und seinem politischen Gebaren als traditionsbewusst und traditionsverbunden.21 Das gelte vor allem für die zünftig organisierten Handwerker und Händler. Als Verfechter dieser alten Ordnung bestimmt Frevert die alteingesessenen Handwerker, Kaufleute und Gastwirte, die an wirtschaftlichen und politischen Veränderungen keinerlei Interesse hatten. Diesen Bürgern ging es vorrangig um die Sicherung ihrer Existenz.

Eine andere Gruppierung des Bürgertums, die sich aus Akademikern, Staatsbeamten, Großkaufleuten und Unternehmern zusammensetzte, war für Neuerungen und Innovationen in politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht offen und forcierte diese auch zu einem gewissen Maß. Frevert kommt in ihrer Analyse zu dem Schluss, dass es keine homogene soziale Formation des deutschen Bürgertums vor und nach der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert gab. Das Bildungsbürgertum um Staatsbeamte und Gelehrte schuf sich mittels Zeitungen, Zeitschriften und Vereinen ein eigenes Forum aufgeklärter Kommunikation.22 Der Zusammenschluss brachte einerseits einen unverkennbaren öffentlichen Raum hervor. Das aufkommende Vereinswesen in Deutschland ist andererseits ein Indiz für die rudimentäre Entstehung eines nationalen Verständnisses. Allerdings öffnete sich das bildungsbürgerliche Vereinswesen durch hohe Mitgliedsbeiträge und einem elitären Bildungsgestus nur in Richtung Adel, grenzte sich damit aber gegenüber dem gemeinen Bürgertum ab.

Die Verbürgerlichung der Beamtenschaft ist auch ein Beispiel für die Reformen des Aufgeklärten Absolutismus von oben. Der Staat sorgte seit dem frühen 18. Jahrhundert mit einem staatlich finanzierten und kontrollierten Ausbildungs- und Prüfungswesen für seinen Nachwuchs, der gebildet, effizient orientiert und loyal war. Alle strebten laut Frevert in den Dienst des Staates gestellt zu werden, was zur Folge hatte, dass mehr und mehr eine staatliche Intelligenz entstand.23 Dementsprechend war das Emanzipationsbestreben des deutschen Bürgertums nicht anti-staatlich, wie in Frankreich. Der Staat wurde als potentieller Spender, Garant und Vollender der bürgerlichen Freiheit wahrgenommen. Schließlich verdankte man diesem seinen Aufstieg.

In diesem Zusammenhang ist es interessant und wichtig der Frage nachzugehen, inwieweit die deutsche Gesellschaft um 1800 alphabetisiert war, um in der Analyse feststellen zu können, ob wirklich nur das Bildungsbürgertum in der Lage war Zeitungen und Zeitschriften zu lesen.

2.3. Wer konnte wirklich lesen? Der Alphabetisierungsgrad in der deutschen Bevölkerung

Den tatsächlichen Alphabetisierungsgrad der deutschen Bevölkerung zu ermitteln, gestaltet sich ausgesprochen schwierig und lässt sich nur näherungsweise mit Hilfe der Signierfähigkeit nachweisen.

Als wichtigste Strukturveränderung in der Geschichte verortet Etienne François die fortschreitende Alphabetisierung in seiner Analyse über die „Alphabetisierung und Lesefähigkeit in Deutschland und Frankreich um 1800“. Er macht diese These an der Emanzipierungs-, Individualisierungs-, und Modernisierungsdynamik fest, die für das moderne Europa charakteristisch ist.24 Darüber hinaus macht François den Alphabetisierungsgrad anhand von drei großen Unterschieden fest: Die größte Differenz des Alphabetisierungsgrades liegt zwischen den Geschlechtern. „Die unterschiedliche Signierfähigkeit von Männern und Frauen prägt sich dort besonders aus, wo die Alphabetisierung noch in ihren Anfängen steckt“ und verflachte in Regionen mit zunehmendem Alphabetisierungsgrad.25 Dieser Unterschied sei struktureller Natur und nicht an nationalen oder politischen Begebenheiten festzumachen. Ein zweiter Unterschied lässt sich in der geographischen Lage Deutschlands festmachen. Der Autor macht in Deutschland trotz kritischer Forschungslage ein Ost-West-Gefälle aus. Alles was westlich der Linie Stralsund-Dresden liege, habe einen höheren Alphabetisierungsgrad als der Durchschnitt. Diese Erkenntnis lässt sich durch die Tatsache untermauern, dass auch in Frankreich ein Nord-Süd-Gefälle vorherrsche, bei dem alles nördlich der Linie St. Malo-Genf zu großen Teilen alphabetisiert war. Diese beiden Bereiche „waren Teil eines großen nordeuropäischen Raums mit deutlichem Vorsprung in der Lese- und Schreibfähigkeit“.26 Dies hängt höchst wahrscheinlich mit den Märkten und dem damit einhergehenden, über politische Grenzen hinweg getriebenen Handel zusammen, der in diesem nordeuropäischen Teil stattfand.

Den dritten Unterschied verortet François im sozio-ökonomischen Feld. Demnach hängt der Alphabetisierungsgrad von Vermögen sowie beruflicher Qualifikation des Mannes und dessen Einbindung in lokale Märkte ab. Daraus leitet der Autor drei Phänomene ab, die sowohl in Deutschland, als auch in Frankreich zu beobachten sind: Auffallend ist erstens die unterschiedliche Alphabetisierung in Stadt und Land, die „in den Städten genau in dem Maße höher liegt, in dem diese reicher und in den Markt mit eingebunden sind.“27 Als zweites Phänomen benennt François die Tatsache, dass die Signierfähigkeit in den Städten und auf dem Land weitgehend von der sozialen Hierarchie abhängig war und schwerer ins Gewicht fällt, wenn die sozialen Unterschiede ausgeprägter waren. Drittens ist augenfällig, dass die meisten Handwerker und Kleinhändler, die für den Markt tätig waren, lesen und schreiben konnten.

[...]


1 Z.B.: Albrecht, Peter; Böning, Holger [Hrsg.]: Historische Presse und ihre Leser. Studien zu Zeitungen, Zeitschriften, Intelligenzblätter und Kalendern in Nordwestdeutschland, Bremen 2005.

2 Z.B.: François, Etienne; Berding, Helmut; Ullmann, Hans-Peter: Deutschland und Frankreich im Zeitalter der Französischen Revolution, Frankfurt a.M. 1989.

3 De Staël, Anne Germaine: Über Deutschland. Frankfurt a.M. 1985, S. 26.

4 Vgl. Klessmann, Eckart: Sie hat uns erklärt, in Die Zeit, Nr. 23 vom 08.06.2010, http://www.zeit.de/2010/23/Madamede-Stael , zuletzt gesehen am: 01.07. 2014.

5 Bosse, Monika: Nachwort. Madame de Staël und der deutsche Geist, in: De Staël, Anne Germaine: Über Deutschland. Frankfurt a.M. 1985, S. 828.

6 De Staël, Deutschland, S. 95.

7 De Staël, Deutschland, S. 97f.

8 Ebd., S. 108f.

9 Ebd., S. 28 und 33.

10 Frevert, Ute: „Tatenarm und Gedankenvoll?“ Das Bürgertum in Deutschland 1780-1820, in: François, Etienne; Berding, Helmut; Ullmann, Hans-Peter: Deutschland und Frankreich im Zeitalter der Französischen Revolution, Frankfurt a.M. 1989, S. 283-292, S. 264.

11 Mager, Wolfgang: Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft auf dem Weg in die Moderne, in: a.a.O, S. 55-99, S. 73.

12 Mooser, Josef: Unterschichten in Deutschland. Existenzformen im sozialen Wandel – Emanzipation und Pauperismus, in: a.a.O., S. 317-338, S. 318ff.

13 Vgl. Mooser, Unterschichten, S. 319.

14 Vgl. Ebd., S. 320.

15 Vgl. Ebd., S. 324.

16 Heinsius, Wilhelm [Hrsg.]: Der Volks-Freund. Eine Zeitung für den Handwerker und Landmann, Band 1, Berlin und Leipzig 1794.

17 Böning, Holger: Die „Zeitung für Städte, Flecken und Dörfer, insonderheit für die lieben Landleute alt und jung“ – eine erste erfolgreiche Volkszeitung des 18. Jahrhunderts, in: ders.; Albrecht, Peter: Historische Presse und ihre Leser. Studien zu Zeitungen, Zeitschriften, Intelligenzblätter und Kalender in Nordwestdeutschland, Bremen 2005, S. 179-264, S. 233 Fußnote 11.

18 Der Volks-Freund, Bd. 1, 3. Ausg. 1794, S. 30.

19 Vgl. Der Volks-Freund, Band 1, 3. Ausg., 1794, S. 31.

20 Vgl. Der Volks-Freund, Band 1, 10. Ausg, 1794, S. 141-146, S. 142.

21 Frevert, Bürgertum, S. 268.

22 Vgl. Ebd., S. 271.

23 Vgl. Ebd., S. 269.

24 François, Etienne: Alphabetisierung und Lesefähigkeit in Frankreich und Deutschland um 1800, in: a.a.O., S. 407-425, S. 407f.

25 Ebd., S. 408.

26 Ebd., S. 413.

27 François, Alphabetisierung, S. 409.

Details

Seiten
24
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656854555
ISBN (Buch)
9783656854562
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285218
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Historisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Deutschland Französische Revolution Medien Öffentlichkeit Dritter Stand

Autor

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Titel: Die deutsche Öffentlichkeit im Zeitalter der Französischen Revolution