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Corporate Social Responsibility im Kontext der Rohstoffgewinnung aus ethnologischer Perspektive

Seminararbeit 2014 34 Seiten

BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG
1.1 Fragestellung und Annahmen
1.2 Aufbau und Gliederung
1.3 Forschungsstand

2. ENTWICKLUNG SOZIALER VERANTWORTUNG IN DER UNTERNEHMENSWELT
2.1 Die Macht grosser Privatunternehmen
2.2 Die globalisierungskritische und antikapitalistische soziale Bewegung
2.3 Wie globale Unternehmen mit Kritik umgehen
2.4 Rechenschaftspflicht vs. (freiwillige) soziale Verantwortung

3. DAS PHÄNOMEN CORPORATE SOCIAL RESPONSIBILITY
3.1 Die Aktualität von Corporate Social Responsibility
3.2 Die Gefahr von Ungleichheit durch Corporate Social Responsibility
3. 3 Corporate Social Responsibility in der extraktiven Industrie
3.4 Globales Engagement in der extraktiven Industrie
3.5 Globale Unternehmen und die lokale Bevölkerung

4. FALLBEISPIELE VON UNTERNEHMEN IN DER EXTRAKTIVEN INDUSTRIE
4.1 Anglo American in Rustenburg
4.1.1 Definition und Ziele der Corporate Social Responsibility -Strategie
4.1.2 Welchen Nutzen hat die lokale Bevölkerung von den CSR-Aktivitäten von Anglo American?
4.2 Royal Dutch Shell im Nigerdelta
4.2.1 Definition und Ziele der Corporate Social Responsibility -Strategie
4.2.2 Welchen Nutzen hat die lokale Bevölkerung von den CSR-Aktivitäten von Shell?

5. ZUSAMMENFÜHRUNG DER ERGEBNISSE

6. LITERATURVERZEICHNIS

7. INTERNETQUELLEN

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

1. Einleitung

Globale Privatunternehmen in der extraktiven Industrie fokussieren sich auf risikoreiche Projekte, die staateigene Unternehmen in ressourcenreichen Ländern nicht ohne sie realisieren können. Bei den privaten Unternehmen handelt es sich um solche, die ein enormes Kapitalvolumen, Spitzentechnologie sowie spezielle Projektmanagementfähigkeiten besitzen. Viele dieser Projekte befinden sich in dünn besiedelten Gebieten; dort wo Indigene, Stammesgruppen und Minderheiten leben. Die Regierungen sprechen diesen Gruppen Landansprüche oder Ansprüche auf natürliche Ressourcen in der Regel ab. Bis um die Jahrtausendwende fanden Konflikte zwischen Minderheiten und nationalen Regierungen von den Privatunternehmen kaum Beachtung (Wasserstrom & Rieder 2013: 77). Aufgrund immenser Kritik sozialer Bewegungen und der Weltöffentlichkeit, konnten die Unternehmen nicht mehr „heimlich“ und rücksichtslos die Ressourcen in rohstoffreichen Ländern ausbeuten, ohne etwas an die lokale Bevölkerung zurückzugeben. Daraus entwickelte sich die Corporate Social Responsibility - Industrie (Smith 2003, 15f; Bendell 2004, 16; Laplante & Spears 2008, 73; Billo 2012, 6f).

1.1 Fragestellung und Annahmen

In der vorliegenden Arbeit soll einerseits analysiert werden, welche Ziele globale Unternehmen, die in der extraktiven Industrie tätig sind, mit ihrer Corporate Social Responsibility (CSR) - Strategie verfolgen. Andererseits wird untersucht, welche lokalen Bevölkerungsgruppen von den CSR-Aktivitäten profitieren. Es wird davon ausgegangen, dass die Unternehmen CSR strategisch benutzen, um mit der Kritik durch die lokale Bevölkerung und die der Weltöffentlichkeit umzugehen. Dadurch soll vor allem das eigene Image wieder hergestellt werden. Die lokale Bevölkerung profitiert dabei am wenigsten und die angekündigte Win-Win-Situation wird zur WinSituation für die Unternehmen. Diese Annahmen werden im CSR Report 2006 von Corporate Watch anschaulich dargestellt (Fauset 2006).

1.2 Aufbau und Gliederung

Die Fragestellung soll aus ethnologischer Perspektive beantwortet werden. Es wird herausgearbeitet, welche Auswirkungen die CSR-Aktivitäten global tätiger Unternehmen in der extraktiven Industrie auf lokale Gemeinschaften haben und wie sich die Beziehung dieser beiden Akteure gestaltet (Fischer 2003, 23; Haller 2005, 13). Zu diesem Zweck werden erst die Hintergründe der sozialen Verantwortung globaler Unternehmen geklärt. Danach wird die Bedeutung von CSR in der extraktiven Industrie untersucht. Anschliessend werden Fallbeispiele von Unternehmen analysiert, die in der extraktiven Industrie tätig sind und über CSR Politiken verfügen. Dabei wird untersucht, welche Ziele die ausgewählten Unternehmen mit CSR verfolgen und wie sie die soziale Verantwortung bislang umgesetzt haben. Danach wird geklärt, welche Beziehung die Unternehmen mit der lokalen Bevölkerung haben, die von ihren Aktivitäten betroffen sind, und welche Bevölkerungsgruppen von ihrer CSR-Strategie profitieren. Abschliessend werden die Ergebnisse zusammengeführt.

1.3 Forschungsstand

Welche Auswirkungen CSR-Aktivitäten globaler Unternehmen auf lokale Gemeinschaften haben und in welcher Beziehung diese beiden Akteure zueinander stehen, kann am besten durch ethnographische Forschung untersucht werden (Fischer 2003: 27). Es gibt verschiedene Feldstudien, mit denen Wissenschaftler Unternehmen der extraktiven Industrie, ihre CSR-Aktivitäten und die Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung analysiert haben. Dabei handelt es sich nicht nur um Ethnologen oder Soziologen, sondern auch um Umwelt- oder Rechtswissenschaftler. Im Folgenden werden kurz ein paar solcher Feldforschungen vorgestellt.

Die Ethnologin Dinah Rajak führte zwischen Oktober 2004 und Dezember 2005 eine ethnografische Forschung über das Bergbauunternehmen Anglo American durch. Sie untersuchte einerseits die Funktion von Unternehmensautorität und der daraus entstehenden Folgen für die lokalen Gesellschaften. Weil Rajak einen starken Zusammenhang zwischen Eigeninteresse und sozialer Verantwortung sieht, analysierte sie andererseits was hinter der - wie sie es nennt -„ marriage of moral imperative and market discipline “ (Rajak 2011: 2) steht. Der Soziologe Wilson Akpan führte 2003 eine dreijährige Feldforschung bei verschiedenen Gemeinschaften im Nigerdelta durch. Wobei sein Schwerpunkt darin lag zu untersuchen, welche Perspektive die lokalen Gemeinschaften in Bezug auf die CSR-Aktivitäten von Shell einnehmen (Akpan 2006). Die Ethnologin Ximena Warnaars forschte für ihre Promotion zwischen September 2008 und Juli 2009 in Ecuador. Sie untersuchte, ob bestehende soziale Konflikte in Ecuador durch CSR abgeschwächt werden können. Zu diesem Zweck analysierte sie die Ziele, die Logik und die CSR-Strategien verschiedener Bergbauunternehmen im El Pangui Bezirk (Warnaars 2011).

Die Umweltwissenschaftlerin Emily Billo forschte ab 2008 im Rahmen ihrer Doktorarbeit über ein Jahr in Ecuador. Sie untersuchte, wie Unternehmen der extraktiven Industrie mit Kritik an ihren Aktivitäten, die die lokale Bevölkerung beeinträchtigen, umgehen (Billo 2012). Die beiden Rechtswissenschaftlerinnen Lisa Laplante und Suzanne Spears untersuchten 2007/2008 während ihrer Feldforschung in Peru die Konflikte, die Unternehmen der extraktiven Industrie mit den lokalen Gemeinschaften haben. Der Schwerpunkt ihrer Forschung lag in der Analyse der Stärken und Schwächen des Free, Prior, and Informed Consent (FPIC) - Ansatzes als eine mögliche Strategie sozialer Verantwortung gegenüber lokalen Gemeinschaften (Laplante & Spears 2008).

2. Entwicklung sozialer Verantwortung in der Unternehmenswelt

2.1 Die Macht grosser Privatunternehmen

Forderungen, dass die Macht von privaten Grossunternehmen begrenzt werden soll, sind nicht neu, sondern ein Phänomen, welches sich bereits ab dem 19. Jahrhundert entwickelte. In den USA beispielsweise zeigte sich Abraham Lincoln besorgt darüber, dass die Auswirkungen der immer mächtiger werdenden Unternehmen der Demokratie hinderlich seien und es gefährlich wäre, wenn der Wohlstand in den Händen weniger konzentriert ist. 1890 und 1914 wurden in den USA Kartellgesetze erlassen, die grosse Unternehmen daran hindern sollten Monopole zu betreiben. In Europa, Asien, im Mittleren Osten und in Lateinamerika entstanden vom Marxismus inspirierte Revolutionen, die dazu führten, dass manche Unternehmen, die oft Instrumente der Kolonialmächte waren, aufgelöst wurden. Nach dem 2. Weltkrieg führten politische Veränderungen dazu, dass in Westeuropa viele private Unternehmen, die u.a. im Energie-, Gesundheits- oder Transportsektor tätig waren, verstaatlicht wurden. Ab den 1980er Jahren gewann die Privatisierung staatlicher Aufgaben immer mehr an Wert. Was in eine neoliberale Wirtschaftsordnung1 resultierte. Auf Druck des Westens wurden sozialistische Regierungen im globalen Süden immer mehr untergraben. In postkommunistischen und südlichen Ländern wuchs die Bedeutung der Privatisierung ab den 1990er Jahren (Bendell 2004: 11f).

2.2 Die globalisierungskritische und antikapitalistische soziale Bewegung

Weil die Themen Umweltprobleme und Chancengleichheit - vor allem im Westen - immer aktueller wurden, machte man sich auch Gedanken über die politische Rolle von privaten Grossunternehmen und über deren Rücksichtslosigkeit in Bezug auf ihre globalen Aktivitäten (Garsten & Hernes 2009: 189f). Es entstand eine globalisierungskritische und antikapitalistische Bewegung und um die Jahrtausendwende gingen immer mehr Menschen in westlichen Ländern auf die Strasse, um gegen die vorherrschende Wirtschaftspolitik zu demonstrieren. Diese Proteste waren beispielsweise gegen die Aktivitäten des internationalen Währungsfond (IMF), der Weltbank, der Welthandelsorganisation (WTO), allgemein gegen Aktivitäten westlicher Privatunternehmen in der sogenannten Dritten Welt und gegen den freien Handel gerichtet. Die Stimme der globalisierungskritischen und antikapitalistischen Bewegung wurde immer lauter und bei den Debatten kam die Macht von privaten Grossunternehmen2 vermehrt zur Sprache. So forderten soziale Bewegungen in Europa und Nordamerika3, dass globale Unternehmen soziale Verantwortung übernehmen (Bendell 2004, 1; Tuodolo 2009, 532; Billo 2012, 7f).

2.3 Wie globale Unternehmen mit Kritik umgehen

Die beiden Ethnologen Benson & Kirsch untersuchten Taktiken und Strategien, mit welchen globale Unternehmen mit Kritik umgehen (Benson & Kirsch 2010: 460f). Sie bestimmten drei Phasen, in denen Unternehmen auf soziale und politische Kritik reagieren. Wobei diese drei Phasen nicht statisch, sondern dynamisch sind. So bewegen sich die Unternehmen zwischen den verschiedenen Reaktionsphasen und gehen möglicherweise mehr als einmal durch eine Phase. Bei der ersten Phase ignorieren die Unternehmen die Kritik und weisen etwa auf mangelnde wissenschaftliche Beweise hin. Es wird abgestritten, dass ein Problem besteht. In der Erdölindustrie wurde beispielsweise lange geleugnet, dass zwischen dem Verbrauch fossiler Energie, der Ansammlung von Kohlendioxid und der globalen Erwärmung eine Verbindung besteht. In der zweiten Phase gestehen die Unternehmen ein, dass ein Problem existiert und dass die Kritik eine gewisse wissenschaftliche oder ethische Validität aufweist. Die Reaktion der Unternehmen auf die Kritik hat jedoch eher symbolischen Charakter. Die Unternehmen bezahlen beispielsweise Kompensationszahlungen an Kläger ohne jedoch die industriellen Prozesse zu ändern. Es geht den Unternehmen in der zweiten Phase vor allem darum, dass sie nicht die vollen Kosten für die von ihnen verursachten Schäden tragen müssen. Während für die Unternehmen in der zweiten Phase noch nicht so viel auf dem Spiel steht, hat die dritte Phase ganz andere Auswirkungen und es führt kein Weg daran vorbei Krisenmanagement zu betreiben. Denn es besteht das Risiko, dass die Kosten nicht mehr bewältigt werden können. Weil man finanziellen Verlusten, einem industriellen Kollaps, einem Bankrott oder dem vollständigen Legitimitätsverlust entgegenwirken will, wird der Fokus auf Phase drei verlagert. Die Unternehmen werden dazu gezwungen sich aktiv mit der Kritik auseinanderzusetzen. Dies führt zu Regulationen und dem Management der verursachten Schäden. Die Unternehmen reagieren auf verschiedene Arten auf Phase drei. Die extraktive Industrie bedient sich dabei dem Konzept der nachhaltigen Entwicklung. Es werden beispielsweise Zertifizierungsprogramme initiiert, um die Produktion oder den Konsum öffentlich zu legitimieren (Benson & Kirsch 2010: 465f).

2.4 Rechenschaftspflicht vs. (freiwillige) soziale Verantwortung

Nach einem katastrophalen Chemieunfall 1984 in Indien, der tausende Menschenleben kostete sowie die Gesundheit der lokalen Bevölkerung und die Umwelt bedrohte, kam erstmals die Frage nach rechtlicher Haftung für Privatunternehmen auf. Das internationale Rechtsregime war jedoch nicht in der Lage Sanktionen einzuleiten, da es kein Vorgehen gab, welches globalisierte Handelsunternehmen rechtlich belangen hätte können. Auch das nationale Rechtssystem war nicht auf Schäden ausgerichtet, die von transnationalen Unternehmen verursacht wurden (Garsten & Hernes 2009: 190). Weil sich die Unternehmen bewusst waren, dass Gerichtsbeschlüsse ihrem Image potentiell am meisten schaden und ihre Geschäfte dadurch in Gefahr bringen könnten, wurde global tätigen Unternehmen klar, dass sie etwas für ihr Image tun müssen. Man wollte vor allem einer internationalen Gerichtsbarkeit entgegenwirken. Deshalb schafften oder akzeptierten sie immer mehr Regeln und Verhaltenskodexe. So sollte das Risiko vermindert werden als unverantwortliche Unternehmen angesehen zu werden. Daraus entwickelte sich die auf Freiwilligkeit beruhende CSR-Industrie (Smith 2003, 14; Fauset 2006, 13; Laplante & Spears 2008, 80; Garsten & Hernes 2009, 190; Billo 2012, 6; Corporate Watch). Dieser Perspektivenwechsel kann der zweiten Phase des von Kirsch & Benson entwickelten Drei-Phasen-Modells des Kritikumgangs von Unternehmen zugeordnet werden. Denn es wird anerkannt, dass von den Unternehmen ausgehende Schäden entstanden sind und es wird geplant die Schäden zu kompensieren. Ob sie später in die dritte Phase übergehen (müssen) hängt davon ab, wie sie die CSR-Aktivitäten umsetzen; d.h. ob sie die Probleme nachhaltig lösen.

3. Das Phänomen Corporate Social Responsibility

Eine allgemein gültige Definition von CSR gibt es nicht. CSR weist jedoch ein Element auf, welches allen Unternehmen gemein ist, die soziale Verantwortung übernehmen wollen. Sie bestimmen, welche Verpflichtungen sie nicht nur mit Kunden und Investoren, sondern auch mit Angestellten, Lieferanten, lokalen Gemeinschaften, Interessenvertretern und der Gesellschaft als Ganzes eingehen wollen. Bestenfalls stimmen die Unternehmen ihre CSR-Aktivitäten individuell auf ihr Umfeld ab. Zudem sollten die Strategien und Programme klar formuliert sein (Smith 2003, 28 und 31; Fontaine 2013, 111). Rajak betont vor allem die Verbindung der globalen mit der lokalen Qualität, wenn globale Unternehmen soziale Verantwortung übernehmen: „ It is this marriage of global values and local practice that is held up the essence of corporate citizenship4, promising to incorporate the excluded margins and impoverished people into the webs of social responsibility of TNCs, and the empowering opportunities of the global market (Rajak 2011: 7). Eine der wichtigsten Auswirkungen der aufkommenden Sozialindustrie war, dass sich der in der Wirtschaft stattfindende Diskurs änderte. Die Unternehmen konnten die sozialenund umweltgefährdenden Auswirkungen ihrer Aktivitäten nicht mehr länger ignorieren. Sie konnten nicht mehr - wie bis anhin - bedenkenlos Geld verdienen und Märkte erobern, sondern mussten sich der Kritik stellen. Die Idee ethischen Verhaltens war nicht mehr nur ein Grundsatz von Parteipolitik, Regierungen, Wohlfahrtsorganisationen oder von Religionen (Smith 2003, 15f; Bendell 2004, 16; Laplante & Spears 2008, 73, Billo 2012, 6f).

3.1 Die Aktualität von Corporate Social Responsibility

Nachdem 2002 in Johannesburg der World Summit on Sustainable Development (WSSD) stattgefunden hatte, entwickelte sich CSR in weniger als einer Dekade zu einem Labyrinth von codes of conducts 5 sowie ethischen Standards, Prinzipien und Richtlinien. Dadurch sollten Werte, Normen und Praktiken definiert werden (Rajak 2011: 7). Es war in der Hauptsache dem WSSD in Johannesburg zu verdanken, dass auf der internationalen politischen Bühne multilaterale Partnerschaften und CSR immer grössere Beachtung fanden (Bendell 2004: 16). Allerdings spalteten sich die Akteure, die im Bereich Korporationen und weltweiter wirtschaftlicher Entwicklung arbeiten in zwei Lager. Die eine Seite sieht in der Übernahme sozialer Verantwortung die Gefahr, dass sich die Macht der globalen Unternehmen eher steigert als vermindert. Man ist der Ansicht, dass freiwillige Konzepte - wie CSR - nicht genügen, sondern die Macht der Unternehmen nur eingeschränkt werden kann, wenn eine gesetzliche Verpflichtung besteht (Bendell 2004, 18; Akpan 2006, 227; Fauset 2006, 13). Die andere Seite sieht die Forderung nach (freiwilliger) sozialer Verantwortung als Chance an, durch die lokale Gesellschaften mehr Macht gewinnen würden und entscheiden könnten was verantwortliche Unternehmensaktivitäten überhaupt sind (Bendell 2004: 18).

CSR stand noch nie so weit oben auf der Unternehmensagenda wie heute. Dies ist zu grossen Teilen darauf zurückzuführen, dass die Unternehmen - durch die Globalisierung - weiter verbreitet und mächtiger sind als je zuvor. Gleichzeitig verstärkt sich die Kritik der Globalisierungsgegner. Weil viele beteiligte Regierungen soziale Probleme oft nicht lösen können, wird der Privatsektor vermehrt dazu aufgefordert sich der Problematik anzunehmen, mehr soziale Verantwortung zu übernehmen und sich vor allem auch um die direkt von ihnen verursachten Schäden wie z.B. Umweltverschmutzung zu kümmern (Smith 2003, 5f; Laplante & Spears 2008, 79).

3.2 Die Gefahr von Ungleichheit durch Corporate Social Responsibility

Für Rajak verkörpern CSR-Aktivitäten transnationaler Unternehmen (TNCs) den Charakter der Gabe nach dem Ethnologen Marcel Mauss: „ Both personal and organizational relationships between the company and the community are expressed and transformed by the process of giving. “ (Rajak 2009: 217). Für Mauss repräsentierte das Geschenk einen sozialen Vertrag, den sogenannte primitive Gesellschaften miteinander eingehen. Dieser spiegelt gegenseitige Solidarität und Zusammenhalt der Gesellschaften. Der Güteraustausch bzw. die Marktwirtschaft moderner Gesellschaften hingegen wies für Mauss keine solidarische Komponente auf (Brandstetter 2001: 289-293).

CSR aber löst für Rajak Mauss’ Gegensätzlichkeit der primitiven und modernen Formen des Austauschs auf. Das Phänomen CSR verbindet für sie die scheinbar moderne und entpersönlichte Welt der Marktwirtschaft mit dem moralischen Diskurs und der Sozialpolitik des Gebens:

According to Mauss (19671925), the interplay of gift and counter-gift creates and maintains a strong social bond between the donor and the recipient and therefore acts as an essential method of forging diplomatic alliances and avoiding conflict between autonomous units. Similarly, CSR can at first, act as a form of consensus building in the communities around the mines. For example, bursaries awarded by mining companies as a part of their education initiatives to disadvantaged students from mining areas create permeating ripples of loyalty to the mine. (Rajak 2009: 218)

Die Gabe nach Mauss verpflichtet zu Reziprozität. Diese ist massgebend, um die eingegangenen Beziehungen aufrechtzuerhalten. Allerdings sind lokale Gemeinschaften nicht in der Lage diese Verpflichtung gegenüber den globalen Unternehmen einzuhalten. Deshalb bergen die Beziehungen dieser beiden Akteure die Gefahr Ungleichheit zu fördern. Es entsteht eine Beziehung zwischen einem starken Geber und einem schwachen Rezipienten.

[...]


1 Der Neoliberalismus war ursprünglich als Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus gedacht. Der Begriff entstand in den 1930er und 1940er Jahren und sollte in Kontrast zu dem im 19. Jahrhundert vorherrschendem Liberalismus stehen. Denn man vertrat die Meinung, dass ein völlig freier Markt ohne die Einmischung des Staates unweigerlich zur Monopolisierung führen würde. Die Definition von Neoliberalismus hat sich aber im Laufe der Zeit umgekehrt. Heute wird Neoliberalismus oft als Raubtierkapitalismus bezeichnet. Es handelt sich um eine Abwendung von der sozialen Marktwirtschaft, wobei sich der Staat zurückzieht und dem Kapital freien Lauf lässt (Müller 2005).

2 Durch die globalisierte Wirtschaft haben Grossunternehmen, die international tätig sind, in den letzten Dekaden enorm an Macht gewonnen. Sie wurden zu einer der dominantesten Institutionen in der Gesellschaft, die nicht nur die weltweite Verteilung finanzieller Ressourcen, sondern auch das soziale und persönliche Leben beeinflussen (Garsten & Hernes 2009: 189).

3 Europa und Nordamerika ist das zu Hause der meisten Unternehmen mit erheblichen Auswirkungen auf den globalen Süden (Bendell 2004: 1)

4 Corporate Citizenship (CC) und CSR werden in der Literatur oft synonym verwendet. Für Rajak stellt CSR die verschiedenen Plattformen dar, an denen sich „CSR-Willige“ treffen, wie etwa Konferenzen oder runde Tische von Partnern (Regierungen, Unternehmen und NGOs), die zusammen an einer CSR-Strategie arbeiten. Diese Treffen der Eliten bilden eine globale Arena für CC. CSR sind die Praktiken die CC erst ermöglichen. CSR bezeichnet also das Handeln und CC den Rahmen (Rajak 2011: 30).

5 Beispielsweise universelle Prinzipien hinsichtlich Menschenrechten, Arbeitsbedingungen und Umwelt (UN Global Compact).

Details

Seiten
34
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656842866
ISBN (Buch)
9783656842873
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284217
Institution / Hochschule
Universität Luzern – KSF
Note
1.0
Schlagworte
Corporate Social Responsibility Rohstoffgewinnung Ethnologie

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Titel: Corporate Social Responsibility im Kontext der Rohstoffgewinnung aus ethnologischer Perspektive