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Provokation, Gesellschaftskritik oder anspruchsvolle Lyrik? Interpretation des Songtextes "Mann gegen Mann" von Rammstein

Hausarbeit 2014 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kurzbiographie Till Lindemanns

3 Analyse des Liedes „Mann gegen Mann"
3.1 Inhalt
3.2 Formaler Aufbau
3.3 Sprache
3.4 Video
3.5 Interpretation
3.5.1 Aufruf zur Toleranz
3.5.2 Kritik an Homosexuellen

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Rammstein - Mann gegen Mann Provokanter Sexismus, Gesellschaftskritik oder doch zeitgenössisch anspruchsvolle Lyrik ?

1 Einleitung

„Weil man das assoziiert mit diesen zwölf beschissenen Jahren, soll das nicht mehr er­laubt sein?"1 Das sagt der Sänger und Texter der Band Rammstein, Till Lindemann, zur Frage, warum das Video zum Lied „Stripped" Ausschnitte eines Nationalsozialisti­schen Propagandafilms zu den Olympischen Spielen 1936 enthält. Der Film „Olympia", mit den beiden Teilen „Fest der Völker" und „Fest der Schönheit", zeigte im Jahre 1938, wie siegreich, athletisch und stark das deutsche Volk in den Spielen gewesen sei. Durch die Nutzung eben jenes Bildmaterials verlor Rammstein an Glaubwürdig­keit, damals anno 1998 entbrannte eine heiße Debatte, ob die Band mit dem National­sozialismus liebäugle. Der Chefredakteur des Magazins der Süddeutschen Zeitung kritisierte: „Der politische Kontext, in dem sich Rammstein auf Deutschland beziehen, ist nicht mehr der des Kniefalls Brandts in Warschau, sondern der von brennenden Häusern von Flüchtlingen und Migranten."2 Rammstein versucht zu provozieren und sagt, falls Kritik aufkommt, alles Gespielte und Gezeigte sei rein ästhetisch und frei von jeglicher politischer Gesinnung zu betrachten. Richard Kruspe, der Gitarrist der Band, erklärte dazu: „Jeder kann den Riefenstahl-Film deuten, wie er will. Für mich drückt er nicht die Herrschaft des NS-Regimes aus." Für ihn spreche auch, dass „die­ser Film damals für den Oskar nominiert [wurde] und [...] den Cannes-Preis gewonnen [hat]"3. Nach der ganzen Debatte, nach etlichen Kommentaren der Band und mehr als einem Jahrzehnt dazwischen ist Rammstein der Ruf als Naziband immer noch haften geblieben. Auch die Band an sich tat das Ihrige dazu, um in aller Munde zu bleiben, sei es durch das pornographische Musikvideo des Liedes „Pussy"4 aus dem Jahre 2009 oder den Liveauftritt in Les Arènes de Nîmes mit dem Song „Mein Teil"5, welcher unter anderem einen riesigen Kochtopf, eine Kannibalen-Szene assoziierend, enthält. Darin steht ein Keyboard, auf dem Christian Lorenz alias Flake spielt. Den Topf befeuert Lin­demann mit einem großen Flammenwerfer. Rammstein will nach wie vor provozieren und beschwört auf diese Art und Weise selbstverständlich auch Kritik herauf. Grund genug, einmal genauer auf ihre Texte einzugehen. Sind diese gesellschaftskritisch oder einfach nur sexistische Provokation und vor allem: Sind sie anspruchsvoll?

2 Kurzbiographie Till Lindemanns

Till Lindemann6, der in der ehemaligen DDR aufgewachsene Sohn des Kinderbuchau­tors Werner Lindemann, absolvierte zunächst eine Lehre als Bautischler, Korbmacher, Galerietechniker und Stellmacher.7 Erste öffentliche Aufmerksamkeit erhielt er durch einen Vorfall bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau. Er war nach seinem sieb­ten Platz in der Jugendeuropameisterschaft 1978 im Schwimmen über 1500 Meter no­miniert. Als er sich allerdings unerlaubt bei der Schwimm-Europameisterschaft in Rom aus dem Hotel schlich und von Kollegen aus der Bundesrepublik Deutschland „klassen­feindliche" Aufkleber annahm und öffentlich präsentierte, wurde er aus dem Kader ge­worfen. Nach einer Verletzung war für ihn allerdings der Traum einer Schwimmkarriere ohnehin nichtig geworden und er bezog einen Neubau in Rostock-Evershagen8 Seine ersten lyrischen Schritte machte er bereits im Alter von neun Jahren mit dem Gedicht „Der Nußknacker" „Er knackt ganz einfach Jede Nuß Und die nicht will Muß"9

Seine musikalische Karriere begann er als Schlagzeuger der DDR-Punkband „First Arsch" 1994 gründete Lindemann mit Richard Zven Kruspe, Oliver Riedel und Chirstoph Schneider das Projekt Rammstein Flugschau. Später stießen dann noch Paul Landers und Christian Lorenz hinzu. Diese Konstellation besteht bis heute und bildet die Band Rammstein.

Zu erwähnen ist auch, dass Lindemann sieben Jahre lang seine erste Tochter alleine aufzog, was ihn als warmherzigen Vater erscheinen lässt und die gegenteiligen Vor­würfe möglicherweise entkräftet.10

3 Analyse des Liedes „Mann gegen Mann"

Als Beispiel einer sehr sexistischen Darstellung Rammsteins sowie des Texters Till Lin­demann, dürfte vor allem das Lied „Mann gegen Mann", das zweite des Albums „Ro­senrot" aus dem Jahre 2005, dienen. Es handelt von dem Comingout eines Schwulen, welcher von Konservativen, die seine Andersartigkeit weder nachvollziehen können noch wollen, beleidigt wird.

3.1 Inhalt

Zu Beginn des Textes wird das lyrische Ich vom „Schicksal [...] angelacht"11. Es er­kennt die eigene neu entdeckte Homosexualität als Segen und steht dazu, indem es eben jenes „Schicksal in die Hand [nimmt]"12. Die Umgebung des Protagonisten ahnt bereits vor Beginn des Refrains, dass mit eben jenem etwas nicht stimme. Begegnun­gen mit Frauen führen zu Verwirrung.13 Schließlich schreit Lindemann die Botschaft, über die vorher schon getuschelt wurde, befreiend heraus.

„Mann gegen Mann

Meine Haut gehört den Herren

Mann gegen Mann

Gleich und gleich gesellt sich gern

Mann gegen Mann

ich bin der Diener zweier Herren

Mann gegen Mann

Gleich und gleich gesellt sich gern"14

Jetzt ist es allen klar, die vorher lediglich hinter vorgehaltener Hand über ihn hergezo­gen sind und sich über Frauen gewundert haben, welche mit der Hauptperson in Kon­takt waren: Er ist schwul. Allerdings erfüllt sich für den Homosexuellen die sicherlich erhoffte Erleichterung, ja Erlösung, aufgrund des öffentlichen Bekenntnisses zur bis dahin unterdrückten Neigung nicht. Ganz im Gegenteil: Plötzlich wundert man sich nicht nur über ihn, vielmehr wird er zum kompletten Außenseiter. Die männlichen Be­kannten wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben und „schimpf[en ihn] Verräter"15. Alle Väter und vermutlich sogar der eigene sehen ihn als Pendant des männlichen Ge­schlechts zum metastasierenden Darmkrebs im menschlichen Körper. Dies schürt Un­verständnis. All diese homophoben Meinungen, obwohl doch auch in seiner „[DNA]- Kette [...] kein Glied [fehlt] Wenn die Lust von hinten zieht"16. Er sei ein Mensch wie jeder andere, nur eben mit anderen sexuellen Neigungen als der Otto Normal Hetero­sexuelle. Für ihn gibt es keinen Grund, welcher beispielsweise gegen Analsex mit an­deren Männern spricht. Dies zeigt sich durch die Wiederholung des Refrains.

„Mann gegen Mann

Meine Haut gehört den Herren

Mann gegen Mann

Gleich und gleich gesellt sich gern"17

Allerdings nagt am lyrischen Ich die Ignoranz der angeblich so offenen, emanzipierten Gesellschaft. Das Negative brennt sich eben doch viel mehr ins Herz als das Positive, obgleich es zweifelsohne häufiger zu hören ist. Erzkonservative Meinungen werden als Beleidigungen oder unbedachte Bemerkungen formuliert18 und verletzen das lyrische Ich zunehmend.

[...]


1 Andreas Speit (Hrsg.): Ästhetische Mobilmachung - Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien, Seite 257

2 Ulf Poschardt: „Stripped. Pop und Affirmation bei Kraftwerk Laibach und Rammstein In:An- dreas Fanizadeh/Christoph Gurk (Hrsg.): Die Beute. Neue Folge Nr. 3, 1. Halbjahr 1999, Seite 54ff.

3 Wolf-Rüdiger Mühlmann: Letzte Ausfahrt: Germania. Ein Phänomen namens neue deutsche Härte, I.P. Verlag Berlin 1999, 1. Auflage 1999, Seite 110ff.

4 http://www.sueddeutsche.de/kultur/rammstein-nach-der-indizierung-blitzkrieg-mit-dem- kreischgewehr-1.138059, Aufgerufen am 27.10.2014

5 https://www.youtube.com/watch?v=rr7ymJwx4-Q. Ab Min 27:16, Aufgerufen am 27.10.2014

6 Geboren am 4.Januar 1963 in Leipzig

7 Michele Bettendorf: Ursprung Punkszene, oder: „Rammstein hätte es im Westen nie gege­ben", Book on Demand; 2002, 1. Auflage 2002, Seite 116

8 Melanie Haack/Robert Dunker/Petra Schurer: Biedermann und Lindemann über Musik und Sport; http://www.welt.de/sport/article5212423/Biedermann-und-Lindemann-ueber-Musik- und-Sport.html: Die Welt von 21.November 2009 , Abgerufen am 20.10.2014

9 Till Lindemann: „In stillen Nächten", Alexander Gorkow(hrsg.) Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, 3. Auflage 2013, Seite 7

10 Michele Bettendorf Seite 117

11 http://www.dasschoenstekind.de/rosenrot2.htm, aufgerufen am 23.10.2014, Vers 1

12 http://www.dasschoenstekind.de/rosenrot2.htm, aufgerufen am 23.10.2014, Vers 5

13 http://www.dasschoenstekind.de/rosenrot2.htm, aufgerufen am 23.10.2014, Vers 11f

14 http://www.dasschoenstekind.de/rosenrot2.htm, aufgerufen am 23.10.2014, Vers 13-20

15 http://www.dasschoenstekind.de/rosenrot2.htm, aufgerufen am 23.10.2014, Vers 25

16 http://www.dasschoenstekind.de/rosenrot2.htm, aufgerufen am 23.10.2014, Vers 23f

17 http://www.dasschoenstekind.de/rosenrot2.htm, aufgerufen am 23.10.2014, Vers 27-30

18 http://www.dasschoenstekind.de/rosenrot2.htm, aufgerufen am 23.10.2014, Vers 32- 34

Details

Seiten
15
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668177826
ISBN (Buch)
9783668177833
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284736
Note
Schlagworte
provokation gesellschaftskritik lyrik interpretation songtextes mann rammstein

Autor

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