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Nachhaltige Diskontierung. Die Kosten-Nutzen-Analyse unter den Aspekten Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit

Hausarbeit 2013 21 Seiten

VWL - Umweltökonomie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die klassische Kosten-Nutzen-Analyse

3. Kritik an der klassischen Diskontierung

4. Diskontierungsmotive in privaten Investitionen

5. Mögliche Lösungsansätze

6. Zusammenfassung

Literatur

Anhang

1. Einleitung

Bei der ökonomischen Bewertung von Vorhaben steht oft die sogenannte Kosten- Nutzen-Analyse als unverzichtbares Instrument zur objektiven Entscheidungsfin- dung im Vordergrund. Während dies für die meisten Ökonomen eine absolute Selbstverständlichkeit darstellt, argumentieren verschiedene Kritiker allerdings, dass diese Analyse nicht zu einer nachhaltigen Entwicklung führen kann, da zu- künftige Generationen durch die Diskontierung von Kosten und Nutzen benach- teiligt werden.

Dies jedoch würde der inzwischen am weitesten verbreiteten grundsätzlichen Nachhaltigkeitsdefinition von Brundtland widersprechen, die verlangt, dass wirt- schaftliche Entwicklung so gestaltet wird, dass künftige Generationen gegenüber der heutigen nicht benachteiligt werden. So würden beispielsweise durch die Dis- kontierung im Rahmen der Kosten-Nutzen-Analyse die heutigen Kosten eines Deichbaus gegenüber dem langfristigen Nutzen bei Hochwasser zu stark gewich- tet. Umgekehrt ist beispielsweise die Atomkraft als Energieträger sehr attraktiv, da der heutige Nutzen in Form von geringen Energiepreisen gegenüber den zu- künftigen Kosten der Atommüll-Entsorgung zu sehr in den Vordergrund gerückt wird.

In der folgenden Diskussion soll erörtert werden, inwiefern die klassische Kosten- Nutzen-Analyse eine nachhaltige Entwicklung behindert und welche Entschei- dungsmodelle geeigneter wären. Dazu wird zuerst die Kosten-Nutzen-Analyse er- läutert und die Bedeutung des Diskontierungsfaktors verdeutlicht. In einem zwei- ten Schritt wird die bisherige Diskussion in der Literatur zusammengefasst und die theoretischen Grundlagen der Diskontierung erörtert. Im letzten Teil werden verschiedene alternative Diskontierungs- und Bewertungsmöglichkeiten für derartige Problemstellungen vorgestellt und abschließend im Fazit hinsichtlich ihrer praktischen Relevanz bewertet.

2. Die klassische Kosten-Nutzen-Analyse

Die klassische Kosten-Nutzen-Analyse stellt eines der wichtigsten Instrumente der Entscheidungsfindung dar. Das öffentliche Haushaltsrecht für Bund, Länder und Gemeinden schreibt beispielsweise die Durchführung von Kosten-Nutzen- Abwägungen bei allen öffentlichen Maßnahmen vor.1

Dabei wird die Summe der zukünftigen Kosten und Nutzen, die durch eine Entscheidung in der Gegenwart entstehen oder ausgelöst werden, gebildet. Diese Summe wird in der Literatur Net Present Value (NPV)2 genannt und kann entweder positiv, negativ oder null sein. Das Vorgehen kann mathematisch folgendermaßen dargestellt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der NPV für ein unendliches Projekt ist also die Summe der Nettoeffekte (d.h. Nutzen - Kosten) zum Zeitpunkt mit der Diskontierungsrate .3 Ist der NPV po- sitiv, dann liegt der Nutzen des Projekts über die Projektlaufzeit höher als die Kosten unter Einbeziehung der Opportunitätskosten in Form der Diskontierungs- rate. Die Diskontierung übersetzt also zukünftige Geldmengen in äquivalente ge- genwärtige Summen (Goulder & Stavins 2002, S. 673) und erlaubt damit einen Vergleich der Effekte über die Zeit hinweg. Die Kosten-Nutzen-Analyse stellt da- mit gewissermaßen ein „gesamtgesellschaftliches, ökonomisch fundiertes Wohl- fahrtskriterium“ (Westermann 2012, S. 4) dar.

Die Kosten-Nutzen-Analyse zeigt allerdings auch einige Schwächen. So müssen Kosten und Nutzen immer in monetären Größen ausgedrückt werden. Dies gestal- tet sich beispielsweise bei ökologischen Fragestellungen als sehr problematisch: Was ist der Nutzen einer Tierart? Welche Kosten erzeugt Lärm? Die Umweltöko- nomie hat hierfür verschiedene Proxy-Kennzahlen entwickelt, die versuchen Kos- ten und Nutzen derartiger Problemstellungen in monetären Einheiten auszudrü- cken.4 Des Weiteren müssen sämtliche im Planungshorizont auftretenden Effekte (sowohl positiv als auch negativ) einbezogen werden. Dies ist quasi unmöglich, da beispielsweise neue Technologien, Umweltkatastrophen oder Kriege nicht vor- hersagbar und damit auch nicht quantifizierbar sind. Oft werden hier Erwartungs- werte anhand der Wahrscheinlichkeiten berechnet (Westermann 2012, S. 12).

Zudem verändern sich nicht nur Umweltfaktoren, sondern auch Präferenzen über die Zeit (Walter 1983, S. 54). Möglicherweise ist zum Beispiel der Nutzen, den die heutige Generation aus einem Liter Erdöl zieht, ein ganz anderer als der, den Menschen in 100 Jahren ziehen werden: entweder weil Erdöl bis dahin nur noch als Grundlage für Medikamente eingesetzt wird und im individuellen Transport keine Rolle mehr spielt oder weil durch die eine technische Revolution im Bereich der Erdölförderung noch für Jahrhunderte Erdöl vorhanden sein wird.

Neben den dargestellten Schwächen, die im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter vertieft werden sollen, stellt vor allem die Wahl des Diskontierungsfaktors eine besonders kritische Variable dar in der Analyse. In der Praxis wird dieser Einfluss jedoch oft unterschätzt. Oft werden Diskontierungsraten aus dem privatwirtschaft- lichen Bereich unreflektiert in volkswirtschaftliche Analysen übernommen; im Gesundheitssektor werden beispielsweise Diskontierungsraten oft einfach nur ge- schätzt:

“Most analyses, including those who take great care to measure costs and consequences, pull their discount rates either out of the air or off the shelf, and the lucky number is most often 5%.” (Krahn & Gafni 1993, S. 415)

Dabei hat der Faktor durchaus in vielen Fällen einen entscheidenden Einfluss auf das Ergebnis, da der sogenannte Zinseszinseffekt für ein exponentielles Wachs- tum des Diskontierungsfaktors sorgt: „Je weiter in der Zukunft monetäre Effekte auftreten, desto stärker wirkt sich die Zinseszinsrechnung auf die zu bewertenden Effekte aus heutiger Sicht aus.“ (Bayer 2004, S. 143). So geht der Effekt von ei- nem Euro in 10 Jahren bei einer Diskontierung mit 5% nur noch mit 0,6065 Euro in die heutige Rechnung ein.

3. Kritik an der klassischen Diskontierung

Doch die klassische Kosten-Nutzen-Analyse steht immer stärker in der Kritik: die Analyse wurde ursprünglich entwickelt, um im Rahmen von betriebswirtschaftli- chen Problemstellungen kurzfristige Projekte mit klar definierten Investitionssum- men und relativ vorhersehbaren Effekten auf ihren erwarteten Gewinn bewerten zu können. Allerdings wird die Kosten-Nutzen-Analyse immer häufiger auch für Projekte mit sehr langen Laufzeiten (oft über Jahrzehnte) und für Projekte mit Ef- fekten auf die Umwelt eingesetzt, die wie in Kapitel 2 dargestellt sehr schwer zu bewerten sind (Sáez & Requena 2007, S. 2; Almansa & Martínez-Paz 2011, S. 1305). Die Praxis der Diskontierung zukünftiger Effekte setzt sich deshalb zunehmend der Kritik verschiedenster Wissenschaftsdisziplinen aus. Besonders Kritiker, die nicht aus dem ökonomischen Umfeld stammen, zeigen sich skeptisch gegenüber der Diskontierung und stellen die klassischen ökonomischen Überlegungen und Rechtfertigungen infrage (Goulder & Stavins 2002, S. 673).

Doch auch in der volkswirtschaftlichen Theorie ist die Praxis der Diskontierung kontrovers. Bereits Pigou (1920) stellte die Legitimität der Diskontierung im öf- fentlichen Raum infrage und äußerte die Meinung, dass der Staat die Aufgabe habe, die Interessen zukünftiger Generationen vor „irrationaler Diskontierung“ zu schützen (Ch. II, §7). Ramsey (1928) bezeichnete die Praxis der Diskontierung zukünftigen Genusses gegenüber sofortigen Genusses als ethisch nicht haltbar und als Schwäche des menschlichen Vorstellungsvermögens (S. 543). Baumol musste Jahrzehnte später immer noch feststellen: “[…] the social rate of discount [is] a subject exhibiting simultaneously a very considerable degree of knowledge and a very substantial level of ignorance“ (1968, S. 334). In den 90er Jahren gewann die Debatte erneut an Dynamik, da in der Debatte über den Klimawandel auch die Diskontierung eine entscheidende Rolle spielte. Rabl (1996) stellte fest, dass die Kosten-Nutzen Analyse in ihrer derzeitigen Form zwar nicht ideal ist, jedoch keine bessere Alternative zur Verfügung steht. Sáez & Requena (2007) geben ei- nen exzellenten Überblick über die Debatte sowie die verschiedenen Positionen, die Theoretiker dazu eingenommen haben. Insgesamt bleibt das Bild geprägt von verschiedensten Lösungsansätzen ohne endgültigen Konsens.

Es wird argumentiert, dass die Praxis der Diskontierung ohne ein tiefergehendes Verständnis für die zugrundeliegenden Annahmen zu folgenden Ergebnissen füh- ren kann:

1. Vorhaben, die kurzfristig Kosten und langfristig Nutzen bringen, werden nicht realisiert. Beispielsweise würde ein Deich, der heute 5 Mio Euro kosten würde, aber in 10 Jahren 8 Mio Euro Kosten aufgrund einer Flut verhindern könnte, nicht gebaut, wenn mit 5% diskontiert wird. Da der Nutzen des Projekts durch die Diskontierung mit einem geringeren Ge- wicht in die Summe einfließt, wiegt er die gegenwärtigen Kosten nicht auf.

2. Vorhaben, die kurzfristig Nutzen und langfristig Kosten bringen, werden realisiert. Beispielsweise profitiert die Gesellschaft heute von Atomenergie in Höhe von einmaligen 5 Mio Euro, die Kosten für die Entsorgung in Höhe von 8 Mio Euro fallen allerdings erst in 10 Jahren an. Durch die Dis- kontierung mit 5% würde dieses Projekt realisiert werden, da die Kosten in der Zukunft durch die Diskontierung heute weniger als der Nutzen wiegen.

Je größer der Diskontierungsfaktor, desto weniger Berücksichtigung finden lang- fristig auftretende Effekte in heutigen Entscheidungen (Westermann 2012, S. 27). Diese Tatsache hat in der volkswirtschaftlichen Theorie wie bereits dargestellt zu einer Debatte über nachhaltige Entwicklung und generationenübergreifende Ge- rechtigkeit geführt. Die entscheidende Frage ist dabei, ob die Diskontierung im Modell der Kosten-Nutzen-Analyse zu Entscheidungen führt, die eine nachhaltige Entwicklung erlauben. Dieses Ziel an sich ist jedoch eine „Leerformel […], deren Konkretisierung und Operationalisierung unverzichtbar ist“ (Bayer 2004, S. 3).

Nachhaltigkeit soll sich dabei im Rahmen dieser Arbeit an der heute gängigsten Definition nachhaltiger Entwicklung orientieren, nämlich der von Brundtland: 1987 veröffentlichte die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Ver einten Nationen (World Commission on Environment and Development) einen Bericht mit dem Titel Our Common Future.5 In diesem Bericht wurde die Definition geprägt, dass dauerhafte nachhaltige Entwicklung so gestaltet werden muss, dass die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt werden ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können:

“Humanity has the ability to make development sustainable to ensure that it meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.” (Brundtland 1987, S. 16)

Übertragen auf die Diskussion über Diskontierungsraten in der Kosten-Nutzen- Analyse bedeutet dies, dass Nachhaltigkeit dann gegeben ist, wenn ein einmal er- reichtes Wohlfahrtsniveau während des gesamten Projekthorizonts, das heißt ge- wissermaßen solange Menschen leben, nicht mehr unterschritten wird. In der Lite- ratur wird dies als Non-Declining Welfare Kriterium bezeichnet (Bayer 2004, S.

3). Die Diskontierungsrate stellt hierbei den entscheidenden Faktor dar, mit dessen Hilfe die effiziente intertemporale Allokation zu erreichen ist.

Allerdings wird dieser Prozess dadurch erschwert, dass zukünftige Generationen ihre Präferenzen nicht in die Analyse einbringen können. Rabl (1996) vergleicht die Situation mit der von Eltern, die eine Entscheidung über die Zukunft ihres Kindes treffen müssen, ohne dass dieses aktiv an der Entscheidungsfindung teilnehmen kann. Deshalb müssen entsprechende Analyseinstrumente entwickelt werden, die es ermöglichen, im intertemporalen Kontext eine effiziente Alloka- tion zu erreichen, die eine nachhaltige Entwicklung nicht behindert.

4. Diskontierungsmotive in privaten Investitionen

Um die Effekte der Diskontierung auf die Entscheidungsfindung analysieren zu können und entsprechende Instrumente zu entwickeln, die diesen Effekten entge- genwirken können, müssen zunächst die generellen Motive für die Diskontierung zukünftiger Kosten oder Nutzen dargestellt werden. Diese sind vor allem im Kon- text privater Investitionen gültig und relativ unumstritten.

[...]


1 §7 Abs. 2 Bundeshaushaltsordnung (BHO); §6 Abs. 2 Haushaltsgrundsätzegesetz; §10 Abs. 2 Gemeindehaushaltsverordnung

2 dt. etwa „Gegenwärtiger Nettowert“

3 Alle Diskontierungsraten in dieser Ausarbeitung sind real, d.h. nach Abzug der Inflation, und angegeben in Prozent pro Jahr.

4 Siehe bspw. verschiedene Fallbeispiele in Westermann (2012), Feess (2007) und Mishan (1990).

5 In den Medien wurde das Werk als Brundtland-Bericht bezeichnet; benannt nach der Vorsitzen- den der Kommission, der ehemaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland.

Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656849872
ISBN (Buch)
9783656849889
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284756
Institution / Hochschule
Hochschule Reutlingen – ESB Business School Reutlingen
Note
1,2
Schlagworte
Nachhaltigkeit Kosten-Nutzen-Analyse Diskontierungsfaktor Umweltökonomie Nachhaltige Entwicklung

Autor

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Titel: Nachhaltige Diskontierung. Die Kosten-Nutzen-Analyse unter den Aspekten Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit