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Die Arisierung in Wittlich. Wie eine jüdische Gemeinde verschwindet

Hausarbeit 2014 17 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund
2.1. Boykott jüdischer Geschäfte
2.2. Reichspogromnacht
2.3. Deportation und Völkermord

3. Geschichte Wittlicher Juden
3.1. Familie Bender
3.2. Familie Wolff
3.3. Familie Frank

4. Jüdische Stätten in Wittlich
4.1. Synagoge
4.2. Deportationshäuser

5. Fazit

6. Quellen

1. Einleitung

Der Nationalsozialismus ist das wohl am besten dokumentierte historische Ereignis der vergangenen Jahrhunderte. Und dies vollkommen zu Recht, denn nichts ist für das deutsche Volk wichtiger als die Aufklärungsarbeit über die furchtbaren Taten der Nationalsozialisten und allen anderen, die darin verwickelt waren. „Mindestens sechs Millionen Menschen aus vielen Nationen wurden planmäßig ermordet, weil sie Juden waren.“[1] Hinzu kommen Opfer unter den Sinti und Roma, welche die geistig oder körperlich behindert sind, als asozial betitelte und andere Menschen, die den Nationalsozialisten nicht gepasst haben oder deren Blut nicht deutsch oder rein genug war.

Nun stellt sich die Frage, welche Ausmaße das Regime in den kleineren Städten und Regionen annahm. In diesem Fall handelt es sich um die etwa 18.000 Einwohner starke Stadt Wittlich im Landkreis Bernkastel-Wittlich. Vor 1933 gab es dort eine blühende jüdische Gemeinde. Doch was geschah während des nationalsozialistischen Regimes und nach dem Zweiten Weltkrieg mit der jüdischen Bevölkerung in Wittlich? Diese Frage soll im Laufe dieser Arbeit beantwortet werden.

Zunächst wird der historische Hintergrund kurz in Augenschein genommen, wobei das volle schreckliche Ausmaß des nationalsozialistischen Regimes im Umfang dieser Arbeit nicht dargestellt werden kann. Es wird sich daher auf wenige einschneidende Ereignisse bezogen, um ein späteres Nachvollziehen der Erlebnisse der jüdischen Gemeinde in Wittlich zu gewährleisten. Denn anschließend an Hintergrundinformationen zur Judenverfolgung während des Nationalsozialismus wird die Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Wittlich betrachtet. Nach der Darstellung dreier Beispiele für jüdische Familien werden im Anschluss jüdische Stätten in Wittlich und deren Besonderheiten erläutert.

2. Historischer Hintergrund

Antisemitismus diente den Nationalsozialisten als Erklärungsmuster für alles nationale, soziale und wirtschaftliche Unglück, das die Deutschen seit dem verlorenen Ersten Weltkrieg erlitten hatten, und Antisemitismus war das Schwungrad, mit dem Hitler seine Anhänger in Bewegung brachte. [2]

Die Taten der Nationalsozialisten sind in keinerlei Hinsicht nachzuvollziehen. Sie müssen auch in Ihrer grausamen Komplexität nicht näher erläutert werden. Um jedoch einen kurzen Überblick über Ereignisse zu geben, die in der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Wittlich eine stärkere Rolle spielen, werden im Folgenden wenige Taten des nationalsozialistischen Regimes in aller Kürze erläutert.

2.1. Boykott jüdischer Geschäfte

Ein Höhepunkt des nationalsozialistischen Regimes war der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933. Kritik ausländischer Medien an Hitlers Regierung brachte diesen dazu Großbritannien und den USA ein Ultimatum zu stellen: Die antideutschen Proteste sollten gestoppt werden. Trotzdessen, dass die USA und Großbritannien sich dazu bereit erklärt haben eine entsprechende Erklärung abzugeben, um Hitler zu besänftigen, brachte dieser in Form von Propaganda das Gerücht in Umlauf, dass die jüdische Bevölkerung einen Boykott der deutschen Geschäfte geplant hat. Dies wurde als Grund dafür genutzt die jüdischen Geschäfte zu boykottieren. Den Beschluss zum Boykott, einer als defensiv deklarierte Maßnahme, fasste das „Zentralkomitee zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze“ unter Julius Streicher[3] und zu boykottieren seien „jüdische Geschäfte, Unternehmen, Arztpraxen und Anwaltskanzleien.“[4] SA-Männer hielten den Passanten Transparente mit „Deutsche, wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“ entgegen und versuchten sie daran zu hindern, die Läden der jüdischen Mitbürger zu betreten, was jedoch nicht sehr erfolgreich war, da es noch einige solidarische Kunden gab, die sich davon nicht beeindrucken ließen.[5]

[…] der Boykott jüdischer Geschäfte bot den nationalsozialistischen Aktivisten in der Provinz eine Politikarena, in der sich sowohl scharfe antisemitische Grenzlinien ziehen als auch die nicht-jüdischen Deutschen zur „Volksgemeinschaft“ formieren ließen. [6]

Als Intensivierung dieses Boykotts fingen die Täter an „die Kunden beim Betreten der Geschäfte zu fotografieren und die Aufnahmen, häufig mit vollem Namen und Anschrift, in […] Kästen zu veröffentlichen.“[7] Trotz all dieser Maßnahmen musste der Boykott aufgrund von „außenpolitischen und ökonomischen Gründen schon am 3. April abgebrochen werden, aber auch wegen der geringen Resonanz, die er im Publikum fand.“[8]

2.2. Reichspogromnacht

Der 9. November 1938 markiert den Umschlag staatlichen Handelns von legislativer und administrativer Diskriminierung der jüdischen Minderheit zur brachialen Gewalt. [9]

Der gerade einmal 17 Jahre alte Herschel Grünspan verübte in Paris zwei Tage zuvor ein Attentat auf einen Beamten der deutschen Botschaft, Ernst vom Rath. Als dieser am 9. November seinen Verletzungen erlag, nahmen die Nationalsozialisten dies als Vorwand, um den Pogrom zu inszenieren.[10] Im ganzen Land wurden Synagogen in Brand gesteckt, Schaufenster eingeschlagen und Geschäfte und private Häuser jüdischer Mitmenschen verwüstet und zerstört. „Der Pogrom war offensichtlich für nicht wenige Ventil für Mord- und Zerstörungslust, die jetzt öffentlich […] ausgelebt wurde.“[11] Feuerwehren war es verboten brennende Synagogen mit Wasser zu löschen, sondern sie sollten lediglich alle umliegenden, nicht-jüdischen Häuser vor dem Feuer schützen. Es handelte sich jedoch nicht ausschließlich um Männer der SA oder SS. Auch Parteimitglieder, Nachbarn, Mitbürger und sogar Frauen und Kinder, beziehungsweise Jugendliche beteiligten sich am Vandalismus und der Brutalität gegenüber den jüdischen Mitbürgern. Doch nicht nur die Geschäfte und die Habseligkeiten der Juden wurden zerstört; die Besitzer wurden zusammengeschlagen, missbraucht und sogar ermordet.

Auf offener Straße wurden zahlreiche Menschen buchstäblich zu Tode geprügelt. Es gibt bis heute keine genauen Zahlen über das ganze Ausmaß der Zerstörungen, Plünderungen, Vergewaltigungen, Körperverletzungen und Ermordungen in diesen Tagen. [12]

2.3. Deportation und Völkermord

Am 20. Januar 1942 fand die sogenannte Wannsee-Konferenz mit hochrangigen Persönlichkeiten des nationalsozialistischen Regimes statt. Es heißt, dort wurde die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen, doch war dies schon lange vorher der Fall gewesen, ohne eine genaue Strategie. Diese wurde nun beschlossen und somit der „Massenmord als Instrument akzeptiert.“[13] Nun kamen jedoch Fragen nach den „Mischlingen“, Frauen und Kindern auf. Sollten nur die Männer Opfer werden? Himmler hat im Oktober 1943 wie folgt darauf reagiert:

Der Satz, die Juden müssen ausgerottet werden, mit seinen wenigen Worten, meine Herren, ist leicht ausgesprochen. Für den, der durchführen muß, was er fordert, ist es das Allerhärteste und Schwerste, was es gibt… Es trag an uns die Frage heran: Wie ist es mit den Frauen und Kindern? Ich habe mich entschlossen, auch hier eine ganz klare Lösung zu finden. Ich hielt mich nämlich nicht für berechtigt, die Männer auszurotten – sprich also, umzubringen oder umbringen zu lassen – und die Rächer in Gestalt der Kinder für unsere Söhne und Enkel groß werden zu lassen. Es mußte der schwere Entschluß gefaßt werden, dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen. [14]

Das Ende hat also seinen Anfang genommen. Juden und auch andere unerwünschte Volksgruppen wurden in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert und zum größten Teil entkamen sie diesen nicht mehr lebendig. Im September 1941 erprobte man in Auschwitz ein Entwesungsmittel, welches so gut funktionierte, dass Gaskammern und Krematorien gebaut wurden, „in denen die Tötung von Menschen und die Verbrennung ihrer Leichen wie in einem Industriebetrieb vollzogen wurde.“[15] Die Vernichtung europäischer Juden wurde somit „zur schrecklichen Wirklichkeit der Massendeportationen und millionenfachen Mordaktionen.“[16]

3. Geschichte Wittlicher Juden

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Wittlich geht bis in das 14. Jahrhundert zurück. Jedoch existierte diese erste kleine Ansiedlung der jüdischen Bevölkerung durch die Judenverfolgung und die Judenpogrome, die zur Zeit der Pest stattfanden, nur bis 1349.[17] Erst drei Jahrhunderte später, „in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts“[18], kehrte die jüdische Bevölkerung nach Wittlich zurück, „entwickelte sich schnell und wurde zu einer für die Entwicklung der Stadt Wittlich bedeutenden Gruppe.“[19] Rund vier bis sechs Prozent der Wittlicher Bevölkerung waren seither jüdisch und einige jüdische Männer haben im ersten Weltkrieg mit ihren nicht-jüdischen Kameraden gekämpft und ihr Leben gelassen.[20] Mit dem Beginn der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland wurde auch der jüdische Anteil an der Wittlicher Bevölkerung permanent geringer. Den Beginn der Vertreibung der jüdischen Gemeinde markiert der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933. Während des Novemberpogroms 1938 mussten des Weiteren viele jüdische Familien die Verwüstung ihrer Wohnungen und der Synagoge mit ansehen und bis zum Jahr 1938 ist die Zahl des jüdischen Bevölkerungsanteils „um 70 % durch Aus- und Abwanderung auf 86 Personen zurück“[21] gegangen. Im Jahr 1942 erlosch die jüdische Gemeinde in Wittlich durch die Deportation der verbliebenen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.[22] Anhand dreier Beispiele möchte ich nun im Folgenden aufweisen, welche Auswirkungen das Regime der Nationalsozialisten auf die jüdische Bevölkerung in Wittlich hatte und wie die einzelnen Familien dies erlebt haben. Aus jeder der folgenden Familien ist mindestens ein Mitglied in der Zeit des Nationalsozialismus ums Leben gekommen.

[...]


[1] Benz, Wolfgang: Geschichte des Dritten Reiches, München 2000, S. 177

[2] Benz, Wolfgang: Geschichte des Dritten Reiches, S. 102

[3] Vgl. ebd. 107

[4] Ebd. 25

[5] Benz, Wolfgang: Geschichte des Dritten Reiches, S. 25

[6] Wildt, Michael: Verfolgung, in: Informationen zur politischen Bildung. Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft, 50:314 (2012), S. 64-79 (69)

[7] Ebd. 70

[8] Benz, Wolfgang: Geschichte des Dritten Reiches, S. 25

[9] Ebd. 112

[10] Vgl. ebd.

[11] Benz, Wolfgang: Geschichte des Dritten Reiches, S. 112

[12] Wildt, Michael: Verfolgung, S. 78

[13] Wildt, Michael: Massenmord und Holocaust, in: Informationen zur politischen Bildung: Nationalsozialismus: Krieg und Holocaust, 50:316 (2012), S. 42-43 (43)

[14] Benz, Wolfgang: Geschichte des Dritten Reiches, S. 170-171

[15] Ebd. 175

[16] Thamer, Hans-Ulrich: Das Dritte Reich im Zweiten Weltkrieg, in: Informationen zur politischen Bildung: Nationalsozialismus II. Führerstaat und Vernichtungskrieg, 38:266 (2000), S. 47-63 (57)

[17] Vgl. Stadt Wittlich: Auf den Spuren der Jüdischen Vergangenheit. Ein Rundgang durch Wittlich und zum Friedhof „Judenbüsch“, http://www.wittlich.de/historie/jv/jv-main.htm (aufgerufen am 28.01.2014)

[18] Ebd.

[19] Ebd.

[20] Vgl. ebd.

[21] Stadt Wittlich: Auf den Spuren der Jüdischen Vergangenheit

[22] Stadt Wittlich: Jüdisches Leben in Wittlich, http://www.wittlich.de/historie/jv/leben.htm (aufgerufen am 27.03.14)

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668104488
ISBN (Buch)
9783668104495
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285040
Institution / Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Note
2,0
Schlagworte
arisierung wittlich gemeinde

Autor

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Titel: Die Arisierung in Wittlich. Wie eine jüdische Gemeinde verschwindet