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Die Amish. Eine traditionelle Glaubensgemeinschaft zwischen Tradition und Attraktion

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 17 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Einführung: Vermarktung einer Parallelgesellschaft

B Die Amish zwischen Abgeschiedenheit und Touristenattraktion
1. Geschichte der Amish
2. Die Amish in den USA und Kanada heute
3. Die Rolle der Religion als identitätsstiftender Faktor
4. Zunehmender Kontakt zur modernen Welt
5. Gründe für die Notwendigkeit zusätzlicher Einnahmequellen
6. Formen der Vermarktung
6.1 Verkauf von kulturellem Wissen und Handwerk
6.2 Selbstdarstellung für Touristen
6.3 Filmindustrie: Der Reiz des traditionellen Lebens

C Versuch einer Prognose für die Entwicklung der Amish

D Literaturverzeichnis

A Einführung: Vermarktung einer Parallelgesellschaft

In unserer modernen und bequemen Welt scheint es für viele Menschen unvorstellbar, freiwillig und Gott zum Gefallen auf beinahe alle das Leben erleichternden Innovationen zu verzichten, um nach einem gottgefälligen Leben den im Matthäusevangelium erwähnten Weg zu finden. Doch die in Nordamerika heimischen Amish1 führen seit Jahrhunderten ein annähernd gleichbleibend schlichtes Leben. Für vielewestlich-zivilisierte Menschen sind sie Äpeople misplaced in time”2 mit ihren Pferdekutschen, den Dachwägle oder Buggies, den altmodischen Kleidern und ihrer eigentümlichen Sprache. Über alle sozialen, wirtschaftlichen und politischen Veränderungen hinweg hat sich diese Religionsgemeinschaft einen Äaußerordentlich hohen Gradan kultureller Homogenität bewahrt”3, die sie quasi zu einer Parallelgesellschaftmacht.

Nicht zuletzt deshalb wurden die Amish Ä the object of curiosity and tourism“4 in ihrer Heimat und scheinen den zahlreichen neugierigen in- und ausländischen Touristen bereitwillig Einlass in ihre “ Welt von gestern”5 zu gewähren. Da nun die Religion, genauer die Zugehörigkeit zu den Amish, den maßgeblichen Unterschied darstellt und eine derartige Vermarktung des eigenen Lebens und letzten Endes auch ihres Glaubens verbietet, stellt sich die Frage, aus welchem Grund die Amish eine derartige Praktik zulassen und sogar selbst betreiben.

Soziologisch betrachtet geht die Betrachtung der Religion über den Äintersubjektivkontrollierbaren Bereich“6 den Menschen hinaus und ist sehr schwer zugänglich. Sicher ist, dass es sich bei den Amish um eine soziale Gruppe handelt. Zwar ist ihregenaue Anzahl offiziell nicht bekannt, doch verfügen sie über mehrere zehntausendeMitglieder in Nordamerika; ihr Verhaltensmotiv ist religiös geprägt; sie verbindet einstarkes Wir-Gefühl, was sie von den Englischen unterscheidet; ihr System von gemeinsamen Werten und Normen regelt ihr Leben und jedes Mitglied der Amish be- setzt in ihrem Gruppensystem eine bestimmte Rolle (z.B. Bischof, Mann, Frau, Kind, Lehrer…)7.

In dieser Arbeit soll zunächst die Geschichte der Amish sowie ihr Leben und ihreheutige Verbreitung in Nordamerika behandelt werden. Im Folgenden wird auf dieRolle der Religion als identitätsstiftenden Faktor eingegangen. Die anschließendenPunkte stellen den Konflikt und die Formen der Vermarktung ihres Lebens, ihrer Kultur und gar von sich selbst dar, da sich Berührungspunkte mit der modernen Weltnicht vermeiden lassen und die Amish, um in der heutigen Zeit zu überleben, auf zusätzliche Einnahmequellen angewiesen sind. Als Fazit wird versucht, anhand derausgearbeiteten Punkte eine Prognose für die Entwicklung der Amish in den kommenden Jahren zu erstellen. Selbstverständlich kann eine Arbeit in diesem Umfangdem Facettenreichtum und der Vielschichtigkeit des Lebens der Amish nicht gerechtwerden, weswegen an einzelnen Stellen Punkte oder Argumente nur angesprochen,aber nicht weiter erläutert werden können.

B Die Amish zwischen Abgeschiedenheit und Touristenattraktion

Oftmals werden die Amish und die Mennoniten8 in einem Atemzug genannt, wenn esum christlich-konservative Religionsgemeinschaften geht. ÄThere are dozens ofAmish and Mennonite groups around the world“9. Jedoch legen die Amish großenWert auf ihre eigene Identität und Äconsider themselves conservative cousins of theMennonites“10. Die Amish selbst unterscheiden streng zwischen sich selbst, denAmish, und den Englischen11, einer Bezeichnung, die sich seit dem Beginn ihres Lebens in den damaligen nordamerikanischen Kolonien gehalten hat. Ihr FortbestehenÄhas been explained largely on the basis of a static sociological model“12, doch habensie aus heutiger Sicht nicht nur überlebt, Äbut have more than doubled in number inthe past twenty-five years”13.

Kaum ein Reiseführer der USA kommt heute ohne einen Verweis auf die Amish aus,empfiehlt nicht ein Amish Restaurant oder einen besonderen Souvenirshop, in demman die berühmten Quilts erwerben kann. Die meisten Amish suchen jedoch die Ruhe in ländlichen Gegenden der USA und Kanadas, wo sie ihrer Arbeit als Farmernachgehen und ihren Glauben unbedarft ausleben können. Hier lässt sich erneut derZwiespalt zwischen Abgeschiedenheit und Touristenattraktion erkennen.

1. Geschichte der Amish

Im Zuge einer ÄReformwelle, die Westeuropa überschwemmte”14 entstanden zahlreiche neue, protestantische Religionsgemeinschaften. ÄThe specific movement fromwhich these groups descend, however, began on January 21, 1525 in Zurich, Switzerland”15. Gegen den Papst gerichtete, religiöse Anführer wie Zwingli verfochteneine neue Form des Christentums, predigten die Bibel in der jeweiligen Landessprache und vertraten die Ansicht, dass die Vergebung der Sünden für alle allein durchihren Glauben möglich ist. Eine Gruppe der Brethren (Anabaptisten genannt) wurdehart verfolgt, weil diese den Glauben vertraten, dass die Kirche ein freiwilliger Zusammenschluss von Erwachsenen sein sollte und wie die frühe christliche Kirche vonder Welt und dem Staat getrennt sein sollte16. Die Anabaptisten Äsought a purechurch, free from state control“17. 1693 begründete Jacob Amman die Amish alsneue christliche Religionsgemeinschaft18. Über den Namensgeber und Gründer derAmish ist nur sehr wenig bekannt. Da sie in Europa immer noch hart verfolgt wurden,emigrierten sie in großen Wellen in die nordamerikanischen Kolonien. ÄDie ersteAmisch-Siedlung wird […] auf das Jahr 1737 in Berks County datiert“19.

In Europa selbst gibt es heute keine Amish mehr, sie haben sich mit anderen Glaubensgemeinschaften wie den Mennoniten oder Protestanten vermischt20. In Nordamerika lassen sich die Religionsgemeinschaften der Amish und der Mennoniten weniger durch ihre Äbasic Christian doctrine“21 als ihre Praktiken und ihr Ausleben der Religion unterscheiden.

[...]


1 In der deutschen Sprache gibt es für diese Religionsgemeinschaft mehrere Bezeichnungen (Amish, Amisch, Amische). Um die Einheitlichkeit zu wahren, wird in dieser Arbeit - soweit es sich nicht um Zitate handelt - die Bezeichnung Amish verwendet.

2 Hostetler, John A., Amish Society, Baltimore, Maryland 1980, S. 372.

3 Knauf, Jutta, Jacob‟s Ladder. Einfluß der Religion auf das Alltagsleben einer Old Order AmischGemeinde in Ohio/USA, Frankfurt am Main 1993, S. 15.

4 Good, Merle and Phyllis, 20 Most Asked Questions about the Amish and Mennonites, Intercourse, Pennsylvania 1995, S. 4.

5 Längin, Bernd G., Die Amischen. Vom Geheimnis des einfachen Lebens, Himberg 1990, S. 9.

6 Pollak, Detlef, Religionssoziologie in: Korte, Hermann/Schäfers, Bernhard (Hrsg.), Einführung in die Praxisfelder der Soziologie, Opladen 1997, S. 204.

7 Vgl. Einteilung nach Schäfers, Bernhard, Lektion VII. Die soziale Gruppe in: Korte, Hermann/Schäfers, Bernhard (Hrsg.), Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie, Wiesbaden 2006, S. 131.

8 Die Mennoniten verdanken ihren Namen dem niederländischen, vormals katholischen Priester Menno Simons, der sich 1536 der protestantischen Bewegung anschloss.

9 Good, Merle and Phyllis, 20 Most Asked Questions about the Amish and Mennonites, S. 5.

10 Good, Merle and Phyllis, 20 Most Asked Questions about the Amish and Mennonites, S. 13.

11 Vgl. Längin, Bernd G., Die Amischen, S. 45.

12 Hostetler, John A., Amish Society, S. 372.

13 Hostetler, John A., Amish Society, S. 372.

14 Knauf, Jutta, Jacob‟s Ladder, S. 25.

15 Good, Merle and Phyllis, 20 Most Asked Questions about the Amish and Mennonites, S. 10.

16 Vgl. Good, Merle and Phyllis, 20 Most Asked Questions about the Amish and Mennonites, S. 10.

17 Good, Merle and Phyllis, 20 Most Asked Questions about the Amish and Mennonites, S. 11.

18 Vgl. Good, Merle and Phyllis, 20 Most Asked Questions about the Amish and Mennonites, S. 13.

19 Knauf, Jutta, Jacob‟s Ladder, S. 35.

20 Vgl. Knauf, Jutta, Jacob‟s Ladder, S. 37.

21 Good, Merle and Phyllis, 20 Most Asked Questions about the Amish and Mennonites, S. 7.

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656842767
ISBN (Buch)
9783656842774
Dateigröße
738 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284574
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Note
1,3
Schlagworte
amish eine glaubensgemeinschaft tradition attraktion

Autor

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