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Auswirkungen des Borderline-Syndroms auf Angehörige von Betroffenen. Aufgaben der Sozialen Arbeit

Akademische Arbeit 2003 32 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1 Einführung in das Thema "Borderline und Soziale Arbeit"
1.1 Erklärung der Begriffe
1.2 Historischer Überblick
1.3 Kontakt zu Borderlinern in Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit

2 Die Auswirkungen des Borderline-Syndroms auf das Umfeld der Betroffenen
2.1 Die Notwendigkeit der Angehörigenarbeit
2.2 4.2 Informationen über Betroffene und Angehörige finden, aber wie?
2.3 Die Auswirkungen der Borderline-Störung auf die Partnerschaft
2.4 Co-Problematik bei Partnern von Borderlinern
2.4.1 Interview mit einer Partnerin
2.5 Weglaufen gilt nicht! Die Bedeutung der Borderline-Störung für die Familienangehörigen
2.5.1 Böse Eltern oder leidende Eltern?
2.5.2 Interview mit einer Mutter
2.5.3 Von Helden und Sündenböcken- Die Kinder aus Borderline-Familien
2.6 "Borderliner spalten das Team!" Auswirkungen auf die professionelle Beziehung

3 Sieben Fragen an einen Mitarbeiter eines Sozialpsychiatrischen Dienstes

4 Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

1 Einführung in das Thema "Borderline und Soziale Arbeit"

1.1 Erklärung der Begriffe

Um Missverständnisse von Anfang an auszuräumen, möchte ich die Begriffe erklären, die ich im Zusammenhang mit Borderline verwende.

Borderline-Syndrom ist der Oberbegriff für alle Arten von Borderline-Störungen. Dieser Begriff macht keine Angabe darüber, wie tiefgreifend eine solche Störung ist. Er bezeichnet jedoch das Zusammentreffen der Symptome, die bei dem Betroffenen auftreten.[1]

Borderline-Zustände können als kurzfristige Dekompensationen von Klienten betrachtet werden, die prinzipiell gut strukturiert sind, aber in bestimmten Situationen einen "Trigger" (=Auslöser) erleben, durch den eine besondere Nähe zu einem innerpsychischen traumatischen Bereich hergestellt wird.[2]

Borderline-typisches Verhalten bezeichnet ein Verhalten, das Symptome der Borderline- Störung aufweist. Durch das Wort Verhalten wird die Annahme nahegelegt, dass es sich nicht um eine Störung handelt, sondern um vom Individuum beeinflussbares Agieren.

Eine Borderline- Persönlichkeitsstörung, abgekürzt BPS, wird durch die Erfüllung von mindestens 5 der 9 speziellen Kriterien des "Diagnostischen und Statistischen Manuals IV" festgestellt. Es muss sich dabei um ein immer wiederkehrendes, zeitlich nicht begrenztes Muster im Verhalten der Persönlichkeit handeln.

Auch der Ausdruck Borderline-Persönlichkeitsorganisation, wie er von Kernberg verwendet wird, zielt auf diese bleibenden Strukturmerkmale der Ich- Organisation ab.[3] Allerdings ist das Konzept der Borderline-Persönlichkeitsorganisation weitreichender gefasst als das Konzept der Borderline-Persönlichkeitsstörung und so kommt es, dass nur 10-25% der Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsorganisationen die Diagnose einer Borderline- Persönlichkeitsstörung bekommen.[4]

In meiner Arbeit werde ich vor allem die Begriffe Borderline-Syndrom und synonym dazu Borderline-Störung verwenden, weil ich damit alle Facetten der oben genannten Begriffe einschließe. Gehe ich auf einen speziellen Aspekt der unterschiedlichen Begriffe ein, werde ich dies explizit erwähnen.

Den Begriff Borderliner, mit dem viele der Betroffenen sich selbst bezeichnen, benutze ich der Einfachheit halber, um Personen mit einem Borderline-Syndrom zu benennen. Ebenso verwende ich die Begriffe Borderline-Klient oder Borderline-Patient allgemein für Menschen mit einer Borderline-Störung.

1.2 Historischer Überblick

1884 wurde der Begriff "borderland" erstmals von Hughes im Zusammenhang mit psychischen Störungen verwendet.[5] Erst 9 Jahre danach führte Kraeplin die Bezeichnungen "Dementia praecox", "Katatonie" und "Dementia paranoides"(heute: Schizophrenie) ein; man sieht also, dass Borderline kein Modebegriff ist, sondern schon vor über 100 Jahren erstmals benutzt wurde. Die "Studien über Hysterie", die 1893 von Breuer und Freud veröffentlicht wurden, enthalten einige Fälle, die man heute als Borderline-Störung einstufen würde. Anna O., die erste von Breuer psychoanalytisch behandelte Patientin, würde beispielsweise unter diese Gruppe fallen.

1906 meinte Wenicke, dass "Grenzfälle" zwischen Angstneurosen und Angstpsychosen existieren. Moore stellte 1921 ebenfalls "borderline cases" (deutsch: Grenzfälle) fest, für die keine hinreichende diagnostische Bezeichnung bestünde. Die Borderline- Störung erhielt ihren Namen also nicht deshalb, weil es sich bei den Klienten um Menschen handelt, die extrem bis an ihre Grenzen gehen, sondern weil es lange Zeit keinen einheitlichen Begriff für diese Art der psychischen Störung gab und eine Benennung des Syndroms nur dadurch erfolgen konnte, dass man es genau in den "Grenz"- Bereich zwischen Neurosen und Psychosen einsortierte.

Schmideberg stufte 1947 die Mehrzahl ihrer Patienten als weder neurotisch noch psychotisch ein, sondern ging davon aus, dass diese als Psychopathen (so lautete die damalige Bezeichnung für Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung) oder auch als Borderline- Fälle zu beurteilen seien.

Die Erschließung der menschlichen Seele wurde in diesem Jahrhundert stetig vorangetrieben, und so begann Otto Kernberg 1967 mit Veröffentlichungen über Borderline- Störungen. 1975 gab er schließlich das Standardwerk "Borderline- Störungen und pathologischer Narzissmus" in den USA heraus, das ein noch heute genutztes Konzept der Borderline- Störungen beinhaltet. Otto Kernberg gilt seitdem als der Vater des Borderline- Konzeptes, der in so gut wie aller Literatur über Borderline- Störungen erwähnt wird. Sein Werk wurde in viele Sprachen übersetzt und einige Male von ihm überarbeitet. Auch heute noch setzt sich Otto Kernberg mit dem Thema auseinander, sowohl in der Zeitschrift "Persönlichkeitsstörungen- Theorie und Therapie", die er mit anderen Fachleuten zusammen herausgibt, als auch im "Handbuch der Borderline-Störungen", das im Jahr 2000 im Schattauer Verlag erschien.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal einen Schritt zurückgehen und die Nachwirkungen der Veröffentlichung von "Borderline- Störungen und pathologischer Narzissmus" für die Praxis betrachten. Man hatte damit zwar eine genaue Beschreibung und umfassende Erklärung gewonnen, benötigte jedoch ein "Messinstrument", um eine handfeste Diagnose erstellen zu können. Im Jahr 1978 wurde deshalb von Gunderson und Kolb ein halbstrukturiertes "Diagnostisches Interview für das Borderline- Syndrom" veröffentlicht, welches von der Wissenschaft als Standardverfahren zur Erkennung und Einstufung des Borderline- Syndroms anerkannt wird.

1.3 Kontakt zu Borderlinern in Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit

Rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung muss mindestens einmal im Leben wegen einer psychischen Erkrankung stationär behandelt werden. Solche Leiden sind inzwischen der häufigste Grund für Frühpensionierungen bei Frauen und stehen insgesamt an sechster Stelle der Ursachen für Arbeitsunfähigkeit, wie die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) auf einem Kongress in Augsburg berichtete. 13,5% der Krankenhaustage und 10 % der Kosten für stationäre Behandlungen seien auf psychische Leiden zurückzuführen.[6] Man kann also nicht davon ausgehen, dass psychische Krankheiten Einzelfälle sind.

Experten schätzen den Anteil von Menschen, die einmal in ihrem Leben eine Borderline-Störung entwickeln, auf 0,8 bis 1,8 % der Gesamtbevölkerung. In stationärer Behandlung finden sich mehr Borderliner als Schizophrene. Widinger und Weissman gehen diesbezüglich davon aus, dass 15% aller psychiatrisch stationär behandelten Patienten an einer Borderline- Störung leiden. Demnach stellt das Borderline- Syndrom eine der häufigsten stationär behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen dar.[7]

Zu den Kosten gibt es keine bundeseinheitliche Statistik. Erhebungen einiger Kliniken existieren jedoch: So gehen beispielsweise Jerschke et al. davon aus, dass die Borderline-Patienten der Freiburger Universitätsklinik in den letzten zwei Jahren vor der Aufnahme etwa 24 000 DM, also heute etwa 12 000 Euro Kosten pro Patient und Jahr verursachten.[8]

Der hohe Anteil der Borderline- Störungen unter der Bevölkerung und die immensen Behandlungskosten für psychische Krankheiten verdeutlichen den Interventionsbedarf. Wenn man davon ausgeht, dass Sozialpädagogen immer da eingesetzt werden, wo es gerade brennt, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass die Arbeitsbereiche mit Borderlinern für Sozialpädagogen sehr umfangreich sind.

Ein Wandel des therapeutischen Denkens trägt ebenfalls seinen Teil dazu bei, dass diese Arbeitsbereiche noch weiter ausgedehnt werden: Der Fokus der Erklärungsansätze für das Borderline- Syndrom lag lange Zeit auf dem betroffenen Individuum. Erst nach und nach wurde auch das System, in dem das Individuum sich bewegt, in die Überlegungen mit einbezogen. Dadurch gewann die Soziale Arbeit in diesem Themenfeld an Bedeutung.

In den folgenden sechs Bereichen ist meiner Meinung nach die Wahrscheinlichkeit hoch, mit Borderlinern zu arbeiten.

1. Krankenhaussozialarbeit

Die Krankenhaussozialarbeit befindet sich in einer Wachstumsphase, und es wurde schon seit Längerem erkannt, dass vor allem im Bereich der Psychiatrie immer mehr sozialpädagogische Fachkräfte gebraucht werden. Sie sollen vor allem eine Unterstützung bei der Neuorientierung im Alltag nach dem Klinikaufenthalt bieten, um den Drehtür-Effekt (d.h. die Klienten werden entlassen und kurz danach wieder eingewiesen) zu reduzieren. Zwar liegen viele verwaltungsorientierte Aufgaben, wie z.B. die Klärung der Krankenversicherungsfragen und die Vermittlung in Nachsorgemaßnahmen, in den Händen von Sozialpädagogen, doch genauso wichtig ist der direkte Kontakt zu ihren Klienten.

2. Sozialpsychiatrische Dienste

Sozialpsychiatrische Dienste arbeiten Hand in Hand mit den Krankenhaussozialarbeitern der Psychiatrien und Fachkliniken, denn ihre Aufgabe ist es, chronisch psychisch Kranken eine weitgehend selbstständige Lebensführung zu ermöglichen. Dazu gehört auch, Krankheitrückfällen und weiteren Krankenhausaufenthalten vorzubeugen. Neben Menschen mit Psychosen und affektiven Störungen gehören auch Menschen mit Persönlichkeitsstörungen wie der Borderline-Störung zum typischen Klientel.

3. Suchtkrankenhilfe

Suchterkrankungen sind unter Borderlinern weit verbreitet. Deshalb liegt es nahe, dass das Klientel der Suchtkrankenhilfe oft Borderline- Züge aufweist und eine entsprechende Therapie benötigt. Besonders bei Menschen, denen es leicht fällt, eine Sucht aufzugeben und sie dann schnellstmöglich durch eine andere Sucht ersetzen, ist diese Diagnose in Erwägung zu ziehen. Es ist dann wichtig, sich nicht nur auf die Abhängigkeit zu konzentrieren, da sie nur eines von vielen Symptomen ist. Vielmehr muss auch dem Klienten entsprechend auf die anderen psychischen Probleme eingegangen werden, wie einige Fachkliniken bereits erkannt und in ihren Konzepten umgesetzt haben.

4. Straffälligenhilfe

Die mangelnde Impulskontrolle bei Aggressionen, die ein Symptom des Borderline-Syndroms ist, begünstigt Kriminalität. Deshalb ist die Straffälligenhilfe ein Sozialpädagogisches Arbeitsfeld, in dem man immer wieder mit Borderlinern konfrontiert wird. Bei den Straftaten handelt es sich meist um leichtere Delikte wie Diebstahl und jugendtypische Taten wie Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, deshalb werden vor allem die Bewährungshilfe und die Jugendgerichtshilfe betroffen sein.

5. Ehe-, Familien- und Lebensberatung

In der Einleitung erwähnte ich bereits, dass die mir bekannten Angehörigen von Borderlinern in Beratungsstellen der Familien- und Lebensberatung Hilfe suchten. Ein Grund dafür sind die Streitereien und Auseinandersetzungen, die in diesen Partnerschaften entstehen, wenn keine Nähe-Distanz-Regelung gefunden werden kann, die für beide Parteien akzeptabel ist. Oft ist die Situation für beide Partner sehr belastend. Die Zahlen sprechen für sich: "Stürmische" Ehebeziehungen sind bei Borderlinern mit 50% gegenüber der Gesamtpopulation mit 29,9% signifikant häufiger.[9]

6. Wohngruppen und betreutes Jugendwohnen

Bei einer Fortbildung über "Selbstverletzendes Verhalten junger Frauen", die am 26. und 27. September 2002 im Mädchengesundheitsladen in Stuttgart stattfand, lernte ich einige Sozialpädagoginnen kennen, die Wohngruppen für junge Erwachsene betreuten. Auffällig oft kam es dort bei den jungen Frauen zu autoaggressiven Handlungen wie Schneiden oder Verbrennen der Haut. Da die Diagnose Borderline auffällig oft im Zusammenhang mit Selbstverletzungen steht, stellt auch dieser Arbeitsbereich sehr wahrscheinlich Kontakte zu Borderlinern her. Marsha Linehan weist auf die Untersuchung von Cowdry, Pickar & Davis im Jahr 1985 hin, in der 70-75% der Borderline Patientin in der Vorgeschichte mindestens eine selbstverletzende Handlung begangen haben.[10]

Die Sozialpädagoginnen kannten die Diagnose der jungen Frauen oft, sahen darin aber die Bestätigung, dass den Klientinnen nicht zu helfen sei, was eine sehr fatale Arbeitshaltung sowohl für die Frauen als auch für die Fachkräfte ist. Beide werden letztendlich darunter leiden, wenn sich keine Verbesserungen des Wohlergehens der Klientinnen zeigen.

In dieser Fortbildung wurde mir sehr deutlich bewusst, dass Fachkräfte selbst dann noch überfordert sein können, wenn sie die Diagnose kennen und sich selbst informieren könnten, es aber in der Annahme nicht tun, dass dies allein die Aufgabe von Psychotherapeuten sei.

Deshalb bin ich der Meinung, dass spezielle Schulungen für Sozialpädagogen in den genannten Bereichen angebracht wären. Darin sollte der Umgang mit den Symptomen zum Thema gemacht werden. Außerdem wären Ratschläge für die Zusammenarbeit des Teams der Sozialpädagogen untereinander sinnvoll, damit im Arbeitsalltag eine Unterstützung für alle Mitarbeiter geboten werden kann.

2 Die Auswirkungen des Borderline-Syndroms auf das Umfeld der Betroffenen

Ich möchte einen Blick auf die Angehörigen richten, die ihren Alltag mit Betroffenen des Borderline-Syndroms verbringen. Einerseits tragen sie einen großen Teil zu der Entwicklung einer Borderline-Störung ihres Partners, Elternteils oder Kindes bei. Andererseits leiden sie sehr unter den symptomatischen Verhaltensweisen und der ständigen Instabilität der Beziehung zum Borderliner.

Meiner Ansicht nach sind Therapeuten, Berater und Betreuer zum weiteren Umfeld zu rechnen, was ich erklären und worauf ich unter Punkt 2.4 differenziert eingehen werde.

2.1 Die Notwendigkeit der Angehörigenarbeit

In vielen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit, z.B. in Sozialpsychiatrischen Diensten und Suchtberatungsstellen, wird der Fokus immer mehr auf das Familiensystem gelenkt, wenn die Betreuung eines Betroffenen übernommen wird. Es hat sich als sinnvoll und hilfreich erwiesen, das Umfeld in die Arbeit mit dem Betroffenen einzubeziehen, denn dadurch können Rückfälle und Krisensituationen vermindert werden. Deshalb ist es nötig, dass Sozialarbeiter und Sozialpädagogen nicht nur Fachwissen über die psychische Erkrankung und das Erleben des Betroffenen haben, sondern auch die Beziehungsmechanismen und besonderen Belastungen der Angehörigen kennen.

Es kommt aber auch vor, dass Angehörige so sehr unter diesen Belastungen leiden, dass sie für sich selbst Hilfe in Anspruch nehmen. Vor allem mit Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen sowie mit psychologischen Beratungsstellen werden sie sich in Verbindung setzen, wenn sie nicht mehr weiter wissen und mit der Situation überfordert sind. Kenntnisse über eine mögliche Borderline-Störung und die Prozessabläufe in Borderline-Familien helfen dann, Angehörigen mehr Verständnis entgegen zu bringen und mit ihnen wirksame Lösungssstrategien zu erarbeiten.

Ich möchte den Alltagsabläufen mit all ihren Interaktionen und Reaktionen an dieser Stelle Raum geben, um zu verdeutlichen, in welcher Realität die Angehörigen mit den Betroffenen leben. Dadurch hoffe ich, eine Verständnisgrundlage in der Sozialen Arbeit zu schaffen, damit Angehörige nicht zurückgewiesen oder wegen ihrer unglaublich anmutenden Erzählungen belächelt werden, sondern angemessene Hilfe erhalten.

2.2 4.2 Informationen über Betroffene und Angehörige finden, aber wie?

In der Literatur finden sich leider nicht viele Texte zum Thema "Angehörige von Borderlinern", und Selbsthilfegruppen sind in der Stuttgarter Region erst noch im Aufbau. Also benutzte ich für meine Recherche das Medium, durch das aktuelle Themen derzeit am schnellsten aufgegriffen werden: Das Internet. Ich wollte nicht nur fachliche Informationen sammeln, sondern auch direkt von den Angehörigen erfahren, wie es ihnen mit der Borderline-Störung eines Nahestehenden geht. Deswegen fragte ich in einem Forum für Angehörige nach, ob sich jemand für ein Interview bereit erklären würde. Ich bekam sehr positive Rückmeldungen und stelle zwei davon unter Punkt 2.3.2 und 2.4.2 in meiner Diplomarbeit vor, um das von mir theoretisch Erläuterte auf der praktischen Ebene veranschaulichen zu können.

2.3 Die Auswirkungen der Borderline-Störung auf die Partnerschaft

Aus der Angehörigenarbeit in der Suchtkrankenhilfe stammt die Theorie der Co-Abhängigkeit. Unzählige Bücher und Texte gibt es zu diesem Thema, und in letzter Zeit gerät es unter Fachleuten immer mehr in die Diskussion, dass Angehörige von psychisch Kranken ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legen und mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben wie Angehörige von Suchtkranken. Die Theorie der Co-Abhängigkeit zielt auf Personen ab, die dem Betroffenen emotional am nächsten sind und wird von Fachleuten auch als Beziehungssucht des jeweiligen Angehörigen definiert. Meist handelt es sich dabei um den Partner des Betroffenen. Anhand meiner Kenntnisse aus der Literatur[11] zur Co- Abhängigkeit und der Kenntnisse über die Partner von Borderlinern möchte ich die Parallelen an dieser Stelle aufzeigen:

2.4 Co-Problematik bei Partnern von Borderlinern

Borderliner legen oft aktive Passivität an den Tag[12]. Das bedeutet, sie können sehr aktiv darum bemüht sein, jemanden zu suchen, der ihre Probleme für sie löst, bleiben jedoch bei der Problemlösung passiv. Insofern liegt es nahe, dass sie oft Partner wählen, die bereit sind, viel Verantwortung für sie zu tragen und sie somit ergänzen. Diese Partner können unter ungünstigen Bedingungen dazu neigen, eine Co-Problematik zu entwickeln.

Einige Angehörige, mit denen ich in Kontakt stand, sprachen davon, dass sie fast die gesamte Verantwortung in ihrer Beziehung übernahmen. Sie bemühten sich um eine harmonische Atmosphäre und um Versöhnungen, sie versuchten, die Partnerschaft gegen Kritik von außen zu schützen, indem sie sich doppelt anstrengten, den Betroffenen in positivem Licht dastehen zu lassen. Sie regelten für den Betroffenen den Ärger mit dem Chef, sie kümmerten sich allein um die gemeinsamen Kinder, weil der Borderliner dazu "nicht in der Lage" war. Anfangs gab ihnen dies das Gefühl, gebraucht zu werden. Mit der Zeit wurde das Ungleichgewicht zwischen Geben und Nehmen in der Partnerschaft jedoch immer größer, und die Unzufriedenheit des Partners wuchs, weil der Eindruck entstand, der Borderliner würde die vielen Bemühungen nicht anerkennen und zu wenig in die Beziehung einbringen.

[...]


[1] Rohde-Dachser, Christa: Das Borderline-Syndrom (1995), S.36

[2] Pfeifer, Samuel und Bräumer, Hansjörg (1999), S.25

[3] Vergleiche Kernberg, Otto (1988)

[4] Kreisman, Jerold J., Straus, Hal (2002), S.247

[5] Dulz, Birger/Schneider, Angela (2001), S. 6f

[6] Im Internet: (http://www.psychotherapiepraxis.at/pt-aktuell.phtml) am 17. Januar 2003

[7] Geuter, Ulfried (2001), S.36

[8] Gunia, Hans/ Hupperitz, Michael/Friedrich, Jürgen/Ehrental, Jil (2000), S. 4

[9] Dulz, Birger/Schneider, Angela (2001) , S.8

[10] Linehan, Marsha (1996), S.2

[11] Schneider, Ralf (2001), S. 77f

[12] Linehan, Marsha (1996), S.58f

Details

Seiten
32
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783656839521
ISBN (Buch)
9783668138896
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284356
Institution / Hochschule
Hochschule Esslingen
Note
2
Schlagworte
auswirkungen borderline-syndroms angehörige betroffenen aufgaben sozialen arbeit

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