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Instrumentalunterricht für Kinder mit Asperger-Syndrom. Eindrücke, Ideen und Vorschläge für den Unterricht

Masterarbeit 2014 42 Seiten

Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Eineitung

2. Das Asperger – Syndrom
2.1 Begriffserklärung
2.2 Historischer Überblick
2.3 Mögliche Ursachen des Asperger – Syndroms

3. Eigenschaften des Asperger - Syndroms
3.1 Empathie und soziale Interaktion
3.2 Verbale und nonverbale Kommunikation
3.3 Spezialinteressen und Zwangsphänomene
3.4 Fantasie und Kreativität
3.5 Motorische und sensorische Probleme
3.6 Konzentration und Aufmerksamkeit

4. Besuche im Instrumentalunterricht
4.1 Fallbeispiel 1: Klavierstunde eines 14 – jährigen Jungen
4.2 Fallbeispiel 2: Sonderpädagogisches Zentrum Bachtelen

5. Ideen zur Unterrichtsgestaltung
5.1 Planung und Ablauf der Unterrichtsstunde
5.2 Kommunikation mit den Schülern
5.3 Gefühlsausdruck und Emotionalität in der Musik
5.4 Improvisation und Komposition
5.5 Motorik, Unabhängigkeit und Koordination
5.6 Auditives und visuelles Lernen
5.7 Einzelunterricht und Gruppenunterricht
5.8 Raumgestaltung des Unterrichtortes

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

Axel Brauns1

1. Eineitung

Die Schülerin, welche Anlass zu dieser Thesis gab, sprach zunächst kein Wort mit mir. Steif sass sie auf dem Klavierstuhl, wagte nicht einmal mir in die Augen zu schauen, geschweige denn, auch nur einen Ton auf dem Klavier zu spielen. Wenn ich sie dazu bewegen konnte, eine von mir gestellte Aufgabe zu lösen, sei es einen Rhythmus zu klopfen oder eine Notenzeile zu lesen, geschah dies nur mühsam und blieb meist erfolglos. Die einzigen Momente, in denen die Schülerin aufblühte, waren die Improvisationen oder die Imitationsübungen. Kaum hiess ich sie, eine Aufgabe rein auditiv zu lösen, gelang das überraschend gut. Musste sie aber lesen, und sei es auch einen geschriebenen Text, blieben kaum Informationen hängen.

Anfangs dachte ich, diese Schülerin sei bloss extrem scheu und ich müsse einfach noch mehr Geduld haben. Dann aber stiess ich über Umwege auf eine Beschreibung des Asperger – Syndroms, eine tiefgreifende Entwicklungsstörung aus dem Autismus – Spektrum. Ich begann mich zu informieren und fand immer mehr spezifisch zum Asperger – Syndrom gehörende Eigenschaften, welche ich bei der genannten Schülerin wiederfinden konnte. Ich versuchte also, meine Arbeitsmethoden den Bedürfnissen des Mädchens anzupassen: Ich lehrte sie das Meiste über das Gehör, las ihr sogar Texte vor, anstatt sie selber lesen zu lassen. Auch begrüsste ich sie immer mit denselben Worten und zeigte ihr gleich zu Beginn der Stunde den Zeitplan, den ich für sie zusammengestellt hatte. So konnte ich sie nach und nach zu mehr Beteiligung am Unterricht bringen. Dass sie nicht spontan auf Vorschläge von mir reagieren musste, sondern von Anfang an wusste, was auf sie zukommen würde, half ihr enorm. Auch das beinahe komplette Weglassen des visuellen Aufnehmens, welches bei ihr üblicherweise sehr schnell zu Reizüberflutungen geführt hatte, erbrachte ein angenehmeres und produktiveres Arbeiten. Nach einem Jahr, am Ende meiner Stellvertretung, konnte die Schülerin schon viel freier und unbeschwerter spielen - sei es improvisiert oder nach Notentext gelernt – und hatte einen Teil ihrer Verschlossenheit abgelegt.

Diese Begegnung damals regte mich zum Denken an: Was geschieht wohl mit den Kindern, die mit dem Asperger – Syndrom leben, jedoch ganz normal eingeschult werden? Da Asperger – Autisten2 keineswegs Sonderschulen besuchen müssen, werden sie auch an öffentlichen Musikschulen von traditionell ausgebildeten Musiklehrkräften unterrichtet. Vieles kann selbstverständlich im Unterricht mit solchen Kindern durch die Erfahrung und natürliche Empathie einer Lehrperson wettgemacht werden. Trotzdem würde es sehr vieles vereinfachen, wüsste man mehr über dieses Syndrom und die Eigenschaften, die damit einher gehen. Also beschloss ich, genau dies zu meinem Thesisthema zu wählen: der Unterricht für Kinder mit Asperger – Syndrom. Der springende Punkt dabei war, dass ich eine Grenze zur Musiktherapie ziehen wollte. Bei starken Fällen des Autismus, zum Beispiel des frühkindlichen Autismus, werden die Kinder in Sonderschulen oder Heimen betreut und unterrichtet. Dort wird der Unterricht von spezifisch ausgebildeten Lehrkräften, welche zugleich Heilpädagogen und Musiktherapeuten sind, geleitet. Bei Kindern mit Asperger – Syndrom jedoch kann ein ausreichendes Wissen seitens der Lehrkraft nicht vorausgesetzt werden. Manche Barrieren können ohne eine spezielle Unterrichtsweise kaum überwunden werden, es kann schnell zu einer Frustsituation und einem Aufgeben des Musikunterrichtes kommen.

In der Tat aber gäbe es viele Dinge, welche den Unterricht mit Asperger – autistischen Kindern vereinfachen würden und die man problemlos auf die traditionelle Methodik und Fachdidaktik übertragen könnte. Bei der Suche nach solchen Anpassungsvorschlägen war es mir stets wichtig, sie für einen Instrumentallehrer im Bereich des Möglichen zu halten. Musiklehrer sollen nicht primär einen therapeutischen Lehrauftrag erfüllen müssen, sondern ein Instrument spielen lehren. Es ist aber um vieles befruchtender und ergiebiger, wenn der Unterricht auf einer gegenseitigen Vertrauensbasis geschieht, welche nur erreicht werden kann, wenn die Lehrkraft genügend und passend auf den Schüler eingehen kann. Manche Dinge können mit autistischen Schülern sogar einfacher gelingen; andere wiederum stellen grosse Herausforderungen an die Lehrkraft, sei es im fachlichen oder im emotionalen Sinne. Werden aber die anfänglichen Schwierigkeiten überwunden, kann der Instrumentalunterricht für den Schüler zu einem wichtigen Bestandteil seines Lebens werden, aus dem er Selbstvertrauen und ein Wissen über das eigene Können schöpfen kann.

In den folgenden Kapiteln soll zunächst das Asperger – Syndrom aus der Sicht der Forschung beleuchtet werden: Die Geschichte des Syndroms in der psychologischen und psychiatrischen Forschung sowie die Entstehungstheorien, die zum heutigen Zeitpunkt vertreten werden, sind erwähnt. Ein grosser Teil des Theoriekapitels sollen die Diagnosekriterien einnehmen. Diese zu kennen führt zu einer starken Vereinfachung im Verständnis des Asperger – Syndroms.

Des Weiteren wird in Fallbeispielen von den Unterrichtserfahrungen erzählt, die ich bei Besuchen machen durfte. Hier soll ein spezielles Augenmerk auf das Gespräch mit Herrn Kurt Studer geworfen werden.

Aus diesen Erfahrungen und dem Wissen aus der Theorie entwickelte ich das letzte Kapitel, die Vorschläge und Ideen für den Unterricht. Ich verstehe dies als lockere Sammlung von Überlegungen, nicht etwa als Gebrauchsanweisung für den Instrumentalunterricht mit Asperger – Autisten.

Im Anhang findet man den zur Thesis gehörende Prospekt, in dem die Kernaussagen meiner Arbeit in Kürze wiedergegeben werden sollen. Mit diesem Prospekt bezwecke ich eine Verteilung meiner Ideen, damit sie vielleicht einigen Instrumentallehrern Denkanstösse liefern können und das Wissen über das Asperger – Syndrom einem grösseren Publikum zugänglich machen können.

Mein Dank geht an die Mentorin meiner Thesis, Frau Iris Haefely, die mich geduldig begleitete und viel Raum für meine eigenen Gedanken liess. Des weiteren bedanke ich mich bei Herrn Kurt Studer für die Zeit, die er mir im Gespräch gewidmet hat, sowie allen anderen Lehrpersonen, welche mich unkompliziert in ihren Unterricht eingeladen haben. Vor allem aber möchte ich mich bei den Kindern bedanken, die sich mir gegenüber vertrauensvoll und offen verhalten haben und mir einen reichen und frohen Einblick in ihr Leben und ihre Persönlichkeit geboten haben.

2. Das Asperger – Syndrom

„Entscheidend ist nicht primär die „Abweichung“, sondern das, was die Gesellschaft daraus macht. Viele autistische Verhaltensweisen gelten als „sozial nicht akzeptiert“ und erwecken grosses Aufsehen im sozialen Umfeld“.3

Obwohl in den letzten Jahren das Asperger – Syndrom nicht zuletzt durch Filme wie zum Beispiel „Rain Man“, „Mary und Max“ und „Extrem laut & unglaublich nah“ einer breiten Bevölkerung bekannt wurde, ist trotzdem vieles über diese tiefgreifende Entwicklungsstörung noch unerforscht. Es bestehen ebenso Halbwahrheiten wie Mythen und Gerüchte über diese kauzigen Menschen, die immer eine Hochbegabung aufweisen, jedoch nie Freunde finden und sowieso am liebsten immer alleine wären. Um solchen falschen Vermutungen entgegenzuwirken, soll im folgenden Kapitel dem Leser dieses Syndrom näher gebracht und erklärt werden, da ein übergreifendes Wissen für das Verständnis der vorliegenden Thesis von grosser Wichtigkeit ist.

2.1 Begriffserklärung

Im folgenden Abschnitt werden einige Fachausdrücke kurz erklärt, die aus der Autismusforschung stammen und in der vorliegenden Arbeit vermehrt auftreten können. Diese Erklärungen sollen zur Vereinfachung des Leseverständnisses dieser Thesis dienen.

Das Autismus – Spektrum

Es gibt viele verschiedene Arten von Autismus, jedoch werden sie in drei Typen eingeteilt: in den Kanner – Autismus, auch frühkindlicher Autismus genannt, den atypischen Autismus und den Asperger – Autismus. Diese drei Typen haben sehr unterschiedliche Ausprägungen und Eigenschaften, bilden jedoch zusammen das Autismus – Spektrum. Folgend eine Grafik zur Erklärung des Spektrums:

Beim Kanner – Autismus treten Symptome wie starker Bezug zu Gegenständen, repetitive Verhaltensmuster, Verweigerung des Körperkontaktes sowie Schwierigkeiten im Aufbau sozialer Beziehungen bereits im frühesten Säuglingsalter auf, häufig besteht dabei eine eingeschränkte kognitive und sprachliche Entwicklung.

Der Atypische Autismus gleicht in vielem dem Kanner – Autismus, unterscheidet sich aber entweder darin, dass er erst ab dem dritten Lebensjahr auftritt, oder aber es sind nicht genügend Symptome des Diagnosebildes des Kanner – Autismus vorhanden, um letzteren nachweisen zu können. 4

Der Asperger – Autismus, der in dieser Thesis behandelt wird, schliesst Menschen mit normalem bis hohem Intelligenzquotient und normaler sprachlicher Entwicklung mit ein, die jedoch auch Spezialinteressen haben können, sowie Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion, der nonverbalen Kommunikation und in der Motorik aufweisen. Diese Symptome treten erst ab dem dritten Lebensjahr auf und können, im Gegensatz zu schwereren Formen des Autismus, bis zu einem gewissen Masse eingeschränkt werden.

Selbstverständlich gilt diese Einteilung nur als Orientierung, jede einzelne autistische Person besitzt individuelle Eigenschaften, die sich auch aus den verschiedenen Autismusformen mischen können. Die verschiedenen Autismusformen können als verwandte Zustände betrachtet werden, die in ihrer Vielfältigkeit auch von einem eventuellen Auftreten einer begleitenden geistigen Behinderung abhängig sind. So reicht das Spektrum vom atypischen Autismus über den Kanner - Autismus mit häufig auftretender schwerer geistigen Behinderung, bis zum Asperger – Autismus mit normaler oder hoher Intelligenz. 5

Theory of Mind

Die Theory of Mind, auch „Theorie des Mentalen“ genannt, ist ein aus der Psychologie stammender Begriff und steht für die Fähigkeit eines Menschen, sich in die Gedanken – und Gefühlswelt einer anderen Person hineinzuversetzen.Dies bedingt nicht nur eines gewissen Masses an Empathie, sondern setzt auch voraus, Gesten und Mimik anderer Menschen lesen und interpretieren zu können. Somit benützen Menschen diese Fähigkeit in jedwelcher Art von zwischenmenschlicher Kommunikation, aber auch zum Verständnis von Filmen, Comics und anderen bildlichen Darstellungen menschlicher Handlungen.

In den letzten 15 Jahren ging die Autismusforschung davon aus, dass genau in dieser Fähigkeit bei Autisten ein grosses Defizit besteht. Es wurde daher angenommen, dass Menschen mit Autismus etwas unter normal entwickelten Menschen als natürlich Geltendes nicht verstehen können: dass andere Menschen eine eigene innere Welt, eine Psyche besitzen6. Dies kann dazu führen, dass Autisten gewisse Denkweisen und die entsprechenden Handlungen der Menschen in ihrem Umfeld schlicht nicht deuten können, was zu Problemen wie Abschottung, Agressivität oder Einsamkeit führen kann.

Heute ist der direkte Zusammenhang zwischen dem Autismus und einem Defizit der Theory of Mind umstritten; vielmehr ist es eine der vielen Erklärungen, mit der der Autismus zu ergründen versucht wird.

Zentrale Kohärenz

Die zentrale Kohärenz befähigt normal entwickelte Personen, zahlreiche einzelne Details und Sinneseindrücke zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzufügen und dementsprechend reagieren zu können. Bei Asperger – Autisten und interessanterweise auch bei Schizophreniepatienten ist diese Fähigkeit nur schwach ausgeprägt, was dazu führt, dass diese Personen in vielen Situationen überfordert sein können. Sie erleiden eine Reizüberflutung, auch Overload genannt, die im schlimmsten Falle zu einer totalen Handelsunfähigkeit führen kann und in jedem Fall die Konzentrationsfähigkeit um vieles erschwert.

Exekutive Funktionen

Die exekutiven Funktionen sind geistige Fähigkeiten, welche dazu dienen, ein Individuum seine Umwelt einschätzen und adäquat handeln lassen zu können. Sie begleiten die Planung und die Ausführung komplexer Handlungen, wie zum Beispiel das Einschätzen eines sich nähernden Hindernisses, die Setzung von Prioritäten oder das Auslösen der nötigen Aktionen. Bei hirnorganischen Schäden sowie bei Entwicklungsstörungen wie zum Beispiel dem Autismus oder auch der Schizophrenie und dem Borderline – Syndrom sind die exekutiven Funktionen nur bedingt verlässlich. Dies führt dazu, dass diese Personen ihre Handlungen schwieriger planen, initiieren und koordinieren können, was das Ausführen von Tätigkeiten und Aktionen im hohen Masse beeinträchtigen kann.

Spiegelneuronen

Die Spiegelneuronen oder auch Spiegelzellensystem genannt, ermöglichen es einem Individuum, sich in ein Gegenüber einfühlen zu können, Empathie zu empfinden, an dessen Weltwahrnehmung teilzunehmen, ein motorisches Gedächtnis zu entwickeln und komplexe Bewegungsabläufe lernen zu können.7 Auffällig ist, dass die Spiegelneuronen beim Beobachten einer Aktion genau dieselben Nervensignale aussenden, wie wenn die Aktion selber durchgeführt wird. Wenn also eine Person sieht, wie eine andere zum Beispiel einen Stein aufhebt, dann geben die Nervenzellen der ersten Person dieselben Signale ab, wie wenn sie den Stein selber aufheben würde. Dadurch wird klar, welche Wichtigkeit die Spiegelneuronen beim Imitationslernen haben. Sieht ein Instrumentalschüler, wie sein Lehrer eine Tonleiter spielt, ist ein gewisses Wissen und Können schon durch das reine Beobachten vermittelt und übertragen worden. Dasselbe gilt für alle Dinge, die Kleinkinder bei Erwachsenen abschauen, imitieren und somit lernen: Mimik, Gestik, Sprache, Ausdruck von Empathie.

Bei autistischen Menschen sind die Spiegelneuronen bisweilen weniger ausgebildet, was dazu führt, dass sie im Kindesalter weniger problemlos imitieren können oder sogar generell kein Interesse an vorgezeigten Aktionen haben. Dies kann ein Grund dafür sein, dass autistische Personen Mühe haben, Mimik und Gestik der anderen Menschen zu deuten, da es auf sie wie eine Fremdsprache wirkt, in der sie sich selber nicht zurecht finden. Auch führt dies dazu, dass ein autistisches Kind zum Beispiel nicht versteht, warum ein anderes Kind weint, wenn es ihm das Spielzeug wegnimmt. Sich in das andere Kind hineinversetzen zu können und auf emphatischer Ebene dessen Trauer verstehen zu können, kann aufgrund der schwach ausgeprägten Spiegelneuronen eine unlösbare Aufgabe sein.

2.2 Historischer Überblick

Der Begriff „Autismus“ erhielt zunächst nur im Zusammenhang mit dem Krankheitsbild der Schizophrenie einen Platz in der noch jungen Forschung der Psychiatrie. Geprägt wurde er durch Schriften des schweizerischen Psychiater Eugen Bleuler (1857 – 1939), welcher den Autismus als sekundäres Symptom bei schizophrenen Personen beschrieb. Dabei ging er davon aus, dass sich das egozentrische und asoziale Denken mancher Schizophreniepatienten auf diese Weise ausdrücke. Die durch diesen Hintergrund geprägten Begriffe des Autismus wurden wenig später von Sigmund Freud übernommen und mit dem Wesenszug des Narzissmus gleichgesetzt.

In den Jahren 1943 und 1944 publizierten der in Amerika lebende Kinderpsychiater Leo Kanner (1891 – 1981) und der österreichische Kinderarzt Hans Asperger (1906 – 1980) unabhängig voneinander Untersuchungen über ihre Beobachtungen von Kindern und Jugendlichen mit ausgeprägten Kontaktstörungen. Beide bezeichneten diese Wesenszüge als „autistisch“ und bezogen sich damit auf Bleulers Definition. Anders als er jedoch unterschieden sie von schizophrenen Menschen, die sich nach und nach aktiv in sich zurückziehen und autistischen Personen, die bereits in einen Zustand des in – sich – gekehrt - seins geboren werden und gaben somit dem Autismus eine eigenständige, von anderen psychischen Auffälligkeiten unabhängige Form.

Trotz der erstaunlichen Zeitgleichheit der beiden Publikationen gibt es einen erheblichen Unterschied zwischen dem nach ihm benannten Kanner – Autismus und der von Asperger benannten „autistischen Psychopathie“, der hier in Kürze erklärt werden soll: Leo Kanner beschreibt Kinder, die eine starke Verzögerung in der Sprachentwicklung aufweisen und meistens ein Intelligenzspektrum von geistiger Behinderung bis zur durchschnittlicher Intelligenz abdecken. Ihr Sozialverhalten geht bis zur totalen Abkapselung. Alle diese Besonderheiten konnte Kanner schon von frühesten Kindesalter beobachten und beschreiben, weshalb der nach ihm benannte Kanner – Autismus auch frühkindlicher Autismus genannt wird.

Hans Asperger jedoch beobachtete Kinder, die erst ab dem dritten Lebensjahr verhaltensauffällig werden. Diese Kinder weisen ebenfalls eine Tendenz zur Abkapselung auf und sind oft im emotionalen Bereich gehemmt. Ihre Sprachentwicklung ist aber - abgesehen von einer manchmal pedantischen Sprechweise und einer ungewöhnlichen Prosodie - bei weitem nicht so beeinträchtigt wie bei den von Kanner beschriebenen Kindern. Auch weisen die Patienten von Asperger einen hohen Intelligenzquotienten auf, der bis zur Hochbegabung gehen kann und sie hegen häufig ein grosses Interesse für eine spezifische Thematik. Hans Asperger distanzierte sich also in seinen Schriften viel deutlicher von Bleulers Ansichten, als dies Leo Kanner tat.

Während Kanners Arbeiten namens „The Nervous Child“ sehr schnell einer grossen Öffentlichkeit bekannt wurden und die Autismusforschung über Jahrzehnte hinweg prägten, gingen Aspergers in der Schweiz publizierten Schriften in den Wirren des zweiten Weltkrieges unter und erhielten lange keine erhebliche Beachtung. Erst als die britische Psychiaterin Lorna Wing (1928 – 2014) im 1981 erschienenen Aufsatz „Aspergers Syndrom – a clinical Account“ Aspergers Forschungen aufgriff und zudem erstmals den Begriff „Asperger – Syndrom“ als Ersatz des negativ assoziierten Begriffes der „autistischen Psychopathie“ verwendete, wurde Hans Aspergers Publikation mehr Aufmerksamkeit geschenkt.8

Gleichzeitig sprach sich Wing für eine Einführung des Begriffes der „Autismus – Spektrum – Störung“ aus, da es ihrer Meinung nach viele verschiedene Formen des Autismus gibt, die miteinander verwandt sind, sonst aber sehr unterschiedlich auffallen können. Somit war Lorna Wing eine der ersten Forscherinnen, welche die heutige Kategorisierung des Asperger – Syndroms als Untergruppe des Autismus - Spektrums und tief greifende Entwicklungsstörung mit eigenen Diagnosekriterien vertrat. Seit Aspergers Werke 1991 ins Englische übersetzt wurden, erhielt die Autismus – Forschung einen starken Anstoss, so dass die meisten heutigen Erkenntnisse in den letzten 15 Jahren erlangt wurden. Dies führte jedoch auch dazu, dass bei immer mehr Kindern und mitunter auch erwachsenen Personen, die eher einen zurückgezogenen, introvertierten Charakter haben, Asperger diagnostiziert wird, so dass das Asperger - Syndrom ein wenig dazu neigt, eine Modediagnose zu werden.

2.3 Mögliche Ursachen des Asperger – Syndroms

Über die gesicherte Ursache des Asperger – Syndroms ist sich die Forschung bis heute nicht im Klaren. Es bestehen mehrere Erklärungsgrundsätze, die sich zum Teil gegenseitig ergänzen können.

Viele Theorien wurden im Laufe der Jahre widerlegt, wie zum Beispiel die Annahme, dass eine Überzahl von männlichen Geschlechtshormonen bei menschlichen Föten zu Asperger - Autismus führen kann. Da gewisse Eigenschaften wie die erschwerte Kommunikation oder der Mangel an Empathie früher eher mit Männern als mit Frauen in Verbindung gebracht wurde, ging man davon aus, dass sich Menschen mit Asperger wie „extreme“ Männer verhalten und daher unter einem zu grossen Testosteroneinfluss stehen müssen. Von dieser Theorie wurde jedoch glücklicherweise in der neueren Forschung abgesehen, einzig die Feststellung, dass Testosteron Autismus begünstigen kann und daher mehr Jungen als Mädchen betroffen sind, ist haltbar.

Eine wichtige Feststellung ist ein bestehender erblicher Faktor: In den meisten Familien kommen mehr als eine Person mit Asperger – Syndrom vor. Auch erhöht sich das Risiko des Autismus mit dem steigenden Alter der Eltern, was für eine Genmutation spricht.9 Diese Theorie ist jedoch zum jetzigen Zeitpunkt noch schwierig zu belegen, da das Asperger – Syndrom erst seit kurzer Zeit genauer diagnostiziert werden kann und somit ein Wissen über vorangehende Generationen fehlt.

Eine weitere Theorie ist die biologische Ursache des Syndroms, die davon ausgeht, dass autistische Menschen - auch solche mit Kanner – Autismus und atypischem Autismus - als Neugeborene eine Hirnblutung oder andere organische Schäden des Gehirns erlitten haben und ihre Entwicklungsstörung von daher stammen kann. Solch ein Schaden kann auch durch Infektionskrankheiten, die das Kind in seinen ersten Lebensjahren oder noch während der Schwangerschaft erlitten hat, entstehen. Gegen diese These spricht jedoch die Tatsache, dass gerade Menschen mit Asperger keineswegs eine verzögerte oder gar geschädigte neurologische Entwicklung durchleben und somit der Ursprung für dieses Syndrom nicht genau derselbe sein kann wie beim Kanner – Autismus.10

Die heute wohl gängigste These beschäftigt sich mit den Spiegelneuronen, gewisse Nervenzellen im Gehirn, welche beim Beobachten und Imitieren von äusseren Einflüssen aktiviert werden. Bei normal entwickelten Menschen simulieren diese Zellen dem Gehirn eine Handlung, die der beobachtende Mensch selber jedoch gar nicht durchführt, sondern eben nur als Beobachter erlebt. Durch dieses „erlebte Beobachten“ können Vorgänge geübt werden, ohne sie wirklich durchzuführen. Auch lassen einem die Reflexionen der Spiegelneuronen an emotionalen Geschehnissen teilhaben, zum Beispiel wird bei Gelächter häufig mitgelacht oder zumindest eine positive Stimmung erlebt oder es wird gegähnt, wenn im Blickfeld eine andere Person gegähnt hat.

Die Entdeckung der Spiegelneuronen und ihrer Funktion führte zu der Vermutung, dass genau diese Neuronen bei Autisten unzureichend entwickelt sind und ihnen daher das Imitationslernen und Beobachten von ihren Mitmenschen um ein Vielfaches erschwert wird. (Mögliche Auswirkungen dieser Eigenschaft auf das Lernverhalten autistischer Kinder werden in dieser Thesis später genauer behandelt.)

3. Eigenschaften des Asperger - Syndroms

“Während das ‘normale’ Kind dahinlebt, seiner selbst kaum bewußt, dabei aber ein richtig reagierender Teil der Welt, denken diese Kinder über sich nach, stehen sich selber beobachtend gegenüber, sind sich selbst zum Problem, richten ihre Aufmerksamkeit auf die Funktionen ihres Körpers.” 11

Da sich das Asperger – Syndrom in vielen verschiedenen Schattierungen von leicht schüchtern bis stark autistisch zeigen kann, variieren die Diagnosekriterien und somit die Prävalenzzahlen in der Bevölkerung stark. Neueste Untersuchungen sprechen von einem Vorkommen einer autistischen Störung bei 0.7 % der Kinder, wobei darunter ein Drittel mit dem Asperger – Syndrom leben. Dies entspräche einem geschätzten Vorkommen von 2 – 3,3 aus 10'000 Kindern. Fest steht jedoch, dass Jungen viel häufiger mit Asperger geboren werden als Mädchen, dies etwa in einem Verhältnis von 8:1.12 Ein wichtiger Faktor bei dieser Berechnung ist jedoch die Tatsache, dass bei Mädchen das Asperger – Syndrom häufig schwieriger zu diagnostizieren ist, da Mädchen oft über besser ausgebildete Sozialkompetenzen als Jungen verfügen und so ihr Syndrom bis zu einem gewissen Masse kompensieren können.13

Die Diagnosekriterien zur Erkennung des Asperger – Syndroms wurden wie bereits erwähnt im Laufe der Jahre angepasst und erweitert. Eine heute immer noch gültige Auswahl an Merkmalen stellte Lorna Wing während ihren Forschungen an einem eineiigen Drillingspaar, welches Asperger - Autismus hatte, zusammen,14 hier folgt die deutsche Übersetzung nach Kirsten Hoffmann/Janine Klein:15

Mangel an Empathie

Abweichende soziale Interaktion

Abweichende verbale Kommunikation

Abweichende nonverbale Kommunikation

Spezialinteressen

Begrenzte Fantasie

Motorisches Ungeschick

In den folgenden Subkapiteln werden diese Diagnosekriterien genauer erklärt. Da es in dieser Thesis vor allem um die Auswirkungen der vorliegenden Eigenschaften auf den Instrumentalunterricht gehen soll, wurde zudem der Bereich „Konzentration und Aufmerksamkeit“ hinzugefügt. Es wird jeweils nur die betreffende Eigenschaft erklärt, mögliche Änderungen und Anpassungen, die deswegen im Unterricht fällig werden, finden im fünften Kapitel der Thesis ihre Erwähnung.

3.1 Empathie und soziale Interaktion

Menschen mit Autismus werden häufig als sehr eigenbrötlerisch und einsam beschrieben. Während als normal geltende Menschen Freunde treffen, angeregte Gespräche führen und auf soziale Kontakte grossen Wert legen, sind autistische Personen lieber alleine. Schon im Kindesalter ist diese Tendenz bemerkbar; Kleinkinder scheinen gar kein Interesse daran zu hegen, die Aufmerksamkeit der Eltern zu erlangen und spielen lieber alleine oder mit Erwachsenen als mit gleichaltrigen Kindern. Die soziale Interaktion der Menschen mit Asperger wurde von Lorna Wing in drei Kategorien unterteilt: „zurückgezogen“, „passiv“ und „aktiv, aber seltsam“.16 Erstere Asperger – Autisten halten sich abseits auf und gehen höchst selten aus eigener Initiative auf einen Mitmenschen zu, meistens nur, um ein bestimmtes Bedürfnis zu erfüllen. Die „passiven“ Asperger - Autisten nehmen auch nur selten von sich aus Kontakt auf, sind aber einer Kontaktaufnahme, die durch ihr Gegenüber geschieht, nicht abgeneigt. Letztere, die sich „aktiv, aber seltsam“ verhalten, können äusserst direkt auf Menschen zugehen, sind aber nur an Gesprächen über ein von ihnen gewähltes Thema interessiert und führen die Dialoge dementsprechend an.

Aufgrund dieser Einteilung lässt sich häufig auf die Stärke des Asperger – Syndroms rückschliessen; je zurückgezogener die Person lebt, desto stärker ist in der Regel ihr Autismus.

Da Menschen mit Asperger – Autismus häufig Dinge sagen, die von ihrem Umfeld als unangebracht und pietätlos aufgefasst werden können, gelten sie oft als gefühlskalt und unfreundlich. Dem ist jedoch nicht so; viel mehr verstehen sie manchmal einfach nicht, wieso ihre Aussage verletzend sein könnte, da das Erspüren der Gefühle anderer Menschen für sie ein unlösbares Rätsel stellt. Gründe dafür können das Fehlen der Fähigkeit zur „Theory of Mind“ oder unterentwickelte Spiegelneuronen sein. Hinzu kommt, dass es vielen Asperger – Autisten als unmöglich erscheint, anderen Menschen in die Augen zu sehen und den Blickkontakt aufrecht zu erhalten. Manche haben ebenfalls die Angewohnheit, zu nahe an ihren Gesprächspartner heranzutreten. Dies alles liegt an einer fundamentalen Störung in der sozialen Interaktion, die mit dem Asperger – Syndrom einhergeht und die abgeschwächt, nicht aber behoben werden kann.

Es erstaunt also nicht, dass Menschen mit Asperger – Syndrom oft Mühe haben, soziale Kontakte aufzubauen und diese auszubauen. Gerade bei Kindern fällt auf, dass diese kaum gleichaltrige Freunde haben, da sie den kommunikativen Kodex nicht verstehen und sich daher lieber Erwachsenen zuwenden, die leichter über ihr Syndrom hinwegsehen können. Nichtsdestotrotz wäre es falsch zu behaupten, dass alle Asperger – Autisten gerne alleine sind. Häufig fühlen sie sich einsam und neigen zu depressiven Verstimmungen, da sie sehr wohl bemerken, wie andere Menschen scheinbar mühelos Freundschaften aufbauen können, ihnen dies aber einfach nicht gelingen will. Dabei könnte eine Freundschaft mit einem Menschen mit Asperger sehr bereichernd sein; gerade weil Asperger - Autisten in ihren Aussagen oft schmerzhaft direkt sind und keine versteckten Botschaften vermitteln wollen, sind sie meistens ehrlich und sehr selten manipulativ.

[...]


1 Brauns, S. 9.

2 Ab hier wird in dieser Thesis der Einfachheit halber immer die männliche Personalform verwendet. Selbstverständlich sind damit stets alle Geschlechter gemeint.

3 Weber, S.82.

4 Nach „ICD 10“, der zehnten Version der Klassifikation psychischer Störungen der WHO, Version 2013

5 Gillberg, S. 17.

6 Jørgensen, S. 49.

7 Schrott/Jacobs S. 21

8 Aus „Dr. Lorna Wing, Who Broadened Views of Autism, Dies at 85“, erschienen in „The New York Times“, 19.06.2014

9 Schuster, S. 19.

10 J¢rgensen, S. 45.

11 H. Asperger

12 Aus „Das Asperger – Syndrom - eine Autismus – Spektrum – Störung“, deutsches Ärzteblatt, 2007; Helmut Remschmidt, Inge Kamp - Becker

13 Aus „Das Asperger – Syndrom und seine Häufigkeit“, autismus.ch

14 Burgoine & Wing, S. 261 – 265.

15 Jørgensen, S. 33.

16 Schuster, S. 42.

Details

Seiten
42
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656845317
ISBN (Buch)
9783656845324
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284010
Institution / Hochschule
Hochschule der Künste Bern – Musik Klassik
Note
Schlagworte
instrumentalunterricht kinder asperger-syndrom eindrücke ideen vorschläge unterricht

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