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Analyse und Darstellung des Bruderkonfliktes im Sturm und Drang anhand des Werkes "Die Räuber" von Friedrich Schiller

Hausarbeit 2013 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Räuber – ein typisches Werk des Sturm und Drang?

3. Der Bruderkonflikt zwischen Franz und Karl als Prämisse der Handlung
3.1 Franz von Moor – der „hölzerne Alltagsmensch“
3.2 Karl von Moor – der „feurige Geist“
3.3 Die „ähnlich-unähnlichen“ Brüder – Parallelität zwischen Karl und Franz
3.4 Die Entfaltung des Konflikts – „Dialektik der Extreme“

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Türe. Es war eine allgemeine Auflösung, wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht!“1

Dieser Augenzeugenbericht der Uraufführung von Schillers „Räubern“ am 13. Januar 1782 in Mannheim lässt erahnen, welche immense Wirkung das Stück auf sein Publikum hatte. Die Menschen lieben das Stück, welches in fünf Akten rasant die tragische Geschichte des alten Grafen Moor und seiner beiden Söhne Franz und Karl erzählt. Zur Vorlage seines Stückes diente Schiller wahrscheinlich C.F.D. Schubarts Erzählung Zur Geschichte des menschlichen Herzens, die 1775 im Schwäbischen Magazin veröffentlicht wurde.2

Das konfliktbefangene Verhältnis der beiden Brüder soll auch das Thema dieser Arbeit sein, in welcher der Bruderhass als typische, beliebte Handlungsexposition des Sturm und Drang an ihrem Beispiel untersucht wird. Die konträren und dennoch in einigen Punkten analogen Charaktere des jüngeren Bruders Franz und seines älteren Bruders Karl bilden die Grundlage für den Konflikt der zwischen ihnen besteht und der gleichzeitig den Handlungskonflikt des Dramas ausmacht.

Zunächst gilt es zu klären, ob man sich der Räuber, erstmals 1781 veröffentlicht, überhaupt als Drama des Sturm und Drang annehmen kann. Weiterhin sollen die beiden Protagonisten genauer charakterisiert werden, um anschließend auf deren Konflikt als Prämisse der Handlung einzugehen. Dabei sollen sowohl die Ursachen, die Entfaltung sowie das katastrophale Ende des Bruderkonfliktes zwischen Karl und Franz diskutiert werden.

2. Die Räuber – ein typisches Werk des Sturm und Drang?

Die Stürmer und Dränger reagierten auf die Missstimmung der Gesellschaft um 1770 mit der Hochschätzung der eigenen Individualität. Die Kritik an Politik, Gesellschaft, Kultur, insbesondere der Dichtkunst, sollte aktiv umgesetzt werden, das unübertroffene Genie hilft sich aus sich selbst heraus und handelt nach seiner eigene Maxime. Ihre Werke sind bestimmt durch die Suche nach dem gewissen Funken, der dem Individuum göttliche Gleichheit verschafft. Die jungen Autoren lehnen sich gegen beziehungslose, anonyme Begegnungen des zeitgemäßen Lebens auf, die sie ursächlich dafür verantwortlich machen, dass der Mensch unfähig zu individuellem Handeln ist. Sie sprechen sich gegen die fortschreitende Modernisierung der Gesellschaft und sehen in der Vergangenheit ihr Ideal menschlichen Handelns verankert: eine modifizierende Beeinflussung der Gesellschaft durch die eigenen Taten und die Formung eines eigenen Charakters.3

Rein chronologisch und generationsbezogen betrachtet, ist das Debüt des jungen Schiller nicht mehr in die Strömung des Sturm und Drang einzuordnen.4 Diese Ansicht ergänzen mitunter die Argumente, dass beispielsweise die Schauplätze des Stückes, wie „Gegend an der Donau“5 sich nicht derart exakt bestimmen lassen wie dies etwa bei Goethes Götz der Fall ist. Auch führen die einzelnen Szenen kein selbstständiges Dasein, sondern ergeben nur im ganzen Kontext des Stückes Sinn. Dies entspricht wiederum nicht der Shakespeareschen Methode des „Raritätenkasten“, an der sich typische Stürmer und Dränger wie der junge Goethe bei seinem Götz orientierten.6

In meiner Betrachtung teile ich die Auffassung Christoph Jürgensens, dass sich das Drama durchaus als Text der Strömung des Sturm und Drang versteht. Der Autor knüpft sowohl thematisch als auch stilistisch, wenn auch radikalisierend, an programmatische Werke wie Klingers Bruder-Drama Die Zwillinge an, was anhand einiger Punkte belegt werden kann.7

Die beiden Protagonisten Karl und Franz von Moor sind typische Charaktere des Sturm und Drang. Karls rebellisches und revolutionäres Potential macht ihn zu einem prototypischen „Kraftkerl“8 der Strömung, während Franz dieser mit seinem „Originalwerk“9 Rechnung trägt. Weiterhin wahrt Die Räuber wie andere Sturm-und- Drang-Dramen weder die von Gottsched auferlegte Einheit des Ortes, noch der Zeit und der Handlung und bricht daher mit bis dato regelhaften poetischen Konventionen. Die Plätze des Schauspiels wechseln von einem Gasthaus am Rand von Sachsen zwischen Räumen im Moorschen Schloss zu verschiedenen Orten in der Natur, des Weiteren erstreckt sich das Drama über etwa fünfzehn Monate. Unterbrechungen der Handlung finden sich beispielsweise zwischen den Aktionen der Räuberbande.

Die gefühlsbetonte Sprache des Dramas vermittelt dem Zuschauer ein Bild der Leidenschaft und des Pathos. Literarische Mittel zur besonderen Hervorhebung von Gefühlen und Emotionen wie Interjektionen, Inversionen und Akkumulationen sind ebenfalls typisch für den Ausdruck der Strömung des späten 18. Jahrhunderts. Ein weiteres Detail, in dem sich Elemente des Sturm und Drang widerspiegeln, ist die fünfte Szene des vierten Aktes. Karl befreit den alten Moor aus seinem Verließ, einem Hungerturm, womit an Gerstenbergs Ugolina und die darin enthaltenen Gruseleffekte als wirkungsästhetische Mittel angeknüpft wird.10

Des Weiteren inszeniert Schiller sein Schauspiel ganz nach dem Programm der Stürmer und Dränger mit einem üppigen, paratextuellen Rahmen. Das Drama präsentiert sich nicht nackt, sondern mit einer offiziellen beziehungsweise unterdrückten Vorrede, die vor der Uraufführung an das Publikum verteilt wurde und durch die sich der Autor bereits im Vorfeld positionieren konnte. Schiller betont darin im Zeichen der Stürmer und Dränger vor allem die psychologische Authentizität, die Echtheit des Stückes. Durch ungeschönte Natürlichkeit seiner Charaktere und Missachtung der aristotelischen Regelpoetik will der Autor, programmatisch für den Sturm und Drang, die Realität so abbilden, wie sie ist.11

Nicht zuletzt ist auch der innerfamiliäre Konflikt der Moors ein typisches Muster der Dramen im Sturm und Drang, wie es exemplarisch bei Leisewitz Julius von Tarent anzutreffen ist. Begründet unter anderem durch die grundsätzliche Auflehnung der vorwiegend jungen Dichter gegen die alte Generation wird die Überheblichkeit einer oder mehrer Personen aufgrund ihrer vermeidlich gottähnlichen Eigenschaften thematisiert, die in ihrer Konsequenz das eigene Scheitern des Protagonisten nach sich zieht. Auch die Frage, welche wahren Antriebe dem Menschen seine Schaffenskraft, die ihm zu Geniestreichen verhilft, verleihen kommt zur Debatte. 12

Schlussfolgernd kann der junge Schiller als „Spätling“13 des Sturm und Drang markiert und sein Werk in die Tradition dieser literarischen Strömung eingeordnet werden. In meiner weitergehenden Diskussion möchte ich nun insbesondere darauf eingehen, ob und auf welche Weise das Individuum in Schillers Räubern mit seinen Geniestreichen und der es umgebenden gesellschaftlichen „Schnürbrust“14 kollidiert.

3. Der Bruderkonflikt zwischen Franz und Karl als Prämisse der Handlung

Die Problematik der Familie findet sich in einem beträchtlichen Teil der Werke Schillers wieder. Auch in den Räubern steht die Rivalität der zwei Brüder Karl und Franz im Mittelpunkt des Dramas. Der im Sturm und Drang entflammte Konflikt zwischen Jung und Alt hat sich um Auseinandersetzungen innerhalb der eigenen Familie erweitert, denn die Söhne stehen nicht nur in Konkurrenz zueinander, sondern wettern auch auf differenzierten Wegen gegen den eigenen Vater.

Durch eine Charakterisierung der beiden Brüder werden diese als Konfliktparteien zunächst genauer untersucht, um anschließend auf der Grundlage ausgewählter Szenen darzustellen, welche Rolle ihr Konflikt für die Handlung des Dramas trägt.15

3.1 Franz von Moor – der „hölzerne Alltagsmensch“

Die Charakterisierung des jüngeren Sohnes erfolgt in erster Linie durch dessen reflektierende Monologe (I. Akt, 1. Auftritt, II. Akt, 1. Auftritt), in denen er seine Vorhaben und Überlegungen, die sowohl philosophisch als auch anthropologisch motiviert sind, darlegt. Franz von Moor stellt den Typus des intelligenten, rationalen Bösewichts der Handlung dar.16

Einige Autoren setzen Franz Moor mit Shakespeares Richard III. gleich. Durchaus teilt Franz mit diesem die außergewöhnliche Hässlichkeit und das Bewusstsein darüber, seine hinterlistige Intelligenz sowie sein betrügerisches, arglistiges Handeln. Er verkörpert die Verbindung von Boshaftigkeit und Entstelltheit.17 Franz leugnet alles Göttliche im Menschen und wertet diesen enorm ab, sieht das Dasein als ständigen Konkurrenzkampf ums Überleben. Er will sich durch den Niederwurf anderer behaupten und erheben. Das Gewissen sieht er als Gegenstand zur Einschüchterung und Kontrolle anderer und nicht zur Zügelung seiner selbst. Franz führt jegliche Tätigkeit des Menschen auf biologische, selbstsüchtige Triebe zurück.

Diese Ansichten bezieht er auch auf seine Familie. Verwandtschaftliche Zuneigung existiert für ihn nicht, da er in der Beziehung von Geschwistern und Eltern nur das Resultat biologischer Mechanismen sieht:18

„Das ist dein Bruder! – das ist verdolmetscht; Er ist aus eben dem Ofen geschossen worden, aus dem du geschossen bist – also sei er dir heilig! (…) Aber weiter – es ist dein Vater! er hat dir das Leben gegeben, du bist sein Fleisch, sein Blut – also sei er dir heilig! Ich möchte doch fragen, warum hat er mich gemacht? doch wohl nicht gar aus Liebe zu mir, der erst ein Ich werden sollte? Hat er mich gekannt, ehe er mich machte? Oder hat er mich gedacht, wie er mich machte? Oder hat er mich gewünscht, da er mich machte? Wußte er, was ich werden würde? (…) Wo steckt denn nun das Heilige? Etwa im Actus selber, durch den ich entstund? – Als wenn dieser etwas mehr wäre, als viehischer Proceß zur Stillung viehischer Begierden?“19.

Michael Hofmann sieht als Ursache für Franz’ zynische, ablehnende Haltung gegenüber der Familie ein Sozialisationsdefizit, das durch die verweigerte Liebe des Vaters und dessen Hinwendung zu seinem Erstgeborenen provoziert wurde.

Durch fehlende Zuneigung konnte sich weder ein Urvertrauen in die Welt, noch ein gesundes Selbstbewusstsein ausbilden. Auch das Nichtvorhandensein einer Mutter als Bezugsperson, welche die verweigerte väterliche Liebe hätte kompensieren können, beeinträchtigte die kindliche Entwicklung. Aufgrund dieser Gegebenheiten hat sich Franz einer Denkkonstruktion angenommen, die nur auf sich selbst und den eigenen Verstand vertraut.20

In dieser familiären Misere liegt auch der Hass gegen seinen Bruder Karl begründet. Sich als Zweitgeborener ständig im Schatten dessen stehend sehen, hat er starke Neidgefühle entwickelt. Letztendlich steht hinter seinem Bruderhass neben seinem Minderwertigkeitskomplex das Verlangen, selbst auch vom Vater bedingungslos geliebt zu werden.21 Sein Handeln ist folglich zielgerichtet darauf aus, zunächst seinen Bruder und schließlich seinen Vater als oberste Instanz der ihm widerfahrenen Ungerechtigkeit zu beseitigen und sich gleichzeitig zum Herrscher empor zu heben. Im gleichen Zug folgt er seinen ausgeprägten Materialismus, indem er sich, durch den vermeidlichen Tod des Vaters am Ziel, als habgieriger, tyrannischer Despot an seinen Untertanen bereichert:

„– In meinem Gebiet soll's so weit kommen, daß Kartoffeln und dünn Bier ein Tractament für Festtage werden, und wehe Dem, der mir mit vollen, feurigen Backen unter die Augen tritt! Blässe der Armuth und sklavischen Furcht sind meine Leibfarbe; in diese Liverei will ich euch kleiden!“22.

Nicht zuletzt ist Franz jedoch wie sein Bruder ein Spross des Sturm und Drang. Seine ichbezogenen Genius-Avancen finden in seinem Plan, seinem „Originalwerk“23, Anwendung. Franz dreht mit seinem „Erfindungs-Geist“24 eine gottähnliche Schöpfungskraft in eine totale Destruktion um, indem er seine modernen medizinisch- psychologischen Kenntnisse zu dem widerwärtigen Zweck missbraucht, seinen Vater ins Grab zu befördern, was wiederum im Zeichen seines abgestumpften, selbstsüchtigen Charakters steht.25 Franz von Moor vereinigt in sich Egoismus und Rationalität in höchster Perfektion.26

3.2 Karl von Moor – der „feurige Geist“

Der Protagonist des Dramas soll mit seinem radikalen, heldenhaften Profil beim Zuschauer sowohl Begeisterung für, als auch Distanzierung zu seinem Charakter erregen.27

Dafür sprechen vor allem die Eigenschaften, die Karl zu Beginn des Stückes durch seinen Bruder beziehungsweise Vater zugeschrieben werden. Franz gibt im ersten Auftritt die Worte seines Vaters wieder, der Karl für einen:

„… warmen Freund eines Freundes, (…) eine(n) treflichen Bürger, (…) eine(n) Helden, (…) eine(n) großen großen Manne…“28 hält.

Sein Bruder Franz hingegen stellt ihn in ein negatives Licht. Durch seine Intrige geleitet versucht er, Karls tugendhafte Eigenschaften wie das Verlangen nach autonomem Handeln, sein geistiges Potential, seine Moralität und sein Gerechtigkeitsbewusstsein ins Gegenteil zu verkehren:29

„Seht diese Offenheit, wie hübsch sie sich zur Frechheit herumgedreht hat, (…)! Seht dieses feurige Genie, wie es das Oel seines Lebens in sechs Jährgen so rein weggebrannt hat, (…)! Seht doch diesen kühnen unternehmenden Kopf, wie er Plane schmiedet und ausführt, vor denen die Heldenthaten eines Kartouches und Howards verschwinden!“30

Der erstgeborene Sohn Karl repräsentiert den Typus des enorm selbstbewussten, starken und rohen Stürmers und Drängers. Das Kraftgenie will sich als Individuum frei entfalten, auch entgegen jeder Gesetze, die ihn daran hindern31:

„Ich soll meinen Leib pressen in eine Schnürbrust, und meinen Willen schnüren in Gesetzte. (…) Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freyheit brütet Koloße und Extremitäten aus.“32

Mit diesen Eigenschaften tradiert auch seine rebellische, mit metaphorischen Kraftausdrücken wie „Kastraten-Jahrhundert“33 gespickte Wortwahl, die besonders in Momenten der Emotion oder Kritik, wie der Ansprache in der Gaststätte34, Anwendung findet. Typisierend finden sich darin auch Parolen des Sturm und Drang, „Kraft“, „gesunde Natur“, „Herz“, „Freyheit“35, die sein Charakterbild unterstreichen. Als Anhaltspunkt für Karls Natur ist mitunter die Orientierung an seinen antiken Vorbildern, wie Alexander dem Großen, zu nennen. Die Bevorzugung dieser Epoche vor der eigenen begründet Karl damit, dass sein Ideal der Größe vor allem zu dieser Zeit in den Menschen Verwirklichung fand.

Die Figur Karls pendelt in ihren Reflexionen von Beginn an zwischen Rebellion und Melancholie, man könnte sie als „eine Mischung aus Götz und Werther“36 bezeichnen. Die Gefühle des Protagonisten schwanken ständig zwischen dem Verlangen nach einer Rückkehr in die Heimat und dem unschuldigen Naturzustand und einer Auflehnung im Sinne seiner klassischen Leitbilder. Sehnt er sich etwa in seiner Reflexion nach der „theuer bezahlten“37 Rettung Rollers nach dem unschuldigen Zustand der Kindheit zurück, will er sich aufmüpfig das eigene Selbstbild auch im Jenseits erhalten:

„ Sei wie du willst, namenloses Jenseits - bleibt mir nur dieses mein Selbst getreu – Sei wie du willst, wenn ich nur mich selbst mit hinübernehme – Außendinge sind nur der Anstrich des Manns – Ich bin mein Himmel und meine Hölle.“38.

Die moderne Figur Karl muss sich mit einem grundlegenden Konflikt auseinandersetzen, der in der Ablehnung der gegebenen gesellschaftlichen Konventionen liegt, die ihm keine Möglichkeit der Entfaltung lassen.39 Hier ist auch ein möglicher Kritikpunkt des Charakters Karls legitimiert. Einerseits will Karl politische Umwälzungen, andererseits sieht er zu Beginn des Dramas seine Zukunft nicht im Kampf darum, sondern „Im Schatten meiner väterlichen Hayne, in den Armen meiner Amalia (…).“40. Karls anfängliche Pläne zeigen deutlich seine im Vergleich zu Franz komplett antithetische Haltung gegenüber der Familie als stabiler Weltordnung. Zu Beginn ist diese und insbesondere sein Vater die Grundlage, über die er sich definiert, die ihm Halt gibt. Erst als Räuber Moor, als das Gerüst seiner Familie durch die Intrige seines Bruders zusammengebrochen ist, lehnt er sich aktiv gegen die Gesellschaft auf.41

Dadurch, dass Karl Franz’ Lüge für bare Münze nimmt und den Brief nicht hinterfragt, offenbaren sich naive Züge seiner Natur. Der resultierende, rein persönliche Entschluss, Hauptmann der Bande zu werden, wird auch durch seine temperamentvolle Natur begünstigt. Seine menschliche Beschaffenheit spiegelt sich durch seine Handlungen weiterführend im Stück wieder. Karl will mit seinem Räuberleben seinen Durst nach sinnvollen Taten in Freiheit stillen und zugleich Rache an der Gesellschaft nehmen, die ihm die Rückkehr in einen harmonischen Naturzustand verweigert hat.

Im Gegensatz zum Großteil der Räuberbande, die nur „um des Raubes willen“42 mordet, sieht sich Karl als „Werkzeug in der Hand der Vorsehnung“ 43. Karl ist also durchaus der Meinung, einer Art göttlicher Führung nachzugehen. Mit Karls Selbstbild arrangiert sich auch seine eingenommene Führungsposition als Hauptmann. Er verfolgt seine Absichten als Oberhaupt sehr radikal. Sein Hauptinteresse besteht darin, das „Gleichgewicht der Güter wiederherzustellen“44.

Frei nach seinem Ideal der Größe inszeniert sich Karl als Typ Robin Hood, der nicht raubt um sich selbst zu bereichern, sondern um als Helfer der Armen am Rand der Gesellschaft und Widersacher der unterdrückenden Obrigkeit aufzutreten. Karls Führungsposition zeigt, dass er sich prinzipiell an der Denkweise orientiert, die er zuvor ablehnte. Er handelt gerecht als patriarchalisches Oberhaupt und pflegt die Beziehung zu seiner Bande. Allerdings erwartet er vor ihr im Gegenzug bedingungslose Gehorsamkeit, er nutzt seine eigene „Vater-Ordnung“45, um seine „Kinder“46 zu führen. Er achtet auf seine neue Familie und setzt seine moralischen und ethischen Vorstellungen konsequent durch, indem er beispielsweise Schufterle mit den Worten:

„Fort Ungeheuer! Laß dich nimmer unter meiner Bande sehen!“47 aufgrund dessen willkürlicher Morde an Schwangeren, Kindern und „arme(n) Poeten“48 verbannt oder aus Solidarität seinen Schwur ewiger Treue an die Bande leistet:

„Bey den Gebeinen meines Rollers! Ich will euch niemals verlassen.“49. 50

Er ist sich bewusst, dass die Taten seiner Bande keineswegs mit einem göttlichen Sinne kongruieren, sondern diesen Willen nahezu missachten. Dies beweist auch seine Aussage im Dialog mit dem Pater, was er getan habe, werde er „ohne Zweifel einmal im Schuldbuch des Himmels lesen.“51.

Letztendlich kapituliert Karl am Ende des Stückes vor dem moralischen Anspruch seines Gewissens, mit welchem sich die selbstsüchtigen Taten der Räuber nicht vereinbaren lassen. Der Hauptmann kann seine Schuldgefühle nicht tilgen und hat sein Ideal des großen, ehrenhaften Mannes, seinen „Adlerflug“52 durch seine räuberischen Verbrechen verfehlt. Wie bei seinem Bruder Franz wird gezeigt, dass ein Selbstbild wie Karl es besitzt, durch unmoralisches Handeln zum Chaos führt. Seine eigene Auslieferung am Ende des Stückes als Akt der Selbstjustiz ist Ausdruck dafür, dass der geläuterte Karl wieder reuig seinen Platz in der vorgesehenen göttlichen Ordnung der Welt einnimmt.53

[...]


1 Sautermeister, Gert: Die Räuber. Ein Schauspiel (1781). In: Luserke-Jaqui, Matthias (Hrsg.): Schiller- Handbuch. Leben- Werk- Wirkung. Stuttgart: Metzler 2005, S. 8

2 Sautermeister, Gert (2009): Die Räuber. Ein Schauspiel, in: Kindlers Literatur Lexikon Online, http://web14.cedion.de/nxt/gateway.dll/kll/s/k0617900.xml/k0617900_020.xml?f=templates$fn=index.htm$3.0, zitiert am 27.02.2013

3 Vgl.: Hofmann, Michael: Friedrich Schiller. Die Räuber. München: Oldenbourg Verlag 1996, S.33-36.

4 Vgl.: Jürgensen, Christoph: Sturm und Drang. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2010, S.106.

5 Schiller, Friedrich: Die Räuber. Ein Schauspiel. Stuttgart: Reclam 2009, S.81.

6 Vgl.: Hofmann, Michael: Friedrich Schiller. Die Räuber, S.50.

7 Vgl.: Jürgensen, Christoph: Sturm und Drang, S.106

8 Grätz, Katharina: Familien-Bande. Die Räuber, in: Günter Sasse (Hrsg.): Schiller. Werk-Interpretationen. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2005, S.24.

9 Schiller, Friedrich: Die Räuber, S.42.

10 Vgl.: Hofmann, Michael: Friedrich Schiller. Die Räuber. München: Oldenbourg Verlag 1996. S. 49-57.

11 Vgl.: Jürgensen, Christoph: Sturm und Drang, S.107f.

12 Vgl.: Buschmeier, Matthias: Einführung in die Literatur des Sturm und Drang und der Weimarer Klassik. Darmstadt: WBG Verlag 2010, S.81.

13 ebd. S.79.

14 Schiller, Friedrich: Die Räuber, S.24.

15 Schiller, Friedrich: Die Räuber, S.16.

16 Vgl.: Golz, Jochen: Der mäandrische Weg des Karl Moor. Die Räuber, in: Hans-Dietrich Dahnke (Hrsg.): Schiller. Das dramatische Werk in Einzelinterpretationen. Leipzig: Reclam 1982, S.10.

17 Vgl.: Karthaus, Ulrich: Sturm und Drang. Epoche-Werk-Wirkung. München: Beck Verlag 2007, S.127.

18 Vgl.: Grätz, Katharina: Familien-Bande, S.19-23.

19 Schiller, Friedrich: Die Räuber, S.21.

20 Vgl.: Hofmann, Michael: Friedrich Schiller. Die Räuber, S.61-63.

21 Vgl.: Grätz, Katharina: Familien-Bande, S.31.

22 Schiller, Friedrich: Die Räuber, S.56.

23 ebd. S.42.

24 edb. S.20.

25 Vgl.: Grätz, Katharina: Familien-Bande, S.22-24.

26 Schiller, Friedrich: Die Räuber, S.15.

27 Vgl.: Buschmeier, Matthias: Einführung in die Literstur des Sturm und Drang, S.79.

28 Schiller, Friedrich: Die Räuber, S.16.

29 Vgl.: Golz, Jochen: Der mäandrische Weg des Karl Moor, S.23.

30 Schiller, Friedrich: Die Räuber, S.16.

31 Vgl.: Jürgensen, Christoph: Sturm und Drang, S.113.

32 Schiller, Friedrich: Die Räuber, S.24.

33 ebd. S.23.

34 Schiller, Friedrich: Die Räuber, S.24.

35 ebd. 23f.

36 Hofmann. Michael: Friedrich Schiller. Die Räuber, S.65.

37 Schiller, Friedrich: Die Räuber, S.67.

38 ebd. S.112.

39 Vgl.: Hofmann. Michael: Friedrich Schiller. Die Räuber, S.57-65.

40 Schiller, Friedrich: Die Räuber, S.28.

41 Vgl.: Grätz, Katharina: Familien-Bande, S.26.

42 Schiller, Friedrich: Die Räuber, S.61.

43 ebd. S.32.

44 ebd. S.32.

45 Immer, Nikolas: Der inszenierte Held. Schillers dramenpoetische Anthropologie. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2008, S.218.

46 Schiller, Friedrich: Die Räuber, S.70.

47 ebd. S.68.

48 ebd. S.68.

49 ebd. S.84

50 Vgl.: Grätz, Katharina: Familien-Bande, S.29.

51 Schiller, Friedrich: Die Räuber, S.74.

52 ebd. S.24.

53 Vgl.: Jürgensen, Christoph: Sturm und Drang, S.113-115.

Details

Seiten
23
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656849193
ISBN (Buch)
9783656849209
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284935
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,7
Schlagworte
analyse darstellung bruderkonfliktes sturm drang werkes räuber friedrich schiller

Autor

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Titel: Analyse und Darstellung des Bruderkonfliktes im Sturm und Drang anhand des Werkes "Die Räuber" von Friedrich Schiller