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Universelle Durchsetzung der Menschenrechte auf Gesellschaftsebene

Am Beispiel von Menschenrechtsstädten sowie Wahrheits- und Versöhnungskommissionen

Seminararbeit 2013 30 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG, ZIEL UND GLIEDERUNG DER ARBEIT

2. MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN VERHINDERN DURCH DIE GESELLSCHAFT ?
2.1 AMARTYA SEN’S C APABILITY A PPROACH
2.1 EXKURS: IST EINE UNIVERSELLE DURCHSETZUNG VON MENSCHENRECHTEN REALISTISCH?
2.2 DURCHSETZUNG DER MENSCHENRECHTE „VON UNTEN“ UND „VON OBEN“
2. 3 HINTERGRUND UND ZIEL VON MENSCHENRECHTSSTÄDTEN
2.4 ERFOLG VON MENSCHENRECHTSSTÄDTEN

3. DER CAPABILITY APPROACH IM VERGLEICH UND ANDERE PHILOSOPHISCHE ANSÄTZE
3.1 JOHN RAWLS GERECHTIGKEITSTHEORIE
3.2 THOMAS HOBBES: KRIEG ALLER GEGEN ALLE
3.3 JÜRGEN HABERMAS’ DISKURSETHIK
3.4 IMMANUEL KANTS KATEGORISCHER IMPERATIV: EINER FÜR ALLE UND JEDEN

4. NACH MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN: VERSÖHNUNG ZWISCHEN AUTORITÄTEN UND GESELLSCHAFT OHNE JURISTISCHE HILFE?
4.1 DIE AFRIKANISCHE MORALPHILOSOPHIE UBUNTU
4.2 TRUTH AND RECONCILIATION COMMISSIONS - Z.B. SÜDAFRIKA

5. UBUNTU UND ANDERE PHILOSOPHISCHE ANSÄTZE
5.1 AMARTYA SENS C APABILITY APPROACH ..
5.2 JOHN RAWLS’ GERECHTIGKEITSTHEORIE
5.3 THOMAS HOBBES: KRIEG ALLER GEGEN ALLE
5.4 JÜRGEN HABERMAS’ DISKURSETHIK
5.5 IMMANUEL KANTS KATEGORISCHER IMPERATIV: EINER FÜR ALLE UND JEDEN

6. FAZIT UND AUSBLICK

7. QUELLEN

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

1. Einleitung, Ziel und Gliederung der Arbeit

Weltweit gibt es eine Vielzahl von Staaten, die sich zur Umsetzung der Menschenrechte verpflichtet haben. Von diesen Staaten wird deshalb erwartet, dass sie die Menschenrechte ihrer Bürger achten, schützen und gewährleisten. Aber die Menschen wissen oft nichts von ihren Rechten und können diese deshalb bei ihrer Regierung nicht einfordern. Die Realität zeigt, dass Millionen von Menschen geboren werden und sterben ohne jemals zu erfahren, dass ihnen Menschenrechte zustehen bzw. zugestanden hätten (vgl. Handbuch zur Menschenrechtsbildung 2009: 9). Es hat sich aber gezeigt, dass Menschen, die mehr Erfahrung mit dem Menschenrechtssystem aufweisen, dieses auch besser nutzen können (vgl. Merry et al. 2010: 102). Damit eine mündige Gesellschaft entwickelt werden kann, die ihre Rechte einzufordern weiss, ist die Menschenrechtsbildung enorm wichtig. Ein Beispiel von Menschenrechtsbildung sind Menschenrechtsstädte, auf die in dieser Arbeit genauer eingegangen wird. Die Strategie hinter den Menschenrechtsstädten ist Amartya Sens Capability Approach (CA). Um herauszufinden, weshalb diese Philosophie als Strategie hinter den Menschenrechtsstädten steht, wird dieser Ansatz erst definiert. Danach wird untersucht wie Menschenrechte mit dem CA auf Gesellschaftsebene durchgesetzt werden können und ob dies auch mit anderen philosophischen Ansätzen möglich wäre. Wenn Menschenrechte verletzt worden sind, findet meist die rechtliche Ebene Beachtung. Allerdings gibt es eine andere mögliche Lösung die Menschenrechtsverletzungen bekannt zu machen und dadurch künftige Verstösse eventuell zu verhindern als über eine strafrechtliche Verfolgung. Dabei handelt es sich um sogenannte Truth and Reconciliation Commissions (TRCs), die im zweiten Teil dieser Arbeit untersucht werden sollen. Die Strategie hinter den TRCs ist die afrikanische Moralphilosophie ubuntu. Diese Philosophie wird vorgestellt und herausgearbeitet wie mit ubuntu eine Versöhnung zwischen Täter und Opfer erreicht werden kann und ob dies auch mit den bereits vorgestellten philosophischen Ansätzen möglich wäre.

2. Menschenrechtsverletzungen verhindern durch die Gesellschaft?

2.1 Amartya Sen’s Capability Approach

Amartya Sen betrachtet den ethisch fundierten CA als Beitrag zu Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit. Man kann den CA als Fähigkeitenansatz verstehen1. Es geht um Fähigkeiten, über die Individuen verfügen, oder die sie sich aneignen müssen, damit sie ihr Leben erfolgreich gestalten können. Die Forderung an die Gesellschaft beinhaltet, dass sie aktiv zur Entwicklung eines besseren Lebens aller Mitglieder beiträgt - eben beispielsweise Menschenrechte umzusetzen. Der Schlüssel, damit sich eine Gesellschaft dahin entwickelt, ist für Sen die Freiheit des Einzelnen (vgl. Kadler-Neuhausen 2012: 92f). Der zweite zentrale Begriff beim CA sind die Fähigkeiten. Der Freiheitsbegriff allgemein betont, was Menschen tun können, während der Begriff capabilities als konzeptioneller Ausdruck dieser Freiheit zusätzlich betont was konkrete Menschen aktiv - durch ihre Fähigkeiten - tun können (vgl. Scholtes 2005: 5).

Durch seine Freiheit kann der Mensch Wahlmöglichkeiten erlangen. Sen bezieht sich diesbezüglich auf Karl Marx. Gemäss Marx’ ist es vonnöten die Dominanz von Umständen und Chancen über das Individuum durch die Dominanz des Individuums über die Umstände und Chancen zu ersetzen. Also, dass das Individuum die Freiheit hat, die Umstände und Chancen in seinem Leben selber zu bestimmen. Um dies zu veranschaulichen, zieht Sen das Beispiel einer Immigrantin hinzu, die die Möglichkeit hat gewisse Traditionen ihrer Kultur auszuüben. Dabei geht es allerdings nicht darum, dass die Immigrantin die Wahl hat die Traditionen im Aufnahmeland zu bewahren oder nicht. Vielmehr geht es darum, dass die Immigrantin wählen kann, wie sie lebt; inklusive der Möglichkeit überlieferte Traditionen auszuleben. Es geht dabei nicht allgemein um die Bewahrung von Traditionen, sondern vielmehr um die Freiheit, die die Immigrantin hat, wie sie leben möchte. Dies schliesst die Möglichkeit, dass sie ihre Tradition ausübt ein, ist aber unabhängig von den Alternativen, die sie hat und der Wahl, die sie machen würde. Im Sinne von Marx hat die Immigrantin - als Individuum - die Wahl über die Umstände und Chancen in ihrem Leben selbst zu bestimmen. Sie hat die Freiheit so zu leben, wie sie möchte. Die Bedeutung der Fähigkeit der Menschen Möglichkeiten zu reflektieren, ist beim CA zentral (vgl. Sen 2004: 335f). Menschen sind sich - jenseits rechtlich geregelter Verpflichtungen - grundsätzlich wechselseitig verpflichtet. Wobei sie nicht direkt zu einer Handlung verpflichtet sind, wohl aber dazu ihre Handlungen ernsthaft und vernünftig zu reflektieren. So entsteht beim CA Solidarität aus moralischer Pflicht und nicht aus karitativer Barmherzigkeit (vgl. Scholtes 2005: 11f)2.

Der CA ist ein universaler Ansatz, bei dem jeder Mensch die Möglichkeit haben soll, so zu leben, wie sie oder er möchte. Die einzige Einschränkung liegt darin, dass der einzelne Mensch zu einem besseren Leben aller Mitglieder beitragen muss. Nun aber stellt sich die Frage, ob es überhaupt möglich ist, die Menschenrechte universell durchzusetzen, da die Menschen kulturbedingt nicht alle gleich sind und unterschiedliche Lebensanschauungen haben. Im Folgenden wird kurz auf die Frage der universalen Durchsetzbarkeit der Menschenrechte eingegangen.

2.1 Exkurs: Ist eine universelle Durchsetzung von Menschenrechten realistisch?

Wenn man der Universalität der Menschenrechte gerecht werden möchte, bedeutet dies, dass es Möglichkeiten geben muss, diese auch weltweit durchzusetzen. Meist findet dabei die rechtliche Ebene Beachtung. So existieren heute beispielsweise ein permanenter internationaler Strafgerichtshof oder zeitlich begrenzte Ad-hoc- Strafgerichte. Mit diesen internationalen Instrumenten versucht man die Menschenrechte universell durchzusetzen. Weil bei solchen internationalen Mechanismen Verurteilungen von Verbrechen in weit entfernten Gerichtssälen stattfinden und die Rechtsanwälte deshalb nicht vertraut sind mit dem Konflikt selber oder mit der betreffenden Kultur, in denen die Verbrechen begangen worden sind, fehlt es diesen Mechanismen oft an Legitimität. So werden die Gesellschaften, die es betrifft, gar nicht erreicht. Um dies zu verhindern, sind hybride Gerichte entstanden. Diese dienen dem Zweck, sowohl rein nationale Verfahren als auch rein internationale zu umgehen. Hybride Gerichte sollen die Stärken der Ad-hoc-Tribunale mit den Vorteilen lokaler Strafverfolgung verbinden (vgl. Nouwen 2006: 191f).

Die Idee hybride Gerichte zu schaffen, zeigt, dass man sich bewusst ist, dass es kaum möglich ist die Menschenrechte auf (rein) internationaler Ebene durchzusetzen, obwohl man gleichzeitig die Universalität der Menschenrechte betont. Die Installation von hybriden Gerichten zeigt auch, dass man sich vom Fokus der Durchsetzung auf rein internationaler Ebene distanziert und teilweise auf nationale Mechanismen zurückgreift. Wahrscheinlich deshalb, weil die Durchsetzung der Menschenrechte auf nationaler Ebene gegenüber der internationalen den Vorteil hat, dass bei vertragswidrigem Verhalten der Rechtsweg genommen werden kann, während es dem Völkerrecht an einer vergleichbaren Durchsetzungsinstanz fehlt. Auch die regionale Ebene sollte bei der Durchsetzung der Menschenrechte Beachtung finden. Auf regionaler Ebene entwickelte sich das Schutzsystem der Menschenrechte unabhängig von dem der Vereinten Nationen (VN). Die VN waren anfangs misstrauisch in Bezug auf die regionale Durchsetzung der Menschenrechte, da sie befürchteten, dass dadurch die universelle Geltung untergraben werden würde (vgl. Kidanemariam 2006: 5). Allerdings tendieren regionale Systeme zu mehr Sensibilität in kulturellen und religiösen Fragen, wo diese berechtigt sind3 (vgl. Handbuch zur Menschenrechtsbildung 2009: 49f).

Was beim Versuch die Menschenrechte universell und auf internationaler, regionaler oder auch nationaler Ebene durchzusetzen meist vergessen geht, ist die Gesellschaft. Man versucht die Menschenrechte „von oben“ und durch Gerichte oder auch gar nicht durchzusetzen. Deshalb wird nun darauf eingegangen, ob und - wenn ja - wie eine Durchsetzung „von unten“ durch Sen’s Ansatz möglich wird.

2.2 Durchsetzung der Menschenrechte „von unten“ und „von oben“

Bei Sen sind staatliche Massnahmen und damit die Gesetzgebung bei der Durchsetzung von Menschenrechten „von oben“ wichtig. Aber nicht nur. Er sieht den Menschen als Bürger, der sich jenseits rechtlich geregelter Verpflichtungen grundsätzlich wechselseitig verpflichtet ist. Wobei es für Sen Mittel und Wege gibt, die bei der Anerkennung von Menschenrechten wichtig und oft auch effektiv(er) sind als die rechtliche Ebene. So ist für Sen bei der Durchsetzung von Menschenrechten nicht nur die staatliche Anerkennung, die durch die Gesetzgebung Gestalt annimmt, sondern auch eine öffentliche Anerkennung, gesellschaftliche Aktivitäten sowie Menschenrechtsbildung - über Staatsgrenzen hinaus - wichtig. Man kann sagen, es handelt sich um eine universelle Menschenrechtsdurchsetzung „von unten“ mit der Hilfe von Mechanismen „von oben“.

Bei der Durchsetzung „von unten“ kann es sich um eine gesellschaftlich organisierte Anwaltschaft (advocacy)4 handeln, die die Einhaltung von Menschenrechten fordert. Es kann sich um eine Überwachung der Menschenrechte seitens Non-Governmental Organizations (NGOs)5 handeln, die versuchen einen effektiven öffentlichen Druck (naming and shaming) auszuüben, wenn Menschenrechte verletzt werden oder es kann sich um Aktivitäten in Bezug auf die Menschenrechtsbildung handeln (vgl. Sen 2004: 343f und 356). Letztere entsprechen dem Prinzip der Menschenrechtsstädte, auf die nun genauer eingegangen wird.

2. 3 Hintergrund und Ziel von Menschenrechtsstädten

„[...] unless these [human rights] have meaning there [at home], they have little meaning anywhere. Without concerted citizen action to uphold them close to home, we shall look in vain for progress in larger world.“

(Eleanor Roosevelt, Remarks at the United Nations, 1958)

Die internationale NGO People ’ s Movement for Human Rights Education (PDHRE) setzt sich seit 1989 für die Umsetzung der Menschenrechte im Alltagsleben ein. Das PDHRE verfolgt das Ziel weltweit Partner zu vernetzen, damit diese gemeinsam Lösungen für ihre Probleme in Bezug auf Menschenrechtsbildung- und umsetzung finden. Die NGO erarbeitete 10 Richtlinien der Menschenrechte in einer Gesellschaft. Diese Richtlinien sind universal gedacht, jedoch je nach Entwicklungszustand mehr oder weniger relevant. Damit die Partizipation, die Solidarität und das Bewusstsein der BürgerInnen in Bezug auf die Menschenrechte gefördert werden, sollen Menschenrechtsstädte entstehen, wo Workshops, Trainings sowie Seminare zur Menschenrechtsbildung organisiert und durchgeführt werden (vgl. Flaujac et al. 2010: 13f). Eine Menschenrechtsstadt kann als urbane Einheit oder lokale Regierung definiert werden, deren Richtlinien - oder zumindest einige davon - sich ausdrücklich auf die Menschenrechte stützen, die in internationalen Verträgen festgelegt sind (vgl. Oomen und Baumgärtel 2013: 1).

Die Einhaltung der Menschenrechte ist - gemäss PDHRE - unerlässlich für die soziale und ökonomische Entwicklung des Menschen. Diese Entwicklung erfordere Menschenrechtsbildung. Dazu sei auf drei Dimensionen zu achten, die unentbehrlich sind:

1. Die Menschenrechte sind auf vier Säulen aufgebaut: Gesetze, Richtlinien, Ressourcen und Partnerschaften
2. Die Implementierung der Menschenrechte basiert auf den Prinzipien: Verantwortung, Gegenseitigkeit, Partizipation und laufende Bildung
3. Der Wille sich ständig in Menschenrechten weiterzubilden, um: das Wissen zu erhöhen, die Werte klarzustellen, Haltungen zu ändern, kritisches Verständnis zu entwickeln, Solidarität zu fördern sowie das Bewusstsein gegenüber Menschenrechten zu steigern. Die Menschenrechtsstädte sind ein Versuch diese drei Dimensionen zu koordinieren (vgl. PDHRE 2007:11).

Die Vision von PDHRE ist eine Welt:

„[...] whose six billion inhabitants all know and claim their human rights. A world where women, men, youth and children learn, reflect and act to achieve equality, civil, cultural, economic, political and social justice for all.“ (PDHRE 2007: 4).

2.4 Erfolg von Menschenrechtsstädten

Seit der Gründung des PDHRE wurden Dutzende von Städten weltweit zur Menschenrechtsstadt ernannt. Wenn auch in sehr verschiedenen Formen in Bezug auf die tatsächlichen Aktivitäten. Während das PDHRE eine sehr spezifische Methodik für die Gründung von Menschenrechtsstädten vorschlägt, gibt es immer mehr Städte, die die Identität einer Menschenrechtsstadt annehmen, ohne jedoch von der vorgeschlagenen Methodik des PDHRE Gebrauch zu machen. Die Stadt Utrecht in Holland beispielsweise hat, ohne der expliziten Beteiligung des PDHRE, den Charakter einer Menschenrechtsstadt angenommen (vgl. Oomen und Baumgärtel 2013: 7f). Abgesehen von den Menschenrechtsstädten entstehen auch immer mehr kommunale Netzwerke, die Menschenrechte in ihre Aktivitäten integrieren. Eine wichtige Bewegung ist das 2004 gegründete Netzwerk United Cities and Local Government (UCLG). Dieses Netzwerk besteht weltweit aus 1000 Städten und 112 Gemeindeverwaltungen (vgl. ibid.:10) und versteht sich als Instrument, das zu einer demokratischen Selbstverwaltung auf lokaler Ebene führt. Solche Netzwerke haben dazu geführt, dass internationale Organisationen - wie etwa die Europäische Union (EU) - versuchen, den Menschenrechtskatalog direkt über die lokalen Autoritäten zu realisieren (vgl. ibid.: 19f). Einer der grössten Errungenschaften der Menschenrechtsstädte ist wohl die, dass durch die Idee von PDHRE Menschenrechtsstädte zu gründen, weitere Städte weltweit inspiriert wurden, sich vermehrt mit der Menschenrechtsthematik auseinander zu setzen und lokale Politiken und Richtlinien zu erlassen. Im Folgenden wird der CA mit verschiedenen philosophischen Ansätze verglichen und geklärt inwiefern mit diesen Konzepten Menschenrechte auf Gesellschaftsebene durchgesetzt werden könn(t)en.

3. Der Capability Approach im Vergleich und andere philosophische Ansätze

3.1 John Rawls Gerechtigkeitstheorie

Bei der von Rawls’ 1971 formulierten Gerechtigkeitstheorie hat jeder Mensch, der den gleichen Umfang an Gütern hat auch automatisch die gleichen Chancen diese effizient zu nutzen. Sen sieht dies anders. Für ihn existieren individuelle und komplexe Transformationsketten, durch die ersichtlich wird, was eine Person mit dem, was sie als Mittel zur Verfügung hat tatsächlich tun kann. Scholtes veranschaulicht dies mit folgendem Beispiel: Wenn eine schwangere Frau denselben Umfang an Lebensmitteln hat wie ein Kind, hat sie dennoch erheblich weniger Freiheit satt zu werden als das Kind (vgl. Scholtes 2005: 5-7 und Sen 2005: 154). Die capability -Perspektive trägt dem Umstand Rechnung, dass nicht jeder Mensch mit gleicher Ausstattung auch dieselbe Freiheit hat diese zu nutzen, indem er dem Einzelnen konsequent(er) gerecht wird. So kann eine Person mit derselben Grundausstattung eine andere reale Handlungsfreiheit haben als eine andere Person. Der CA ist auf den Einzelnen und seine ungleichen Möglichkeiten trotz gleichen Voraussetzungen ausgerichtet, während sich Rawls’ Gerechtigkeitstheorie darauf stützt, dass Menschen, die dieselbe materielle Ausstattung an Gütern aufweisen, gleichzeitig dieselben Chancen bzw. Freiheiten haben, diese zu nutzen (vgl. Sen 2004: 337; Scholtes 2005: 7 und Sen 2005: 154). Bei Rawls’ Ansatz geht es in erster Linie um Fairness. Die Aufgabe des Staates besteht darin das Eigentum gerecht aufzuteilen, damit jeder gleich viel zur Verfügung hat (vgl. Ganthaler 1993: 2). Es wird klar, dass dadurch individuelle Lebensentwürfe begrenzt werden müssen. Man muss sich einig werden darüber, was für Menschen mit unterschiedlichen und sich widersprechenden Auffassungen des Guten fair ist. Sen’s Ansatz hingegen ist von der Individualität des Menschen geprägt. Er kritisiert bei Rawls, dass seine Theorie Faktoren wie Alter, Geschlecht, genetische Voraussetzungen, Wohnort etc., die massiv beeinflussen welche tatsächlichen Möglichkeiten dem einzelnen Menschen im Leben offenstehen ausschliesst; selbst dann, wenn man über die gleichen Grundgüter verfügt. (vgl. Graf 2011: 92f).

Sen nennt Rawls’ Gerechtigkeitstheorie auch eine Theorie normativer und kollektiver Wahlmöglichkeiten, die durch Fairness und durch Gleichheit der materiellen Möglichkeiten am Leben erhalten werden müssen. Capabilities, im Sinn von Sen, sind im Gegensatz dazu durch individuelle Vorteile charakterisiert (vgl. Sen 2004: 337). Dennoch gehören zu den Verwirklichungschancen solche, die einem Individuum eigen sind und solche, die von seiner umgebenden Umwelt und der Gesellschaft stammen; Menschen leben als Individuen in sozialen Kontexten und sind deshalb ohne Sozialität nicht zu denken. Der CA ist aber gleichzeitig streng individualistisch, weil eine Bewertung einer Situation immer auf den Einzelnen bezogen wird und das Ziel von Politik im Wohl jedes Einzelnen besteht (vgl. Scholtes 2005: 5f). Gerechtigkeit kann gemäss Sen - und im Gegensatz zu Rawls - nicht einzig auf die institutionelle Ordnung einer Gesellschaft Anwendung finden. Vielmehr findet beim CA Gerechtigkeit Anwendung in ihrer Umsetzung (realization). Das heisst, wenn die Betroffenen in ihrer Freiheit eingeschränkt sind und ihr Leben nicht mehr nach eigenen Werten und Plänen durchführen können, ist die aktive Partizipation der Bürger vonnöten (vgl. Offe 2010). Das soll aber nicht heissen, dass bei Rawls die Freiheit des Einzelnen eingeschränkt werden darf. Rawls betont, dass soziale Institutionen die Freiheit des Einzelnen eben nicht einschränken dürfen, aber er zeigt keinen Weg, wie der Mensch vorgehen soll, wenn er in seinen Freiheiten eingeschränkt wird.

Die Fähigkeit das durchdachte Engagement der Bürger zu fördern, verkörpert für Sen Demokratie. Demokratie ermöglicht eine interaktive Diskussion (vgl. Sen 2010:13). Bei Rawls hingegen umhüllt die Menschen ein Schleier des Nichtwissens: Sie haben zwar die Möglichkeit die zukünftige Gesellschaftsordnung zu entscheiden und einen gerechten Gesellschaftsvertrag zu entwickeln, wissen aber nicht an welcher Stelle der Ordnung sie sich später befinden. Es ist bei der Gerechtigkeitstheorie allerdings beabsichtigt, dass die Menschen ihre Fähigkeiten und Machtbefugnisse nicht kennen, damit sie dieses Wissen auch nicht zu ihren jeweiligen Gunsten ausnutzen können (vgl. Ganthaler 1993: 2).

Sen kritisiert an Rawls’ seine Betonung regionaler Unterschiede bei der Durchsetzung von Menschenrechten. Gemäss Sen soll die öffentliche Auseinandersetzung nicht auf spezifische Gesellschaften oder Nationen beschränkt sein (vgl. Sen 2004: 349f und Sen 2005: 151). Vielmehr sei es so, dass die Verfechter der öffentlichen Diskussion, die Anerkennung und das Fördern verschiedener Meinungen in vielen Ländern der Welt eine lange Tradition aufweise. Er führt u.a. das Beispiel der Buddhisten in Indien an (vgl. Sen 2004: 352).

[...]


1 Es gibt allerdings keine einheitliche deutsche Übersetzung. Manchmal wird der Begriff capability approach u.a. auch als Befähigungsansatz, Verwirklichungschancenansatz oder Capability-Ansatz bezeichnet (vgl. Graf 2011: 85).

2 Der CA wurde nicht alleine von Amartya Sen, sondern auch von Martha Nussbaum mitentwickelt. Auf Nussbaum wird in dieser Arbeit nicht näher eingegangen. Nussbaum versucht universale ethische Standards in den CA zu integrieren. Wobei sie eine Liste von Grundfähigkeiten zusammenstellte, die aus ihrer Sicht für jede Person von Bedeutung sind und daher auch von jedem Staat geschützt und gefördert werden sollen. Sen jedoch möchte den CA nicht auf gewisse, vorbestimmte Fähigkeiten festlegen, sondern die Fähigkeiten der Menschen gänzlich offenlassen. Er spricht einzig von der Fähigkeit des Menschen zu Möglichkeiten zu reflektieren. Nur auf Sen wird eingegangen, weil sein Ansatz offener ist und deshalb mehr Spielraum für Fähigkeiten lässt, obschon sich auch Nussbaums Liste verändern oder erweitern lässt. Nussbaum kritisiert an Sen’s (zu) offenem Ansatz, dass dieser unbeabsichtigt zu Kulturrelativismus und damit z.B. zur Unterdrückung von Minderheiten oder Sexismus führen könnte. Das scheint jedoch nicht als gegeben, da der Mensch bei Sen’s Ansatz eine moralische Verantwortung gegenüber all seinen Mitmenschen hat. Deshalb wird es durch Sen’s Ansatz auch nicht möglich, dass z.B. Minderheiten unterdrückt werden (vgl. Graf 2011: 96f).

3 Diese Sensibilität in kulturellen und religiösen Fragen soll aber keineswegs heissen, dass der Kulturrelativismus gefördert werden soll. Vielmehr geht es darum, dass in gewissen Gesellschaften andere oder weitere Menschenrechte, wie etwa Gruppenrechte, wichtiger sind als in anderen Regionen. Folter - hier kann auch die Genitalverstümmelung dazu gezählt werden - wird aber beim CA niemals akzeptiert, weil jeder Mensch die Freiheit hat, so zu leben wie er möchte; ein Kind wird sich wohl kaum für die Schmerzen einer Genitalverstümmelung entscheiden und verantwortungsvolle Erwachsene würden diese ihren Kindern auch nicht zumuten.

4 z.B. The Advocates for Human Rights

5 z.B. Amnesty International oder Human Rights Watch. 5

Details

Seiten
30
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656841487
ISBN (Buch)
9783656841494
Dateigröße
658 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284220
Institution / Hochschule
Universität Luzern – Faculity of Law
Note
2
Schlagworte
universelle durchsetzung menschenrechte gesellschaftsebene beispiel menschenrechtsstädten wahrheits- versöhnungskommissionen

Autor

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Titel: Universelle Durchsetzung der Menschenrechte auf Gesellschaftsebene