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Von Globalisierung und sisyphonischen Operationalisierungen: Die Indexkonstruktion

Hausarbeit 2014 25 Seiten

Politik - Grundlagen und Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorteile der Indexbildung

3. Problematisierung der Indexbildung
3.1 Festlegung der Indexelemente
3.2 Kombination der Indexelemente

4. Bildung eines Globalisierungsindex
4.1 Globalisierung – Ein Catch-all-Begriff?
4.2 Vorstellung bisheriger Ansätze

5. Abschlussbetrachtung

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Indizes sind allgegenwärtig. Sie bewegen Börsen, lassen Entwicklungsgelder fließen oder versiegen, sorgen für wissenschaftliche Diskurse und bestimmen das politische Tagesgeschehen mit. Abkürzungen solcher Indizes wie DAX1, HDI2 oder BIP3 haben längst ihren Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch und die mediale Berichterstattung gefunden. Diese Messinstrumente wirken dabei zumeist objektiv, zuverlässig und nahezu unfehlbar: Der DAX steht für den Erfolg börsennotierter Unternehmen, der HDI misst den Entwicklungsstand von Staaten und das BIP zeigt die Wirtschaftskraft an. Sieht man jedoch vom Alltagsverständnis jener Indizes ab, eröffnet sich ein deutlich differenzierteres Bild. Der interdisziplinäre wissenschaftliche Umgang mit Indexkonstruktionen zeigt, dass durchaus Kontroversen herrschen, dass diese Auswertungsmöglichkeit von Subjektivität geprägt ist und dass selbst renommierte Indizes Schwächen aufweisen. Es ist damit durchaus angebracht, die Bildung von Indizes kritisch zu hinterfragen. Versteht man unter einem Index die Zusammenfassung mehrerer Messgrößen (Indikatoren), so beginnt dieses Hinterfragen bereits mit der Schwierigkeit, die passenden Indikatoren auszuwählen. Möchte man beispielsweise Demokratie umfassend messen, stellt sich eine Vielzahl von Fragen: Ist es angebracht, die Wahlbeteiligung als Indikator eines Demokratieindexes heranzuziehen? Welcher Demokratiebegriff wird zugrunde gelegt? Sind die potenziellen Dimensionen dieses Begriffs gleichbedeutend? Wie werden die entsprechenden Daten erhoben? Es verwundert nicht, dass in der politikwissenschaftlichen Literatur unterschiedliche Antworten auf diese Fragen gegeben wurden4, was die Fülle möglicher Wege zur Indexkonstruktion veranschaulicht. Diese Fülle wird noch deutlicher, wenn ein stark interdisziplinärer Begriff den Untersuchungsgegenstand stellt. Im Falle dieser Arbeit ist es primäres Ziel, den Nutzen und die Gefahren der Verwendung von Indexzahlen zu analysieren und dabei den Globalisierungsbegriff beispielhaft heranzuziehen. Im folgenden Kapitel 2 wird dabei zunächst verdeutlicht, weshalb das Zusammenfassen von Indikatoren sinnvoll sein kann und so große Auswirkung in Alltag und Wissenschaft hat. Dem sollen in Kapitel 3 die Schwierigkeiten bei den einzelnen Schritten der Indexbildung entgegengestellt und anhand von Beispielen kontextualisiert werden. Da der Verweis auf Indizes häufig unreflektiert erfolgt, ist dies aus wissenschaftlicher Perspektive besonders relevant. Es wird sich dabei zeigen, dass die nähere Beschäftigung mit Indizes nicht nur in der Politikwissenschaft, sondern auch interdisziplinär dringend notwendig ist. Nach diesem eher theoretisch orientierten Teil der vorliegenden Untersuchung soll in Kapitel 4 der Globalisierungsbegriff näher beleuchtet werden. Ausgehend von der Annahme, dass die geschilderten Probleme der Indexbildung bei Globalisierungsindizes ebenfalls hervortreten, wird hierbei in zwei Schritten vorgegangen: Zum einen wird die Heterogenitätsproblematik durch verschiedene Sichtweisen auf den Ausdruck „Globalisierung“ veranschaulicht. Zum anderen wird durch die Vorstellung und Kritik von Globalisierungsindizes der Bezug zu den vorangegangenen Kapiteln hergestellt. Die Behandlung dieser Indizes wird dabei auf die Methodik fokussiert ohne sich detailliert mit empirischen Implikationen zu befassen. In Kapitel 5 wird eine Abschlussbetrachtung vorgenommen, um o.g. Annahme zu bestätigen oder zu verwerfen. Dazu werden die wichtigsten Unterscheidungskriterien zwischen den Globalisierungsindizes identifiziert sowie Gemeinsamkeiten über eine Korrelationsanalyse festgestellt.

2. Vorteile der Indexbildung

Neben der eingangs dargestellten Sicht auf Indizes (auch: Indexzahlen; Indices) als Zusammenfassung mehrerer Indikatoren, müssen noch zwei Punkte hinsichtlich der Begrifflichkeit beachtet werden. Erstens variiert die Bedeutung des Begriffs hinsichtlich der wissenschaftlichen Disziplinen leicht. Spricht man beispielsweise in den Wirtschaftswissenschaften von einem Index bezieht man sich dabei zumeist auf Kaufkraftmessungen über Warenkörbe und Preisänderungen (siehe bspw. Schulze 2003: 307-310).5 Zweitens ist es bei der Verwendung des Indexbegriffes sinnvoll, eine Abgrenzung zu Skalen vorzunehmen, da beide Begriffe (bzw. deren Beziehung) in der Literatur unterschiedlich behandelt werden. Nach Esser/Hill/Schnell (2005: 166) gehen Skalierungsverfahren über die Indexbildung hinaus, da für sie Kriterien gelten, die zeigen, ob ein Indikator zur Skala gehört. In der vorliegenden Arbeit wird „Index“ als der generelle Begriff verwendet, während mit „Skala“ ein Spezialfall von getesteten und wissenschaftlich etablierten Konstruktionsverfahren bezeichnet wird (Kromrey 2009: 230; siehe auch Denz 2005: 24). Im Folgenden werden lediglich Indizes untersucht, Skalen im Sinne von Likert-Skalen und ähnlichen Verfahren sind nicht Teil der Untersuchung.

Scharnbacher beschreibt „Statistik als Mittel der Informationsreduktion“ (1988: 15). In gewisser Weise trifft dies auch auf Indizes zu. Sie dienen zwar grundsätzlich der Angabe von Informationen über Gruppen unterschiedlicher und trotzdem ähnlicher Merkmalswerte (Bleymüller/Gehlert/Gülicher 2008: 181). Ein Index vereint dabei aber untergeordnete Messgrößen (Indikatoren) zu einem Wert. Mit anderen Worten: Es wird ein Oberbegriff gebildet, indem verschiedene Teildimensionen zusammengefasst werden (Kromrey 2009: 168). Somit werden Informationen tatsächlich reduziert. Es „können Veränderungen einer Vielzahl von Einzeltatbeständen in zeitlicher, sachlicher oder räumlicher Hinsicht durch eine Zahl ausgedrückt werden. Dieses Vorgehen ist zwar mit einem Informationsverlust verbunden, er wird jedoch wegen der leichteren Handhabbarkeit und besseren Übersichtlichkeit in Kauf genommen“ (Schulze 2003: 308). Die Vorteile der Handhabbarkeit und Übersichtlichkeit wurden bereits in der Einleitung angedeutet. Sie äußern sich beispielsweise in der medialen Nutzung von Indizes als schneller Informationszugang (Präsentation eines Wertes anstelle von vielen). Der dabei entstehende Informationsverlust kann durch die Verwendung von Subindizes (also Indizes, die Indizes zugrunde liegen) zu einem gewissen Maß kompensiert werden. Von der wissenschaftlichen Warte aus bietet die Übersichtlichkeit von Indizes zudem den Vorteil der Fehlervermeidung. Zwar können mittlerweile computergestützte Analysen mit großen Datenmengen arbeiten. So dient dabei beispielsweise die Faktorenanalyse als Mittel, um aus vielen Indikatoren Indizes zu generieren (Jahn 2006: 219f.). Es ist aber immer noch menschliche Arbeitskraft vonnöten, um die gegebenen Daten von einem theoretischen Standpunkt betrachten und interpretieren zu können.6 Die Zusammenfassung mehrerer Werte durch einen Index erleichtert diese Arbeit deutlich und vermeidet Messfehler durch „menschliches Versagen“. Setzt man mehrere Indikatoren ein, erhofft man sich zudem, die Wahrscheinlichkeit dafür zu steigern, dass man die Realität adäquat abbildet; Messungenauigkeiten sollen reduziert werden. Da eine gewisse Abweichung eines Indikators von der zu messenden Dimension nicht vermeidbar ist, soll ein Index (bzw. eine Itembatterie) für ein gegenseitiges Aufheben dieser Abweichungen sorgen (Diekmann 2009: 212; Kromrey 2009: 169). Zudem lässt sich bei der Indexbildung feststellen, wenn Redundanz vorliegt (mehrere Indikatoren stark untereinander korrelieren); durch das Entfernen von Indikatoren können dann inhaltliche Dopplungen vermieden werden. In vielen Fällen liegt darin allerdings nicht der primäre Grund für die Verwendung von Indizes, sondern es bleibt schlicht keine andere Möglichkeit. Dies tritt vor allem in den Sozial- und Geisteswissenschaften auf, wenn komplexe Begriffe wie „soziale Schicht“ operationalisiert werden sollen. Hierbei langt die Verwendung einer Dimension oder eines Indikators zur Beschreibung der Zielgröße nicht aus und es muss zwangsläufig auf einen Index (i.S.v. mehreren Messgrößen) zurückgegriffen werden.7 Im Falle der sozialen Schicht ließe sich ein sogenannter Merkmalsraum mit den drei Teildimensionen Bildung, Einkommen und Beruf aufspannen. Diese drei Größen sind dann als Achsen im dreidimensionalen Merkmalsraum darstellbar, wobei jeder befragten Person (bzw. ihrer Schichtzugehörigkeit) ein Punkt in diesem Raum zugeordnet werden kann. Ein Index bildet nun aus bestimmten Kombinationen des Merkmalsraums neue Kombinationen und reduziert dabei den Merkmalsraum (Esser/Hill/Schnell 2005: 167ff.). Diese Reduktion ermöglicht es oftmals erst, temporale, regionale und sachliche Unterschiede zu vergleichen (Bleymüller/Gehlert/Gülicher 2008: 181), geht aber mit einigen Hürden einher.

3. Problematisierung der Indexbildung

Neben dem Informationsverlust durch Wegfall der zugrundeliegenden Daten8 geht die Indexkonstruktion mit einer Reihe weiterer Schwierigkeiten einher. Einige Fehler bei dieser Konstruktion (beispielsweise Multikollinearität) können vermieden werden, während andere allenfalls in ihren negativen Folgen abgeschwächt werden können. Im Folgenden sollen die Schritte und potenziellen Probleme der Indexbildung näher betrachtet werden.9 Dabei soll nach den entscheidenden Fragen zweischrittig vorgegangen werden (Esser/Hill/Schnell 2005: 167). Zunächst wird näher auf die Frage eingegangen, welche Dimensionen der Index abbilden soll. Anschließend wird behandelt, wie diese Dimensionen miteinander zu einem Index kombiniert werden.

3.1 Festlegung der Indexelemente

Die Entscheidung, welche Elemente aufgenommen werden sollen, ist eine der schwersten im Umgang mit Indizes. Grundsätzliches Ziel ist es, die Realität adäquat abzubilden und sogenannte „Forschungsartefakte“ (realitätsferne Forschungsergebnisse; Kromrey 2009: 172) zu vermeiden. Diese Abbildung gestaltet sich schwierig, wenn man von einem Indikatorenuniversum mit unendlich vielen Zuordnungsmöglichkeiten ausgeht (Ebd.: 176).10 Das Auffinden dieser Möglichkeiten (oder von Dimensionen) ist ausschließlich theoretisch begründet und kann nicht nach objektiven Gütekriterien erfolgen. Es ist nicht eindeutig feststellbar, ob alle wichtigen Dimensionen enthalten sind oder wann diese überhaupt als objektiv wichtig erachtet werden sollten (Esser/Hill/Schnell 2005: 169). Diese Problematik muss nicht dazu führen, dass man die Ansprüche der Operationalisierung11 – Ermöglichung vergleichender Messungen und Angaben über die genaue Messbarkeit von Begriffen (Alemann/Forndran 2005: 92) – verwirft. Man muss sich jedoch des Problems bewusst sein: „Erst die Messung konstruiert die empirische Struktur“ (Kromrey 2009: 233). Ein Forscher begreift die Realität stets im Rahmen des Messvorgangs, weshalb unabhängige Tests eines Indexes nicht durchführbar sind. Solch einen Testversuch unternimmt Heere (2009), der sich mit der Messbarkeit von Entwicklung in Staaten befasst. Er betrachtet dabei verschiedene Entwicklungsindikatoren und –indizes, um festzustellen, ob sie den tatsächlichen Entwicklungsstand abbilden. Heere geht dabei davon aus, dass dieser Entwicklungsstand durch die Werte der Millennium Development Goals (MDG) abgebildet wird und alle anderen Indikatoren oder Indizes sich daran messen lassen (Heere 2009: 317). Es wird allerdings nicht deutlich, woran wiederum die Realitätsnähe der MDG-Indikatoren gemessen werden soll. Der Beitrag Heeres ist hinsichtlich des Vergleichs verschiedener Operationalisierungsmöglichkeiten von Entwicklung durchaus aussagekräftig, einen unabhängigen Test auf Realitätsnähe von Entwicklungsmessungen kann er allerdings nicht liefern. So stellt Heere (2009: 330) selbst am Ende seines Beitrags fest: „Die MDG-Indikatoren sind vielleicht in ihrer Gesamtheit doch keine so gute Näherung für den tatsächlichen Entwicklungsstand der Staaten.“ Anders als unabhängige Tests der Indizes ist das methodisch „saubere“ Arbeiten des Forschers sehr wohl durchführbar (Kromrey 2009: 230f.). Generell gehört dazu der Versuch, die Operationalisierung präzise genug vorzunehmen, um eine intersubjektive Prüfung der entstandenen Ergebnisse zu erlauben. Es ist deshalb realistisch, von einem „Versuch“ zu sprechen, weil soziale Betrachtungsgegenstände wie Interessensgruppen eine hohe Komplexität aufweisen und nur indirekt über messbare Phänomene erschlossen werden können. Dabei ist der Unterschied zwischen dem Indikator (den Indikatoren) und dem Untersuchungsgegenstand idealerweise möglichst klein – wenn auch nie gänzlich verschwunden (Alemann/Forndran 2005: 92). Essentiell hierfür ist die Auswahl der „richtigen“ Indikatoren. In einem Fall greift man auf zu wenige Elemente des Indikatorenuniversums zurück und erfasst damit nur einen kleinen Teil der Realität. Als Beispiel kann der sogenannte Big-Mac-Index12 dienen, der den Preis eines Burgers weltweit vergleicht, um die Kaufkraft einer Währung abzubilden. Abgesehen davon, dass dieser Index nicht aus wissenschaftlichem Erkenntnisinteresse gebildet wurde, ist es wenig ratsam, eine komplexe Größe wie Kaufkraft nur durch einen Indikator zu operationalisieren. In diesem Fall wäre es angebrachter, einen Warenkorb zu bilden, da ein Burger nicht repräsentativ für die gesamten Haushaltsausgaben steht. Auch wird so die Einflussnahme durch Zufallsmessfehler und systematische Messfehler vermieden (Diekmann 2009: 230ff.). Sind die entsprechenden Daten verfügbar, lassen sich schnell weitere Indikatoren aufnehmen.13 Gestaltet sich das Auffinden der Informationen allerdings schwieriger, kann es zu einem Auswahlbias kommen, da nur leicht messbare Indikatoren in den Index einfließen (siehe auch Bernauer et al. 2009: 100f.). Boyd/Jalal/Rogers (2008: 107) stellen dies insbesondere im Rahmen der Naturschutzthematik fest: „We are good at measuring physical and chemical phenomena, but once we try to rationally assess the biological, social, and cultural aspects of the environment, we have serious problems.“ Konkrete Beispiele sind hier die Messung von Umweltbewusstsein14 oder des ökonomischen Nutzens einer intakten Umwelt (Boyd/Jalal/Rogers 2008: 117). Beim Ziel der Realitätsdarstellung kann auch das andere Extrem, die Aufnahme zu vieler Indikatoren, gefährlich sein. Häufig liegt dabei Interkorrelation der Indikatoren oder Multikollinearität vor.15 Mehrere Indikatoren messen dabei ähnliche Aspekte.16 Ein Beispiel hierfür sind Nachhaltigkeitsmessungen oder Umweltperformanzindizes, bei denen häufig Kolinearität auftritt. So geht ein steigender Spritverbrauch möglicherweise auch ungewollt mit der Anzahl der Fahrzeuge, längeren Fahrtzeiten, der Verbrauchsintensität o.ä. einher (Boyd/Jalal/Rogers 2008: 107). Ein weiteres Beispiel ist der Human Development Index, zusammengesetzt aus Lebenserwartung, Bildung und Pro-Kopf-Einkommen. Ursprüngliches Ziel des HDI war es, das Bruttoinlandsprodukt (bzw. dessen Messung von Entwicklung) zu verbessern. Die Erreichung dieses Ziels erscheint fragwürdig, da die Korrelation des BIP pro Kopf mit dem HDI bei circa 0,98 liegt.17 Auch die genannten Subindizes sind stark voneinander abhängig: Sowohl die Lebenserwartung als auch die Bildung korrelieren eng mit dem BIP; Einkommen und BIP bezeichnen nahezu die gleichen Größen (Boyd/Jalal/Rogers 2008: 122).18 Der Vorteil in der Verwendung mehrerer Größen ist im Falle des HDI kein rechnerischer, sondern höchstens ein inhaltlicher. Es wird verdeutlicht, dass die Definition des Bezugsbegriffs „Entwicklung“ nicht nur monetäre Aspekte umfassen soll. Da die Adressaten die Realität immer vorstrukturiert durch Begriffe auffassen, ist solch eine Definition nach dem Postulat der Intersubjektivität unerlässlich (Denz 2005: 21) – wenn auch nicht unkritisch: „Sowohl die Definition wie die Begriffsexplikation sind Teil des Forschungsprozesses. Dies ist nicht unproblematisch, da durch die Festlegungen bereits bestimmte Perspektiven determiniert sind […], aber notwendig, weil Forschung ohne Forschungssprache nicht möglich ist“ (Ebd.: 23). Als letzter Punkt zur Frage nach den aufzunehmenden Elementen eines Indexes seien noch „temporale Probleme“ erwähnt. Bei manchen Indizes ist es notwendig, die Frage nach dem temporalen Bezug (Basisjahren) zu klären. Diese Frage ergibt sich insbesondere bei Verbraucherpreisindizes (Schulze 2003: 321f.).19 Neben dem Festlegen eines Bezugsjahres für die Preisentwicklung, müssen hier auch veränderte Gewohnheiten, die Aktualität des Warenkorbs und saisonale Schwankungen beachtet werden (Ebd.: 343). Will man die intertemporale Vergleichbarkeit von Indizes sicherstellen, kann es weiterhin problematisch sein, wenn diese sich im Zeitverlauf kaum ändern. Auch hier kann der HDI als Beispiel dienen, da Veränderungen in den Bereichen Bildung und Lebenserwartung stark verzögert auftreten. Lediglich die Einkommenswerte ändern sich relativ schnell (Boyd/Jalal/Rogers 2008: 122). In weit entwickelten Staaten sind nur noch marginale Verbesserungen der HDI-Werte erreichbar, während in Entwicklungs- und Schwellenländern noch große prozentuale Veränderungen möglich sind. Unterstützt durch die rechnerische Methodik des Indexes ergibt sich ein Trend hin zu globaler Konvergenz, was den interstaatlichen Vergleich langfristig erschwert (Sutcliffe 2004: 31).

3.2 Kombination der Indexelemente

Hat man sich trotz der geschilderten Schwierigkeiten für die Dimensionen, Indikatoren, Variablen oder Elemente des Indizes entschieden, stellt sich die Frage danach, wie diese kombiniert werden sollen. Teildimensionen sollten dabei nur zu Indizes aggregiert werden, wenn die Korrelationen zwischen den Indikatoren überall positive Vorzeichen haben und wenn diese Indikatoren oder Teildimensionen in Bezug auf die abhängige Variable Korrelationen mit gleichen Vorzeichen (alle negativ oder positiv) aufweisen (Kromrey 2009: 168f.). Ist diese Voraussetzung erfüllt, stellt sich die Frage nach dem Indextyp oder der Gewichtung. Die Gesamtheit der Gewichtungsfaktoren wird dabei als Wägungsschema bezeichnet (Schulze 2003: 324). Im einfachsten Fall bildet man nur einen ungewichteten additiven Index. Wie der Name bereits verrät, werden dabei die Werte der einzelnen Indikatoren schlichtweg addiert. Die Formel nimmt folgende Gestalt an: „Wert 1. Indikator + Wert 2. Indikator + Wert 3. Indikator…“ Um zu vermeiden, dass die Indikatoren unterschiedlich gewichtet werden, müssen diese Indikatoren denselben Wertebereich und durchgängig Intervallskalenniveau aufweisen (Esser/Hill/Schnell 2005: 171; Kromrey 2009: 231). Weiterhin kennzeichnet diesen Indextyp, dass Punktwerte sich gegenseitig ausgleichen. So kann ein niedriger Wert bei Indikator A durch Indikator B ausgeglichen werden.20 Diese reziproke Kompensation soll in manchen Fällen allerdings vermieden werden, weshalb man die Bildung multiplikativer Indizes vorzieht (Esser/Hill/Schnell 2005: 17221 ). Dann führt die Abwesenheit eines Indikators (i.d.R. bei einem Wert von Null) zum geringsten Indexwert (häufig Null oder Eins).22 Nach einer dritten Möglichkeit werden Multiplikation und Addition kombiniert, man bildet sogenannte gewichtete additive Indizes. Diese bilden sich nach dem Prinzip „a * Wert 1. Indikator + b * Wert 2. Indikator + c * Wert 3. Indikator…“. Die Verwendung bestimmter Konstanten (Gewichte) erfolgt auf der Basis theoretischer Überlegungen. In einigen wenigen Fällen gibt es objektive Kriterien zur Festlegung der Gewichte oder es liegen Einschätzungen von Experten vor. In der Regel jedoch entscheiden subjektive Kriterien, theoretische Annahmen und Präferenzen des Forschers über die konkreten Werte der Konstanten (Boyd/Jalal/Rogers 2008: 115). In diesen Fällen sind die Konstanten also nicht empirisch erschließbar, was jede Gewichtung als willkürlich angreifbar werden lässt. Einige Autoren raten daher im Allgemeinen von Gewichtungen ab (Esser/Hill/Schnell 2005: 173). Wie die folgenden Beispiele veranschaulichen ist aber eine fehlende Gewichtung theoretisch oder inhaltlich ebenso kritisierbar: Todaro (2000, 183-186) bemängelt, dass das (inzwischen ohnehin unübliche) Bruttosozialprodukt (BSP), keinen Aufschluss darüber gibt, wie das nationale Einkommen verteilt ist und wer von einer Steigerung desselben profitiert. Das BSP kann also steigen, ohne dass arme Menschen eine verbesserte Lebenssituation erfahren. Todaro schlägt daher eine Gewichtung vor, die Einkommensänderungen nach Klassen erfasst und erstellt einen armutsgewichteten Wohlfahrtsindex.23 Die Gewichtung der Klassen erfolgt willkürlich24, erscheint aber plausibel:

„Although the choice of welfare weights in any index of development is purely arbitrary, it does represent and reflect important social value judgements about goals and objectives for a given society“ (Todaro 2000: 186). Wie die vielen kleinen verschiedenen Varianten und Manipulationen des HDI (z.B. Höhergewichtung von Frauenerwerbstätigkeit) zeigen, kann diese willkürliche Gewichtung das Ergebnis (den Indexwert) stark ändern (Boyd/Jalal/Rogers 2008: 122). Ebenso zeigt sich die Problematik auf ökonomischer Ebene, wenn Warenkörbe mit ungewogenen (Preis-) Indizes verwendet werden. Diese Indizes zeigen dann nicht an, wie bedeutungsvoll ein Gut ist; Bier- und Wohnpreise werden beispielsweise als gleichwertig behandelt. I.d.R. werden daher gewogene Preis-, Mengen- und Wertindizes verwendet (Schulze 2003: 310). Die drei genannten Indextypen25 basieren auf dem Entwurf einer Zuordnungsregel, die für die Elemente des Merkmalsraums Zahlenwerte angibt. Alternativ ist es auch denkbar, eine Tabelle zu erstellen, die jedem Typ oder jeder Kombination einen Indexwert zuweist (Esser/Hill/Schnell 2005: 171), was in der Praxis jedoch weniger geläufig ist.

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1 Deutscher Aktienindex. Zu der komplexen Berechnung siehe Schulze (2003: 354ff.).

2 Human Development Index der Vereinten Nationen. Siehe http://hdr.undp.org/en/content/human-development-index-hdi (24.09.2014).

3 Bruttoinlandsprodukt

4 Darunter der Vanhanen Index, der Freedom House Index, der Polity IV Index oder die Sustainable Governance Indicators der Bertelsmann Stiftung.

5 Bleymüller/Gehlert/Gülicher 2008 (181) unterscheiden zwischen Preis-, Mengen- und Umsatz-/Wertindizes.

6 So auch Boyd/Jalal/Rogers 2008: 107.

7 Häufig werden nur Untersuchungsobjekte einer Teildimension analysiert, obwohl komplexe empirische Merkmalsdimensionen den Untersuchungsgegenstand bilden. Dies macht jedoch nur dann Sinn, wenn die Indikatoren hoch miteinander korrelieren z.B. Wohnungsausstattung und Zweitwagenbesitz als Indikatoren für sozialen Status (Alemann/Forndran 2005: 156).

8 Dies ist insbesondere hinsichtlich der Interpretation problematisch, wenn ein und derselbe Indexwert, auf vielen unterschiedlichen Wegen (Wertekombinationen der Indikatoren) zustande gekommen sein kann.

9 Aus Platzgründen werden nur die grundlegenden Schritte behandelt. Auf Rechenoperationen wie die Definition und der Ausschluss von fehlenden Werten, die Berechnung von Trennschärfekoeffizienten, Summenscores etc. wird nicht näher eingegangen.

10 Die Schwierigkeit besteht hier also im Auffinden sog. „Korrespondenzregeln“.

11 Als Operationalisierung bezeichnet man die Zuordnung der Messvorschrift zu einem Begriff (Denz 2005: 24).

12 Veröffentlicht von „The Economist“, http://www.economist.com/content/big-mac-index (29.08.2014).

13 Hier zeigt sich der Unterschied zwischen quantitativen und qualitativen Begriffen. Empirische Relationen (qualitative Begriffe) sollen numerisch (quantitativ) dargestellt werden. Dabei ergibt sich folgendes Problem: „Viele Begriffe werden sich einer solchen Quantifizierung widersetzen. Sie sind meist für die Forschung am interessantesten. Die Möglichkeiten der Quantifizierung bergen die Gefahr, daß die Forschung sich nur auf diejenigen Ausschnitte der Wirklichkeit konzentriert, die einem solchen Vorgang offenstehen, und andere wichtige Fragen übersieht“ (Alemann/Forndran 2005: 156).

14 Zu einem Beispiel siehe Diekmann 2009: 210.

15 Zur Vermeidung dieses Problems bietet sich beispielsweise die Hauptkomponentenanalyse an (Boyd/Jalal/Rogers 2008: 123). Zudem kann in diesem Zusammenhang „concept stretching“ auftreten.

16 Allgemein sollten bei der Betrachtung unabhängiger latenter Dimensionen die Indikatoren verschiedener Dimensionen niedrig und die Indikatoren einer Dimension hoch miteinander korrelieren (Kromrey 2009: 177).

17 Die Datenbasis liegt hierbei schon einige Jahre zurück. Siehe Boyd/Jalal/Rogers (2008: 122).

18 Nach einem weiteren Beispiel Diekmanns (2009: 232) ist es ebenso wenig nötig, das Geschlecht über die Stimme zu analysieren, das Aussehen zu bewerten und schriftlich danach zu fragen; eine dieser Methoden reicht aus, weil alle drei Indikatoren bei einer Prüfung über die Koeffizienten hoch miteinander korrelieren.

19 Näherhin hinterfragt Schulze (2003: 341) die Verwendung kritisch: „Wenngleich der Verbraucherpreisindex große Bedeutung hat, so werden doch oft Anforderungen an ihn gestellt, die er aufgrund seiner Konstruktion als Indexzahl nicht erfüllen kann.“

20 So wurden beispielsweise beim Maastricht Globalisation Index alle Bestandteile gleich gewichtet (s.u.).

21 Als Beispiel nennen die Autoren hier „Studienerfolg“, der sich aus Begabung und Fleiß zusammensetzt. Liegt keinerlei Begabung (bzw. Fleiß) vor, wird auch das Produkt des Erfolgs Null.

22 Die Berechnungsformel sieht dann idealtypisch wie folgt aus: Wert 1. Indikator * Wert 2. Indikator * Wert 3. Indikator…

23 Die Gewichtung kann hier also nicht formal validiert werden, sie ist aber durch ihren theoretischen oder empirischen Nutzen begründbar (Esser/Hill/Schnell 2005: 171).

24 Prinzipiell kann die Gewichtung auch über eine Faktorenanalyse vorgenommen werden. Dieses Verfahren ist jedoch genauso mit einer gewissen Willkür behaftet, da im Rahmen der Durchführung auch Entscheidungen anfallen (Esser/Hill/Schnell 2005: 173).

25 Ein weiterer Typ sind Indizes aus kontinuierlichen Variablen, welche jeden Wert annehmen können, während die zuvor aufgeführten Indextypen nur bestimmte Werte umfassen. Siehe auch: Esser/Hill/Schnell 2005: 174.

Details

Seiten
25
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656840244
ISBN (Buch)
9783656840251
Dateigröße
674 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284106
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
globalisierung operationalisierungen indexkonstruktion

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