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Theoretische Einführung in die Bedeutung des Sportunterrichts für die Förderung sozialer Kompetenzen

Akademische Arbeit 2001 22 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung
1. Begriffsklärung
1.1. Soziales Lernen
1.2. Fairness
1.3. Kooperation
2. Spiele im Sportunterricht
2.1. Gründe für den Einsatz von Spielen im Sportunterricht
2.2. Werteerziehung durch Spiele?
2.3. Probleme bei der Wertevermittlung im Sportunterricht
2.4. Die Rolle des Sportlehrers

II. Bezug zum amtlichen Lehrplan
1. Fachbezogene Unterrichts- und Erziehungsaufgaben
2. Der Lernbereich „Fairness, Kooperation“

III. Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

IV. Anhang

I. Einleitung

Kindern und Jugendlichen scheint es auf den ersten Blick noch nie so gut wie heute gegangen zu sein: In den westlichen Industrienationen genießen sie ein hohes Maß an sozialer Selbständigkeit, eine liberale Erziehung mit partnerschaftlich-demokratischen Eltern und breit gefächertem und selbst bestimmbaren Medien- und Freizeitangebot. Die jetzige Generation ist materiell hervorragend versorgt und früher lebensgefährliche Kinderkrankheiten sind weitestgehend besiegt bzw. relativ problemlos zu kurieren.[1]

Sieht man allerdings genauer hin, so fällt auf, dass die Probleme der Kinder und Jugendlichen heute eher im zwischenmenschlichen Bereich[2] liegen, in der Unsicherheit von Kontakten und Beziehungen. Zwar können sie die angenehmen Seiten der Wohlstandsgesellschaft für sich nutzen, sie bekommen aber auch die Nachteile zu spüren. Selbständigkeit und die Möglichkeit zur Selbstentfaltung stehen sozialer Unsicherheit und den damit verbundenen psychischen Irritationen gegenüber. Im Sportunterricht sind die Gelegenheiten, soziale Erfahrungen zu machen, besonders häufig, weshalb hier eine Einflussnahme zu Gunsten prosozialen Verhaltens besonders aussichtsreich erscheint.

Um die nötige Verständnisgrundlage der zentralen Begriffe zu gewährleisten, soll im ersten Kapitel eine Begriffsklärung vorangestellt werden, um danach den Bezug zur Schule mit Hilfe des amtlichen Lehrplan für die bayerische Hauptschule herstellen zu können.

1. Begriffsklärung

Da die Begriffe aus der Themenstellung dieser Arbeit in der Fachliteratur zum Teil unterschiedlich gebraucht werden und sich deren Bedeutung in manchen Aspekten erheblich vom Alltagsverständnis unterscheidet, scheint es mir wichtig, eine Begriffsklärung voranzustellen. Aufgrund der vielen verschiedenen Aspekte der Termini innerhalb der Bezugswissenschaften der Sportpädagogik müssen diese begrifflichen Eingrenzungen etwas detaillierter erfolgen, um die nötige Basis für ein gemeinsames Verständnis zu schaffen.

1.1. Soziales Lernen

Der Begriff „soziales Lernen“ ist weder in der allgemeinen noch in der Sportpädagogik eindeutig definiert. Er wird in missverständlicher Weise auf verschiedenen Ebenen gebraucht; er bezeichnet zum einen die Zielebene erzieherischen Handelns, zum anderen macht er Aussagen über den Erziehungsprozess und die Sozialformen des Unterrichts. Wegen seiner unklaren Verwendung soll zunächst eine Begriffsanalyse erfolgen, die die genaue Bedeutung in dieser Arbeit erklärt.

Im englischen Sprachraum ist der Begriff „soziales Lernen“ seit den Arbeiten von Miller/ Dollart (1941) und Bandura/ Walters (1963) bekannt und beschreibt die Imitation als „sozial induzierte Form des Lernens“. Bei uns tauchte er erst um 1970 auf, wurde aber sofort interessiert aufgenommen, was zu einer Vielzahl von Beiträgen und Definitionsversuchen führte.

Ein Grund für die Verwirrung um den Begriff liegt in der unterschiedlichen Auslegung des Wortes „sozial“. Im Alltagsgebrauch wird ihm automatisch eine positive Wertung zugeschrieben, also synonym mit „von der Gesellschaft erwünscht“ (= prosozial). In der Psychologie (wie auch in anderen Wissenschaften) hingegen ist der Begriff „sozial“ wertneutral; er besagt lediglich, dass etwas in irgendeiner Form der Interaktion mit anderen geschieht, beinhaltet also sowohl pro- als auch antisoziale Verhaltensweisen. Jede Teildisziplin der Sportwissenschaft (Sportpsychologie, Sportsoziologie, Sportpolitik, Sportpädagogik, Sportdidaktik) greift auf unterschiedliche Definitionsansätze zurück, so dass es erforderlich wird, sich auf einen zu beschränken. Ein Vorstellen der verschiedenen Ansätze soll an dieser Stelle unterbleiben, da sie für die Bearbeitung der Themenstellung nicht unbedingt erforderlich sind.

In der Sportpädagogik wird meist „Sozialisation“ als Überbegriff für alle Prozesse verwendet, die den Menschen in seine soziale Umwelt integrieren und zur Entwicklung seiner Persönlichkeit beitragen, wobei das soziale Lernen als der Teil der Sozialisation verstanden wird, „der auf intentionalen pädagogisch gesteuerten Lernprozessen beruht…, d.h. für den z.B. Lehrer im Unterricht absichtsvolle Lernsituationen arrangieren“[3].

Zwar könnte man kritisieren, dass hier nicht unterschieden wird zwischen sozialem Lernen und sozialem Lehren oder –berechtigterweise- bemängeln, dass soziales Lernen auch nicht-intentional erfolgen kann oder auch antisoziale Verhaltensweisen sozial gelernt werden. Durch die notwendigen Unterscheidungen würde jedoch die Behandlung sehr umständlich und verwirrend erfolgen müssen. Da diese zugegebenermaßen etwas unschärfere Begrifflichkeit in der Sportpädagogik und –didaktik aber durchaus gebräuchlich ist, soll sie für diese Arbeit herangezogen werden, zumal Unklarheiten nicht auftauchen sollten, da sich aus der Themenstellung erkennen lässt, dass es sich um intentionales soziales Lernen und damit logischerweise ausschließlich um die Vermittlung prosozialer Verhaltensweisen dreht.

Keller/ Hafner (1999, S. 9) verstehen unter sozialem Lernen

- die Aneignung sozialer Verhaltensweisen und Fertigkeiten,
- die Bildung sozialer Einstellungen und Werthaltungen und
- die Übernahme sozialer Rollen.

Soziales Lernen ist ein Ergebnis der intentionalen Förderung des Sozialverhaltens durch die Erziehung, aber auch aus dem täglichen Beobachtungs- und Nachahmungslernen (vgl. Bandura), d.h. es kann nicht vollständig darauf Einfluss genommen werden, da neben der Erziehung auch andere, un- oder zumindest schwer kontrollier- und lenkbare Prozesse an der Sozialisation beteiligt sind (= nicht-intentionale Erziehung).

Ziele und Inhalte sozialen Lernens sind schwierig zu operationalisieren, zum einen, weil die Bewertung sozialer Verhaltensweisen als gut oder schlecht subjektiv ist, zum anderen auch aufgrund verschiedener Vorstellungen innerhalb einer Gesellschaft und eines Zeitraums. Als allgemein erstrebenswertes Ziel wäre die Gemeinschaftsfähigkeit zu nennen, die man in folgende Einzelziele untergliedern könnte:

- Hilfsbereitschaft
- Friedfertigkeit
- Kooperationsfähigkeit
- Selbstbeherrschung
- soziale Sensibilität (Empathiefähigkeit)
- Selbstbehauptung
- Konflikt-/ Kommunikationsfähigkeit
- Toleranz
- Verantwortungsbewusstsein
- Höflichkeit (Keller/ Hafner 1999, S.10)

Der amtliche Lehrplan für die bayerische Hauptschule bezeichnet es als die Aufgabe des Unterrichts, „die (…) soziale Kompetenz der Schüler zu fördern“ (S. 14), was in die gleiche Richtung wie der oben genannte Begriff Gemeinschaftsfähigkeit zielt.

1.2. Fairness

Dieser scheinbar eindeutige Begriff wird nicht nur im Alltagsgespräch, sondern auch in der Fachliteratur unterschiedlich gebraucht bzw. verstanden. Vielfältige Begriffsbestimmungen und Definitionsversuche, die zum größten Teil recht unscharf dieses Abstraktum beschreiben sind seit der Entstehung des Wortes zu finden.

a) Historische Bedeutung[4]

„Fair“ und „Fairness“ sind Begriffe, die bereits im England des Mittelalters ein standesgemä­ßes (= anständiges) Verhalten der Oberschicht beschreiben. Sie stammen vom altenglischen „ faeger “ = „passend, angenehm, schön“. Dem sportsman, der dem Großbürgertum oder der Aris­tokratie angehörte, war das Gewinnen unwichtig; er wollte einen möglichst unterhaltsamen Zeitvertreib, er nutzte den Sport sogar, um Ehrlichkeit, Redlichkeit und gönnerische Gesten zu demonstrieren. Während des 19. Jahrhunderts fanden in der Zeit der Industrialisierung dann auch die damals vorherrschenden „bürgerlichen“ Werte (Leistung, Gewinnstreben, Ehrgeiz) Einzug in den Sport, der sich nun auch den unteren Gesellschaftsschichten eröffnete. Damals wurde erstmals der Sport von der Pädagogik benutzt, um den verwöhnten und oft motivationsarmen Kindern in den public schools das Leistungsprinzip nahe zu bringen. Dabei wurde das fair play zum Leitgedanken der moralischen Erziehung.

Bevor die Kommerzialisierung im Sport einsetzte, war es z.B. noch üblich, auch bei größeren offiziellen Tennisturnieren dem stärkeren Spieler zu Beginn des Spiels ein Handicap (= Rückstand) zu geben, um dem schwächeren die gleichen Gewinnchancen einzuräumen. Ab 1920 verschwanden dann diese Regelungen und eine Aufweichung des Fairnessgedankens setzte ein zugunsten einer stärkeren Leistungs- und Erfolgsbetonung. Die Fairness wurde immer mehr als die bloße Einhaltung der Spielregeln verstanden.

Mit zunehmendem Einfluss der Industrie und damit des Geldes verschwand der ursprünglich „edle“ Hintergrund im Leistungssport und ist seitdem eigentlich nur noch bei Amateuren anzutreffen. Ein faires Verhalten im originären Verständnis wird heute als exotisch und mutig, in bestimmten Kreisen und Kulturen sogar als Schwäche angesehen (vgl. Abb. 4); durch die Bedeutungsverschiebung entwickelten sich sogar paradoxe Begriffe wie zum Beispiel das „faire Foul“ im Fußball. Es herrscht das so genannte elfte Gebot: „Du sollst dich nicht erwischen lassen“ oder, anders ausgedrückt, die Wasserballer-Moral: „Oben lächeln, unten treten.“

b) Begriffsbestimung

Aufgrund der oben beschriebenen historischen Entwicklung des Begriffes „Fairness“ gibt es in der Fachliteratur enger und weiter gefasste Definitionen, die aber alle Folgendes als gemeinsamen Nenner haben:

1. eine größtmögliche Chancengleichheit
2. die strikte Einhaltung der Regeln
3. die Achtung des Gegners und seine Unantastbarkeit

Zu Beginn der sechziger Jahre wurde von Lenk[5] ein wichtiger Schritt zur Differenzierung des Begriffs vorgenommen. Er unterschied zwischen formeller und informeller Fairness. Erstere beinhaltet lediglich das Einhalten der Regeln und Vereinbarungen, also der „Muss-Normen“, die auch vom Schiedsrichter - falls vorhanden - eingefordert werden können und deren Nichtbeachtung normalerweise mit allgemein bekannten Sanktionen bestraft wird. Die informelle Fairness meint die „Soll-Normen“, sprich: Achtung und Respekt vor dem Gegner, Ehrlichkeit, Wahrung der Chancengleichheit etc., deren Übertretung nicht bestraft werden kann, höchstens durch Missachtung der Mitspieler.

Für die Fairnesserziehung im Sportunterricht sollten natürlich beide Aspekte von Bedeutung sein. Eine adäquate Begriffsbestimmung für Pädagogen liefert meines Erachtens Röthig[6]:

„Die Fairness gebietet vor allem

- die Anerkennung und Einhaltung der Spielregeln,

- partnerschaftlichen Umgang mit dem Gegner,
- die Fähigkeit, sich in kritischen Situationen des Kampfes und des Wettstreits von der eigenen Rolle zu distanzieren,
- auf gleiche Chancen und Bedingungen zu achten,
- das Gewinnmotiv zu ‚begrenzen’,
- rechte Haltung in Sieg und Niederlage’
- ‚echten Einsatz der eigenen Kräfte’“.
Nach diesem Verständnis ist jemand, der nicht unfair ist, noch kein fairer Sportler; die Antonyme bewegen sich also auf verschiedenen Ebenen.

Bei jüngeren und vor allen bei weiblichen Sportlern kann ein noch weiterer Fairnessbegriff festgestellt werden, wie ein Umfrage in Baden-Württemberg ergab. So bezeichnen diese Gruppen auch bestimmte Gerätearrangements bzw. Übungsangebote als „unfair“ und meinen damit „ungerecht, nicht angepasst, zu schwierig oder bloßstellend“[7].

Abschließend ist anzumerken, dass in den Fachbüchern der Begriff „Fairplay“ (oder „Fair Play“) noch gebräuchlicher ist als „Fairness“. Beides wird oft synonym gebraucht, wobei „Fairplay“ eher eine bestimmte Handlungsweise ausdrückt, „Fairness“ dagegen mehr die abstrakte Wertvorstellung betont. Im bayerischen Hauptschullehrplan ist allerdings nur von „Fairness“ die Rede.

1.3. Kooperation

Auch bei der Verwendung des Begriffs „Kooperation“ herrscht nicht immer Einheitlichkeit. Kooperatives Verhalten ist dadurch bestimmt, dass „individuelle Ziele im Rahmen eines gemeinsamen Ziels beibehalten werden. Dabei erleichtern die Individuen anderen das Erreichen individueller Teilziele, sofern diese nicht im Widerspruch zum gemeinsamen Ziel stehen“[8]. Mit kooperativem Handeln werden zum Teil Begriffe wie Altruismus, Konformität, Koalition etc. assoziiert, was aber nicht korrekt ist, da Kooperation weder meint, dass eigene Ziele aufgegeben werden oder die einer Mehrheit verfolgt werden, noch impliziert, dass gemeinsam gegen eine anderen Gruppe mit konkurrierenden Zielen vorgegangen wird. Der Sportwissenschaftlers Anders[9] definiert Kooperation als „die wechselseitige Beziehung zwischen Personen oder Gruppen, durch die ein Ziel in gemeinsamer Anstrengung erreicht und somit eine gemeinsame Belohnung erzielt wird“. Dabei ist anzumerken, dass diese Belohnung nicht für jeden Kooperierenden gleich groß sein muss. Sie könnte vom individuellen Einsatz oder hierarchischen Rang des Akteurs abhängen oder auch für jeden eine andere sein. Wichtig ist das Zusammenarbeiten für ein gemeinsames Großziel, dass das Erreichen eines Teilziels (individuelle Belohnung) erleichtert oder überhaupt erst ermöglicht.

In Sportspielen hängt der Grad der Kooperation ab von den Spielregeln, deren Umsetzung, der Motivation der Mitspieler, der Form der Belohnung, der Stellung der Spielenden innerhalb des Teams und externen Faktoren (Kontrolle, „Lehrerzwang“). Echte Kooperation verlangt nicht nur Aktion, sondern Interaktion, wodurch der soziale Aspekt von Interaktionsspielen und Kooperationsspielen deutlich wird. Sie beinhaltet keinen Wettbewerb; man könnte sogar sagen, Wettbewerb und Kooperation sind diametral entgegengesetzt. Die Motivation zum Spielen besteht damit aus dem gemeinsamen Lösen einer Aufgabe, die zu einer Belohnung jedes Teilnehmers führt; es gibt keine „Verlierer“.

[...]


[1] Anmerkung: Zitate werden übernommen, wie sie in der Originalliteratur gefunden wurden, d.h. sie werden auch nicht der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst.

[2] Dass dies kein neues Problem ist, soll eine historische Zitatsammlung (siehe Anlage A) zeigen.

[3] Pühse 1990, S.32

[4] vgl. Luther/ Hotz 1998, S. 33ff

[5] Olympiasieger 1960 im Rudern und Vizepräsident der Weltgesellschaft für Philosophie

[6] zit. aus Luther 1996, S. 321

[7] Geßmann in Gerhardt/ Lämmer 1995, S. 128

[8] Bittner 1985, S. 14

[9] in: Beyer 1987, S. 339

Details

Seiten
22
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783656837022
ISBN (Buch)
9783656837077
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284222
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Schlagworte
Theroie Bedeutung Sportunterricht Förderung soziale Kompetenz sozial Kompetenz Einführung

Autor

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