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Kant als Kompatibilist. Eine Untersuchung der Freiheitsbegriffe Kants unter Einbeziehung der Noumena-Phänomena-Trennung

Hausarbeit 2013 18 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Freiheit vs. Determinismus
Definition von Kompatibilismus

Hauptteil
Kant als Determinist
Transzendentale Freiheit
Praktische Freiheit
Kants zwei Welten: Noumena und Phänomena
Kritik der kant'schen Freiheitskonzeption

Schluss
Fazit

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

Einleitung

Freiheit vs. Determinismus

Die Frage, ob der Mensch tatsächlich einen freien Willen besitzt, ist einer der signifikanten philosophischen Grundfragen, deren Beantwortung ein breites Spektrum an Möglichkeiten aufweist. Interessant ist die Frage nach dem freien Willen besonders dann, wenn man sie in den Kontext der kausalen Determination der sinnlichen Welt bringt. Widerstrebender können diese zwei Pole scheinbar nicht sein. Wie soll der Mensch frei entscheiden können, wenn doch gleichzeitig alles durch die Determination der Welt, in welcher das Ursache- und Wirkungsprinzip herrscht, vorherbestimmt ist? Die Frage nach der Willensfreiheit ist von absoluter Relevanz, schließlich ist davon die gesamte normative Ethik und insbesondere die moralische Verantwortung des Menschen abhängig. Geht man davon aus, der Mensch besitze keinen freien Willen, so kann man auch von keiner wirklichen Schuld sprechen, worunter auch die Legitimation eines jeglichen Rechtssystems leiden würde. Drei mögliche Antworten lassen sich zur Lösung des Widerstreits zwischen Willensfreiheit und kausaler Determination finden. Entweder man gibt den Standpunkt auf, die Welt sei durch Kausalität determiniert (eine Position, die als „Libertarier“ bezeichnet wird), oder man löst sich von der Idee, dass der Mensch tatsächlich Willensfreiheit besitzt (die Position der „harten Deterministen“). Möglich ist jedoch auch der scheinbare Widerspruch, der Weg der „weichen Deterministen“ oder auch „Kompatibilisten“, die sowohl von der Willensfreiheit als auch von der kausalen Determination ausgehen, welche miteinander kompatibel seien.

Meine Arbeit wird sich auf die Philosophie Immanuel Kants (1724 - 1804) fokussieren, um seinen Standpunkt zu dieser Thematik herauszuarbeiten. Die Fragestellung lautet dabei folgendermaßen: Lässt sich Kant unter Einbeziehung des transzendentalen sowie des praktischen Freiheitsbegriffes als Kompatibilist bezeichnen? Meine Hypothese ist, dass Kants Freiheitsphilosophie tatsächlich kompatibilistisch ist, jedoch nur, wenn man seine Trennung zwischen dem Ding-an-sich (Noumena) und dem Erfahrbaren, dem Erscheinen des Dinges in der natürlichen Welt (Phänomena) auf den Menschen bezieht und anwendet. Aus diesem Grund wird jene Trennung zwischen Noumena und Phänomena im Mittelpunkt der Arbeit stehen. Zunächst soll jedoch untersucht werden, was Kant meint, wenn er von transzendentaler sowie praktischer Freiheit spricht. Abschließend sollen die Erkenntnisse gesammelt und ein Fazit gefasst werden, welches sich auf meine These sowie Fragestellung bezieht. Als Primärquellen werde ich für die Arbeit die Kritik der reinen Vernunft [1] (dabei im Besonderen die „Dritte Antinomie“) sowie die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten [2] verwenden. Im Bereich der Sekundärliteratur gilt es besonders den Text Kant's Critical Account of Freedom [3] von Andrews Reath hervorzuheben, welcher sich, wenn auch nicht mit dem selben Fokus auf den Kompatibilismus, mit der selben Thematik auseinandersetzt. Bevor der Hauptteil der Arbeit mit der Auseinandersetzung des Begriffes der transzendentalen Freiheit beginnen kann, gilt es, eine genauere Definition des Kompatibilismus zu liefern, um später auch die Frage richtig beantworten zu können, ob Kant sich nun als Vertreter dieser Theorie bezeichnen lässt oder nicht.

Definition von Kompatibilismus

Die klassische Definition von Kompatibilismus lautet folgendermaßen: „Compatibilism is the thesis that free will is compatible with determinism. Because free will is typically taken to be a necessary condition of moral responsibility, compatibilism is sometimes expressed in terms of a compatibility between moral responsibility and determinism.“[4] Dies bedeutet also, dass ein Kompatibilist der Meinung ist, dass es Freiheit, sprich einen freien Willen, gibt und dass die Tatsache, dass der kausale Determinismus wahr ist, daran nichts ändert. Was aber genau ist der kausale Determinismus? Dieser besagt, dass die Welt durch das Ursache- und Wirkungsprinzip vorherbestimmt ist. Jedes Geschehen beruht dabei notwendigerweise auf vorherigen Geschehnissen unter den Bedingungen der Naturgesetze. Nun zum zweiten Punkt, welcher für den Kompatibilismus oder auch weichen Determinismus konstituierend ist: Menschliche Freiheit. Hierbei muss man die Unterscheidung von Handlungsfreiheit sowie Willensfreiheit beachten. Bei Ersterem ist der Mensch in seinem Handeln frei, wenn er genau dies tun kann, was er will. Dieser ist eindeutig mit dem Determinismus vereinbar, schließlich sagt die Tatsache, dass ich jederzeit handeln kann, wie ich will, nichts darüber aus, ob dieser Wille wirklich frei ist, also nicht von rein äußeren Einflüssen durch Kausalität der Naturgesetze beeinflusst wurde. Die Willensfreiheit hingegen bezieht sich auf das Wollen des Menschen: Dieser ist nur frei, wenn er die Fähigkeit besitzt, seinen Willen zu bestimmen, also zu entscheiden, welche seiner Wünsche und

Überzeugungen tatsächlich handlungswirksam werden sollen. Um also beweisen zu können, dass Kant ein Kompatibilist ist, muss gezeigt werden, dass er in seiner Philosophie sowohl ein Determinist, als auch ein Vertreter der Idee, dass der Mensch Handlungs- und Willensfreiheit besitzt, ist.

Es soll jedoch auch betont werden, dass diese Arbeit nicht der Versuch sein soll, Kant auf Biegen und Brechen als Kompatibilist zu kategorisieren. Trotz allem ist dies ein moderner Begriff, um dessen Auslegung es unter heutigen Philosophen eine weitreichende Debatte gibt.[5] Ich möchte den Begriff eher als Folie im Sinne eines Idealtypus' verwenden, um mir auf solchem Wege einen bestimmten Zugang mit geordnetem Blickwinkel zu Kants Philosophie der Freiheit zu verschaffen.

Hauptteil

Kant als Determinist

Bevor man sich mit der komplizierten Komponente der Freiheit in der kant'schen Philosophie beschäftigt, soll zunächst gezeigt werden, ob Kant von einem kausalen Determinismus ausgeht, da dies eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingungen für den Kompatibilismus ist. Hier lohnt es sich, einen kurzen Blick auf die gesamte Idee der theoretischen Philosophie Kants zu werfen. „Das ist nun seine Transzendentalphilosophie; die Untersuchung nicht von Gegenständen an sich, sondern, die Untersuchung der menschlichen Erkenntnisart hinsichtlich der Erscheinungen der Gegenstände.“ [6] Für diese Untersuchung trennt Kant die Welt in zwei Kategorien: Die Welt der Dinge-an-sich, genannt „Noumena“, sowie die Welt der Erscheinungen, die „Phänomena“. Zweitere ist jene Welt, wie wir sie empirisch erfahren können, also die sinnliche Welt. Die Dinge-an-sich stehen außerhalb von Raum und Zeit und tatsächliches Wissen über sie ist für Menschen nicht möglich. Dennoch rufen Noumena Anschauungen hervor, die der Mensch mit Hilfe des Verstandes anhand der Anschauungsformen Raum und Zeit sowie 12 weiterer Kategorien so strukturiert, dass man zu erfahrbaren Gegenständen, also Phänomena, gelangt. Diese sinnlich­erfahrbare Welt steht für Kant unter den Naturgesetzen, also der Kausalität.

„Das Naturgesetz, daß alles, was geschieht, eine Ursache habe, daß die Kausalität dieser Ursache, d.i. die Handlung, da sie in der Zeit vorhergeht und in Betracht einer Wirkung, die da entstanden, selbst nicht immer gewesen sein kann, sondern geschehen sein muß, auch ihre Ursache unter den Erscheinungen habe, dadurch sie bestimmt wird, und daß folglich alle Begebenheiten in einer Naturordnung empirisch bestimmt sind; dieses Gesetz [...] ist ein Verstandesgesetz, von welchem es unter keinem Vorwande erlaubt ist abzugehen, oder irgend eine Erscheinung davon auszunehmen; [.. ,].“[7]

Folglich lässt sich sich folgendes Fazit ziehen: Was die Welt der Erscheinungen betrifft, so unterliegt sie strikten Gesetzen der Natur und ist somit kausal determiniert. Die erste notwendige Bedingung für den Kompatibilismus ist also gegeben. Dies bedeutet, dass nun die Freiheit in den Fokus rücken wird. Zunächst soll hierbei die „transzendentale Freiheit“ untersucht werden, die ebenso wie die Determination durch Naturgesetze eine Art der Kausalität darstellt.

[...]


[1] Kant, Immanuel, Kritik der reinen Vernunft, Hrsg. von Wilhelm Weischedel, Frankfurt a. Main, 1997, in Folge „KrV“ genannt.

[2] Kant, Immanuel, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Hrsg. von Wilhelm Weischedel, Frankfurt a. Main, 1997, in Folge „GMS“ genannt.

[3] Reath, Andrews, Kant's Critical Account of Freedom, in A Companion to Kant, New Jersey, 2010, in Folge „Reath (2010)“ genannt.

[4] McKenna, Michael, "Compatibilism", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2009 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL = <http://plato.stanford.edu/archives/win2009/entries/compatibihsm/>.

[5] Ebd.

[6] Hirschberger, Johannes, Kleine Philosophigeschichte, Freiburg, 1992, S. 143

[7] KrV, A542/B570

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656853473
ISBN (Buch)
9783656853480
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285086
Institution / Hochschule
Universitetet i Bergen
Note
1,0
Schlagworte
kant kompatibilist eine untersuchung freiheitsbegriffe kants einbeziehung noumena-phänomena-trennung

Autor

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