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Piraterie und Staatlichkeit. Der Zusammenhang zwischen der Intensität der Piraterie und der Stabilität von Staaten in der Antike

Hausarbeit 2014 14 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Antike Piraterie
2.1. Charakteristika der Piraterie
2.2. Bedingungen für die Bekämpfung der Piraterie

3. Staaten, die gegen die Piraterie kämpften
3.1. Rhodos, „Vorkämpferin gegen Piraten“
3.2. Rom, Bezwinger der Piraterie

4. Fazit

5. Quellen- und Literaturverzeichnis
5.1. Quellen:
5.2. Sekundärliteratur:

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Burkhard Meissner's Beitrag „Kidnapping und Plündern – Piraterie und Failing States im antiken Griechenland“ aus dem Sammelband „Piraterie von der Antike bis zur Gegenwart“. Burkhard Meissner betrachtet hier die Entwicklung der Piraterie von der Darstellung im homerischen Epos über die Klassik bis zum Ende der hellenistischen Zeit und bringt diese in Zusammenhang mit staatlichen Organisationen der jeweiligen Zeit. Dadurch kommt er zu dem Schluss, dass die Piraterie vom Handeln der größeren Staatengebilde abhängig ist. Er stellt daher die These auf, dass die Piraterie „eine Begleiterscheinung von nicht funktionierender Staatlichkeit“1 sei. Er geht folglich davon aus, dass die Piraterie immer dann florieren konnte, wenn keine stabilen Staatengebilde bestanden. Im Umkehrschluss heißt das, dass antike Staaten immer gegen die Piraterie vorgingen, sofern sie die Möglichkeit dazu hatten, und dabei auch ein gewisses Maß an Erfolg vorweisen können.

Diese These wollen wir im Folgenden untersuchen, indem wir uns zuerst der Piraten annehmen, bevor wir uns den Staaten – den möglichen Verfolgern der Piraten - widmen. Daher werden wir in einem ersten Schritt die antike Piraterie genauer betrachten. Wir werden zuerst ihre Charakteristika herausarbeiten, um dann zu überlegen, welche Bedingungen gegeben sein müssen, um gegen sie vorzugehen. Dieses Wissen werden wir dann im Hauptteil verwenden, um an zwei Beispielen zu prüfen, ob diese Staaten in der Lage waren, die Piraterie erfolgreich zu bekämpfen.

2. Antike Piraterie

2.1. Charakteristika der Piraterie

Burkhard Meissner beginnt seine Ausführungen mit der Frage, was Piraten sind – oder vielmehr: Welches Bild die Menschen der Antike von Piraten haben. Er stellt fest, dass die Piraterie einerseits eine „exotische Bedrohung (…) [darstellt und] andererseits (…) in der griechischen Welt überall präsent“2 zu sein scheint. Schon bei Homer treffen wir auf Piraten:

„Fremdlinge, sagt, wer seid ihr? Von wannen trägt euch die Woge? Habt ihr wo ein Gewerb, oder schweift ihr ohne Bestimmung hin und her auf der See: wie küstenumirrende Räuber, die ihr Leben verachten, um fremden Völkern zu schaden?“3 Dieser Passage folgend kann anhand von Äußerlichkeiten nicht erkannt werden, ob jemand Pirat oder Händler ist – denn sonst wäre diese Frage überflüssig. Pirat und Händler „unterscheiden (...) sich weder nach ihrem Aussehen noch nach ihrer Sprache, nach ihrem Schiff, ihrer Bewaffnung oder ihrer Ladung, sondern nur nach ihrer (…) Intention.“4 Des Weiteren erkennen wir hier, dass damit zu rechnen ist, dass ein Fremder als Pirat angekommen ist. Die Piraterie scheint somit zu dieser Zeit allgegenwärtig gewesen zu sein, was auch der folgende Auszug zeigt:

„Ward die prächtige Stadt von Kriegesscharen verwüstet, welche dein Vater einst und die treffliche Mutter bewohnten? Oder fanden dich einsam bei Schafen oder bei Rindern Räuber und schleppten dich fort zu den Schiffen und boten im Hause dieses Mannes dich feil, der dich nach Würden bezahlte?“5

Diese zwei möglichen Gründe sieht Odysseus dafür, dass der Schweinehirte Eumaios seine Heimat verlassen musste: Entweder wegen des Krieges oder weil er entführt, per Schiff an einen anderen Ort gebracht und dort verkauft wurde. In der Entführung erkennen wir hier einen typischen Akt der antiken Piraterie, der jedoch nicht – wie hier – mit dem Verkauf als Sklaven enden musste. Es bestand ebenso die Möglichkeit die Entführten durch Angehörige gegen ein Lösegeld auslösen zu lassen, wodurch den Piraten der Transport ihrer „Ware“ zu einer anderen Stadt erspart blieb.6

Außerdem ist auffällig, dass der homerische Held keineswegs weit vom Piraten entfernt ist. So legt Homer seinem Held Odysseus folgende Worte in den Mund:

„Da verheert ich die Stadt und würgte die Männer. Aber die jungen Weiber und Schätze teilten wir alle unter uns gleich, dass keiner leer von der Beute mir ausging.“7

Demzufolge kann die Piraterie bei Homer nicht als vollkommen verachtet angesehen werden. Denn sie kann sogar von Helden ausgeübt werden. Dies lässt sich wohl auch darauf zurückführen, dass das Beutemachen wesentlicher Bestandteil der antiken griechischen Kriegsführung war.8 Auch nach Plutarch ist die Piraterie ein „Handwerk, das eine Art Ruhm und Ehre einbrachte,“9 wobei er hier jedoch nur eine Fremdperspektive wiedergibt und sonst die Piraterie verurteilt.10 Grob betrachtet hat sich ebenso das Handwerk der Piraten nach Homer nicht wesentlich verändert: Sie betrieben Plünderungen und Entführungen. Hinzu kam nun jedoch, dass sie diese Fähigkeiten als Freibeuter – also im Dienst von Staaten – einsetzten.11 Als Beispiel sei hier die Belagerung von Rhodos durch Demetrios im Jahr 305/304 v. Chr. genannt, an der sich zahlreiche Piraten beteiligten,12 und auch im peloponnesischen Krieg wurden Piraten verwendet.13

Auch sollten die Piraten nun leichter von Händlern zu unterscheiden sein. Nutzten Händler und Piraten zuvor noch die gleichen Schiffe, wendeten sich Piraten nun ihrer Tätigkeit entsprechenden Schiffen zu: Kriegsschiffen. Diese konnten zwar stürmischer See weniger gut trotzen und waren entsprechend im Winter nicht einsetzbar. Doch waren sie wendiger und insbesondere schneller als Handelsschiffe, was den Überfall von Händlern auf See erleichterte.14

Auch wurden die Piraten professioneller, wie wir am Beispiel des Dionysios aus Phokaia sehen, der zunächst ein Kommando im Ionischen Aufstand innehatte, dann jedoch zur Piraterie überging, eine Basis errichtete und Karthager sowie Etrusker überfiel.15 Hier ist auffällig, dass Dionysios eine Basis errichtete. Piraten benötigten Stützpunkte, von denen ausgehend sie Operationen planten und die ihnen und ihren Schiffen einen sicheren Hafen boten – insbesondere im Winter, wenn die See für Kriegsschiffe nicht schiffbar war. Einen solchen sicheren Hafen konnten auch die Städte des Mittelmeers bilden. Dass dies geschah, können wir beispielsweise daraus schließen, dass Athen in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. von mehreren Städten forderte, Piraten nicht als Basis zu dienen.16 Ebenso benötigten Piraten Absatzmärkte für die Entführten, wie zum Beispiel Delos, das im 2. Jahrhundert v. Chr. zu einem Zentrum des Sklavenhandels wurde, da die reich gewordenen Römer viele Sklaven benötigten und Delos von Kilikien, welches derzeit ein Zentrum der Piraterie war, leicht erreichbar war.17

Über eine mögliche Vorgehensweise von Piraten zur Plünderung von Handelsschiffen berichtet uns Strabon:

„In die Häfen verteilt gingen sie zu den gelandeten Kaufleuten und fragten sie aus, was sie führten und wohin sie schifften, dann aber vereinigten sie sich, überfielen die wieder Abgesegelten und plünderten sie aus.“18

Überlegen wir nun, welche Personengruppen zu Piraten werden können, haben wir bereits zwei Gruppen kennen gelernt: Seemänner im Dienste des Militärs und Händler weisen gewisse Ähnlichkeiten zu Piraten auf. Beide haben Erfahrung auf See und während der Seemann das Kriegshandwerk beherrscht, weiß der Händler gestohlene Waren und Personen zu verkaufen. Des Weiteren reizt die Piraterie sicher diejenigen, die von Armut bedroht sind und ihr so zu entkommen hoffen. Auch für entflohene Sklaven oder Vertriebene kann das Piratenleben ein Ausweg sein.19 Zu betonen ist hier, dass praktisch jeder die Möglichkeit hatte, die Waffe zu ergreifen und als Pirat sein Glück zu suchen, da in der Antike kein Staat fähig war, ein Gewaltmonopol für sich durchzusetzen.20 Außerdem bot unwegsames Gelände Schutz vor Verfolgern, weshalb Berge und Sümpfe Gebiete sind, die einen guten Nährboden für Piraten bieten.21 So lesen wir bei Cassius Dio von den Bukolen, Rinderhirten des Nildeltas, die im Raub einen Nebenverdienst finden,22 und Kilikien, das von Strabon23 und Plutarch24 als Nest von Piraten beschrieben wird, zeichnet sich durch das Taurus-Gebirge aus. Wir müssen hier jedoch Vorsicht walten lassen. Es ist auffällig, dass ganze Gebiete mit der Piraterie in Verbindung gebracht werden. Teils werden Personen „vom römischen Staat mal als Banditen bezeichnet, mal als legitime Herrscher (…) anerkannt.“25 Die Begriffe Pirat oder Bandit konnten folglich genutzt werden, um Personen oder zum Beispiel auch aufständische Volksgruppen zu diffamieren, weshalb wir nicht davon ausgehen können, dass jeder „Pirat“, der uns in den Quellen begegnet, auch tatsächlich ein Pirat ist.

2.2. Bedingungen für die Bekämpfung der Piraterie

Im vorangegangenen Abschnitt verschafften wir uns einen Überblick über die Charakteristika von Piraten: Sie raubten nicht nur Gegenstände, sondern auch Menschen. Die Entführten gaben sie entweder gegen ein Lösegeld frei oder verschifften sie, um sie als Sklaven zu verkaufen. Dazu nutzten sie Kriegsschiffe und benötigten Stützpunkte.

Da die Sklaverei nicht einfach abgeschafft werden konnte, um den Absatzmarkt für Piraten zu verkleinern und ebenso wenig der Anreiz für Piraterie – ein schneller Gewinn – abgeschafft werden konnten, bleiben als Angriffspunkt für Maßnahmen gegen die Piraterie nur die Personen, die daran beteiligt sind, die Schiffe der Piraten sowie ihre Stützpunkte. Dabei fallen sogleich auch die Personen als Angriffspunkt weg, weil es einen unermesslichen Aufwand bedeuten würde zu prüfen, wer ein Pirat ist und ihn zu beseitigen – insbesondere, da schnell weitere rekrutiert werden könnten. Es bleiben also nur zwei Möglichkeiten, die Piraterie zu bekämpfen: Entweder geht man gegen die Schiffe oder gegen die Stützpunkte vor.

Ein Vorgehen gegen die Stützpunkte hat den Vorteil, dass den Piraten die Möglichkeit genommen wird, sich zu organisieren und dass außerdem den Kriegsschiffen ein Winterhafen fehlt und diese somit voraussichtlich große Verluste im Winter erlitten. Bedingung für dieses Vorgehen ist jedoch ein Zugriff auf das Meer um diese Stützpunkte, und falls Piraten Zuflucht in den Häfen anderer Staaten gefunden haben, ist ein Übereinkommen mit diesem Staat nötig.

Will man dagegen direkt gegen die Piratenschiffe vorgehen, kann man dies aktiv oder passiv tun. Ein aktives Vorgehen wäre die Suche nach den Schiffen durch Aussenden eigener Flotten. Das Problem, welchem wir hier begegnen, ist, dass Aufgrund der Größe des Mittelmeers – oder allein schon der Ägäis – eine Patrouille nur schwerlich das gesamte Gebiet bedienen könnte. Die Zahl der auszusendenden Schiffe wäre gewaltig, wenn man damit die Piraterie beseitigen wollte. Daher ist hier ein passives Vorgehen vorzuziehen, bei dem man einzelnen Handelsschiffen oder Konvois eine Eskorte von einem oder mehreren Kriegsschiffen mitsendet. Diese könnten angreifende Piraten bekämpfen, wenn ihre Anwesenheit nicht schon ausreichen sollte, um die Piraten abzuschrecken.

Letztlich gilt jedoch nach Philip de Souza: „suppression of piracy will only be effective if pirates' bases are eliminated.“26 Auch Christian Golüke hält fest, „dass zur Bekämpfung der Seeräuberei die offene Seeschlacht als alleiniges Mittel nicht ausreicht.“27 Und Jürgen Deininger folgert, „dass es bei der Piratenbekämpfung besonders auf die Beherrschung der küstennahen Gewässer wie der als Basen der Seeräuber wichtigen Küstenregionen ankam.“28

Ob diese Maßnahmen Anwendung fanden, werden wir nun am Beispiel untersuchen.

[...]


1 B. Meissner: Kidnapping und Plündern. Piraterie und Failing States im antiken Griechenland, in: V. Grieb – S. Todt (Hg.): Piraterie von der Antike bis zur Gegenwart, Stuttgart 2012. S.21.

2 Meissner. S.21.

3 Homer. Od. III 69-74, IX 252-255.

4 Meissner. S.25.

5 Hom. Od. XV 383-387.

6 Vgl. Meissner. S. 33,44. Siehe z.B. Plut. Pomp. 24.

7 Hom. Od. IX 40-42.

8 Vgl. P. de Souza: Greek Piracy, in: A. Powell (Hg.): The Greek World, London & New York 1995. S. 179-181.

9 Plut. Pomp. 24.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. Meissner. S.28 ff.

12 Vgl. Diod. XX 82 ff.

13 Vgl. de Souza: Greek Piracy. S.182.

14 Vgl. J. Beresford: The Seasonality of Trade, Warfare and Piracy on the Graeco-Roman Mediterranean. An Experimental Maritime Archaeological Approach, in: Skyllis 9, 2009, 138-144.

15 Vgl. Hdt. VI 17.

16 Vgl. Meissner. S.30.

17 Vgl. Strab. geogr. XIV 5,2.

18 Strab. geogr. XIV 1,32.

19 Vgl. D. Braund: Piracy under the Principate and the Ideology of Imperial Eradication, in: J. Rich – G. Shipley (Hg.): War and Society in the Roman World, London & New York 1993. S.206.

20 Vgl. Meissner. S44.

21 Vgl. B.D. Shaw: Der Bandit, in: A. Giardina (Hg.): Der Mensch der römischen Antike, Frankfurth & New York 1991. S.350.

22 Vgl. Cass. Dio LXXII 4.

23 Strab. geogr. XIV 5,2.

24 Plut. Pomp. 26.

25 Shaw. S.351.

26 De Souza: Greek Piracy. S.189.

27 C. Golüke: Mare pacavi a praedonibus. Die römische Vision von einem piratenfreien Meer, in: M. Reuter – R. Schiavone (Hg.): Gefährliches Pflaster. Kriminalität im römischen Reich, Mainz 2011. S.205.

28 J. Deininger: Pompeius und die Beendigung der Seeräuberplage im antiken Mittelmeerraum (67 v. Chr.), in: H. Klüver (Hg.): Piraterie – einst und jetzt, Düsseldorf 2001. S.18.

Details

Seiten
14
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656839798
ISBN (Buch)
9783656839804
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284197
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Historisches Seminar
Note
Schlagworte
Alte Welt Antike Piraterie Rom Rhodos

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