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Schulpolitische Programme der Französischen Revolution. Die Organisation der Primärschulen nach Condorcet und Lepeletier

Hausarbeit 2012 11 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II. Hauptteil
II. 1. Condorcets Primärschulen
11.1.1. Erziehungsziele
11.1.2. chulsystem
11.1.3. Bildungsinhalte in den Primärschulen
II.2. Lepeletiers Primärschulen
II.2.1 Erziehungsziele
11.2.2. chulsystem
11.2.3. Bildungsinhalte in den Primärschulen

III. chluss

IV. Quellen- und Literaturverzeichnis
IV.1. Quellenverzeichnis
IV.2. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Il est bon de raisonner, dirent Fontenelle et Rameau, parce qu’il n’y a pas d’agrément sans le plaisir de la maîtrise. Il est bon de raisonner, dit Voltaire, parce qu’il faut désarmer les coquins. Il est bon de raisonner, dit l’Alembert, parce c’est la seule grandeur qui ne soit ni arbitraire ni factice. Il est bon de raisonner, dit enfin Condorcet, parce que c’est le seul moyen d’échapper durablement à l’asservissement et à la tyrannie“[1]

schrieb Catherine Kintzler in ihrem Kapitel Jusqu’où? Éducation et instruction und betonte damit, wie bedeutend die Fragen der Erziehung und Bildung für die von der Aufklärung beeinflussten französischen Revolutionäre gewesen sein müssen[2]. Nur wenn man es schaffe, das französische Volk zu frei denkenden Menschen zu erziehen, könne die Revolution dauerhaft erfolgreich sein und die Fesseln des alten Systems sprengen. Mit der drängenden Frage nach dem Aufbau des neu zu schaffenden Erziehungs- und Bildungssystems beschäftigte sich vor allem Antoine de Condorcet[3] in seinem Bericht und Entwurf einer Verordnung über die allgemeine Organisation des öffentlichen Unterrichtswesens [4], den er am 20. und 21. April 1792 der Gesetzgebenden Ver­sammlung als deren Präsident und in seiner Funktion als Vorsitzender des Komitees für das öffentliche Unterrichtswesen verkündete[5]. Sein Entwurf war „Ausgangspunkt für viele der anschließenden Überlegungen hinsichtlich der Organisation des öffentlichen Schulwesens in Frankreich“[6], so auch für Louis Michel Lepeletier de Saint-Fargeau[7], der seinen Plan einer Nationalerziehung als „weitergehenden Gedanken“[8] zu Condorcet verstand.

Beiden Schriften liege „der Gedanke einer für alle Schichten gleichen Bildung [...] zugrunde“[8] [9] meint Frank Nieslony, jedoch stünden sie laut Norbert Vorsmann „exemplarisch für zwei unterschiedliche Ideen von öffentlicher Erziehung“[10]. Stübig beurteilt Lepeletiers Schrift sogar als „Gegenentwurf“[11] zu Condorcet. Ziel dieser Arbeit soll sein, beide Schriften am Beispiel der Primärschulen auf Erziehungsziele und Bildungsinhalte hin, sowie die Struktur des Schulsystems insgesamt zu untersuchen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede klar darzustellen. Bedeutend sind die pädagogischen Ansätze der französischen Revolutionäre gerade deshalb, weil sie die Wurzeln heutiger Reformpolitik, auch in der Bundesrepublik Deutschland, darstellen[12].

II. Hauptteil

11.1. Condorcets Primärschulen

11.1.1. Erziehungsziele

Condorcet begann seine Schrift mit den von ihm beabsichtigten Erziehungszielen. Dabei muss zwischen solchen Zielen unterschieden werden, welche das Individuum erreichen sollte, d.h. wie es von der Gesellschaft geformt werden soll und solchen Zielen, die die gesamte, nach den Grundsätzen der Revolution neu zu formende, Gesellschaft dadurch erreichen könnte, dass jeder Einzelne bestimmte staatsbürgerliche Voraussetzungen erfülle. So forderte Condorcet, jedem Menschen die Mittel zu geben, für sein persönliches Wohlergehen selbst zu sorgen und jedem Bürger seine persön­lichen Rechte zu vermitteln, damit er umgekehrt auch seine staatsbürgerlichen Pflichten begreifen und erfüllen könne. Jeder solle die Möglichkeit haben, das eigene berufliche Können zu vervollkommnen und sich so auf die Ausübung gesellschaftlicher

Funktionen vorzubereiten. Individuelle Begabungen sollten entfaltet werden um zwischen allen Bürgern zu einer Gleichheit zu gelangen, welche zwar gesetzlich ver­ankert sei, aber noch nicht verwirklicht. Unterricht sollte eine Steigerung des individu­ellen Glücks sowie des allgemeinen Wohlstands zur Folge haben. So werde eine immer größere Zahl von Menschen dazu befähigt, gesellschaftliche Funktionen zu erfüllen.[14] Condorcets liberale Grundeinstellung wird hier deutlich, wenn er versucht, individuelle Erziehungsziele durch den Nutzen zu legitimieren, den die Gesellschaft aus den Fähigkeiten des Einzelnen ziehe. Er antwortete so aber auch auf die grundsätzliche Frage, warum ein Staat überhaupt erziehen müsse. Höchstes Ziel stellte für ihn die „allgemeine^..] und stufenweise fortschreitende^..] Vervollkommnung des Menschen­geschlechts“[15] dar.

II.1.2. Schulsystem

Wie gerade bemerkt, war Condorcet davon überzeugt, dass sich die Höherentwicklung der Menschheit stufenweise vollziehe. Diese Stufen übertrug Condorcet auf die individuelle Entwicklung eines Menschen zum Bürger und entwickelte ein fünfstufiges Schulsystem, das er nach dem Alter der Schüler einteilte und dessen Lehrstoff jeweils anspruchsvoller als auf der vorangehenden Stufe sein sollte: Primärschulen, Sekundärschulen, Institute, Lyzeen und die Nationale Gesellschaft der Wissenschaft und Künste[16]. Es war ihm dabei ein Anliegen

„die Erziehung einerseits so gleich und so allgemein zu verbreiten, andererseits so vollständig zu gestalten, wie die Umstände es erlauben; daß allen in gleicher Weise der Unterricht gegeben werden müsse, den auf alle auszudehnen möglich ist, aber keinem Teil der Bürger der höhere Unterricht verweigert werden dürfe, den man unmöglich der großen Masse der Individuen zuteil werden lassen kann; den einen Unterricht einzurichten, weil er für die nützlich ist, die ihn erhalten, und den anderen, weil er sogar denen nützt, die ihn nicht erhalten“[17].

Condorcet war also durchaus bewusst, dass sein System nicht nur hehre Ziele enthalten könne, sondern auch praktisch durchführbar sein müsse. Darum könne auch nicht jeder Bürger alle Bildungsstufen durchlaufen. Obwohl Unterricht kostenlos sein solle [18], seien

[...]


[1] Kintzler, Catherine, Condorcet. L'instruction publique et la naissance du citoyen. [Paris] 1984, S. 239.

[2] Siehe dazu auch: Budde, [o.A.], Die Erziehungsfrage zur Zeit der französischen Revolution. In: Deutsche Blätter für erziehenden Unterricht 30 (1911/12), S. 299-301. Kahn, Pierre, Condorcet. L'école de la raison. Paris 2001, S. 23-44. Molitor, Hansgeorg, Vom Untertan zum Administré. Studien zur französischen] Herrschaft u[nd] zum Verhalten d[er] Bevölkerung im Rhein-Mosel-Raum von d[en] Revolutionskriegen bis zum Ende d[er] napoleon[ischen] Zeit. Wiesbaden 1980 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Abt. Universalgeschichte Bd. 99), S. 65.

[3] Zu Condorcets Biographie empfehlenswerte Literatur: Badinter, Elisabeth, Condorcet (1743-1794). Un intellectuel en politique. [Paris] 1988. Müller, Helmut-Gerhard, Antoine de Condorcet (1743-1794). Mathematiker und Naturwissenschaftler, Erziehungsphilosoph und Frauenrechtler der Französischen Revolution. In: Bildung und Erziehung 48 (1995), S. 199-204. Schepp, Heinz-Hermann, Antoine de Condorcet (1743-1794). In: Klassiker der Pädagogik. Hrsg. v. Hans Scheuerl. München 1979 (Beck'sche Sonderausgaben, Bd. 1. Von Erasmus von Rotterdam bis Herbert Spencer), S. 159-169.

[4] Benutze Ausgabe: Condorcet, Antoine de, Bericht und Entwurf einer Verordnung über die allgemeine Organisation des öffentlichen Unterrichtswesens. Mit einer Einleitung von Heinz-Hermann Schepp [Übers. v. Rita Schepp]. Weinheim/Bergstraße 1966 (Kleine Pädagogische Texte Bd. 36).

[5] Ebd., S. 7f.

[6] Lepeletier de Saint-Fargeau, Louis Michel, Plan einer Nationalerziehung (1792). Hrsg. v. Roland Hunger. Friedrichsdorf im Taunus/Frankfurt am Main 1979, S. 53f.

[7] Zu Lepeletiers Biographie empfehlenswerte Literatur: Chicouard, Alain [u.a.], Lepeletier de St.-Fargeau. Un grand seigneur au service de la Révolution. [Auxerre] 1989.

[8] Lepeletier, S. 5. Der Plan wurde von Robespierre am 13. Juli 1793 im Konvent verlesen, nachdem Lepeletier bereits 1792 ermordet worden war (Ebd., S. 53).

[9] Nieslony, Frank, Schule und Sozialpädagogik. E[ine] histor[ische] Analyse zum Verständnis e[iner] sozialpädag[ogisch] orientierten Schule. Köln 1981 (Pahl-Rugenstein-Hochschulschriften Gesellschafts­und Naturwissenschaften Bd. 71 (Serie Studien zu Bildung und Erziehung)), S. 106.

[10] Vorsmann, Norbert, Condorcet und Lepeletier. Zwei Schulprogramme der Französischen Revolution. In: Erziehungsdenken im Bannkreis der Französischen Revolution. Hrsg. v. Kurt-Ingo Flessau und Friedhelm Jacobs. Bochum 1998, S. 35.

[11] Stübig, Frauke, Condorcet und Lepeletier - Der Beitrag der Französischen Revolutionspädagogik zur Schulreform heute. In: Die deutsche Schule 1. Vj. (1989), S. 109.

[12] Nieslony, S. 106-113.

[13] Ebd., S. 20f.

[14] Ebd., S. 21: „das muß außerdem der Zweck des Unterrichts sein; und der öffentlichen Gewalt ist diese Pflicht durch das allgemeine Interesse der Gesellschaft, ja durch das Interesse der gesamten Menschheit auferlegt".

[15] Ebd., S. 21.

[16] Ebd., S. 23.

[17] Ebd., S. 21f.

[18] Ebd., S. 52.

Details

Seiten
11
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656846239
ISBN (Buch)
9783656846246
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284337
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Schlagworte
Lepeletier Condorcet Französische Revolution

Autor

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Titel: Schulpolitische Programme der Französischen Revolution. Die Organisation der Primärschulen nach Condorcet und Lepeletier