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Die sexuelle Aufklärung für Menschen mit geistiger Behinderung

Hausarbeit 2014 24 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen
2.1 Geistige Behinderung
2.2 Sexuelle Aufklärung

3. Zur Bedeutung sexueller Aufklärung für geistig behinderte Menschen

4. Konkrete Ziele der sexuellen Aufklärung
4.1 Verbesserung des Selbstbildes
4.2 Stärkung der Selbstbehauptung
4.3 Normen und Werte
4.4 Raum für Vielfalt
4.5 Angemessene Verhütung
4.6 Kinderwunsch

5. Aufklärung als Schutz vor Übergriffen
5.1 Sexuellem Missbrauch vorbeugen
5.2 Hilfreiche Aufklärungsmethoden

6. Der „richtige“ Zeitpunkt für die Aufklärung

7. Anforderungen an den Aufklärenden

8. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Viele Menschen sind heutzutage noch der Ansicht, dass es keiner sexuellen Aufklärung für Menschen mit einer geistigen Behinderung bedarf. Zumal das Thema „Sexualität und Behinderung“ lange Zeit allgemein als ein Tabu galt. Es wurde regelrecht als ‚widerlich‘ und ‚abstoßend‘ empfunden, wenn ein behinderter Mensch sexuelle Verhaltensweisen zeigte. Diese Einstellungen haben sich jedoch im Laufe der Zeit zum Besseren gewandelt. Die grundsätzliche Haltung zum Thema „Sex“ sowie die Einstellung gegenüber Menschen mit einer geistigen Behinderung haben sich weitestgehend positiv verändert (vgl. Offenhausen 1995, S. 20-31).

Durch meine Arbeit in einem Dorf für Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Beeinträchtigungen, habe ich Einblicke zu diesem Thema sammeln können. Für die beeinträchtigten Menschen werden dort kaum Möglichkeiten geschaffen ihre Sexualität auszuleben. Scheinbar passen die zwei Komponenten „Behinderung und Sexualität“ nicht zusammen, so dass eine geeignete Aufklärung als überflüssig angesehen wird. Sexualität ist ein Grundbedürfnis und Recht aller Menschen einschl. Menschen mit Behinderungen. Die Unsicherheiten und Ängste der Eltern, Angehörigen und Betreuern sind beträchtlich. Allerdings ist ihnen dies nicht zu verdenken, denn sexuelle Probleme der geistig Behinderten werden in den Institutionen sowie in der Ausbildung pädagogischer Berufe überwiegend ignoriert. Die Eltern sind gänzlich überfordert und wollen das Thema möglichst verdrängen. Durch eine geeignete sexuelle Aufklärung müssen diese Ängste, auch seitens der Betroffenen selbst, abgebaut werden. Dabei ist der Einfluss der Gesellschaft und Umwelt auf die sexuell unaufgeklärten Menschen immens. Offenhausen (1995, S. 108) spricht sogar davon, dass geistig behinderte Menschen eigentlich gar keine sexuellen Probleme haben, lediglich der äußere Einfluss zu Problemen führen kann. Ist sexuelle Aufklärung für Menschen mit geistiger Behinderung notwendig oder nicht? Welche Ziele werden angesprochen und „wann“ findet „von wem“ die Aufklärung statt?

Zunächst werden in dieser Arbeit die grundlegenden Probleme, die ohne eine sexuelle Aufklärung entstehen, angesprochen. Nachfolgend wird die Komplexität dieses Themas anhand konkreter Ziele der sexuellen Aufklärung, möglicher Methoden sowie des „richtigen“ Zeitpunktes näher betrachtet. Da die unzureichende Kompetenz der Eltern sowie der pädagogischen Fachkräfte auf diesem Gebiet ein gängiges Problem ist, werden abschließend die Anforderungen an die Aufklärenden beschrieben.

Ich möchte darauf hinweisen, dass ich in meiner Arbeit die grammatikalisch männliche Sprachform verwende, es sind jedoch immer weibliche und männliche Personen gemeint.

2. Begriffsbestimmungen

2.1 Geistige Behinderung

In den 60er Jahren wurde der Begriff „geistige Behinderung“ von der in 1958 gegründeten Elterninitiative „Lebenshilfe“ eingeführt. Der Ausdruck hat sich seitdem in die Gesellschaft etabliert und diskriminierende Begriffe wie Schwachsinnige oder Idioten weitgehend ersetzt (vgl. Moll 2010, S. 13). In der heutigen Zeit haben wir es mit unterschiedlichen Begriffsbestimmungen zu tun. Die Individualität der Behinderungen sowie das Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren machen das Festlegen einer eindeutigen Begriffserklärung nahezu unmöglich. Fornefeld (2009) betont, „dass es weder die geistige Behinderung noch den Menschen mit geistiger Behinderung gibt“ (S. 60, Herv. i. O.).

Theunissen (2011, S. 22-32) beschreibt in seinem vierdimensionalen Modell die Wechselwirkung einzelner Faktoren. Der Faktor A umfasst Schädigungen, die auf den biologischen Ursprung zurückzuführen sind (z. B. Hirntumore). Der Faktor B beinhaltet den Lern- und Entwicklungsbereich (z. B. Aufmerksamkeitsschwächen). Das gesellschaftliche und familiäre Umfeld betrifft den Bereich des Faktors C (z. B. Misshandlungen) und bei dem Faktor D steht die Subjektiv-Perspektive im zentralen Mittelpunkt (z. B. Einschätzung der eigenen Person). Das Modell soll veranschaulichen, dass eine geistige Behinderung erst durch die Kombination aller Faktoren (ABCD) vermutet werden kann. Ein oder zwei zusammenspielende Faktoren sind nicht ausreichend, um eine geistige Behinderung festzulegen. Anhand der zwei nachfolgenden Beschreibungen wird dies deutlich.

Ein Kind mit der medizinischen Diagnose „Down-Syndrom“ wird als geistig behindert angesehen. Es besucht eine Schule für förderbedürftige Kinder, obwohl es keine Lernschwächen aufweist. Die Gesellschaft grenzt das Kind aus und fördert dessen Identitätsprobleme. In dem vorangegangenen Beispiel ist die Faktorenkombination ACD beschrieben.

Ein weiteres Beispiel ist die Kombination BD. Diese betrifft einen Jugendlichen mit ungenügenden Schulleistungen. Die schlechten Noten wirken sich negativ auf das Selbstvertrauen des Schülers aus. Dennoch gilt er nicht als geistig behindert, da er an keinen biologisch feststellbaren Schädigungen leidet (vgl. Theunissen 2011, S. 30f). Zusammenfassend lässt sich geistige Behinderung „als ein Etikett betrachten, das Menschen auferlegt wird, die angesichts spezifischer Beeinträchtigungen auf kognitiver, motorischer, sensorischer, emotionaler, sozialer und aktionaler Ebene und darauf abgestimmter Bewältigungsstrategien einen entsprechenden ressourcenorientierten Unterstützungsbedarf (needed support) zur Verwirklichung der Grundphänomene menschlichen Lebens benötigen, der von lebensweltbezogenen Maßnahmen (environmental changes) nicht losgelöst betrachtet werden darf.“ (ebd., S. 32)

2.2 Sexuelle Aufklärung

Die sexuelle Aufklärung unter nichtbehinderten Menschen ist nahezu selbstverständlich. Menschen mit einer geistigen Behinderung entwickeln sich in ihrer Sexualität genauso weiter wie Menschen ohne jegliche Beeinträchtigungen, wenn auch langsamer. Somit ist (sollte) eine umfassende sexuelle Aufklärung ein wichtiger und ‚normaler‘ Bestanteil der Erziehung (sein). Die Aufklärung dient zum einen der Vorbeugung sexuellen Missbrauchs und zum anderen werden den Klienten Möglichkeiten und Grenzen aufgezeigt. Der eigene Körper wird besser verstanden und die Eigenständigkeit im Leben bleibt erhalten. Mit Hilfe der Aufklärung wird also den unaufgeklärten Personen ein ganzheitliches Wissen über verschiedene Aspekte der Sexualität vermittelt (vgl. Bosch & Suykerbuyk 2007, S. 47ff).

„Mit Sexualaufklärung wird in der Regel die Information über Fakten und Zusammenhänge zu allen Themen menschlicher Sexualität bezeichnet, meist als einmaliges Geschehen, mehr oder weniger an Zielgruppen orientiert. Sexualaufklärung ist damit ein Teil der Sexualerziehung.“ (Sielert 2005, S.15)

3. Zur Bedeutung sexueller Aufklärung für geistig behinderte Menschen

Das fehlende Wissen über Sexualität umfasst viele Risiken. Das Kennenlernen geschlechtsspezifischer Unterschiede, Homosexualität oder pfleglicher Umgang mit dem Körper sind Informationen, die einer großen Anzahl geistig behinderter Menschen vorenthalten werden. Die Gefahr vor sexuellem Missbrauch ist eine mögliche der daraus resultierenden Folgen. In der Pubertät verändert sich nicht allein der Körper (z. B. Wachstum der Brüste), denn das Experimentieren auf dem sexuellen Gebiet gehört ebenso dazu. Die Identitätsfindung findet statt, es wird geflirtet und sich von den Eltern abgelöst. Erfahrungen mit Gleichaltrigen werden gesammelt und ausgetauscht. Erste körperliche Annäherungen mit einem Partner, erste Gefühle und das Ausprobieren am eigenen Körper gehören ebenfalls zur Pubertät. Dabei wird die Wahrnehmung des eigenen Körpers entwickelt und ein positives Selbstbild entsteht. Das Problem allerdings ist, dass genau diese Chancen vielen geistig behinderten Menschen verborgen bleiben. Der Einfluss der Eltern spielt dabei eine wesentliche Rolle. Die unterdrückende Haltung zum Thema Sexualität herrscht vor. Wenn beispielsweise geistig behinderte Mädchen auf das Einsetzen ihrer Periode nicht vorbereitet werden, wird das ein einschneidendes Erlebnis werden und für starke Verwirrungen sorgen. Leider ist diese fehlende Vorbereitung keine Seltenheit. Eltern von behinderten Kindern können es nur schwer wahrhaben, dass ihr Kind mit der Sexualität in Berührung kommen wird. Als Herausforderung kommt hinzu, dass Eltern meist nicht wissen wie sie es ihren Kindern vermitteln sollen oder selbst eine eher verschlossene Haltung gegenüber der Sexualität eingenommen haben (vgl. Bosch & Suykerbuyk 2007, S. 49f).

Eltern befinden sich in einem seelischen Zwiespalt. Einerseits wünschen sie sich, dass ihr behindertes Kind glücklich und zufrieden ist und dieselben Erfahrungen wie ein nichtbehindertes Kind sammeln kann. Andererseits entwickeln sich diverse Ängste wie zum Beispiel die Angst vor ungewollten Schwangerschaften, sodass eine Sterilisation als geeignetes Mittel erscheint. Es gibt einige Situationen, in denen Eltern ratlos sind, insbesondere bei auffälligem Sexualverhalten der Kinder (z. B. Masturbation in der Öffentlichkeit). Das Heranziehen von Fachleuten ist unumgänglich, um das Verhältnis zum Sohn oder zur Tochter nicht zu belasten. Bei sexuellen Aktivitäten unter geistig behinderten Menschen besteht ebenfalls die Gefahr vor Geschlechtskrankheiten, worüber die Betroffenen aufgeklärt werden müssen. Auch Gewalt und unerwünschte Handlungen in Partnerschaften sind durch eine Aufklärung zu vermeiden (vgl. Bundesvereinigung Lebenshilfe 2009, S. 12-24).

Geistig behinderte Menschen leben ihre Sexualität oftmals viel körperbetonter und offener aus. Für andere Menschen ist dieses Verhalten schwer nachvollziehbar bis hin zu inakzeptabel und provokativ. Diese Reaktionen werden auch seitens der Betreuer beobachtet. Sie können mit der Herausforderung kaum umgehen, können die Anzeichen nicht deuten und es entsteht ein Gefühl der Hilflosigkeit. Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung, die das Gegenteil demonstrieren. Für diese Menschen sind körperliche Annäherungen nicht zu bewältigen. Jeder Fall muss also individuell betrachtet werden, aber allgemein kann man davon ausgehen, dass geistig behinderte Menschen viel weniger Hemmungen zeigen als nichtbehinderte Menschen. Die Gründe dafür sind vielseitig, dennoch kann man das fehlende Empfinden für Grenzen als Problem anerkennen (vgl. Bosch 2004, S. 28). Anhand der nachfolgenden Ziele der sexuellen Aufklärung werden die genannten Aspekte nochmals verdeutlicht.

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Details

Seiten
24
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656844686
ISBN (Buch)
9783656844693
Dateigröße
654 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284465
Institution / Hochschule
Hochschule Fulda
Note
1,7
Schlagworte
aufklärung menschen behinderung

Autor

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Titel: Die sexuelle Aufklärung für Menschen mit geistiger Behinderung