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Die Stellung der Frau im Ehe- und Familienrecht des Sachsenspiegels

Hausarbeit 2011 13 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Sachsenspiegel

3. Die Vormundschaft
3.1. Die Geschlechtsvormundschaft
3.2 Die eheliche Vormundschaft

4. Die Ehe
4.1 Besitzverhältnisse in der Ehe
4.2 Das eheliche Erbrecht

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit möchte ich mit der Stellung der Frau im Ehe- und Familienrecht des Sachsenspiegels befassen. Bei der Beschäftigung mit dem Mittelalter und seiner Rezeption in den Medien kann oft der Eindruck gewonnen werden, dass eine Frau zu dieser Zeit vollkommen der Willkür von Männern ausgeliefert war und kaum Freiheiten oder gar das Recht auf Selbstbestimmung besaß. In dieser Arbeit möchte ich daher betrachten wie die rechtliche Situation der mittelalterlichen Frau in der Familie aussah. Ich werde untersuchen, inwieweit eine Frau in den verschiedenen Stadien ihres Lebens über ihr eigenes Schicksal bestimmen konnte, wie sich das Verhältnis der Ehegatten innerhalb der Familie gestaltete und welche finanziellen Rechte und Pflichten eine Frau besaß.

Der Sachsenspiegel scheint mir für diese Untersuchung besonders geeignet, da er nicht nur das bedeutendste Rechtsbuch des Mittelalters ist, sondern gerade auch, weil er in großen Teilen das Gewohnheitsrecht der Menschen jener Zeit darstellt.

Zu Beginn werde ich kurz das Werk meiner Untersuchung, den Sachsenspiegel und seine Entstehung vorstellen, um die Wichtigkeit und den Grad der Verbreitung dieses Rechtsbuches zu zeigen. Im Folgenden soll die Vormundschaft behandelt werden, welche ich in Geschlechts– und eheliche Vormundschaft gegliedert habe. Dann folgt ein Kapitel über die wirtschaftlichen und rechtlichen Beziehungen in einer Ehe, welches sich in die Untersuchung der Besitzverhältnisse in der Ehe und des ehelichen Erbrechtes teilt. Abschließend werde ich in einem Fazit meine Ergebnisse zusammenfassen.

2. Der Sachsenspiegel

Im Früh – und Hochmittelalter wurde das Recht größtenteils mündlich überliefert und war territorial teilweise sehr unterschiedlich. Im Laufe des 12. und 13. Jahrhundert begannen verschiedene Bestrebungen das Recht zu vereinheitlichen und zu verschriftlichen. Für den deutschsprachigen Raum ist der Sachsenspiegel das älteste und bekannteste Werk dieser Art.[1]

Verfasst wurde er von Eike von Repgow, über dessen Person nur sehr wenig bekannt ist. Er lebte vermutlich von ca. 1180 bis nach 1233. Fest steht, dass er von 1209 bis 1233 in sechs Urkunden als Zeuge auftritt. Graf Hoyer von Falkenstein, der Stiftsvogt von Quedlinburg, war vermutlich sein Lehnsherr und drängte ihn angeblich auch zur deutschen Fassung des Sachsenspiegels.[2] Viel mehr ist über die Person des Eike von Repgow nicht bekannt. Es ist anzunehmen, dass er eine gewisse Bildung besaß und viel reiste, da ihm sonst die Abfassung des Sachsenspiegels nicht möglich gewesen wäre. Bei der Abfassung des Sachsenspiegels hatte es sich Eike zur Aufgabe gemacht, das geltende Recht aufzuschreiben und nicht Neues zu erschaffen. Dies kann man an der Reimvorrede erkennen, die in mittelalterlicher Tradition der Rhetorik Bescheidenheit zeigen will.[3] Einflüsse des Sachsenspiegels waren neben dem Gewohnheitsrecht auch Kirchenrecht, kanonisches und römisches Recht.

Die erste Fassung dieses Rechtsbuches war wohl in lateinischer Sprache geschrieben und wurde von Eike später übersetzt. Die erste deutsche Fassung entstand wohl um 1224/25[4]

Inhaltlich gliederte sich der Sachsenspiegel ursprünglich in zwei Teilbereiche: Das Landrecht und das Lehnrecht. Über Stadtrecht, Hofrecht und Kirchenrecht sagt der Sachsenspiegel nichts aus, was mit dem Aufstieg der städtischen Gesellschaften teilweise zu Unklarheiten führte.

Für die vorliegende Arbeit ist besonders das Landrecht wichtig, welches den bäuerlich-adligen Lebensraum und das Verhältnis der Stände untereinander regelt. Der Sachsenspiegel erfuhr bald nach seiner Veröffentlichung eine weite Verbreitung, er wurde in verschiedenste Dialekte und ins Lateinische übersetzt. Aus diesen Übersetzungen entwickelten sich weitere Rechtsbücher, beispielsweise der Deutschenspiegel oder der Schwabenspiegel.

Die späteste gerichtliche Erwähnung des Sachsenspiegels erfolgte in Deutschland 1932.

3. Die Vormundschaft

Zu Beginn dieses Kapitels kann festgestellt werden, dass die Frau im mittelalterlichen Recht grundsätzlich als unselbstständige Person gilt und daher einen Vormund benötigt. Bis auf wenige Ausnahmen standen Frauen Zeit ihres Lebens unter Vormundschaft. Der Vormund konnte im Laufe eines Lebens mehrere Male wechseln. In der Regel handelte es sich um einen männlichen Verwandten. Die Vormundschaft kam im Sachsenspiegel besonders im Erb- und Familienrecht, aber auch in öffentlichen Bereichen zu tragen.[5] Unterschieden werden kann hierbei zwischen der Geschlechtsvormundschaft und der ehelichen Vormundschaft.

3.1. Die Geschlechtsvormundschaft

Im Recht des Sachsenspiegels stehen Kinder, Mädchen und Jungen, bis zum Erreichen der Mündigkeit unter der Vormundschaft des Vaters, oder bei dessen Tod, unter der eines männlichen Verwandten. Dies wird als „Altersvormundschaft“[6] bezeichnet. Wenn ein Mann aber mündig ist, benötigt er keinen Vormund mehr.[7] Er ist nun selber für seine Belange verantwortlich und kann auch als Vormund fungieren. („Wenn ein junger Mann zu seinen Jahren gekommen ist, so muß er Vormund seiner Frau sein […])[8]

Wann genau diese Mündigkeit erreicht ist, ist strittig. Wenn das Alter einer Person nicht bekannt war, wurden Zeichen der körperlichen Reife als Indikator für die Mündigkeit genommen. Ein Junge konnte also durchaus mit 12 oder 13 Jahren als mündig gelten. Allerdings stand es ihm frei bis zum 21. Lebensjahr einen Vormund zu wählen, der ihn unterstützte.[9]

Mädchen konnten mit dem Erreichen der Geschlechtsreife eine Ehe eingehen und somit von der Altersvormundschaft in die eheliche Vormundschaft übergehen.[10] Der Vormund wäre somit nicht mehr der Vater, sondern der Ehemann. Es gab aber auch die Möglichkeit einer Absonderung der Tochter. Dadurch konnte sie prinzipiell einen eigenen Hausstand gründen und den Vormund wechseln. Dies war aber praktisch kaum möglich. Ein wahrscheinlicherer Fall war, dass die Tochter in einen anderen Haushalt wechselte, wenn sie beispielsweise von Verwandten erzogen wurde. Dann war es sinnvoll den Vormund zu wechseln. Dazu war aber immer die Zustimmung des Vaters notwendig.

Eine Absonderung bedeutete für eine Frau also keine persönliche Freiheit oder das Recht auf Selbstbestimmung. Faktisch ging sie nur von einer Vormundschaft in die andere über.

Auch Witwen fielen beim Tod ihres Mannes von der ehelichen in die Geschlechtsvormundschaft zurück. Normalerweise übernahm der älteste Verwandte väterlicherseits die Vormundschaft über die Kinder und die Witwe, allerdings musste er ebenbürtig sein.[11] So kann man folgern, dass ein Sohn, sobald er mündig war, durchaus die Vormundschaft über seine verwitwete Mutter übernehmen konnte.[12]

Der Sachsenspiegel beschreibt auch Regeln für die Ehe zwischen standesungleichen Partnern. Dies wird im nächsten Kapitel noch näher behandelt werden. Für die verwitwete Frau ist es insofern wichtig, dass sie beim Tod ihres nicht ebenbürtigen Mannes ihr Geburtsrecht zurück erhält. Somit kann ihr Vormund nicht der nächste Verwandte ihres Mannes sein, sondern der älteste Angehörige väterlicherseits.[13]

Allgemein kann festgehalten werden, dass der Sachsenspiegel sehr viel ausführlicher auf die Vormundschaftsregelungen für Witwen eingeht, als auf die für junge und unverheiratete Frauen und Mädchen. Dies könnte damit erklärt werden, dass es Eike von Repgow so selbstverständlich erschien, dass ein Mädchen unter die Vormundschaft ihres Vaters oder eines anderen männlichen Verwandten fiel, so dass er darauf nicht näher eingehen musste.[14]

Die letzte Gruppe von Frauen, welche unter die Geschlechtsvormundschaft fiel, waren die geschiedenen Frauen. Wenn es im Sachsenspiegel um geschiedene Ehen geht, ist damit selbstverständlich keine Scheidung im heutigen Sinne gemeint.[15] Prinzipiell war die Ehe im Mittelalter unauflöslich bis zum Tode, doch es gab bestimmte Gründe, welche eine Aufhebung der Ehe rechtfertigten.[16] Die Ehe wurde für nichtig erklärt. Somit ist anzunehmen, dass die Frau nicht mehr unter die Vormundschaft ihres geschiedenen Mannes fiel, sondern wieder in ihre Familie zurückkehrte.

Abschließend ist noch ein weiterer, interessanter Aspekt zu behandeln. Trotz aller Unfreiheit war es einer Frau in gewissen Grenzen möglich, ihren Vormund gerichtlich absetzen zu lassen, wenn er sich unrechtmäßig an ihrem Vermögen bereicherte. Der Vormund wurde zu drei Gerichtsterminen geladen und nur wenn er auch zum dritten Termin nicht erschien, wurde ihm die Vormundschaft aberkannt und der Richter gab ihr ihren Besitz zurück.[17]

Da eine Frau sich vor Gericht nicht selber vertreten konnte, musste bei Klagen über ihren Vormund oder Ehemann der Richter als solcher fungieren.[18]

Diese Regelung sicherte den Frauen zumindest in gewisser Weise ihr Recht, ein Vormund musste sich folglich auch an gewisse Regeln halten. Doch die Vorraussetzungen für eine Absetzung des Vormundes erscheinen doch recht schwierig zu erfüllen, da davon auszugehen ist, das ein Vormund, welcher sich unrechtmäßig bereicherte, bestrebt war weiterhin als solcher zu fungieren und daher wohl meist spätestens zum dritten Gerichtstermin erschien, um sich zu rechtfertigen.

Zusammenfassend kann zum Thema der Geschlechtsvormundschaft gesagt werden, dass sich auch die unverheiratete Frau immer unter der Vormundschaft eines Mannes befand. Die Art und die Einschränkungen der Vormundschaft konnten jedoch je nach Alter und Lebenssituation stark variieren. So wurde das Leben einer gut situierten Witwe allgemein als sehr angenehm angesehen, da sich ihr Vormund im Allgemeinen nicht mehr so stark in ihr Leben einmischte und sie auch eine gewisse finanzielle Selbstbestimmung besaß. Jedoch kam es in jeder Lebenssituation wohl auch stark auf die Person des Vormundes an, auf den die Frau in jedem Falle angewiesen war.

[...]


[1] Vgl. Volkert, Wilhelm: Adel bis Zunft: Ein Lexikon des Mittelalters; Verlag C.H. Beck, München, 1991; Seite 194 ff.

[2] Vgl. Köbler, Gerhard: Lexikon der deutschen Rechtsgeschichte; Verlag C.H. Beck, München, 1997, Seite 515 f.

[3] „ Dies Recht habe ich mir nicht selbst ausgedacht. Es ist uns vielmehr seit alters von unseren rechtschaffenen Vorfahren überliefert worden. […]“ von Repgow, Eike: Der Sachsenspiegel; Schott, Clausdieter (Hrsg.); Manesse Verlag, Zürich, 1984, Vorrede in Reimpaaren , Zeile 150 ff.

[4] Vgl. für das Folgende: Erler, Adalbert; Kaufmann, Ekkehard (Hrsg.) : Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte; Erich Schmidt Verlag GmbH & Co., Berlin, 1990, Seite 1228 ff.

[5] Vgl. Rummel, Mariella: Die rechtliche Stellung der Frau im Sachenspiegel- Landrecht; Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main, 1987, Seite 42 ff.

[6] Rummel, Mariella: Die rechtliche Stellung der Frau im Sachenspiegel- Landrecht, Seite 47

[7] Vgl von Repgow, Eike: Der Sachsenspiegel I, 42, § 1

[8] von Repgow, Eike: Der Sachsenspiegel I, 42, § 2

[9] Vgl. von Repgow, Eike: Der Sachsenspiegel I, 42, §1

[10] Vgl. für das Folgende: Rummel, Mariella: Die rechtliche Stellung der Frau im Sachenspiegel- Landrecht, Seite 50 ff.

[11] Vgl. von Repgow, Eike: Der Sachsenspiegel I, 23, § 1, 2

[12] Vgl. Rummel, Mariella: Die rechtliche Stellung der Frau im Sachenspiegel- Landrecht, Seite 54

[13] Vgl. von Repgow, Eike: Der Sachsenspiegel I, 45, § 1

[14] Vgl.Westphal-Wihl, Sarah: Sachsenspiegel and Schwabenspiegel in Margolis, Nadia; Wilson, Katharina M. (Hrsg.): Women in the Middle Ages: An Encyclopedia; Volume II: K-Z, Greenwood Press, Westport, 2004

[15] Vgl. für das Folgende: Rummel, Mariella: Die rechtliche Stellung der Frau im Sachenspiegel- Landrecht, Seite 56 ff.

[16] Gründe für eine Trennung konnten bspw. sein: Mordversuch, Ehebruch, Nichtwissen um Standesunterschiede oder Unfreiheit, zu nahe Verwandtschaft der Ehepartner

[17] Vgl. von Repgow, Eike: Der Sachsenspiegel I, 41

[18] Vgl. von Repgow, Eike: Der Sachsenspiegel I, 43

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656846338
ISBN (Buch)
9783656846345
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284668
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
stellung frau ehe- familienrecht sachsenspiegels

Autor

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