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Wissenschaftlerfiguren im Theater der Gegenwart seit der Nachkriegszeit. Dürrenmatts "Die Physiker"

Szenisches Interpretieren des dramatischen Aufbaus der Enthüllungsszene Mathilde von Zahnds anhand von Standbildern

Unterrichtsentwurf 2013 10 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

1. Einordnung der Unterrichtsstunde in die Unterrichtsreihe

2. Angestrebte Lernziele/ Kompetenzbeiträge

3. Zentrale didaktisch-methodische Begründungen

4. Literatur

5. Anhang

1. Einordnung der Unterrichtsstunde in die Unterrichtsreihe

2. Angestrebte Lernziele/ Kompetenzbeiträge

Stundenlernziel:

- Die SuS erkennen anhand körperlicher und mimischer Ausdrucksmittel, in welchen Etappen sich der Konflikt zwischen den Physikern und Mathilde von Zahnd in der Enthüllungsszene zuspitzt.

Teilziele:

- Die SuS reaktivieren und präzisieren ihre Textkenntnisse hinsichtlich des dramatischen Wendepunktes des Dramas, indem sie Punkt 3 der „21 Punkte zu den Physikern“ erläutern.
- Die SuS stellen eine vorläufige Deutungshypothese auf, indem sie den Aufbau der Enthüllungsszene als dramatisch ansteigend beschreiben.
- Die SuS visualisieren anhand eines Standbildes die Handlungs- und Beziehungsstruktur des jeweiligen Szenenausschnittes, indem sie sich in die einzelnen Figuren hineinversetzen und überlegen, wie die Gefühle, Gedanken und Beziehungen der Figuren durch Körperhaltung und Mimik ausgedrückt werden können.
- Die SuS werten die dargestellten Standbilder aus, indem sie diese zunächst beschreiben und anschließend in Hinblick auf die etappenweise Steigerung der Dramatik deuten.
- Die SuS reflektieren die Methode des Erstellens von Standbildern, indem sie ihre Meinung dazu äußern, inwiefern die Methode ihnen dabei geholfen hat, die dramatische Entwicklung der Enthüllungsszene nachzuvollziehen.

Kompetenzen:

Lernbereich „Umgang mit Texten und Medien“

- Die SuS können einen Text szenisch interpretieren.1
- Die SuS können Texte in eine andere Ausdrucksform bringen.2
- Die SuS können Textausschnitte analogisieren und kontrastieren.3
- Die SuS können innerhalb einer Gruppe unterschiedliche Formen der Wahrnehmung und des Verstehens von Texten reflektieren und umsetzen.4

3. Zentrale didaktisch-methodische Begründungen

Die Unterrichtsreihe „Wissenschaftlerfiguren im Theater der Gegenwart seit der Nachkriegszeit – Dürrenmatts Die Physiker“ entspricht dem in den Richtlinien und Lehrplänen für die Sek. II vorgesehenen Halbjahresthema der „Mitverantwortung des Einzelnen in der wissenschaftlich-technischen Lebenswelt von heute.“5 Im Rahmen des Lernbereichs „Umgang mit Texten: Epochen, Gattungen“ sollen laut Lehrplan Theaterstücke behandelt werden, in denen der Wissenschaftler und seine gesellschaftliche Verantwortung im Mittelpunkt stehen. Zusammen mit weiteren Dramen, wie z.B. Brechts Galilei oder Kipphardts Oppenheimer, bieten Dürrenmatts Physiker noch immer eine aktuelle Grundlage für die Auseinandersetzung mit der Problematik von Wissenschaft und Verantwortung. Gerade vor dem Hintergrund der aktuell wieder aufkeimenden Diskussionen um atomare Energie und Katastrophen überzeugt das 1962 uraufgeführte Theaterstück auch heute noch durch seine brisante Thematik. Doch es ist nicht nur allein die Thematik, die den Zuschauer bzw. den Schüler/die Schülerin fesselt, sondern auch die groteske und teilweise schaurige Komik des Dramas. Durch überraschende und teilweise schockierende Enthüllungen werden die Leser bzw. Zuschauer immer wieder dazu gezwungen, ihre bisher konstruierten Sinnzusammenhänge zu verwerfen und neue Deutungs- und Interpretationsansätze zu finden.6

Eine der sogenannten Enthüllungsszenen soll in der heutigen Stunde behandelt werden, und zwar die Enthüllung der Doktorin Mathilde von Zahnds als eine Wahnsinnige. Kurz zuvor schien die Handlung noch ein glückliches Ende zu nehmen, indem Möbius es geschafft hatte, die anderen zwei Physiker zu überreden, freiwillig im Sanatorium zu bleiben, um die Welt vor einer Katastrophe zu schützen. In der Enthüllungsszene (S. 78-85) tritt nun eine dramatische Wendung ein. Diese Wende bezeichnet Dürrenmatt selbst als die „schlimmstmögliche“7, da mit ihr nicht nur das Schicksal der Physiker, sondern das der ganzen Welt auf dem Spiel steht. Für die heutige Stunde ist es wichtig zu erkennen, dass die Wende nicht plötzlich eintritt, sondern sich eher schrittweise entwickelt.

Als die Doktorin zu Beginn der Szene Einstein und Newton mit ihren richtigen Namen (Eisler und Kilton) anspricht und damit preisgibt, dass sie die wahren Identitäten der Physiker kennt, reagieren diese zwar überrascht, aber dennoch belustigt (S. 80).

Die Dramatik steigt an, als Fräulein Doktor von Zahnd ihre eigene Maske fallen lässt und den Physikern offenbart, dass auch ihr König Salomo erscheine (S. 81-82). Im Gegensatz zu Möbius‘ vorgetäuschtem Glauben an den König aus dem Alten Testament, ist die Chefärztin tatsächlich der Überzeugung, König Salomo hätte sie als seine Verbündete ausgewählt. Auf diese Offenbarung reagieren die drei Physiker schon etwas irritierter und sie beginnen, sich unwohl zu fühlen.

Der dramatische Höhepunkt tritt dann ein, als die Doktorin ihren Auftrag preisgibt, den sie im Namen des König Salomos ausführen soll: Sie soll mit Hilfe von Möbius‘ Weltformel die Herrschaft über die gesamte Menschheit übernehmen (S. 84-85). Die Physiker sind außer sich vor Wut und Entsetzen, Möbius will die Chefärztin sogar körperlich attackieren, was jedoch von Einstein verhindert wird.

Angesichts der ausweglosen Situation kapitulieren die Physiker schließlich vor der Wirklichkeit, nehmen die Identitäten der Verrückten vollends an und ergeben sich somit ihrem Schicksal (S. 85-87).8

Um diese etappenweise Entwicklung bzw. Zuspitzung des Konflikts zu veranschaulichen, liegt der methodische Schwerpunkt dieser Stunde auf dem Bauen von Standbildern. Ein Standbild ist laut Scheller eine „bildliche Darstellung von sozialen Situationen, Personen, Personenkonstellationen, Beziehungsstrukturen und Begriffen.“9 Dabei stellen die SuS die Konstellation von Figuren mit ihren Körpern nach und drücken die Empfindungen derselben durch ihre Körperhaltung, Gestik und Mimik möglichst intensiv aus.10 In Bezug auf die Vorgehensweise empfiehlt Scheller (wie bei jeder Methode des szenischen Interpretierens) drei Schritte11: Zunächst müssen sich die SuS von ihrer eigenen Situation lösen und sich in die Figuren und die Situation der Szene einfühlen. Sie sollen herausfinden, welche Wahrnehmungen und Empfindungen die Figuren umtreiben und diese in einem nächsten Schritt szenisch umsetzen. Abschließend folgt eine szenische Reflexion, in der die Standbilder von einem Standpunkt außerhalb des Geschehens reflektiert werden. Diese Aufgabe übernehmen größtenteils die Zuschauer, die dafür konkrete Beobachtungsaufträge bekommen. Aus der Herangehensweise wird deutlich, dass das Standbildbauen ein komplementärer Vorgang ist, der sowohl die analytischen Fähigkeiten, als auch die Kreativität und das Urteilsvermögen der SuS umfasst. Zudem hat die so gestaltete Transformation des Ausgangstextes einen hohen emotional motivierenden Charakter, da das Verfahren an eine starke subjektive Beteiligung der Gruppe gebunden ist. 12

Die Methode des Standbildbauens eignet sich für die heutige Stunde in besonderem Maße, da durch die aufeinanderfolgenden Präsentationen der Standbilder die sukzessive Steigerung der Dramatik in der Enthüllungsszene sichtbar gemacht werden kann. Zum anderen wurde die Methode ausgewählt, um die SuS auch in der 8. Schulstunde noch zu einer Auseinandersetzung mit dem Stück zu motivieren. Da die letzten Stunden dazu verwendet wurden, die SuS auf die Klausur vorzubereiten und daher sehr textanalytisch und theoretisch aufgebaut waren, haben die SuS in dieser Stunde die Möglichkeit, sich dem Text kreativ und spielerisch anzunähern. Da dieser Zugang für die SuS des Kurses weitestgehend neu war bzw. ist, wurde zur Vorbereitung auf die heutige Besuchsstunde in der vorangegangenen Stunde (vor der Klausur) ein Exkurs zur Methode des Standbildbauens durchgeführt. Im Rahmen dieser Methodenstunde haben die SuS die Merkmale von Standbildern erarbeitet und später auch umgesetzt. Als Hilfestellung haben sie zusätzlich eine Methodenkarte13 bekommen, die sie auch in dieser Stunde unbedingt heranziehen sollen. Bei der Präsentation der Standbilder hat sich gezeigt, dass einige SuS Hemmungen hatten, sich vor dem gesamten Kurs zu positionieren und sich den Beobachtungen der Mitschüler/innen preiszugeben. Dies traf vor allem für die eher schüchternen SuS des Kurses zu, die aufgrund der Sitzordnung in derselben Gruppe waren. Um die Hemmschwelle insbesondere für diese SuS zu mindern, werden die Gruppen in der heutigen Stunde nicht nach der Sitzordnung, sondern nach dem Zufallsprinzip eingeteilt. Die Intention hierbei ist, dass die lebendigeren, aktiveren SuS die etwas schüchternen SuS dazu motivieren können, etwas mehr aus sich herauszugehen und mit ihnen zusammen vor den Kurs zu treten.

Bei allen Bemühungen um das Aufbauen eines ausdrucksstarken Standbildes sollte jedoch nicht vergessen werden, dass das Standbildbauen ein Verfahren zur szenischen Erarbeitung bzw. Interpretation eines Dramentextes darstellt, und die SuS nicht ihre schauspielerischen Fähigkeiten unter Beweis stellen sollen. Wie beim handlungs- und produktionsorientierten Unterricht generell, darf es auch beim konkreten Standbildbauen nicht zur Verselbstständigung der Methode kommen. Das Standbild wird gebaut, um den SuS bei der Analyse und Interpretation des Textes zu helfen, nicht um seiner selbst willen. Daher ist auch die Methodenreflexion am Ende der Stunde besonders wichtig, um den SuS noch einmal klar zu machen, zu welchem Zweck die Methode des Standbildbauens gewählt wurde.

4. Literatur

Primärliteratur:

Dürrenmatt, Friedrich: Die Physiker. Eine Komödie in zwei Akten. Neufassung 1980. Zürich: Diogenes 1998.

Sekundärliteratur:

Brenner, Gerd: Fundgruben Methoden II. Für Deutsch und Fremdsprachen. Berlin: Cornelsen Scriptor 2007.

Diekhans, Johannes (Hrsg.): Einfach Deutsch. Friedrich Dürrenmatt. Die Physiker. Paderborn: Schöningh 2005.

Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Sekundarstufe II. Gymnasium/Gesamtschule. Deutsch. Richtlinien und Lehrpläne. Frechen: Ritterbachverlag 1999.

Scheller, Ingo: Szenische Interpretation. Theorie und Praxis eines handlungs- und erfahrungsbezogenen Literaturunterrichts in der Sekundarstufe I und II. 3. Aufl. Seelze: Klett/ Kallmeyer 2010.

Tangerman, Fritz: „Szenische Interpretation – szenische Verfahren einsetzen.“ In: Beste, Gisela (Hrsg.): Deutsch Methodik. Handbuch für die Sekundarstufe I und II. 4. Aufl. Berlin: Cornelsen Scriptor 2011. S. 211-227.

[...]


1 Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Sekundarstufe II. Gymnasium/Gesamtschule. Deutsch. Richtlinien und Lehrpläne. Frechen: Ritterbachverlag 1999. S. 29.

2 Vgl. Richtlinien und Lehrpläne. S. 21.

3 Vgl. Richtlinien und Lehrpläne. S. 20.

4 Vgl. Richtlinien und Lehrpläne. S. 17.

5 Vgl. Richtlinien und Lehrpläne. S. 56.

6 Vgl. Diekhans, Johannes (Hrsg.): Einfach Deutsch. Friedrich Dürrenmatt. Die Physiker. Paderborn: Schöningh 2005. S. 13.

7 Vgl. Anhang Punkt 3 in: Dürrenmatt, Friedrich: Die Physiker. Eine Komödie in zwei Akten. Neufassung 1980. Zürich: Diogenes 1998.

8 Zum gesamten Absatz Vgl. Einfach Deutsch. Die Physiker. S. 44f.

9 Scheller, Ingo: Szenische Interpretation. Theorie und Praxis eines handlungs- und erfahrungsbezogenen Literaturunterrichts in der Sekundarstufe I und II. 3. Aufl. Seelze: Klett/ Kallmeyer 2010. S. 72.

10 Vgl. Brenner, Gerd: Fundgruben Methoden II. Für Deutsch und Fremdsprachen. Berlin: Cornelsen Scriptor 2007. S. 102.

11 Szenische Interpretation. S. 50-56.

12 Vgl. Tangerman, Fritz: „Szenische Interpretation – szenische Verfahren einsetzen.“ In: Beste, Gisela (Hrsg.): Deutsch Methodik. Handbuch für die Sekundarstufe I und II. 4. Aufl. Berlin: Cornelsen 2011. S. 212.

13 Siehe Anhang.

Details

Seiten
10
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656847281
ISBN (Buch)
9783656847298
Dateigröße
601 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284864
Institution / Hochschule
Studienseminar für Lehrämter an Schulen Detmold
Note
1,3
Schlagworte
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