Lade Inhalt...

Die Theorien der "weiblichen Moral" von Carol Gilligan

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 16 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINIGES ZUR PERSON CAROL GILLIGAN

2 DEFINITION MORAL

3 DAS 6-STUFEN-MODELL VON KOHLBERG

4 CAROL GILLIGANS KRITISCHE AUSEINANDERSETZUNG MIT KOHLBERGS MODELL

5 DIE THEORIEN DER „WEIBLICHEN MORAL“ VON CAROL GILLIGAN
5.1 Die von Carol Gilligan durchgeführten Studien
5.2 Das Stufenmodell von Carol Gilligan
5.2.1 Präkonventionelles Stadium
5.2.2 KONVENTIONELLES STADIUM
5.2.3 Postkonventionelles Stadium

6 KRITISCHE AUSEINANDERSETZUNG MIT DEN THESEN VON CAROL GILLIGAN

7 FAZIT

8 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einiges zur Person Carol Gilligan

Carol Gilligan wurde 1936 in New York geboren. Bevor sie 1979 Professorin für Psychologie an der „Graduate School of Education" in Harvard wurde, war sie Schülerin bei Erik Erikson sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Lawrence Kohlberg. Basierend auf Kohlbergs Theorie zur menschlichen Moralentwicklung versucht Gilligan in ihren Studien eigene Thesen zum moralischen Urteilen von Frauen aufzustellen.

2 Definition Moral

Unter Moral wird ein System von Norm- und Wertvorstellungen verstanden, das beim Urteilen über richtige und falsche Handlungen Anwendung findet. Da sie von der Mehrheit der Gemeinschaft anerkannt und als verbindlich erachtet werden, stellt Moral sicher, dass Menschen ihre Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft einhalten, um so die Rechte und Interessen der einzelnen Mitglieder der Gemeinschaft durch ein Handeln nicht verletzen. Die Entwicklung zwischenmenschlicher Verantwortung, und damit der Fähigkeit zum moralischen Handeln, entfaltet sich im Laufe der Sozialisation (vgl. Zimbardo, 1995, S. 86). Carol Gilligan kritisiert an derartigen Definitionen von Moral, dass ein Verständnis von Moral im Sinne von rigiden Regeln und allgemeinen Prinzipien einer typisch männlich-abstrakten Denkweise entspricht. Sie ist der Ansicht, Moral sollte in die jeweils konkreten Lebensformen integriert werden (vgl. Nunner- Winkler, 1991, S. 147).

Carol Gilligan befasst sich mit dem moralischen Urteilen und Handeln von Frauen. Zudem versucht sie die Unterschiede zur männlichen Moralentwicklung herauszuarbeiten. Sie ist der Meinung, Frauen handeln nicht weniger moralisch denn Männer, sie fällen ihre moralischen Urteile lediglich auf eine andere Art. „Die Entwicklung durchlaufe bei den Frauen vor der Stufe der Selbstverwirklichung eine Stufe des Urteilens auf der Grundlage eines Standards der Fürsorge für andere, während Männer ihre Urteile auf einen Standard der Gerechtigkeit gründeten" (Zimbardo, 1995, S. 88).

3 Das 6-Stufen-Modell von Kohlberg

Ausgangspunkt der Dissertation Kohlbergs war die Erweiterung Piagets Modells zur moralischen Urteilsfindung beim Kinde auf die Adoleszenz. Während seiner Arbeit stellte er fest, dass Piagets Einteilung der moralischen Entwicklung in eine vormoralische, heteronome und autonome Stufe nicht ausreichte. Sein Ziel war dieses Modell zu vervollständigen und die gesamte Entwicklung der moralischen Urteilsfähigkeit von der Kindheit bis zum Erwachsenen zu beschreiben. In einer 20jährigen Längsschnittstudie forderte er insgesamt 84 US-amerikanischen Jungen auf, das Heinz’sche Dilemma[1]bezüglich der Fragen: „Hätte Heinz das Medikament stehlen sollen? Warum (nicht)?" zu lösen. Die Gründe, welche die Jungen für oder gegen das Stehlen des Medikaments aufführten, halfen Kohlberg, sein 6-stufiges Modell zur Moralentwicklung aufzustellen. Nach Kohlbergs Auffassung existieren drei Stadien der moralischen Entwicklung: das präkonventionelle, das konventionell und das postkonventionelle Stadium. Jedes dieser drei Stadien enthält zwei Stufen:

- Präkonventionelle Ebene

Stufe 1: Beim fällen eines moralischen Urteils handelt ein Individuum gehorsam, um einer ihr drohenden Strafe zu entgehen. Die Interessen anderer bleiben dabei unberücksichtigt.

Stufe 2: Zwar orientiert sich das Individuum nach wie vor an eigenen Bedürfnissen, doch werden in Form eines Tauschhandels ebenso die Bedürfnisse anderer berücksichtigt. Das Individuum handelt dabei stets zweckorientiert.

- Konventionelle Ebene

Stufe 3: Oberstes Prinzip des Individuums ist, gut zu sein. Moralisch zu handeln bedeutet, Rücksicht auf interpersonale Beziehungen und die daraus entstehenden gegenseitigen Erwartungen zu nehmen.

Stufe 4: Die zwischenmenschliche Perspektive wird von der gesellschaftlichen Perspektive abgelöst. Das moralische Handeln orientiert sich an den Regeln des sozialen Systems und deren Einhaltung.

- Postkonventionelle Ebene

Stufe 5: Das moralische Urteil wird an den im Sozialvertrag verankerten gesellschaftlichen Werten und nicht nur an den Regeln des sozialen Systems gefällt.

Stufe 6: Der vernünftige Mensch orientiert sich an universellen ethnischen Prinzipien. Das moralische Urteil bleibt unberührt von den eigenen Bedürfnissen, von einer Autorität, von den Erwartungen der Mitmenschen, den gesellschaftlichen Pflichten und Normen. Was zählt ist die Würde eines jeden Menschens.

(vgl. Buse, 1993, S. 19ff; Garz, 1989, S. 154ff; Gilligan, 1999, S. 29)

4 Carol Gilligans kritische Auseinandersetzung mit Kohlbergs Modell

Gilligan kritisiert an Kohlberg, er habe Frauen in seiner Längsschnittstudie, auf der seine Theorie zur moralischen Entwicklung basiert, zwar einfach ausgeschlossen, beanspruche anschließend hingegen Universalität für sein Modell. Kohlberg erstellte sein Modell zur Moralentwicklung entsprechend der Ergebnisse, die ihm eine rein männliche Stichprobe lieferte und behauptete dann, dieses Schema besäße ebenso Gültigkeit auf die moralische Entwicklung von Frauen. Gilligan ist nicht verwundert darüber, dass gerade die Gruppe bzw. das Geschlecht, das in Kohlbergs Studie nicht untersucht wurde, es selten schaffe, die höheren Stadien seines Modells zu erreichen (vgl. Gilligan 1999, S. 29). Sie selbst konnte beobachteten, dass Frauen, wenn ihre moralische Reife entsprechend Kohlbergs Modell beurteilt wurde, meist nur die dritte Stufe, innerhalb derer sich das Individuum an zwischenmenschlichen Beziehungen und den daraus resultierenden Erwartungen orientiert erreichen, während die sechste Stufe, innerhalb derer die Berücksichtigung universal ethnische Prinzipien von vollkommener moralischen Reife zeugt, von Frauen in der Regel unerreichbar ist (vgl. Buse, 1993, S. 24). Im dritten Stadium kann moralisches Handeln mit Gutsein, Helfen und Anderen- eine-Freude-Machen gleichgesetzt werden. Da nach Auffassung Kohlbergs, die „Konzeption des Guten" (Gilligan, 1999, S. 29) das Leben einer jeden Frau präge, die ihre Lebensaufgabe vor allem im innerhäuslichen Bereich sieht, impliziere die dritte Stufe der moralischen Entwicklung einen für die Frau angemessenen Umgang mit moralischen Konflikte (vgl. Gilligan, 1999, S. 29). „Mädchen werden, so Kohlberg nach der Schule oder Hochschule Hausfrau und Mütter, ihr Leben ist vor allem an der Aufrechterhaltung von Familienbeziehungen orientiert" (Buse, 1993, S. 24). Frauen gelingt es nur dann ihre moralische Unreife zu überwinden, „wenn sie die traditionelle Arena männlicher Aktivität betreten, die Unzulänglichkeit dieser moralischen Perspektive erkennen und wie Männer zu höheren Stadien fortschreiten werden, in denen Beziehungen Regeln untergeordnet werden (4. Stadium) und Regeln universellen Prinzipien der Gerechtigkeit (5. und 6. Stadium)" (Gilligan, 1999, S. 29).

Zudem stellt Gilligan nun die These auf, die Antworten der von Kohlberg untersuchten Frauen würden aufgrund einer von ihm falsch gewählten Interpretationsstruktur lediglich die dritte Stufe seines Modells erreichen. Denn die von Kohlberg verwendete Interpretationsweise basiert nicht auf einer weiblichen Vorstellungswelt, sondern legt als mögliche moralische Urteilsfindung ausnahmslos die der Logik und Gerechtigkeit zugrunde. Kohlberg verfällt nach Gilligan also in eine typisch-männliche Sichtweise (vgl. Gilligan, 1999, S. 36f).

Über die Kritik an der von Kohlberg beanspruchten Universalität hinaus, bemängelt Gilligan, Kohlberg habe sein Modell auf der Basis eines hypothetischen Dilemmas entwickelt. Wie im Verlauf dieser Arbeit noch erläutert wird, existieren für Gilligan wichtige Gründe dafür, dass bei der Untersuchung der moralischen Entwicklung die Versuchspersonen mit einer realistischen Konfliktsituation orientiert werden (vgl. Rich & DeVitis, 1994, S. 114).

[...]


[1] „Heinz‘ Frau ist todkrank. Für das einzige wirksame Medikament verlangt der Apotheker, der es selbst entwickelt hat, doppelt so viel Geld wie Heinz zahlen kann, obwohl die Herstellungskosten nur ein Zwanzigstel der verlangten Summe betragen. Der Apotheker weigert sich, es Heinz günstiger zu verkaufen oder ihn später zahlen zu lassen. Daraufhin stiehlt Heinz das Medikament.

Details

Seiten
16
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638301961
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v28408
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Theorien Moral Carol Gilligan Moralentwicklung Verhalten

Autor

Zurück

Titel: Die Theorien der "weiblichen Moral" von Carol Gilligan