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Die Bedeutung von φαντασία (phantasia) in Aristoteles' "De anima"

Hausarbeit 2014 13 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I.. Einleitung

II. Hauptteil
II. 1 Unterscheidung von der (innes-)Wahrnehmung
II.2 Unterscheidung von der Vernunft und vom Wissen/der Wissenschaft
II.3. Unterscheidung von der Meinung
11.4 Unterscheidung von einer Meinungs-Wahrnehmungs-Verbindung
11.5 Die Bedeutung von φαντασία bei Aristoteles

III. chluss

IV. Quellen- und Literaturverzeichnis
IV.1. Quellenverzeichnis
IV.2. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Aristoteles‘ Werk De anima „enthält [...] eine philosophische Lehre von der Seele und vom Menschen, auf metaphysischer Grundlage“[1] und gilt als ältestes erhaltenes Zeugnis einer systematischen Untersuchung der menschlichen Seelenwelt. Deshalb wird De anima heute als Grundsteinlegung der Psychologie als eigener philosophischer Disziplin betrachtet [2]. Nach dem Siegeszug der empirischen Psychologie in den letzten Jahr­zehnten gewinnt es wieder zunehmend an Bedeutung, wenn die empirisch arbeitende Psychologie an die Grenzen ihrer durch die Methode eingeschränkten Forschungs­gegenstände stößt. Hier müssen naturwissenschaftlich orientierte Psychologen und An­thropologen immer wieder auf die philosophische Psychologie zurückgreifen. An der Aktualität ihres Gegenstandes kann bei der Seelenlehre Aristoteles‘ deshalb kein Zwei­fel bestehen und so auch nicht am Stellenwert der Schrift De anima für die gegen­wärtigen Forschung.

Problematisch beim Umgang mit antiken Schriften ist neben der Überlieferungsge­schichte und Übersetzung - die aufgrund des geringen Umfangs in dieser Arbeit nicht dargestellt werden können - vor allem die Interpretation des heutigen Lesers. Besonders deutlich wird dies im dritten Kapitel des dritten Buches [3], wenn Aristoteles φαντασία in seine Seelenlehre einführt. Über kaum eine Stelle der Schrift wird in der Fachwissen­schaft mehr diskutiert, sie gilt als „extremely unclear“[4]. Begründet ist das vor allem in der unklaren Stellung, die φαντασία in der Gesamtkonzeption der aristotelischen Seelenlehre einnimmt. Denn Aristoteles nahm eine eigenständige Beschreibung des Er­kenntnisprozesses in der Seele vor, die uns aus heutiger Sicht nur schwer nachvollzieh­bar oder zumindest sehr eigentümlich vorkommen mag. Deshalb ist φαντασία als Teil des Erkenntnisprozesses, an dessen Spitze nach Aristoteles die vernunftmäßige Erkennt­nis stehe, nur vor diesem Hintergrund verstehbar.

Die vorliegende Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, φαντασία in der Rolle darzustellen, die Aristoteles selbst ihr im dritten Kapitel des dritten Buchs gab. Deshalb werden die von Aristoteles selbst angeführten Argumente für die Notwendigkeit von φαντασία im Erkenntnisprozess die Struktur des Hauptteils vorgeben. So soll die auf fünf Argumenten basierende, negative Definition von φαντασία, die er hier vornahm, nach­vollzogen werden. Erst auf dieser Grundlage kann dann die Bedeutung von φαντασία bei Aristoteles und für die gegenwärtige Forschung beurteilt werden.

II. Hauptteil

Das grundsätzliche Problem, dem sich Aristoteles im dritten Kapitel des dritten Buches stellte, ist das Auftreten fehlerhafter Annahmen. ,Annahmen‘ soll hier verstanden werden als Zusammenfassung aller - nach Aristoteles als hierarchisch begriffenen - Er­kenntnisstufen, d.h. „Wissen(schaft), Meinung, Einsicht (Klugheit, verständiger Sinn) und das diesen Entgegengesetzte“ (DA, 427b). Kurz vor diesem Zitat hat er allerdings schon deutlich gemacht, dass es ihm in der folgenden Textpassage nicht um die Ein­teilung der Erkenntnisstufen gehen wird, sondern um die Lösung der Frage, wie falsche Annahmen möglich seien. Zwar sei es naheliegend, wie seine Vorgänger es taten, anzunehmen, dass „das Einsehen (verständiger Sinn) und das Wahrnehmen das­selbe“ (DA, 427a) seien, das Einsehen also als etwas körperliches dem Wahrnehmen gleichzusetzen. Dies könnten sie aber höchstens dem Prozess nach sein, nicht aber dem Ausgangs- bzw. dem Endpunkt der Erkenntnis nach, denn die Wahrnehmung wird bei Aristoteles als etwas immer Wahres verstanden, der Argumentation seiner Vorgänger folgend, müssten dann aber auch alle Annahmen irrtumsfrei sein, was sich empirisch eindeutig als falsch nachweisen lässt: „Die Wahrnehmung von ihren spezifischen Ob­jekten ist nämlich immer wahr [...], das Denken hingegen kann auch fehlerhaft sein“ (DA, 427b).

Aristoteles nahm dem Erkenntnisprozess also den körperlichen Anteil und führte die φαντασία als für die Erkenntnis notwendige Fähigkeit der Seele ein, sich etwas

„sooft wir es wollen [.] vor Augen [zu] stellen“ (DA, 427b). „Da das vernünftige Erfassen verschieden ist vom Wahrnehmen und teils Vorstellung [φαντασία], teils Annahme zu sein scheint, ist zuerst die Vorstellung [φαντασία] zu bestimmen“ (DA, 427b), die Aristoteles nun im folgenden Textabschnitt mit Hilfe von fünf Urteilen über die φαντασία negativ definieren wird[5].

11.1 Unterscheidung von der (Sinnes-)Wahrnehmung

Nach Aristoteles kann die Wahrnehmung zweierlei bedeuten, nämlich zum einen die Möglichkeit etwas wahrzunehmen, d.h. dem Vorhandensein von Sinnesorganen, die z.B. zum Sehen taugen und des Weiteren das Vorhandensein eines aktuell wahrgenommenen Objekts, also der Tätigkeit des Sehens. „Es erscheint aber etwas (als Vorstellung), auch wenn keines von beidem vorliegt, wie im Schlaf“ oder „bei geschlossenen Augen“ (DA 428a). Horn folgt wie Rodier hierbei der Argumentation der späten Neuplatoniker Sim- plikios und Johannes Philoponos: „Wahrnehmung ist entweder potentiell oder aktuell. Nun kann es φαντασία geben sowohl ohne aktuelle, als auch ohne potentielle Wahr­nehmung“[6]. Doch nicht nur, dass φαντασία auch ohne aktuelle und ohne potentielle Wahrnehmung auftrete, ist nach Aristoteles eine Deckungsgleichheit von φαντασία und Wahrnehmung ausgeschlossen, auch dass zwar alle Tiere Wahrnehmung besitzen müssen, aber nicht allen φαντασία zukomme - wie etwa dem Wurm (DA, 428a) - sei ein weiterer Hinweis darauf. An welchen Kriterien Aristoteles seine Einteilung in zur φαντασία befähigten und nicht zur φαντασία befähigten Tieren festmachte, teilte er dem Leser nicht mit. Da er aber angab, dass φαντασία beispielsweise „der Ameise oder der Biene“ (DA 428a) zukomme, kann man vermuten, dass er es an der Eusozialität dieser Tiere erkannt haben wollte.

Sein Hauptargument bleibt aber auch in diesem Abschnitt „the problem of error“ [7], mit dem er seine Argumentation ja schon eingeleitet hatte: „Sodann sind die Wahrnehmung­en immer wahr, von den Vorstellungen hingegen erweisen sich die meisten als falsch“ (DA 428a), womit eine inhaltliche Übereinstimmung der beiden Begriffe aus­geschlossen ist.

11.2 Unterscheidung von der Vernunft und vom Wissen/der Wissenschaft

Da Aristoteles bereits häufiger in seinem Werk bewiesen hatte, dass Vernunft und Wissen(schaft) immer wahr sein müssen und gerade auch die φαντασία als eine Haltung eingeführt hatte, die eben manchmal wahr und manchmal falsch sein könne, reicht ihm für die Unterscheidung der φαντασία von der Vernunft und vom Wissen bzw. der Wissenschaft ein einfacher logischer Schluss:

[...]


[1] Seidel (1995), S. VII.

[2] Ebd., S. IX. Schofield (1992), S. 249.

[3] Hier ist zu beachten, dass die Einteilung von Aristoteles' Werk im Verlauf der mittelalterlichen Tradie- rung entstanden ist und nicht von Aristoteles selbst vorgenommen wurde. Sie stellt also bereits einen ersten Schritt der Interpretation dar, hat sich aber bis heute durchgesetzt.

[4] Scheiter (2012), S. 251.

Eine ausführliche Interpretation der aristotelischen Erörterung der These, dass Denken und Wahr­nehmung „dasselbe" seien, findet sich in: Caston (1996), S. 25-43.

[6] Horn (1994), S. 64.

[7] Caston (1996), S. 21.

Details

Seiten
13
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656843900
ISBN (Buch)
9783656843917
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284344
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
Schlagworte
Aristoteles De anima phantasia Vorstellungskraft

Autor

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