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Identitätskonstruktion und -krise. Betrachtung eines Hauptmotivs in Heinrich von Kleists Werk

Anhand der Erzählungen "Die Verlobung von St. Domingo" und "Der Findling"

Hausarbeit 2014 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Identitätsproblematik im Werke Heinrich von Kleists

3 Identität in der Erzählung Die Verlobung von St. Domingo
3.1 Die ,Mesitze‘ Toni
3.2 Narrative Identitätskonstruktion Tonis durch Gustav
3.3 „Ich bin eine Weiße“ - Tonis entschiedenes Bekenntnis

4 Identität in der Erzählung Der Findling
4.1 Nicolo als „Gottes Sohn“
4.2 Externe Rollenzuweisung - Nicolo als Substitut
4.3 Identitätsfindung Nicolos in Colino?

5 Zusammenfassende Betrachtung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Daß der Mensch in seiner Vorstellung das Ich haben kann, erhebt ihn unendlich über alle andere auf Erden lebende Wesen. Dadurch ist er eine Person [ ,.. ]“[1], stellt Philosoph Immanuel Kant, welcher das Denken Heinrich von Kleists so grundlegend prägte, innerhalb des ersten Paragraphen seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht fest. Dieser grundlegende Wesenszug des Menschen - das Bewusstsein um seine eigene Identität - sowie die sich daraus ergebende Problematik der Suche und Konstruktion eben dieser, verliert gerade aufgrund des elementaren Stellenwertes im Kern jeden Menschseins nicht an Aktualität. Sei es im 21. Jahrhundert im Zuge weitreichender gesellschaftlicher Umwälzungen durch Phänomene wie Globalisierung, sei es um das Jahr 1800, zu Lebzeiten Kleists, zur Zeit der Napoleonischen Kriege und des sukzessiven Zerfalls des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation; besonders in ihrer Krise, besonders dann, wenn tradierte soziale und kulturelle Grundlagen entschwinden respektive sich wandeln, wird Identität zum Problem.[2] Damit ist Identität keineswegs ausschließlich als Resultat innerer Vorgänge zu betrachten; maßgeblich wird sie auch durch äußere, gesellschaftliche Faktoren bestimmt.[3]

In der Forschung wird Heinrich von Kleist, dem Sohn einer preußischen Junker- und Offiziersfamilie, der als Dichter heraustrat aus der Familientradition und sich damit selbst in einem fortwährenden Selbstfindungsprozess befand („Ach, es ist meine angeborne Unart [...] immer an einem Ort zu leben, an welchem ich nicht bin, und in einer Zeit, die vorbei, oder noch nicht da ist.“[4] ), ein systematisches Interesse am Problem der Identität zugesprochen. Die ihm in diesem Zusammenhang weiter attestierte innere Zerrissenheit wird gar als sein schriftstellerisches ,Markenzeichen‘ identifiziert.[5] Kleist scheint damit seine persönliche Krise in das Zentrum seines Werkes gerückt zu haben[6] und so zieht sich das Motiv der Identität wie ein roter Faden in mannigfaltiger Weise durch die verschiedenen Stücke. Angesichts dieses gehäuften In-Erscheinung-Tretens der Thematik bieten sich vielerlei Anknüpfungspunkte, um sich der grundlegenden Frage zu widmen, auf welche Weise sich Identität im Werke Kleists letztlich manifestiert. Welche verschiedenen Stadien und Prozesse durchläuft der Mensch bei Kleist auf seiner Suche nach Identität? Inwiefern spielen Herkunft und Abstammung für deren Konstruktion eine Rolle? Erfährt der Mensch sich lediglich indirekt und ist stets Opfer von Fremdbestimmung und externer Rollenzuweisung? Oder ist er auch in der Lage, selbstständig zur Erkenntnis seiner selbst zu gelangen?

Die vorliegende Arbeit beinhaltet eine Betrachtung des Werkes Heinrich von Kleists hinsichtlich dieser Aspekte. Wenngleich aufgrund des begrenzten Umfangs keinesfalls alle Details erfasst werden können und die Betrachtung exemplarisch bleiben muss, besteht doch der Anspruch, einen ergiebigen Einblick in ein zentrales Deutungsmotiv zu geben. Der folgenden Argumentation zugrunde gelegt wird, wie zuvor ausgeführt, ein Verständnis von Identität als Ergebnis innerer sowohl als auch äußerer Einflüsse. Aufgrund der Unmöglichkeit einer letztgültigen, allumfassenden Definition des Begriffs wird zudem pointiert von drei zentralen Prämissen hinsichtlich der Thematik ausgegangen, die sich so auch in den oben aufgeführten zentralen Fragen wiederspiegeln: Erstens konstruiert sich Identität durch eine Rückschau auf den vorausgegangenen Lebensweg, zweitens ergibt sie sich stets durch Fremdwahrnehmung beziehungsweise externe Rollenzuweisung und drittens konstituiert sie sich durch die bewusste Selbstbestimmung des jeweiligen Individuums.[7]

Diesen Thesen entsprechend gliedert sich die Arbeit wie folgt: Nachdem sich dem Begriff der Identität im Zusammenhang mit Kleists Werk in Kapitel 2 allgemein angenähert wird, wird das Motiv anhand der beiden Erzählungen Die Verlobung von St. Domingo in Kapitel 3 und Der Findling in Kapitel 4 betrachtet. Sie bieten sich allem voran aufgrund der gegensätzlichen Ausgangssituation und divergenten Entwicklung ihrer beiden Protagonisten zur Gegenüberstellung an. Innerhalb dieser zentralen Kapitel wird jeweils im oben beschriebenen Dreischritt argumentiert, der Aufschluss über die zuvor erwähnten Aspekte geben soll und durch Parallelisierung des Fortschreitens der Ereignisse den Vergleich verdeutlicht. Zuletzt folgt eine zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse in Kapitel 5.

2 Identitätsproblematik im Werke Heinrich von Kleists

Das Problem der Identität besaß um 1800, wie einleitend bereits erwähnt, durchaus an Aktualität. Industrielle, politische und gesellschaftliche Umwälzungen führten zur Entstehung eines bürgerlichen Bewusstseins um individuelle Autonomie, wobei dem Glauben an ein einmaliges und unverwechselbares Ich gleichzeitig unterstellt wurde, nichts weiter als ein uneinlösbares Postulat zu bezeichnen. Das somit entstandene Spannungsfeld von subjektivem Identitätsanspruch auf der einen und gesellschaftlichen Entfremdungserfahrungen auf der anderen Seite wurde literarisch oftmals durch ein Doppelgänger-Motiv umgesetzt;[8] so auch bei Kleist und innerhalb der beiden, nachfolgend betrachteten Erzählungen. Während die von Gustav wahrgenommene „wunderbare Ähnlichkeit“[9] zwischen Toni und seiner ehemaligen Verlobten Mariane Congreve erstere in die Rolle letzterer führt, ist das Doppelgänger-Motiv symptomatisch für das gesamte Geschehen innerhalb des Findlings. Es dient in beiden Fällen als spezifisches Mittel der Auseinandersetzung mit dem Problem der Identität. Auch in anderen Stücken Kleists ist die Suche nach Identität strukturbildend: innerhalb seines Erstlingswerk Die Familie Schroffenstein, durch verschiedene weibliche Identitätskonzepte unter anderem in Die Marquise von O... und Penthesilea, oder in der speziell auf die nationale Identitätsfrage bezogenen Hermmannsschlacht, um nur einige Beispiele zu nennen.

Doch Kleists Auseinandersetzung mit dem Problem der Identität beschränkt sich nicht ausschließlich auf seine Dichtung: „— und wenn ich auch auf dieser Erde nirgends meinen Platz finden sollte, so finde ich vielleicht auf einem andern Sterne einen um so bessern“[10] - so räumt er am 13. November 1800 im Alter von 23 Jahren in einem Brief an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge die Möglichkeit ein, seine Suche nach einem authentischen Platz, einer genuinen Rolle auf der Welt und sicherlich auch innerhalb der Gesellschaft könne missglücken. Dabei ist gerade dieses menschliche Grundbedürfnis nach Bestimmtheit[11] so kennzeichnend für sein Verständnis von Identität, für seine Identitätskonstruktion; sieht er doch als „erste Handlung der Selbstständigkeit eines Menschen [den] Entwurf eines [...] Lebensplan’s.“[12] Indem Kleist zufolge darüber hinaus jegliche Art menschlicher Sozialisation dem „gemeine[n] Gesetz des Widerspruchs“[13] unterliegt, kann auch die Bildung von Identität als ein Akt situativer und partnerbezogener Entgegensetzung verstanden werden, in welchem Selbstwahrnehmung und

Fremdwahmehmung einerseits miteinander verbunden sind, sich zur gleichen Zeit aber gegenüberstehen und sich letztlich gegenseitig konditionieren. Ein beliebiges Selbstverständnis korrespondiert mit beliebigen Fremdzuschreibungen und durch diese wechselnden Wirkungskonstellationen zeigt sich bei Kleist, im Gegensatz zur organischen Entfaltung eines Idealmenschen in neuhumanistischen Bildungsromanen, nichts Ganzes und Harmonisches mehr.[14] Sein Interesse gilt demnach nicht dem Idealen, sondern der realen Entwicklung des Menschen, sodass Identität innerhalb seines Werks stets das Ergebnis verschiedener, durchaus auch diffuser Identifikationsakte bleibt.

Dem aufklärerischen Glauben an eine rationale Plan- und Gestaltbarkeit der Welt sowie ein vernunftgeleitetes autonomes Subjekt setzt Kleist damit den bewussten Verzicht auf jedwede Einheits- und Ganzheitsvision entgegen. Dies bringt ihn fortwährend in Konflikt mit dem Humanisten und Zeitgenossen Johann Wolfgang von Goethe, welcher seinerseits zum Beginn des neuen, krisengebeutelten Jahrhunderts auf dem klassischen Prinzip harmonischer Ganzheit beharrte. Kleist repräsentiert für Goethe die Entstellung natürlicher Schönheit und er scheute nicht, dies deutlich zu artikulieren: „Mir erregte dieser Dichter [...] immer Schauder und Abscheu, wie ein von der Natur schön intentionierter Körper, der von einer unheilbaren Krankheit ergriffen wäre.“[15] Die beiden Schriftsteller stehen sich somit hinsichtlich ihres grundlegenden Verständnisses des Menschen und der menschlichen Identität unvereinbar gegenüber. Wohingegen Goethe an der harmonische Ganzheit festhält, ist Kleist zum „Seismograph einer universalen Zerrissenheit“[16] geworden und zerrissene Identitäten zum Signum seines Werkes. Jegliche Sicherheiten, die das menschliche Selbstbewusstsein vor der verwirrenden Unsicherheit der Wirklichkeit zu schützen vermögen, werden für die Protagonisten in Kleists Stücken gegenstandslos.[17] Das zuvor aufgeführte Zitat Kleists gibt zudem Aufschluss darüber, dass auch er selbst sich auf der Erde mehr und mehr als Fremdling empfand, dem Sicherheiten wie Herkunft und Heimat, ebenso wie der Lebenssinn immer unerklärlicher wurden, dessen Suche nach einer gesellschaftliche Identität und Bestimmung gescheitert war, dem ohnehin alle Plätze, Rollen und Werte, die ihm seine Zeit anzubieten hatten immer fragwürdiger wurden, und der letzten Endes seinen unzulänglichen Platz auf dieser Erde freiwillig räumte.[18]

[...]


[1] Immanuel Kant, zit. nach: Eifler, Günter/Saame, Otto/Schneider, Peter (Hrsg.): Identität. Mainzer Universitäts­gespräche. Mainz 1983, S. 87.

[2] Vgl. Eickelpasch, Rolf/Rademacher, Claudia: Identität. Bielefeld 2010, S. 5.

[3] Vgl. Eifler (1983), S. 18.

[4] Heinrich von Kleist, zit. nach: Seeba, Hinrich C.: Abgründiger Klassiker der Moderne. Gesammelte Aufsätze zu Heinrich von Kleist. Bielefeld 2012, S. 26.

[5] Vgl. Laskaridou, Olga/Theisen, Joachim (Hrsg.): Nur zerrissene Bruchstücke. Kleist zum 200. Todestag. Athener Kleist-Tagung 2011. Frankfurt a.M. 2013, S. 5.

[6] Vgl. Politzer, Heinz: Auf der Suche nach Identität. Zu Heinrich von Kleists Würzburger Reise. In: Walter Müller­Seidel (Hrsg.): Kleists Aktualität. Neue Aufsätze und Essays 1966-1978. Darmstadt 1981, S. 73.

[7] Vgl. Eifler (1983), S. 19 und 92.

[8] Vgl. Breuer, Ingo (Hrsg.): Kleist-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart 2009, S. 333.

[9] Kleist, Heinrich von: Sämtliche Erzählungen. Herausgegeben von Klaus Müller-Salget. Frankfurt a.M. 2005, S. 237. Alle weiteren direkten Textzitate der behandelten Erzählungen entstammen dieser Quelle.

[10] Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden. Band 3. Herausgegeben von Klaus Müller- Salget. Frankfurt a.M. 1990, S. 152.

[11] Vgl. Eifler (1983), S. IV.

[12] Heinrich von Kleist, zit. nach: Seeba (2012), S. 27.

[13] Kleist (1990), S. 546.

[14] Vgl. Breuer (2009), S. 135.

[15] Johann Wolfgang von Goethe, zit. nach Seeba (2012), S. 13.

[16] Ebd.

[17] Vgl. Horn, Peter: Heinrich von Kleists Erzählungen. Eine Einführung. Regensburg 1978, S. 134.

[18] Vgl. Schröder, Jürgen: Kleists Novelle „Der Findling“. Ein Plädoyer für Nicolo. In: Inka Kording und Anton Philipp Knittel (Hrsg.): Heinrich von Kleist. Neue Wege der Forschung. Darmstadt 2003, S. 53.

Details

Seiten
20
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656925200
ISBN (Buch)
9783656925217
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284235
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,0
Schlagworte
identitätskonstruktion betrachtung hauptmotivs werk heinrich kleists anhand erzählungen verlobung domingo findling

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