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Gottfried Kellers "Der grüne Heinrich". Die Ökonomie der Mutter und ihre Auswirkung auf den grünen Heinrich

Bachelorarbeit 2014 26 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Mutter des grünen Heinrichs – Elisabeth Lee

3. Herkunft der Mutter/Ursprung ihrer Ökonomie
3.1. Elternhaus der Mutter
3.2. Ökonomie vs. Religion

4. Ökonomie der Mutter
4.1. Wirtschaft als Ehefrau
4.2. Wirtschaft als Witwe

5. Auswirkung der mütterlichen Erziehung auf Heinrich
5.1. Versagen in der Übernahme der väterlichen Pflichten
5.2. Teilschuld der Mutter am tragischen Ende

6. Schlussbetrachtung

7. Quellenangabe

1. Einleitung

Gottfried Kellers Erstlingsroman und Hauptwerk Der grüne Heinrich1 ist, als der „bedeutendste[...] Entwicklungsroman des bürgerlichen Realismus“2, von weltliterarischer Relevanz. Zunächst muss erwähnt sein, dass zwei Romanfassungen des grünen Heinrichs existieren, welche sich in ihren Handlungssträngen und der jeweiligen literarischen Verfasstheit merklich voneinander differenzieren. Vorliegende Arbeit widmet sich der ersten Fassung, welche in vier Bänden im Zeitraum von 1850 bis 1855 publiziert wurde, der sogenannten zypressendunklen Fassung; und lässt die zweite, welche bedeutend später, in den Jahren 1979/80 verlegt wurde, weitestgehend außer Acht. Anders als bei der zweiten Fassung werden der Romananfang wie auch das Ende der ersten Fassung durch eine auktoriale Instanz vermittelt, während die eingebettete Jugendgeschichte des grünen Heinrichs, welche fast die Hälfte des Romans ausmacht, bei beiden Fassungen in der Ich-Form verfasst ist.3

Der Autor Gottfried Keller erzählt in seinem Bildungsroman die stark autobiographisch geprägte Entwicklungsgeschichte des Schweizers Heinrich Lee, welcher im Verlauf der Handlung ein Künstlerdasein als Maler anstrebt, den damit einhergehenden Anforderungen allerdings nicht gerecht werden kann. Die Romanhandlung zeugt neben dem beruflichen Scheitern des Protagonisten von dessen generellen Schwierigkeiten einen geeigneten Platz in der Gesellschaft zu besetzen. Keller selbst schrieb einst in einem Brief an den Verleger Eduard Vieweg über sein Werk: „Die Moral meines Buches ist: daß derjenige, dem es nicht gelingt, die Verhältnisse seiner Person und seiner Familie im Gleichgewicht zu erhalten, auch unbefähigt sei, im staatlichen Leben eine wirksame und ehrenvolle Stellung einzunehmen.“4

Die Handlung der ersten Romanfassung erstreckt sich von den vaterlosen Kinder- und Jugendjahren (der Vater erlag einem frühen Tod) über den Aufbruch nach der deutschen Hauptstadt sowie dem frühen Erwachsenenleben bis hin zur endlichen Heimkehr des Protagonisten. Über die nahezu gesamte Zeitspanne seines kurzen Lebens hinweg wird der scheiternde Künstler Heinrich Lee durch die Mutter finanziell unterstützt, bis diese schließlich, noch bevor Heinrich von seiner Bildungsreise heimkehrt, in Armut verendet. Durch den Tod der Mutter zeigt sich der grüne Heinrich letztlich derart betroffen, dass auch seinem eigenen Leben ein baldiges Ende bevorsteht.

Diese endliche Misere trägt ihren Ursprung zum Teil schon im weit zurückliegenden Tod des Vaters Heinrich Lees. Schon zu Beginn des Romans, nämlich im vierten Kapitel des ersten Bandes, wird dem Rezipienten vom Ich-Erzähler Heinrich Lee über dessen Vater mitgeteilt: „Das Ende war, daß er plötzlich dahinstarb, als ein junger, blühender Mann, (…). Er ließ seine Frau mit einem fünfjährigen Kinde allein zurück und dies Kind bin ich.“ (S. 71). Die kausale Folge des Vatertodes ist, dass Frau Lee, die Mutter des grünen Heinrichs, ihren Sohn fortan als Witwe erziehen muss. Ihr obliegen somit sämtliche Pflichten und die Ausführung der Erziehungsmaßnahmen, die nötig sind, um ihrem Sohn den Einstieg in eine gesellschaftliche Laufbahn zu ermöglichen. Dass dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist, liegt gewiss nicht zuletzt am Versagen der zwangsweise einseitigen Erziehung des grünen Heinrichs durch die Witwe Elisabeth Lee.

Der Schwerpunkt dieser Bearbeitung liegt auf dem ökonomischen Verhalten der Mutter in allen erzählerisch abgedeckten Lebenslagen und der Auswirkung desselben auf den Sohn, den Protagonisten Heinrich Lee. Denn, wie es Ulrich Kittstein formuliert: „[Die] Frage nach der wirtschaftlichen Selbstständigkeit des Helden, die mit seiner Etablierung als vollgültiges Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft identisch wäre, zieht sich als ein zentrales Thema durch den gesamten Roman“5. Der Aspekt der Ökonomie ist in Kellers Roman omnipräsent. Auch die Mutter tritt immer wieder in auffallend wirtschaftlichem und haushälterischem Verhalten in Erscheinung und so wird der Rezipient an zahlreichen Romanstellen Zeuge ihrer ökonomischen Ansichten, die mehrfach explizit in Form von Sprichworten oder Verhaltensweisen dargestellt sind.

In vorliegender Arbeit soll zunächst einmal die Figur Elisabeth Lee näher betrachtet werden, indem ihre, im Roman genannten, äußeren Merkmale und ihre wiederkehrenden charakteristischen Wesenszüge gelistet werden. Als nächstes soll erläutert werden, worin die ökonomischen Ansichten und Verhaltensmuster der Mutter des grünen Heinrichs begründet sind, woher sie stammen und wodurch sie motiviert sein könnten. So wird das geistliche Elternhaus der Mutter des grünen Heinrichs in Augenschein genommen. In diesem Rahmen eröffnet sich die Frage, weshalb sich Frau Lees ökonomische Ansichten immer wieder mit religiösen Motiven vermischen und inwieweit ihre Religiosität mit ihrem ökonomischen Habitus zusammenhängt. Des Weiteren wird dann der Wandel ihres ökonomischen Verhaltens durch die äußeren Umstände thematisiert. Das heisst, es wird die Haushaltung der früheren Ehefrau Lee dem Haushalt der späteren Witwe Lee gegenübergestellt, sodass Vergleiche ermöglicht und auf diese Weise Tendenzen in Bezug zu ihrem wirtschaftlichen Verhalten schlussgefolgert werden können. Im darauf folgenden Schwer- und Hauptpunkt der Betrachtung soll dann die Erziehungsauswirkung auf den grünen Heinrich und speziell das Versagen der Elisabeth Lee in ihrer Rolle als alleinerziehende Mutter näher beleuchtet werden. Es stellt sich abschließend die Frage, ob die defizitären Erziehungsmaßnahmen der Witwe Lee das verschwenderische und egozentrische Wesen des Sohnes dermaßen begünstigen, dass sie die Fügungen zum tragischen Ende hin sogar fördern. Ist Elisabeth Lee womöglich eine Teilschuld am eigenen Tod und so auch dem tragischen Ende des Protagonisten beizumessen? Die Arbeit endet schließlich in einer zusammenfassenden Schlussbetrachtung, welche sämtliche Resultate noch einmal aufzeigen, verdeutlichen und zueinander in Verbindung setzten wird.

2. Die Mutter des grünen Heinrichs – Elisabeth Lee

Gleich zu Beginn des Romans wird die Mutter des grünen Heinrichs eingeführt und ist dann vor allem während der ersten beiden Bände in Form physischer Präsenz immer wieder gegenwärtig. Eine tragende Rolle aber in der Form, dass sie auf die Entwicklung des grünen Heinrichs den wohl größten Einfluss hat, spielt sie durch die gesamte Romanhandlung hindurch, selbst in ihrer Abwesenheit. Die Mutter bestimmt sein Gewissen und somit bis zu einem gewissen Punkt seine Taten, denn der grüne Heinrich handelte nicht, wie er handelt, wenn er nicht durch die Hand Frau Lees erzogen, beziehungsweise verzogen worden wäre.

In ihrer Äußerlichkeit wird die Mutter im ersten Kapitel des ersten Bandes beschrieben wie folgt: „eine geringe Frau von etwa fünfundvierzig Jahren, an welcher weiter nichts auffiel, als daß sie noch kohlschwarze schwere Haare hatte, was ihr ein ziemlich junges Ansehen gab; auch war sie um einen Kopf kleiner als ihr Sohn.“ (S. 18). Erst unmittelbar vor dem Romanende, nämlich im fünfzehnten Kapitel des vierten Bandes, wird dem grünen Heinrich von einem ihm unbekannten alten Mann von dem Aussehen der Mutter zu Zeiten derer Kindheit berichtet. Er sagt: „Das Kind hatte ein närrisches rosenrotes Kleidchen an und lächelte so holdselig und gut, daß ich so dachte: dies ist einmal ein sauberes und freundliches Kind, das wird es gewiß immer gut haben.“ (S. 897). Gerade zu jener vorangeschrittenen Stelle des Romans, da die Mutter bereits verstorben ist, ist der ironische Gehalt in der Vermutung des Unbekannten nicht zu verkennen.

Die Charakterzüge der Elisabeth Lee erfahren, im Vergleich zur flüchtigen Beschreibung ihrer äußerlichen Erscheinung, die weitaus häufigere Zuwendung des Erzählers. Aus der ersten literarischen Begegnung mit Frau Lee geht bereits hervor, dass sie eine ordnungsliebende und sorgsame Person ist. Sie packt den Koffer für ihren Sohn und achtet dabei besonders auf die Schonung der Hemden. Für die künstlerischen Vorlieben Heinrichs hat sie allerdings weniger Feingefühl. Der auktoriale Erzähler berichtet hierüber: „mit richtigem Sinn hatte die gute Frau Mappen und Bücher auf den Boden gebreitet; nur hatte sie mit weniger Zartheit verschiedene Bogen und Papiere nicht genugsam zusammengeschichtet, so daß einige derselben an den Wänden des Koffers gekrümmt wurden, was der Sohn eifrig verbesserte. Für Papier haben die meisten Hausfrauen überhaupt nicht viel Gefühl, weil es nicht in ihren Bereich gehört.“ (S. 18). Schon hier veranschaulicht der Erzähler das Unverständnis der Mutter des grünen Heinrichs bezüglich dessen angestrebten Künstler-Handwerks. Weitere wiederkehrende Merkmale und wichtige Charakteristika der Mutter sind ihr ausgeprägter Gottesglaube, ihr ökonomisches Verhalten und die eher verhaltene Beziehung zum Sohn. Letztere ist im Fall Frau Lees allerdings kein Indiz für mangelnde Mutterliebe, denn ihr hervorstechendstes Merkmal ist die unbedingte Aufopferung für den eigenen Sohn, den grünen Heinrich. Sie verzeiht ihm im Verlauf des Entwicklungsromans schwerwiegende Vergehen wie Diebstahl, Lügen und Verschuldung und unterstützt ihn, bis zuletzt, in finanzieller Form, und dies selbst noch unter Aufopferung ihrer letzten lebensnotwendigen Ressourcen. Die Geschichte der Nebenfigur Elisabeth Lee ist die tragische Geschichte des sich allmählich abzeichnenden Untergangs einer verwitweten, alleinerziehenden Mutter in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Um das Bild dieser Figur genau herauszuarbeiten und die Problemstellung so möglichst genau zu erfassen, soll im Folgenden zunächst einmal ihre Herkunft und somit der Ursprung ihres ökonomischen Verhaltens thematisiert werden.

3. Herkunft der Mutter/Ursprung ihrer Ökonomie

Dominik Müller schreibt in seiner Interpretation zum grünen Heinrich: „In keinem anderen Bildungsroman deutscher Sprache wird der Kindheit des Protagonisten so viel Aufmerksamkeit geschenkt, werden die Wurzeln von dessen Lebensproblematik so sorgfältig bis in die frühsten Jahre zurückverfolgt.“6 Wer nun das verschwenderische Wesen des Protagonisten Heinrich Lee verstehen und den Entstehungsgrund jenes Wesens hinterfragen möchte, kann sein Interesse nach den vom Ich-Erzähler so umfangreich geschilderten Kindheitsjahren desselben richten. Ein wesentlicher Aspekt ist hierbei zweifellos die einseitige Erziehung durch die Witwe Elisabeth Lee, welche an zahlreichen Stellen ausführlich geschildert wird. Diese Erziehung muss, seit dem Tod des Vaters, fraglos als ein ökonomisches Handeln der Mutter betrachtet werden, denn gerade als alleinerziehende Mutter eines einzigen Sohnes hängt ihr zukünftiges Wohlergehen aufs Engste von dem Erfolg, beziehungsweise dem Misserfolg des Sprösslings ab. Es wäre die bevorstehende Aufgabe des grünen Heinrichs, seine verwitwete Mutter in fortgeschrittenem Alter und körperlichem Unvermögen zu versorgen.

Die Spur der familiären Erziehung kann zeitlich allerdings noch weiter zurück verfolgt werden als nur zur Erziehung Heinrichs durch dessen Mutter, denn der Romantext beleuchtet die Blutlinie des Protagonisten bis zur zweiten Generation vor dessen Geburt und ermöglicht es somit die Erziehungsmaßnahmen der Mutter mit deren Erziehung in Verbindung zu bringen, also das Elternhaus der Mutter des grünen Heinrichs zu untersuchen. Auf diese Weise wird im Folgenden der Versuch angestellt, die erzieherischen Maßnahmen der Mutter zu deuten und möglicherweise von deren eigener Erziehung abzuleiten.

3.1. Elternhaus der Mutter

Im vierten Kapitel des ersten Bandes werden die Herkünfte der Elternteile des grünen Heinrichs beschrieben. Von der väterlichen Seite berichtet der Protagonist in seiner Ich-Erzählung: „Mein Vater war ein Bauernsohn aus einem uralten Dorfe, welches seinen Namen von einer seit vielen Jahrhunderten verschollenen Familie hat.“ (S. 57) und weiter: „Mein Vater starb so früh, daß ich ihn nicht mehr von seinem Vater konnte erzählen hören, ich weiß daher so gut wie nichts von diesem Manne;“ (S. 59). Wissen über die Ahnen väterlicherseits ist bei Heinrich Lee so gut wie nicht vorhanden und auch der auktoriale Erzähler erteilt hierüber keinen weiteren Aufschluss. So kommt es auch, dass die einzigen Informationen, die der grüne Heinrich über den eigenen Vater vorweisen kann, von den subjektiv eingeschränkten Erzählungen der Mutter herrühren.

Dahingegen wird das Elternhaus der Mutter weitaus umfänglicher geschildert. Elisabeth Lees Vater ist Pfarrer, ein reformierter Landesgeistlicher, der „in seiner Person und in seinem Hauswesen allen Stolz, Kastengeist und Lustbarkeit eines warmgesessenen Städtetumes“ (S. 61) vereint. Weiter heisst es über Heinrichs Großvater mütterlicherseits: „Er tat sich etwas darauf zugut, ein Aristokrat zu heißen und vermischte seine geistliche Würde ungezwungen mit einem derben, militärisch-junkerhaften Anstriche. […] Es ging in seinem Hause geräuschvoll und lustig her“ (S. 61). Bekannte und Freunde verweilen dort, um mit dem Pfarrer zu jagen, zu speisen, sogar um zu tanzen und die Freuden des diesseitigen Lebens zu genießen. „Aber diese ganze Herrlichkeit barg bereits den Keim ihres Zerfalles in sich selbst“ (S. 62). Weder der Sohn, noch die Tochter des Pfarrers werden sein Erbe fortführen. Der Sohn heiratet kurzerhand eine Bauerntochter und verlässt das geistliche Elternhaus. Die Pfarrerstochter, die spätere Elisabeth Lee, welche nach der Entsagung des großen Bruders eigentlich dazu bestimmt wäre, einen geistlichen Nachfolger zu heiraten, der in des Pfarrers Haus einziehen und das Amt ihres Vaters fortführen würde, verliebt sich in den, in „feinen, grünen Frack“ (S. 63) gekleideten, Steinmetzgesellen Lee, den späteren Vater des titelgebenden grünen Heinrichs. Schon während dieser Schilderung der Familienverhältnisse der mütterlichen Seite kündigen sich die später so ausgeprägten ökonomischen Attribute Elisabeth Lees auf das Deutlichste an. Über sie heisst es: „sooft sie nur immer konnte, [hing sie] die griechischen Gewänder an den Nagel und zog sich in Küche und Garten zurück, dafür sorgend, daß die unruhige Gesellschaft etwas Ordentliches zu beißen fand“ (S. 63). Das geistliche Elternhaus einerseits, und die schon früh vorhandene haushälterische Ader der Mutter des grünen Heinrichs auf der anderen Seite, plausibilisieren die im späteren Verlauf des Romans so häufig hervortretende Dualität von Ökonomie und Religion in den Ansichten der Figur Elisabeth Lee, welche im folgenden Teil dieser Arbeit ihre Zuwendung erfährt.

3.2. Ökonomie vs. Religion

Im selben Brief an den Verleger Vieweg, aus welchem weiter oben in der Einleitung schon einmal zitiert wurde, fasst Gottfried Keller die Moral seines Buches in einem Sprichwort zusammen: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!“7. Die Romanfigur Elisabeth Lee bedient sich eines hierzu komplementären Sprichwortes, um ihrer Weltanschauung und ökonomischer Wertevorstellung vor ihrem Sohn Ausdruck zu verleihen. „Ihr gewöhnliches Wort war: Wer Gott vergißt, den vergißt er auch“ (S. 87) und laut dem grünen Heinrich selbst scheint sie „das Sprüchwort zu verkörpern: Der Mensch ißt, um zu leben, und lebt nicht, um zu essen!“ (S. 86). Hierfür ist es bezeichnend, dass der grüne Heinrich Gott durch die Ermahnungen der Mutter als „den Erhalter und Ernährer jeglicher Kreatur“ (S. 85) kennenlernt.

Schon anhand der Auflistung dieser wenigen Textstellen wird es klar ersichtlich, dass die ökonomischen Leitsätze der Elisabeth Lee oftmals religiös behaftet sind. Auch wenn die Pfarrerstochter und Mutter des Romanhelden die Nachfolge ihres Vaters nicht sichert, trägt sie sein geistliches Erbe doch in ihren ökonomischen Wertevorstellungen mit sich, welche sie dann wiederum dem grünen Heinrich anerziehen will. Karolina Brock schreibt in ihrem Buch Kunst der Ökonomie über die Hausfrauenökonomie der Frau Lee: „Diese beschränkt sich auf den Glauben an die göttliche Vorsehung, die Notwendigkeit des weltlichen Verzichts, aber vor allem auf eine völlig übertriebene Sparsamkeit, durch die die Mutter die Bestimmung ihrer Witwenexistenz definiert.“8 Im Rahmen seiner Ich-Erzählung berichtet der Protagonist von seiner Mutter: „Ihr Gott war dazumal schon nicht der Befriediger und Erfüller einer Menge dunkler und drangvoller Herzenbedürfnisse, sondern klar und einfach der vorsorgende und erhaltende Vater, die Vorsehung.“ (S. 87). Für den grünen Heinrich besteht allerdings, in jungen Jahren und auch später, kein dermaßen klares Gottesbild wie es ihm die Mutter zu vermitteln versucht. Seine Vorstellung schwankt willkürlich, ehe sie auch nur zu einer ungefähren Ahnung reifen wird. Zuerst manifestiert sich Gott für ihn in dem goldenen Wetterhahn, der die Spitze eines benachbarten Kirchturms ziert, später dann im Abbild eines Tigers, das er in einem Bilderbuch vorfindet (Vgl. S.78, 79).

Während bei der Mutter die ökonomische Sparsamkeit mit ihrer Gottesverehrung in gewisser Weise gleichgesetzt werden kann, ist es bei dem grünen Heinrich zu beobachten, dass es ihm an Ehrfurcht vor dem aufgezeigten Gott im selben Maße mangelt, als vor den Lehren, Regeln und Finanzen der Mutter. Er sagt im sechsten Kapitel des ersten Bandes: „[...] so war mir Gott nachgerade eine farblose und langweilige Person, die mich zu allerlei Grübeleien und Sonderbarkeiten reizte, zumal ich sie bei meinem vielen Alleinsein doch nicht aus dem Sinne verlor. So gereichte es mir eine Zeitlang zu nicht geringer Qual, daß ich eine krankhafte Versuchung empfand, Gott derbe Spottnamen, selbst Schimpfworte anzuhängen, wie ich sie etwa auf der Straße gehört hatte.“ (S. 99).

Max Weber schreibt über die Arbeitsverhältnisse unter dem Einfluss des Calvinismus in seiner Entwicklung: „Dem Herausfluten der Askese aus dem weltlichen Alltagsleben war ein Damm vorgebaut und jene leidenschaftliche ernsten innerlichen Naturen, die bisher dem Mönchtum seine besten Repräsentanten geliefert hatten, waren nun darauf hingewiesen, innerhalb des weltlichen Berufslebens asketischen Idealen nachzugehen.“9 Frau Lees Sohn, der grüne Heinrich, scheitert in der Aneignung jener asketischer Ideale. Seine persönlichen Eigenschaften gleichen mehr denen der, von Weber beschriebenen, „besten Repräsentanten“ des Mönchtums als jenen eines erfolgreichen Wirtschafters; Leidenschaft, Ernst und Innerlichkeit, dies sind zweifellos Attribute Heinrichs, Eigenschaften Arbeitseifer, Fleiß und Askese gehören wiederum nicht zu den seinen.

Dieses Kapitel zusammenfassend ist zu sagen, dass die Ermahnungen und Erziehungsmaßnahmen der Frau Lee nicht nur häufig ökonomischer, sondern auch vielmals religiöser Natur sind, sodass sich in ihren Ansichten der ökonomische mit dem religiösen Aspekt trifft oder genauer gesagt: aus ihm hervorgeht, denn dieser Umstand ist sicherlich in der calvinistischen Konfession und Erziehung Frau Lees begründet. In seinem literarischen Portrait zu Gottfried Keller schreibt Adolf Muschg über den geldlichen Besitz Frau Lees: „Ihr Umgang damit ist, bei Licht betrachtet, eher magisch als »wirtschaftlich«. Auch wenn sie wenig davon hat, sie zählt es nicht; und sie mag es auch im Notfall nicht verschließen.“10 Weiterhin lässt sich an dieser Stelle feststellen, dass der grüne Heinrich nicht nur beim Erlernen des Umgangs mit Geld kläglich versagt, sondern auch keinen wirklichen Zugang zur Religion finden kann. Die Mutter scheitert also in ihrem pädagogischen Auftrag auf beiderlei Ebenen. Ulrich Kittstein schreibt über die Gottesverhältnisse der beiden Figuren: „Heinrichs religiöse Ideen wurden im Roman schon vorher häufig thematisiert und stets mit der momentanen Lage und den charakterlichen Dispositionen des Helden in Verbindung gebracht, dessen Gottesvorstellungen durchweg aus seinen jeweiligen Bedürfnissen und Wünschen erwachsen – ebenso verhält es sich übrigens bei Heinrichs Mutter, die in ihrer sorgenden und sparsamen Art in Gott schlicht einen »Ernährer und Beschützer« sieht.“11. Beide Charaktere, die Mutter wie auch der grüne Heinrich, setzen also in gewisser Weise ihre religiösen Glaubenssätze mit ihren ökonomischen Wertvorstellungen gleich. Frau Lee ist Gottesfürchtig und sparsam, während Heinrich der Zugang zu Gott verwehrt bleibt und er einen vernünftigen Umgang mit Geld nie erlernen wird.

4. Ökonomie der Mutter

Von der Ökonomie der Frau Lee, das heisst, von ihren Haushaltungs- und Verwaltungsmethoden12 liegen in Kellers Roman Der grüne Heinrich reichlich Beispiele vor. Nahezu jede Situation, welche die Rolle der Mutter involviert, ist von ökonomischem Charakter und zeigt so beispielsweise wie sie in sparsamer Weise den Haushalt bewältigt, den Versuch anstellt erzieherische Maßnahmen zu ergreifen oder dem Sohn finanzielle Unterstützung zugesteht. Da der Roman zudem übersichtliche Einblicke in die wechselnden Lebensumstände der Frau Lee gewährt, ist es durchaus möglich, deren ökonomische Verwaltungsmethoden zum Zeitraum da sie als Ehefrau wirtschaftet mit jenen, da sie den Haushalt als verwitwete Mutter verrichten muss, eingehend zu vergleichen. Im Folgenden sollen also die verschiedenen Lebensumstände der Frau Lee anhand des Textes dargestellt und wo möglich verglichen werden.

4.1. Wirtschaft als Ehefrau

Die prägnante Charakterbeschreibung: „Sie […] war der Schrecken der Marktweiber und die Verzweiflung der Schlächter, welche alle Gewalt ihrer alten Rechte aufbieten mussten, einen Knochensplitter mit auf die Waage zu bringen, wenn das Fleisch für die Frau Lee gewogen wurde.“ (S. 67) beschreibt die Ehefrau Elisabeth Lee als eine peinlich genaue, überaus exakte Wirtschafterin, „welche keinen Pfennig unnütz ausgab und den größten Ruhm dareinsetzte, jedermann weder um ein Haar zu wenig noch zu viel zu kommen zu lassen“(S. 87).

Frau Lee hat in der Ehe ausschließlich die verwaltende und wirtschaftende Position einer Hausfrau inne; diese eheliche Konstellation war zur Mitte des 19. Jahrhunderts in der bürgerlichen Gesellschaft allerdings völlig konventionell und bei Weitem nichts Außergewöhnliches. Da der unternehmerische Ehemann die Verdienste einbringt, ist es die Ehefrau, welche diese im häuslichen Bereich verwaltet. Adolf Muschg schreibt, im Zusammenhang mit der Mutter des grünen Heinrichs, über die Rollenzuweisung und die soziale Stellung der Hausfrau des frühen 19. Jahrhunderts: „Die bürgerliche Hausfrau ist am Gelderwerb nicht beteiligt. Es ist sogar Ehrensache, daß sie sich darum nicht zu kümmern habe.“ und weiter: „Ihre Sache ist es, das erworbene Gut auszugeben, wieder in minder abstrakte Lebensmittel zu verwandeln. An der Art, wie sie dies tut, wird sie selbst gemessen, aber auch die Sippe, und besonders der Mann.“13 Diese ihre Sache, gemeint ist natürlich die ökonomische Verwaltung ihres Haushalts, ist, und das schon von kleinauf, genau das Metier der Frau Lee. So kommt es, dass der Unternehmer Lee es seiner Frau verdankt, dass er einst „Ersparnisse vorfand, welche seinem unternehmenden Geiste nebst dem Kredite, den er bereits genoß, eine reichlichere Nahrung darboten.“ (S. 67).

[...]


1 Seitenangaben in Klammern zitiert nach: Gottfried Keller: Der grüne Heinrich. Erste Fassung. Hg. v. Thomas Böning. Frankfurt/M. 2007.

2 Georg Bollenbeck: Keller, Gottfried. In. Metzler Lexikon. Autoren. 4. Auflage. Hg. v. Bernd Lutz/Benedikt Jeßing. Stuttgart 2010. S. 408-410.

3 Ulrich Kittstein: Gottfried Keller. Stuttgart 2008. S. 50.

4 Gottfried Keller: Gesammelte Briefe. Hg. v. Carl Helbling, Bd. 3/2, S. 15-17. Bern 1950-1954.

5 Ulrich Kittstein: Ökonomie und Individuum in Gottfried Kellers Romanen. In. Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 2011. Hg. v. Anne Bohnenkamp. S. 238.

6 Dominik Müller: Der grüne Heinrich (1879/80). Der späte Abschluss eines Frühwerks. In. Interpretationen. Gottfried Keller. Romane und Erzählungen. Hg. von Walter Morgenthaler. Stuttgart 2007. S. 36.

7 Keller: Gesammelte Briefe, Bd. 3/2, S. 15-17.

8 Karolina Brock: Kunst der Ökonomie. Die Beobachtung der Wirtschaft in G. Kellers Roman Der grüne Heinrich. Frankfurt/M. 2008. S. 141.

9 Max Weber: Religion und Gesellschaft. Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Frankfurt/M. 2006. S. 110.

10 Adolf Muschg: Gottfried Keller. München 1977. S. 145.

11 Kittstein: Gottfried Keller. S. 53.

12 „Ökonomie“. In. KLUGE. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Auflage. Berlin/New York 2002.

13 Muschg: Gottfried Keller. S. 145.

Details

Seiten
26
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656837466
ISBN (Buch)
9783656837473
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284028
Institution / Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – Fakultät für Geisteswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
gottfried kellers heinrich ökonomie mutter auswirkung

Autor

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Titel: Gottfried Kellers "Der grüne Heinrich". Die Ökonomie der Mutter und ihre Auswirkung auf den grünen Heinrich