Lade Inhalt...

Sterben im Altersheim. Gesellschaftliche Hintergründe und Strukturmerkmale der Pflegeeinrichtungen

Akademische Arbeit 2003 23 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Gründe für die Ausgliederung des Sterbens aus dem familiären Bereich in den Altenhilfebereich
1.1 Das Pflegeheim als Abschiebeort
1.2 Gesellschaftsstrukturelle Gründe
1.3 Medizinisch-technische Gründe

2 Die Altenhilfeeinrichtungen in Deutschland
2.1 Strukturmerkmale der stationären Einrichtungen der Altenhilfe
2.2 Bewohnerstruktur
2.3 Personalstruktur
2.4 Pflegequalität und Pflegestandards

3 Die Institutionalisierung alter Menschen in Heimen
3.1 Die totale Institution nach Goffman
3.2 Das Altenheim als totale Institution

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Einleitung

Der gesellschaftliche Umgang mit Sterben und Tod hat sich seit dem Mittelalter stark verändert. So war das Sterben früher für alle Altersgruppen sichtbar, allgegenwärtig und gleichzeitig artikulierbar. Wohl auch aus Gründen mangelnder Intimsphäre in Lebensgemeinschaften war der Tod ein Teil des Alltags. Er war auch emotional leichter in den Alltag zu integrieren, handelte es sich doch bei dem Tod nicht um das absolute Ende. Der Tod, so glaubte man, war der Übergang in ein neues Leben. Diese Überzeugung scheint heute verschwunden zu sein. Stattdessen findet sich der Mensch in der Moderne, mit ihren Errungenschaften wie Pluralität, Freizügigkeit und Wohlstand abgekoppelt von den gesamtgesellschaftlichen Prozessen. Den damit verbundenen Orientierungsverlust benennt Peter L. Berger treffend mit „metaphysischem Heimatverlust“ (NASSEHI 1992, S. 17). Fern von einer Überzeugung von einem Leben nach dem Tod „passiert“ das Sterben in dafür ausgelegten Institutionen, den Alten- und Pflegeheimen, den Krankenhäusern und bisweilen in den noch sehr spärlich verbreiteten Hospizen.

Die folgende Arbeit will zum einen verdeutlichen, warum sich der Sterbeort in den Altenhilfebereich verlagert hat und zum anderen die für die Sterbebetreuung relevanten Merkmale beleuchten.

1 Gründe für die Ausgliederung des Sterbens aus dem familiären Bereich in den Altenhilfebereich

Das von Aries (2002) beschriebene Bild des schönen Sterbens zu Hause, umringt von der Familie und den Freunden, entspricht sicherlich auch den Wunschvorstellungen vieler vom eigenen Tod. Nach Müller (2001) wollten dies 1988 laut einer Umfrage sogar über 92% der Bundesdeutschen. Trotzdem stirbt heute nur noch jeder zehnte zu Hause, 85% sterben im Krankenhaus oder im Pflegeheim (Statistisches Bundesamt 2002). Diese fortgeschrittene Institutionalisierung des Sterbens ist Folge vielschichtiger Prozesse und Entwicklungen. Einige Gründe für die Verlagerung des Sterbeortes aus dem familiären Bereich in die Institutionen sollen hier zusammenfassend dargestellt werden.

1.1 Das Pflegeheim als Abschiebeort

Zuerst soll der These widersprochen werden, die Alten unserer Gesellschaft würden immer häufiger nur zu gern in Pflegeheime abgeschoben. Dies mag wohl in Einzelfällen zutreffen, in der Masse jedoch hat die vermehrte Institutionalisierung andere Gründe.

Ein Aspekt, der dieser These widerspricht, sind die veränderten emotionalen Beziehungen innerhalb der Familien. So hat der sich mehrende Wohlstand dazu geführt, dass die materiellen Abhängigkeiten innerfamiliär zurückgegangen sind. Führte früher der Tod eines Familienmitglieds die Familie schnell an die existenziellen Grenzen, so werden heute die Gefahren mittels sozialer Sicherungssysteme abgefangen. Das Überleben der Familie ist damit, wenn auch auf niedrigem Niveau, sichergestellt. Die Wertschätzung einer Person hinsichtlich ihres materiellen Einflusses auf das Leben ist somit in den Hintergrund getreten (vgl. FELDMANN 1990, S. 47).

Ein Grund für die Änderung der familiären Beziehungen ist auch darin zu sehen, dass sie sich reduziert haben. So ist in den letzten Jahrzehnten ein demographischer Wandel zu verzeichnen: Die Fertilität sinkt und mit ihr die Größe der Familien. Die Bedeutung der weitläufigen Verwandtschaft wird damit zusehends geringer. Die Bezugspersonen in der Familie werden dadurch weniger, der Kontakt auf wenigere Familienmitglieder eingeschränkt. Somit kann davon ausgegangen werden, dass die emotionalen Bindungen eine andere Bedeutung erlangten und heute eine intensivere Ausprägung entwickelt haben.

Es kann ebenfalls davon ausgegangen werden, dass beide Entwicklungen, die materielle Unabhängigkeit sowie die neue Familienstruktur, emotional intensivere Familienverbände hervorbrachten.

Dies wiederum untermauert die Vermutung, dass alte Menschen nicht leichtfertig in Altenheime untergebracht werden. Somit ist es nicht erstaunlich, dass der Großteil der Pflegebedürftigen zu Hause gepflegt wird. 1999 wurden laut statistischem Bundesamt 72% (1,44 Millionen) der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt, wobei hiervon wiederum 71% allein durch die Angehörigen gepflegt wurden, der Rest durch Pflegedienste (PFLEGESTATISTIK 1999, S. 6). Erst das Sterben findet in Krankenhäusern und Altenpflegeheimen statt.

1.2 Gesellschaftsstrukturelle Gründe

Einerseits haben die sozioökonomischen und strukturellen Veränderungen bewirkt, dass die Emotionalität der familiären Beziehungen zugenommen hat, andrerseits haben sie mit der entstandenen finanziellen Unabhängigkeit des einzelnen die Individualisierung der Familie ermöglicht. Plötzlich war es auch für nachgeborene Kinder möglich eine eigene Familie zu gründen (vgl. PRAHL/SCHROETER 1996, S. 112).

Mit diesen Individualisierungsschüben ist gleichzeitig eine Singularisierung der alten Menschen verbunden. Bei Pflegebedürftigkeit können diese Menschen eventuell vom Partner und Pflegediensten versorgt werden. Bei verstärkter Bedürftigkeit bleibt nur noch der Heimeinzug, denn der Rest der Familie kann die Pflege meist nicht mehr leisten. Die Töchter, früher meist die Pflegenden in der Familie, sind emanzipiert und leben ein eigenes Leben. Die im Vergleich zu früher wenigeren Nachfahren leben somit individualistischer, sind berufstätig und haben eine eigene Familie. Die Familie tritt somit bei schwerer Bedürftigkeit als pflegende Instanz tritt in den Hintergrund.

Wird der alte Mensch trotzdem von der Familie gepflegt, so trifft diese beim Beginn des Sterbens auf eine zweifach schwierige Situation. Zum einen ist die Familie emotional stark durch die Gegebenheiten betroffen, zum anderen findet sie sich oft hilflos gegenüber dem eigentlich natürlichen Vorgang. Denn der Tod stellt in der Gesellschaft etwas Außergewöhnliches dar. Mit ihm konnte oft noch keine Erfahrung gemacht werden.

Es läßt sich kaum leugnen, dass wir in einer den Tod verneinenden Kulturepoche leben. Es gibt auch Anzeichen dafür, dass die Menschen mit dem Tod nicht vertraut sind und dass man den Tod so weit wie möglich von der Gesellschaft fernhält. Man denke zum Beispiel an den oft geäußerten Wunsch, Sterbende doch noch in das Krankenhaus aufzunehmen, weil man weder Tod noch den Toten im Haus haben will“ (SPORKEN 1976, S. 12).

Neben der von Sporken beschriebenen Angst vor dem Tod und der Unwissenheit im Umgang mit ihm existiert aber auch die von vielen Seiten genährte Hoffnung auf rettende stationäre Behandlung.

1.3 Medizinisch-technische Gründe

Der Fortschritt auf dem Gebiet der Medizin hat neben den veränderten Lebensläufen das Leben verlängert. Das hohe Alter, in wenigen Fällen sogar jenseits von 100 Jahren, das in früheren Gesellschaften nur ganz wenigen vorbehalten blieb, erreichen heute immer mehr Menschen. Mit dem Alter gehen allerdings gleichzeitig verschiedenste Krankheiten einher und mit ihnen hat sich ebenfalls die Sterbedauer verlängert. Die Betroffenen brauchen hierbei oft Pflege rund um die Uhr.

Für Angehörige bietet die stationäre Behandlung im Altenpflegebereich somit häufig die einzig mögliche Entlastung von der nicht mehr zu bewältigenden Pflege. Hinzu kommt die Hoffnung auf eine Linderung der Leiden.

Die Heime werden damit zu Spezialorganisationen in der Betreuung der Schwerkranken. Der Professionelle dort hat, anders als die Menschen in der Gesellschaft, Erfahrung mit dem Sterben und dem Tod anderer Menschen. Wenn auch der Aufenthalt im Altenpflegeheim längerfristig geplant ist, so ist der Einzug in das Heim doch mit der Perspektive auf einen baldigen Tod verbunden. Auch aus diesem Grund wird dem Professionellen eher die Kompetenz zugesprochen, mit dem Sterben umgehen zu können.

2 Die Altenhilfeeinrichtungen in Deutschland

Die Qualität der Sterbebetreuung hängt in entscheidendem Maß auch von äußerlichen Merkmalen der jeweiligen Institution ab.

Besondere Bedeutung für die Gestaltung der Sterbebetreuung haben die jeweiligen Gegebenheiten (Räumlichkeiten, Personal- und Bewohnerzusammensetzung). Einige quantitative Rahmendaten sollen deshalb zunächst ein Bild über die Altenhilfeeinrichtungen in Deutschland vermitteln. Vorgestellt werden strukturelle Merkmale der Altenhilfe-einrichtungen, der darin lebenden Bewohner und schließlich ebenso des Personals.

2.1 Strukturmerkmale der stationären Einrichtungen der Altenhilfe

Die Altenhilfeeinrichtungen werden im Folgenden nach ihrer vorrangigen Orientierung differenziert. Das bedeutet, die Einrichtungen werden hinsichtlich ihres Platzangebots in wohn-, pflege- und misch- (pflege-/wohn-) orientiert unterschieden. Besondere Beachtung bekommt die mischorientierte Einrichtung, da sich die nachfolgende Untersuchung im Alten- und Pflegeheim "Argula-von-Grumbach-Haus" auf diese Form bezieht. Die Bezeichnung umfasst alle Heime, in denen weder die Pflegeplätze noch die Heim- bzw. Wohnplätze ein Übergewicht von mehr als drei Viertel der Plätze haben. Auf Basis dieser Definition finden sich in Deutschland derzeit 2100 pflege- und wohnorientierte Heime. Das sind 26% (neben 43% pflegeorientierten und 31% wohnorientierten Einrichtungen) der stationären Altenhilfeeinrichtungen (SCHNEEKLOTH/ MÜLLER 1998, S. 26).

Die Altenpflegeheime variieren in Größe, Struktur und Leistungsangebot. Die Daten stammen, falls nicht anders angegeben, aus der Erhebung von Schneekloth und Müller (1998).

Bei 40% der stationären Alteneinrichtungen handelt es sich um kleine Heime, in denen weniger als 50 Bewohner leben. Weitere 33% der Einrichtungen bieten zwischen 50 bis 100 Bewohnern Platz. 20% besitzen ein Angebot von 100 bis 200 Betten. Die restlichen 5% der Alteneinrichtungen bieten mehr als 200 Betten an.

[...]

Details

Seiten
23
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783656839194
ISBN (Buch)
9783656864271
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284310
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Pädagogik
Note
1,0
Schlagworte
sterben altersheim gesellschaftliche hintergründe strukturmerkmale pflegeeinrichtungen

Autor

Zurück

Titel: Sterben im Altersheim. Gesellschaftliche Hintergründe und Strukturmerkmale der Pflegeeinrichtungen