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Die Ironie in Gottfried Kellers "Sinngedicht"

Doktorarbeit / Dissertation 2013 256 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Ausgangslage, Untersuchungsgang und Methode

3. Verortung des Phänomens der Ironie
3.0 Erste Abgrenzung zu ähnlich gearteten Phänomenen
3.0.1 Lüge und Heuchelei
3.0.2 Sarkasmus und Zynismus
3.0.3 Das Komische
3.0.4 Der Witz
3.0.5 Humor
3.0.6 Die Satire
3.1 Klassische Auffassungen
3.2 Literarische Ironie
3.2.1 Prototypen der Ironie
3.2.2 Der Text als Spielraum des Ironischen
3.3 Linguistische Konzeptionen
3.3.1 Pretense Theory
3.3.2 Echoic Mention Theory
3.3.3 Allusional Pretense Theory
3.4 Die Zusammenschau im Integrationsmodell

4. Die Ironie in Gottfried Kellers „Sinngedicht“
4.1 Poetologische Verortung und epochale Zuordnung
4.1.1 Abgrenzung von den ‚Originalgenies’
4.1.2 Positionierung zum Naturalismus
4.1.3 Humor und Ironie in poetologischer Hinsicht
4.2 Architektur des Zyklus
4.3 Die Eröffnung des ironischen Spielraums: Stilironie im Eingangssatz
4.4 Der männliche Sonderling und sein Entwicklungspotenzial in Gestalt des Herrn Reinhart auf Basis seiner erzählerischen Darbietungen
4.4.1 Die Ironisierung des Erwin ironisierenden Herrn Reinhart durch den 0-Narrator: Verweislinien zwischen Reinharts Einstellungen, Lucies Dialogironie und dem Ironieopfer Erwin
4.4.1.1 Reinharts Fehltritt und Erwins Einkauf der Dienstmagd auf dem Boden deutscher Kultur
4.4.1.2 Reinhart als Fremdling in der moralischen Welt - Erwin als Fremdling auf dem Boden deutscher Kultur
4.4.2 Die vermittelte Ironisierung Brandolfs durch den 0-Narrator und Herr Reinharts erster Entwicklungsschritt
4.4.1.1 Äußeres verliert an Gewicht und Ökonomisches bleibt Kriterium bei der Brautwahl
4.4.1.2 Reinharts Wollschäfchen und Brandolfs Liebhaben dieses haushälterisch begabten Frauchens
4.5 Historische Transformationen: Correa,Thibaut und weitere Entwicklungsschritte Reinharts
4.5.1 Der erfolgreiche Vorläufer des guten Bürgersohnes
4.5.2 Der erfolglose Vorläufer des schlechten Bürgersohnes
4.6 Religionskritik und Liebe: Ironisierung der Glasglockenfamilie, Bigotterie und Scheinheiligkeit der Donna Feniza und des Leodegar
4.7 „Die Geisterseher“ als Spiegelachse und Rückschau gesellschaftlicher Disparitäten
4.8 Parabasisches Verfahren: Das überzeichnete Abschlussidyll als ironische Replik im Widerstreit der Kulturen
4.9 Typologischer Vergleich: „Sinngedicht“ und „Symposion“

5. Zusammenfassung

6. Liste gesondert aufgeführter Zitate

7. Abbildungen

Abb. 1 Der symmetrische Aufbau des „Sinngedichts“ unter gesellschaftlichem Gesichtspunkt

Abb. 2 Der Entwicklungsgang Reinharts unter dem Eindruck narrativer und verbaler Ironie

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Schweizer Dichter Gottfried Keller gilt als einer der Hauptvertreter des bürgerlichen Realismus im deutschsprachigen Raum des 19. Jahrhunderts. Im Zeichen dieser literaturgeschichtlichen Einordnung fokussiert sich der Blick der vorliegenden Untersuchung insbesondere auf historische Bedingungen und gesellschaftspolitisch- zeitgenössische Voraussetzungen, unter denen das Werk Kellers entstanden ist, aber auch auf Wirkungsabsichten, um die es dem Dichter zu tun gewesen sein mochte. Zu den erstgenannten Bedingungen können als wichtige Stationen die Befreiungskriege gegen die napoleonische Vormachtstellung in Europa, wie sie sich als unerwartete Folgeerscheinung aus den freiheitlichen Bestrebungen der Französischen Revolution ergeben haben, gerechnet werden. Als politische Voraussetzungen der zeitgenössischen Lebenswelt sind die 1848 scheiternde deutsche Revolution nach lang anhaltender Restaurationsphase und, auf die Schweiz bezogen, die dortige Installation des Bundesstaates nach dem Muster einer demokratischen Gesellschaftsordnung zu nennen.

Man weiß über Gottfried Keller, dass er, nachdem er sich von der Malerei der Literatur als künstlerischem Betätigungsfeld zugewandt hat, seine Berufung zunächst im Bereich des historischen Dramas gesehen hatte, wenngleich seine Bemühungen auf diesem Feld über einige Weiterbildung in neuerer Geschichte und unwesentlichere dramatische Anläufe nicht weit hinausgekommen sind. Auch im „Sinngedicht“ spielt die Historie eine nicht unerhebliche Rolle, deshalb scheint der geschichtliche Aspekt für die vorliegende Untersuchung durchaus relevant. Wie sich bei erstem Hinsehen zeigt, wird in diesem Novellenzyklus Kellers vielerlei unterschwellige Kritik an Gesellschaftszuständen im deutschsprachigen Raum oder an typischen zeitgenössischen Vertretern diverser Gesellschaftsschichten zu einem großen Teil über die Ironie transportiert. In Bezug auf den geschichtlichen Aspekt kommt Kellers Amtszeit als Staatsschreiber der Schweiz als politische Betätigung hinzu; Sein Interesse an den gesellschaftlichen Umbrüchen seiner Zeit, unter deren Eindruck er während seines zweiten Aufenthaltes von 1848 bis 1850 auf deutschem Terrain (Heidelberg; davor München 1842 bis 1844) eine zunächst radikale Position bezieht, bleibt trotz einer scheinbar einsetzenden Mäßigung seiner politischen Haltung rege.

Das „Sinngedicht“ steht, wie die meisten Schriften Kellers, im Zeichen eines langjährigen Schöpfungszeitraumes - hier sind es dreißig Jahre, bis der Zyklus, in den 1850-er Jahren geplant, zunächst als serieller Vorabdruck in der ‚Deutschen Rundschau’ 1881 veröffentlicht wird. Keller hat in diesen dreißig Jahren nicht unablässig daran gearbeitet, aber seine persönliche Entwicklung vom radikalen Befürworter hin zum staatlichen Vertreter demokratischer Ideen dürfte für die Entstehungsperiode bis zur Erstveröffentlichung und für die abschließende Buchausgabe des Novellenzyklus noch im selben Jahr von entscheidender Bedeutung sein. So schlägt sich sein politisches Engagement bereits in ersten literarischen - namentlich lyrischen - Versuchen nieder, die bereits ebenfalls durch ironische Verstehensebenen gekennzeichnet sind. Während sich sein politischer Einsatz nach den Deutschlandaufenthalten mit der Teilnahme an den Freischarenzügen gegen die katholisch-konservative Gesinnung auf Schweizer Boden noch radikal äußert, verändert sich dann Kellers offensiv-unbequemes Handeln mit der Aufnahme der staatsdienstlichen Tätigkeit, wobei der Einfluss des damaligen Züricher Bürgermeisters Alfred Escher einen nicht unerheblichen Faktor bei den offiziellen Meinungstendenzen des Dichters dargestellt haben wird. Die wirtschaftliche Abhängigkeit Kellers von dieser beruflichen Position dürfte dazu beigetragen haben, kritische Haltungen zu diversen politischen Themen und auch gegenüber seinem demokratisch-liberal orientierten Gönner Escher - der, als Vorbild für die Figur des Erwin Altenauer, im „Sinngedicht“ der Kellerschen Ironie zum Opfer fällt -, fortan innerhalb seines schriftstellerischen Werkes eher bedeckt zu äußern. Jedoch nicht allein diese Beobachtung legt nahe, vor allem die Ironie auf der personalen Ebene im „Sinngedicht“ offen zu legen: Eine Äußerung Kellers aufgreifend, in der er die Figur des Rechtsgelehrten Brandolf aus der „Baronin“ im Briefverkehr mit Storm einen ‚Sonderling’ nennt, sind hierbei insbesondere die männlichen Protagonisten unter dem Aspekt der ironischen Kritik zu untersuchen, da beinahe sämtliche dieser Hauptakteure mit dem Typusmotiv des gesellschaftlichen Sonderlings identifizierbar scheinen.1 Einzig der Vater des Protagonisten Reinhart aus der Rahmennovelle, der zudem unter dem Namen Mannelin als eine der Hauptfiguren in der Binnennovelle „Die Geisterseher“ auftritt - und überdies einen nur kurzen Auftritt in der Rahmennovelle hat -, scheint von dieser Zuschreibung ausgenommen. Die Überprüfung dieser These und die Darlegung der hierfür anzusetzenden Gründe soll die vorliegende Untersuchung in Verbindung mit dem damit zusammenhängenden Vorkommen ironischen Sprechens und narrativer Ironie innerhalb des Novellenkranzes leisten.

Indes stehen die hier angesprochenen verbalironischen Elemente, vor allem auf der Ebene der Rahmenhandlung, oft genug in direktem thematischen Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Die Dissertation Ursula Amreins (1994) befasst sich differenziert mit dem Thema der Emanzipation und gelangt zu dem Ergebnis, dass im „Sinngedicht“ die Selbstfindung des männlichen Protagonisten der Rahmenhandlung den Erhaltungsprozess männlicher Vervollkommnung illustriere. Auch diese Bilanz Amreins legt nahe, dass das Hauptaugenmerk auf die männlichen Protagonisten zu richten ist, wenn es um die Ironisierung von Figuren des „Sinngedichts“ gehen soll - denn wiewohl Reinhart im Verlauf der Rahmenhandlung zu seiner ‚persönlichen Vervollkommnung’ gelangt, misslingt dies kontrastreich den männlichen Figuren in den Binnennovellen. Damit ist als zentraler thematischer Schwerpunkt der vorliegenden Untersuchung der Geschlechterdiskurs anzugeben. Das Scheitern des männlichen Selbstvervollkommnungsprozesses auf der Ebene der Einlagen indes liegt nicht direkt auf der Hand, sondern wird erst auf einer subtilen Stufe der Ironie, deren Mechanismen die vorliegende Arbeit im Themenfeld der Geschlechterdifferenz aufzudecken bestrebt ist, in Gänze deutlich.

Auch die „Berlocken“-Novelle bringt das Motiv des gesellschaftlichen Sonderlings im Modus einer Ironie, die auf der personalen Ebene geradezu offen vorgetragen, wobei die Nähe zum Schwank resp. zur Posse evident wird. Der ‚Sonderling‘ der „Berlocken“ ist, wie im Verlauf der Untersuchung gezeigt werden soll, mit dem kulturkritischen Hintergrund des Arrangements dieser Einlage untrennbar verknüpft. Dass ein kulturkritisches Moment auch der „Regine“-Episode innewohnt, in der es um die Ironisierung des amerikanischen Diplomaten Erwin geht, der als Geschäftsmann eine ‚urdeutsche’ Braut in Europa ‚einkaufen’ geht, zeigt dessen totales Scheitern an den kulturell bedingten Unterschieden der Alten und der Neuen Welt, hier im Gegensatz zu den „Berlocken“ nicht in die historische Vergangenheit transformiert, sondern die zeitgenössischen Unterschiede der beiden Kulturräume kontrastierend. Als weiterer thematischer Schwerpunkt ist dementsprechend das Problemfeld ‚Kultur’ zu setzen. Gerhard Kaiser sieht letzteres, über die obige Einschätzung hinaus, in Gestalt eines ‚Kampfes zweier Kulturen’ innerhalb des „Sinngedichts“ verhandelt, indem dort die Deutungshoheit naturwissenschaftlicher Weltsicht gegenüber eines sprachlich-kulturellen Verstehens in Zweifel gezogen wird.2 Die Behandlung der Ironie im „Sinngedicht“ versteht sich als eine Vertiefung der bisherigen Einordnung des Keller-Werkes in die Kategorie des bürgerlichen Humors. Es ist zu erwarten, dass der genaue Blick auf die ironischen Elemente seines Werkes, in der vorliegenden Arbeit weitestgehend auf das „Sinngedicht“ beschränkt, ein besseres Begreifen der in der Tiefe angelegten kritischen Aspekte dieses Zyklus im Speziellen und zudem ein ersprießlicheres Verständnis seines Dichtens insgesamt ermöglicht.

2. Ausgangslage, Untersuchungsgang und Methode

Seit der Veröffentlichung im Jahr 1881 war in der „Sinngedicht“-Forschung lange Zeit Ermatingers Grundthese tonangebend, in diesem Zyklus lasse sich Kellers wichtigstes Problem seines Lebens und Werkes ablesen, nämlich das Verhältnis von Sitte und Sinnlichkeit bzw. als Varianten dessen, das Verhältnis von Freiheit und Bindung, Natur und Kultur.3 Preisendanz in seiner ebenfalls sehr einflussreichen Interpretation hingegen sieht im „Sinngedicht“ „das Spannungsverhältnis von Wesen und Erscheinung, Sein und Schein, Kern und Schale, Gestalt und Vermummung, faktischer Wirklichkeit und Vorstellungswelt als [den eigentlichen] Spielraum menschlicher Schicksale“.4 Andere wichtige Forschungsperspektiven sind im Laufe der zweiten Hälfte des zwanzigsten bis an den Beginn des diesigen Jahrhunderts hinzugetreten, haben bisherige Betrachtungsweisen teils vertieft, teils relativiert und modifiziert, zumindest in den meisten Fällen jedoch neue Verstehenshorizonte bezüglich des Zyklus eröffnet.

Während Amrein (1994) unter emanzipatorischem Blickwinkel die Diskursivität der Geschlechterdifferenz zum thematischen Zentrum des „Sinngedichts“ erhebt und das Weibliche in Funktion der Erhaltung des männlichen Vervollkommnungsprozesses betrachtet5, konzentriert sich, auf diesen Befund aufbauend, die Forschung jüngerer Zeit auf kulturelle Aspekte, die dem Zyklus inhärent eingeschrieben seien. So untersucht beispielsweise Brandstetter (1999) ausgehend von Erkenntnissen des ‚New Historism’ (Stephen Greenblatt) die Zeichenhaftigkeit der kulturellen Aneignung des Fremden, welche v. a. die „Berlocken“-Novelle thematisch präge.6 In vergleichbare Richtung zielen Bischoff (2003), die innerhalb des „Sinngedichts“ das Handlungsschema der Eroberung als strukturbildend begreift und auf die Engführung der diskursiven Verknüpfung von Kolonial- und Geschlechterdiskurs hinweist7, und Rácz (2007), indem diese ebenfalls interkulturelle Aspekte des „Sinngedichts“ näherer Betrachtung unterzieht und dabei, wie bereits Amrein und Bischoff, das Verhältnis der Geschlechter berücksichtigt.8 An diese beiden in der jüngeren Forschung behandelten Themenkreise, Kulturkritik und Genderdebatte, wird die vorliegende Arbeit anschließen, indem der Blick auf ironische Elemente des Zyklus geworfen wird, die in einem Zusammenspiel von verbaler und narrativer Ironie die Verhandlung besagter Themen subtextuell zu unterstützen scheinen. Immer wieder werden innerhalb der „Sinngedicht“-Forschung ironische Aspekte des „Sinngedichts“ und auch anderer Werke Kellers angesprochen: So stellt schon Essl fest, dass bei Keller der empirische Fall dargestellt und zugleich der ideale gemeint sei, worauf bei ihm die Ironie beruhe (Essl, S. 39f.); nennt Sandberg Russell (1981, S. 32) Keller einen „subtilen Ironiker“; meint Kuchinke-Bach (1992, S. 52) bezogen auf Lucies Bildungshunger, Keller bediene sich der „ironischen Aufhebung“, und, die äußerliche Erscheinung der Baronin Hedwig von Lohausen betreffend, der „ironischen Distanzierung“ (ebd., S. 59); spricht Schilling (1998, S. 177) von „struktureller Ironie“, die sich durch die Bezugnahme der Einlagen untereinander ergebe; bescheinigt Brandstetter (1999, S. 317) der Erzählerin der „Berlocken“-Episode, nämlich Lucie, „kritisch-ironische Distanz“ innerhalb ihres Berichts; begreift Bischoff (2003, S. 372) in ihrer auf das Zusammenspiel von Eroberungs- und Genderdiskurs ausgerichteten Analyse eben jene Protagonistin auch „ironisierend“; liest Hildebrandt das in der „Baronin“ wiederkehrende Zitat des Logau- Sinnspruchs durch Reinhart als Selbstironie. Zeller (2002, S. 149 u. 152) indes sieht nicht nur die Begegnung Reinharts mit Lucie im Zeichen der Ironie, sondern auch die Beschreibung der drei ‚Parzen‘ in der „Regine“-Episode.9

Da die bisherige Forschung allerdings an diesen zumeist sehr oberflächlich anmutenden Bemerkungen über die wiederkehrend auftretende Ironie im „Sinngedicht“ stehen bleibt, nachdem Kellers Schreibstil bereits mit dem bürgerlichen Humor identifiziert worden ist, der ab den „Seldwyler Novellen“ zu den herausragenden Merkmalen seines Werks gerechnet wird, sind diese knappen Erwähnungen im Verlauf der Werkuntersuchung genauer zu beleuchten. Eine Ausnahme hinsichtlich einer bloß oberflächlichen Betrachtung des „Sinngedichts“ aus der Perspektive der Ironie dürfte Herbert Anton darstellen. Unter Rückgriff auf Henkel und Reichert verfolgt er im „Sinngedicht“ insbesondere Ironie auf der Stilebene, die sich unter Einsatz mythologischer Elemente realisiert. Im Kapitel zur romantischen Ironie (4.1.1) und an ausgesuchten Stellen der Werkanalyse wird darauf zurückzukommen sein.

Im Sinne der obigen Differenzierung von Humor und Ironie hat Preisendanz in seiner ausführlichen Arbeit von 1976 den „Humor als dichterische Einbildungskraft“ analysiert und an den Beispielen von Hoffmann, Keller, Fontane und Raabe behandelt.10 Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive wird hier die Ironie als ein dem Humor subsumierendes Phänomen verstanden, und so prägt Preisendanz den Begriff eines „im Innern liegenden Prinzips“. Auch Martini zufolge müsse nicht die Ironie, sondern der Humor als „der dominante epische Kunstgeist im Erzählen der realistischen Generation anerkannt“ werden. Die Ironie finde sich in diesem Erzählen eingebettet in das Poetische des Humors als Vermittlung zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven11. Damit wird eine wichtige Etappe der vorliegenden Untersuchung die genauere literaturtheoretische Erörterung der Unterscheidung beider Phänomene sein. Sie findet sich in dieser Arbeit unter Kapitel 4.1.3.

Ebenfalls bedeutsam erscheint die Abgrenzung der Ironie von Phänomenen wie der Lüge, der Heuchelei und anderen flüchtig betrachtet ähnlichen Erscheinungen. Eine solche Differenzierung soll zu Beginn des Theoriekapitels (3.0) vorgenommen werden, indem dort zunächst ein intuitives Vorverständnis zu skizzieren ist, ohne dass eine spezielle disziplinäre Ausrichtung damit verbunden wird. Auf diese Weise erscheint es möglich, sich der grundlegenden Stoßrichtung auf der ironietheoretischen Ebene zu vergewissern.

Zur weiteren Annäherung an das Phänomen ist seine Betrachtung auf der Aspektebene und auf der Gegenstandsebene zu unterscheiden. Auf der Aspektebene divergiere ihre Einordnung, je nachdem, ob sie „gesprächsanalytisch, sprechakttheoretisch, empirisch- psychologisch, philosophisch, literatur- oder kulturwissenschaftlich untersucht wird“.12 Wesentliche Forschungsperspektiven in ihren jeweils besonderen Ausprägungen werden in den Abschnitten 3.1 bis 3.3 eingenommen. Auswahlkriterium für zu verwendende Ansätze und Theorien soll der mögliche Erklärungswert für die Untersuchung der Ironie im „Sinngedicht“ sein. Nicht allein um die Ursprünge des Phänomens zu klären, ist ein Blick in die antike philosophische und rhetorische Tradition zu werfen (Kapitel 3.1), in welcher letzteren wiederum die Schnittmenge von literarischer und philosophischer Ironie zu erblicken ist. Kapitel 3.2 geht auf zwei literaturtheoretische Modelle zur Ironie ein, die Müller’sche Prototypentheorie und die Spielraumtheorie nach Allemann, welche maßgeblich zur Erhellung der Ironie des „Sinngedichts“ auf der narrativen Ebene beitragen dürften.

Auf der Gegenstandsebene indes ist die Unterscheidung verschiedener Ausdrucksformen der Ironie zu treffen. Für das „Sinngedicht“ lässt sich festhalten, dass hier Ironie entweder als verbale Ironie, nämlich als Element faktischer Kommunikationssituationen13, oder als Struktur- resp. Kompositionsmittel auftritt; Letzteres wird in der Forschung mit wechselnden Termini wie ‚epische‘- , ‚narrative‘- oder auch ‚literarische Ironie‘ belegt. Mit der Unterscheidung der Ebenen zeigt sich einmal mehr, wie sich die Ordnungslinien überschneiden; So spielt etwa für die linguistischen Ansätze der Gegenstandsbereich der verbalen Ironie eine zentrale Rolle, während sie zugleich der Aspektebene verbunden ist, auf der unterschiedliche Perspektiven eingenommen werden, die wiederum beispielsweise sprechaktanalytisch oder gesprächsanalytisch orientiert sein können. Auch ihre Verbindung zur Rhetorik und Philosophie kann hier zur Unklarheit beitragen, so dass Aspekt- und Gegenstandsebene deutlich voneinander unterschieden werden sollten.

Da es sich auf den ersten Blick bei einem nicht unerheblichen Teil der Ironie des „Sinngedichts“ um eine solche handelt, die sich konkret in den fiktiven Gesprächssituationen der Akteure niederschlägt, wird also als notwendig erachtet, eine explizite Behandlung der verbalen Ironie aus sprachwissenschaftlicher Perspektive durchzuführen. Mit der Konzentration auf letztere, deren Anwendung auf ein poetisches Werk zunächst befremdlich scheinen mag, soll ein verlässlicher Einblick in Funktions- und Wirkungsweisen der verbalen Ironie erarbeitet werden, um von dort aus ihre Einbettung in literarische Texte betrachten zu können.14 Einer solchen Aufgabenstellung widmet sich Kapitel 3.3 im Einzelnen. Hier werden die modernsten linguistisch-pragmatischen Ansätze in ihren Grundzügen nachgezeichnet, um dann in der Darstellung des Integrationsmodells nach Preukschat zu münden, das zudem den Anspruch erhebt, eine interdisziplinäre Betrachtungsperspektive einzunehmen (Kapitel 3.4).

Die Ausgedehntheit des Phänomens auf die o. g. Disziplinen verlangt, innerhalb der Fachgebiete eine Auswahl dessen zu treffen, was für die Untersuchung des Zyklus überhaupt als zielführend betrachtet werden kann, da es sich bei der Ironie um ein auf den verschiedenen Ebenen bereits nachhaltig untersuchtes sprachlich-kognitives Konzept handelt. Nicht zuletzt die vielfältigen Einzelhinweise der einschlägigen Forschungsliteratur hinsichtlich des Vorkommens von Ironie jeglicher Art im „Sinngedicht“ erfordern, eine geeignete Auswahl der Arbeitsmittel zu treffen. Wenn also in der Sinngedichtforschung die ‚Selbstironie‘ (Hildebrandt) angesprochen wird, erscheint die nähere Beschäftigung mit Philosophie und Rhetorik angeraten, während bei Erwähnung einer etwaigen ‚strukturellen Ironie‘ (Schilling) das Hauptaugenmerk auf literaturironische Konzepte gelegt werden muss. Klar bleibt bei allen diesbezüglichen Entscheidungen dennoch, dass der gewählten Untersuchungsführung aufgrund der Vielschichtigkeit des Phänomens und der Perspektivabhängigkeit eine gewisse Relativität hinsichtlich zu erzielender Resultate anhaften dürfte, die wohl kaum gänzlich abgeschüttelt werden kann. Umso bedeutender erscheint als Grundlage für befriedigende Ergebnisse hinsichtlich der Hauptaufgabenstellung die Systematik des Untersuchungsverlaufs im Zusammenhang mit den gewählten Mitteln der Analyse.

Zu Beginn des Werkteils ist der literaturtheoretische Zugang zu erweitern, indem dort die poetologischen Grundvoraussetzungen des Zyklus zur Sprache gebracht werden und eine literaturhistorische Einordnung des Werkes geleistet wird (Kapitel 4.1). Hier ist insbesondere der Grenzverlauf zwischen der vorangehenden Epoche der Romantik und dem nachfolgenden Naturalismus zu bestimmen, da eine solche Einordung immer auch das poetologische Selbstverständnis einer literarischen Epoche zur Sprache bringen wird (Abschnitt 4.1.1 und 4.1.2). Zugleich ist in diesem Rahmen nun auch auf der literaturtheoretischen Aspektebene das Verhältnis von Ironie und Humor zu überprüfen. Auf diese Weise knüpft die vorliegende Arbeit an bisherige Forschungsergebnisse an, die den Zyklus v. a. als Leistung humoristischer Verklärungsstrategien begreifen und dabei dennoch auch ironische Tendenzen wahrnehmen (Abschnitt 4.1.3). In diesem Sinne wird hier im Kontext des poetischen Realismus also die so häufig veranschlagte Doppelzuschreibung von Humor und Ironie zu behandeln sein.

Betrachtet man unter den in der Einleitung dieser Arbeit umrissenen historisch-politischen, biografischen und poetologischen Aspekten die formale Ausgestaltung des „Sinngedichts“, fällt eine Struktur auf, deren Charakter in Kapitel 4.2 dargelegt werden soll, da die dort zu erörternde Werkstruktur in engerem Zusammenhang mit Momenten narrativer Ironie zu stehen scheint. Dies ist einerseits sinnvoll, um vorab ein genaueres Bild von der poetisch arrangierten Gesellschaftsformation zu bekommen, wie sie im „Sinngedicht“ ihre Ausgestaltung findet. Andererseits dient diese unter historisch-soziologischem Gesichtspunkt angelegte Strukturuntersuchung im Vorfeld der Entfaltung einiger zentraler Thesen als ein Grundgerüst, dessen Ausprägung sich als tragend für die nachfolgend zu erarbeitenden Untersuchungsteile erweisen dürfte.

Des Weiteren bietet sich an, die Untersuchungsystematik an der Verhandlung zentraler Problembereiche auszurichten, die zu einem gewissen Anteil mit der chronologischen Abfolge des Erzählarrangements zusammenfällt. Dem Rechnung tragend ist zunächst die differenzierte Untersuchung der Eingangspassage an den Anfang der Werkanalyse zu stellen (Kapitel 4.3). Die genauere Auseinandersetzung mit den thematischen Schwerpunkten ironischer Kritik erfolgt im Anschluss: So sind die Problemfelder ‚Reichtum’, ‚Humanität’ (4.4) und ‚Religion und Liebe’ (4.6) in Bezug auf die Protagonisten der deutsch-besitzbürgerlichen Ebene relevant, während Kapitel 4.5 als Auseinandersetzung mit divergenten historischen Perspektiven und räumlichen Varianten derselben Themenkreise zu betrachten ist. Kapitel 4.4 wird außerdem damit beginnen, eine differenzierte Nachzeichnung der Entwicklungslinie des männlichen Protagonisten der Rahmennovelle, Reinhart, zu leisten (siehe hierzu Abb. 2), die mit dem Vorkommen verbaler und narrativer Ironie verbunden erscheint. In Kapitel 4.7 wird die Behandlung der als zentral erkennbaren Binnennovelle „Die Geisterseher“ erfolgen, indem ihre Eigenheiten in einen Zusammenhang mit der Behandlung der untersuchten Problemkreise hinsichtlich ironischer Momente und dem Entwicklungsgang des Helden der Rahmennovelle gestellt werden. Zur abschließenden Bearbeitung des Gesichtspunktes ‚Kultur’, welchen die Gesamtuntersuchung bis dahin nicht aus dem Auge verlieren wird, ist ein genauerer Blick auf die idyllische Szenerie der Schlusssequenz zu werfen (Kapitel 4.8). Im letzten Kapitel wird der typologische Vergleich eines philosophischen Textes, des „Symposions“ von Platon, mit dem „Sinngedicht“ unternommen (Kapitel 4.9). Er dient dem erneuten Zurücktreten vom Text und gewährt so einen Ausblick auf seine Gesamtkonzeption und Wirkungsweise unter Maßgabe gewonnener Erkenntnisse hinsichtlich der Ironie als Stilmittel sowie Struktureigenschaft dieses hervorragenden Novellenzyklus Kellers.

In einem hermeneutischen Verfahren soll eine weitgehend chronologische Untersuchung ironischer Verdachtsmomente erfolgen, da sich nachvollziehbar „die Gesamtgestalt des Textes […] aus Paratexten und der inneren raum-zeitlichen Sukzession“ ergibt.

Leider kommt es zu Konflikten zwischen diesen methodischen Idealen und den Möglichkeiten, ihr Befolgen im Rahmen einer wissenschaftlichen Abhandlung auch korrekt wiederzugeben.15 Die Chronologie der Analyse ist tatsächlich ein schwieriges Unterfangen, zumal der Verweischarakter bestimmter ironischer Elemente beständig Rück- und Vorgriffe, Diskurserläuterungen und Hinweise auf weiterführende (Vor-)Informationen erfordert, so dass die Gefahr von Redundanzen besteht. Außerdem kann die strukturelle Anlage des zu untersuchenden Werkes, hier in Form einer teilweise mehrfach geschachtelten Erzählung, ein Abweichen von einer gänzlich chronologischen Betrachtung nahe legen; Dies machen wir innerhalb der Werkanalyse aufgrund des besonderen Status der „Geisterseher“ geltend, so dass diese Novelle v. a. wegen ihres direkten Zusammenhangs mit der Rahmennovelle (s. auch Abb. 1) und ihres Erklärungswertes hinsichtlich des Reinhart’schen Entwicklungsganges im Zeichen der Ironie (s. Abb. 2) von der chronologischen Analyse ausgenommen und dann erst gegen Ende der Arbeit untersucht wird (Kapitel 4.7). Methodisch betrachtet sind im Rahmen eines hermeneutischen Zugangs weiterhin kulturelle Umgebung und kulturelle Vorerfahrungen des/ der zeitgenössischen Rezipienten zu berücksichtigen, da sich ein solcher Leser vom heutigen Leser des „Sinngedichts“ nicht unerheblich unterscheiden dürfte. Es sei verlangt, „der eigenen Vormeinungen und Vorurteile inne zu sein und den Vollzug des Verstehens jeweils so mit historischer Bewußtheit zu durchdringen, daß die Erfassung des historisch Anderen und die dabei geübte Anwendung historischer Methoden nicht das bloß herausrechnet, was man hineingesteckt hat“16 Es komme also darauf an, den Abstand der Zeit als eine positive und produktive Möglichkeit des Verstehens zu erkennen. Er ist ausgefüllt durch die Kontinuität des Herkommens und der Tradition, in deren Lichte uns alle Überlieferung sich zeigt.17

Nach dem Prinzip des ‚Zirkels des Verstehens‘ lässt sich „Sinn-Erfassung und Erkenntnisfortschritt […] ‚verstehend’ […] nur in einem spiralförmigen Analyseverfahren erzielen, das fortwährend das Zusammenspiel von Teilen und Ganzem berücksichtigt“. Dies gilt für die vorliegende Untersuchung genauso wie für den ‚gewöhnlichen’ Leser, um „‚widersprüchliche Organisationen’ und ‚Kontexteinflüsse’ verstehend“ aufgreifen zu können.18

Die Aufgabe ist, in konzentrischen Kreisen die Einheit des verstandenen Sinnes zu erweitern. Einstimmungen aller Einzelheiten zum Ganzen ist das jeweilige Kriterium für die Richtigkeit des Verstehens.19

Dem auf den ersten Blick wahrnehmbaren Zusammenwirken von episch arrangierten und verbalen Ironievorkommen wird Rechnung getragen, indem neben den ‚Prototypen der Ironie’ nach Müller und der ‚Spielraumtheorie’ (Allemann) auch das sog. Integrationsmodell Preukschats zum Einsatz gebracht wird. Gerade auch, weil Müller zu recht die Vernachlässigung des Kontexts in der pragmatischen Linguistik moniert, scheint es notwendig, die Analyse verbaler Ironievorkommen, im „Sinngedicht“ innerhalb von Figurendialogen angesiedelt, mithilfe des literaturtheoretischen Zugangs an ihren jeweiligen historischen Kontext und/ oder Erzählkontext zurückzubinden.

3. Verortung des Phänomens der Ironie

3.0 Erste Abgrenzung zu ähnlich gearteten Phänomenen

An dieser Stelle sollen zunächst verschiedene Erscheinungen, die Ähnlichkeiten oder partielle Übereinstimmungen mit der Ironie aufweisen, umrissen und vom Gegenstand dieser Untersuchung - soweit dies erreichbar ist - getrennt werden, um eine größtmögliche Übersicht über den Objektbereich20 der vorliegenden Arbeit zu erlangen. Dass Unterscheidungen zwischen Ironie, Lüge, Heuchelei, Sarkasmus, Zynismus, Komik, Witz, Scherz, Spott, Satire und Humor schwer fallen dürften, da sie „relativ feine Differenzierungen bzw. Spezifizierungen der Einstellungsstruktur des spöttischen Redners“ darstellen21, macht jede einfache Fallanalyse deutlich, die man mit Hilfe etwaiger Definitionen der Phänomene vorzunehmen versucht. Intuitionen, zusätzliches Hintergrundwissen und Wortschatz wirken in variablen Anteilen und von Person zu Person unterschiedlich. Lipps unterscheidet zwar dezidiert zum Beispiel Erscheinungen wie Witz und Humor mit allen ihren Unterkategorien wie etwa den harmlosen, ironischen, satirischen und bloß scherzenden Witz und verschiedene Stufen des Humors nebst allen diese enthaltenden Subkategorien. Für die vorliegende Untersuchung allerdings soll eine Beschränkung auf die wichtigsten semantischen Eigenschaften der genannten Phänomene eingegangen werden, insofern diesbezüglich etwaige Berührungspunkte zur Ironie auszumachen sind. Das Anliegen dieses Kapitels ist daher, das Analyseinstrumentarium im Verständnis der Zielsetzungen dieser Arbeit zu erläutern, so dass die Beschreibung der sprachlichen Erscheinungen, wie sie hier vorgenommen wird, soweit hinreicht, in der Werkuntersuchungsphase zu einträglichen Ergebnissen gelangen zu können. In diesem Sinne soll es hier nicht um einen historisch orientierten Überblick gehen, sondern um die Vielschichtigkeit der Phänomene in bedeutungstheoretischer Hinsicht.

Der Versuch einer Eingrenzung des Objektbereichs ist angesichts des Ausmaßes dieses Gebiets zwingend erforderlich; Das vorliegende Kapitel kann also lediglich eine Fokussierung auf das zentrale Problemfeld leisten, so dass für den Gegenstand verbaler Ironie, wie er uns u. a. als fingierte Kommunikationssituation in literarischen Texten, erwartungsgemäß auch im „Sinngedicht“, begegnet, eine grundlegend befriedigende Abgrenzung zu ähnlich gearteten sprachlichen Erscheinungen ermöglicht wird.

Methodisch liegt die Einteilung des nachfolgenden Kapitels in folgende Phänomenbereiche vor: Mit der Lüge hat, etymologisch betrachtet, die Ironie eine gemeinsame Bedeutungsquelle. Die Heuchelei wird als Spezialform der Lüge ihrer Betrachtung beigeordnet. Die zweite Gruppe stellt Sarkasmus und Zynismus als Äußerungen zusammen, denen „insofern keine kommunikative Handlung“ zuzurechnen ist, „als der Sprecher hier weniger an einer Einsicht des Hörers als an einer eigenen (intrinsischen) Befriedigung […] interessiert scheint“.22 Im Gegensatz dazu werden die übrigen der o. g. Phänomene als solche betrachtet, die einen, zumindest auf den ersten Blick festzustellenden, konstruktiven Charakter aufweisen, „die als solche immer auch einen sozialen Zusammenhalt widerspiegeln“ und eher „als Reintegrationsversuch denn als rein destruktiver Akt“ verstanden werden könnten.23 Inwieweit diese Vorsortierung ertragreich ist, wird sich zeigen.

Mit dem genannten Problemfeld befasst sich u. a. die linguistische Forschung, die die Bedeutung einiger dieser Begriffe analytisch aufzuschlüsseln bestrebt ist, aber auch in den Bereichen Literaturwissenschaft, (Sprach-)Philosophie und Psychologie gibt es dahingehende Klärungs- bzw. Definitionsansätze.24 An dieser Stelle orientiert sich die Annäherung an angrenzende Spracherscheinungen zunächst jeweils daran, in welchem Forschungsbereich für die vorliegende Aufgabenstellung der Herauslösung der Ironie aus benachbarten Wirkungskreisen hinreichende Ergebnisse zu erwarten sind. Die anschließenden Kapitel beschäftigen sich mit der Ironie auf direktere Art und Weise, wobei die Auswahl der Untersuchungsperspektiven ein möglichst breites Spektrum abdecken soll, in dem die wichtigsten Sichtweisen zu erörtern sind, die für die Analyse des Werktextes von Bedeutung sein könnten.

Das vorliegende Kapitel ist also als bedeutungsorientierter Rahmen der Ironie in Gestalt einer vorläufigen Skizzierung aufzufassen, dessen Koordinaten am Ende dieses Abschnitts erneut zusammenfassend genannt, um im weiteren Untersuchungsverlauf dann historisch, literaturwissenschaftlich und linguistisch präzisiert zu werden.

3.0.1 Lüge und Heuchelei

Zunächst einmal sind die Besonderheiten der Lüge in Abgrenzung zur Ironie zu behandeln, da die Bedeutungen dieser beiden Begriffe, sprachhistorisch betrachtet, einst mutmaßlich eng beieinander lagen.25 Der Fall assertiv realisierter Ironie weist in dieser Hinsicht eine Übereinstimmung mit der Lüge, die ihrerseits ausschließlich in diesem Modus erscheint, auf. Dementsprechend lässt sich festhalten, dass sich die beiden Phänomene voneinander fortbewegen in Fällen, in denen Ironie injunktiv oder expressiv erfolgt (ironische Versprechen, Fragen, Aufforderungen oder ironisches Danken, Grüßen, Gratulieren).26 Der (assertiv realisierte) Sprechakt der Lüge zeichnet sich dadurch aus, dass zwischen der Sprecherbehauptung und dem Glauben des Sprechers an die Richtigkeit des Behaupteten eine Opposition besteht.

Der Lügner konstruiert absichtlich einen Widerspruch zwischen der vollzogenen sprachlichen Handlung und seinem wirklichen Glauben, d. h. er täuscht eine seiner wirklichen entgegengesetzte Überzeugung vor […]27

Im Gegensatz zur Ironie, der eine graduell variable Transparenz zueigen ist, zeichnet sich die Lüge durch eine vom jeweiligen Sprecher angestrebte maximale Undurchsichtigkeit aus.28

Ein vereinzelter Hinweis von Grice zur Ironie lautet wie folgt:

To be ironical is, among other things, to pretend (as the etymology suggests), and while one wants the pretense to be recognized as such, to announce it as a pretense would spoil the effect.29 Mit der direkten Kundgabe des Sprechers, sich der Ironie zu bedienen, sei ihr eigentlicher Effekt zerstört. Es wäre sehr seltsam zu sagen, so Grice, „to speak ironically, he is a splendid fellow“30. Dieser Fall wäre ein Beispiel für das eine Ende der Skala, in dem die Ironie absolut transparent auftritt und sich damit selbst ad absurdum führt. Am anderen Ende wäre der Fall zu verorten, in dem die Äußerungsbedeutung so verdeckt dargeboten wird, dass sie für den Hörer gar nicht erkennbar ist. Diese extreme Stufe macht bezüglich der Ironie ebenfalls wenig Sinn. Auf dieser Stufe der Transparenz ist allerdings die Lüge zu situieren, bei der der Sprecher etwas sagt, von dem er eigentlich nicht überzeugt ist (vorgebliche Überzeugung), jedoch zugleich bestrebt ist, seine wahre Überzeugung zu verhehlen.31

Bei der Ironie dagegen scheint es eher um eine Art der Verstellung zu gehen, die weder in das eine noch in das andere Extrem tendiert32: Sie sollte lediglich in einem gewissen Maß verdeckt auftreten.33 In gewissem Maß also deshalb, weil die Ironie natürlich nicht wie die Lüge so verdeckt gestaltet werden kann, dass sie von möglichst niemandem wahrgenommen wird, was ja eben der eigentliche Zweck der Lüge und nicht der Ironie ist, und weil sie ebenso wenig für den Hörer sofort klar und deutlich erkennbar sein soll.34 Dem zweistufigen Simulationsmodell Lapps folgend sei Ironie offen simulierte Lüge35, der Akt des Ironisierens enthalte also den Akt des Lügens.36 Da der Sprecher dem Hörer ja zu verstehen gebe, dass er ‚unaufrichtig’ spreche, sei er auf höherer Ebene wiederum aufrichtig, heißt es bereits bei Eggs (1975), in dessen Anschluss Lapp sein Simulationsmodell entwirft.37 Dies ist jedoch bei Betrachtung einschlägiger Fälle wenig plausibel. Im Fall des Wetterbeispiels, in dem der Sprecher mit seiner Bemerkung ‚What lovely wheather’ angesichts strömenden Regens demnach die Simulation einer Lüge intendiert, würde dies keinen Sinn ergeben, da eine Lüge in dieser Situation keine Chance hätte, geglaubt zu werden.38 Preukschat leitet aus den Unzulänglichkeiten der Lappschen Analyse zum einen ab, dass dennoch der (allerdings einstufige) Simulationscharakter der Ironie eine zutreffende Beschreibung darstellt39, und zum anderen, dass hier v. a. die Unterscheidung von nicht-aufrichtig (Lüge) und nicht-ernsthaft (Ironie) vollzogenen Akten maßgeblich ist.40 Die Nicht-Aufrichtigkeit der Lüge erfordere zweierlei: Erstens werde ein unechter Glauben zum Ausdruck gebracht, zweitens müsse zugleich die Qualität der Echtheit simuliert werden41, dagegen bringt jemand, der eine Behauptung im eigentlichen (wahrhaften) Sinne aufstellt, einen echten Glauben zum Ausdruck und muss daher nichts zusätzlich tun.42

Für die Ironie als simulativen Sprechakt konstatiert Preukschat:

Der Sprecher gibt vor, etwas ernsthaft zu tun, lässt aber gleichzeitig durchblicken, dass er es doch nicht ernst meint […] Der Sprecher gibt vor, etwas ernsthaft zu tun, geht aber davon aus, dass das Gesagte nicht ernst genommen wird und verzichtet darauf, hiergegen doch die Ernsthaftigkeit seines Tuns zu betonen.43

Im Gegensatz zur Lüge, die eine innere Konsistenz von Sprecheraussage und Sprecherüberzeugung vorgibt, liefere der Ironiker mehr oder weniger offensichtlich „widersprüchliches Material (evt. in Verbindung mit dem situativen Kontext), aus dem der Hörer dann den Widerspruch erkennt“44.

Die bis hier verhandelte Abgrenzung der Ironie zur Lüge als eines der benachbarten Phänomene sollte zweckdienlich sein, erste Koordinaten zur Lokalisierung des Untersuchungsobjekts anzugeben.

Ebenso wie die Lüge kann die Heuchelei als Täuschungsabsicht betrachtet werden, nur wird hier nicht eine Überzeugung vorgetäuscht, die der Sprecher eigentlich nicht hat, sondern liegt eine „intendierte Opposition zwischen dem bekundeten und dem wirklich empfundenen Gefühl“ vor.45 Die Heuchelei kann man wie die Lüge als unaufrichtige Äußerung auffassen46, wobei die Abgrenzung zur Ironie wiederum darin besteht, dass letztere wegen ihrer mehr oder minder vorliegenden Transparenz nicht als unaufrichtig, sondern als nicht-ernsthaft (= erkennbar zum Schein47 ) anzusehen ist (s. o.).48

3.0.2 Sarkasmus und Zynismus

Der Sarkasmus ist eine Erscheinung, deren Abgrenzung von der Ironie sich im Übergangsbereich nicht einfach gestaltet. Er realisiert sich, indem people utter what is blatantly false in order to convey a negative and truthful comment on some topic […].49

Hier tritt das spezifische Merkmal „intention to hurt”50 hervor, das der Ironie in dieser Weise nicht zukommt.

Jancke bezeichnet den Sarkasmus als „Abart der Ironie“, die sich daraus ergebe, dass einem „Dogmatiker“, weitgehend sogar „jedem Menschen mit genügend enger Subjektsphäre“, Dinge entgegenträten, die seinen Intentionen hinderlich sind, die er aber nicht hinwegräumen kann, wegen ihrer allzugroßen Größe, die er aber andererseits hinwegräumen müßte, um seine Intentionen zu realisieren, so wird er auf sie seinen ganzen Haß richten, dem er irgendwie Luft machen wird.51 Dieser Hass sei der fruchtbare Boden für den Sarkasmus, für den allerdings immer Bedingung sei, „daß eine positive Gesinnungsregung gegen den Urheber der Unwerte für den Sarkasten noch vorhanden ist“ - so etwa im Verhältnis von Vater und Sohn, oder des „Schriftstellers in der Liebe zu der Zeit als seiner Zeit“: Hier sei die Liebe ‚enttäuscht’.52

Das ist ja gerade dem Sarkasmus wesentlich, daß er die Bitterkeit in sich trägt, einer großen Enttäuschung, einem unwiederbringlichen ‚Zu spät’ entsprungen. Der Sarkast arbeitet hoffnungslos daran, den Unwert durch Komischmachen zu vernichten, um das ihm Wertvolle wieder herzurichten.53

Der zentrale Unterschied von Sarkasmus und Ironie bestehe darin, dass bei ersterem „eine Gebundenheit an das Personenobjekt“ vorliege, während als wesentliche Bedingung der Ironie ein „innerliches Freisein“, die Beherrschung der Situation anzusehen sei.54 Außerdem kann man, wie gesagt, als ein zentrales Moment des Sarkasmus seine Intention zu verletzen bezeichnen (s. o.).

Die hier von Jancke getroffene Beschreibung des Sarkasmus wird auch in der späteren Werkanalyse des „Sinngedichts“ heranzuziehen sein. Vergleicht man Jüngers Ausführungen zur Ironie mit Janckes Umriss des Sarkasmus, fallen Parallelen ins Auge, die beiden Phänomenen in einem bestimmten Bereich nahezu Identität bescheinigen: Für Jünger ist bereits die Ironie Schwäche desjenigen, der mit dem Griff zur Ironie bestätigt, dass eigentlich er der nunmehr Unterlegene ist:

Die Notwendigkeit, sich ironisch zu äußern, zeigt sich erst dort, wo eine offenbare, unverhüllte und sofort zu erweisende Überlegenheit nicht mehr besteht. Denn wo immer dieses der Fall ist, dort bedarf es der Ironie nicht […] In einer intakten Wirklichkeit ist die Ironie nicht am Platze.55 Was Jancke bereits mit Sarkasmus bezeichnet, wenn er auf die Unterlegenheit, das „Zu spät“ (s. o.) der Situation des Sarkasten verweist, nennt Jünger beinahe analog „Kampfmittel des Besiegten“, bezeichnet dies allerdings nicht als Sarkasmus, sondern (noch) als Ironie56. Es lässt sich hier exemplarisch ersehen, wie die flexibel scheinenden Grenzlinien zwischen den Phänomenen einmal eine breite, einmal eine schmalere Schnittmenge erzeugen. Solcherlei begrifflichen Vagheiten soll im werkanalytischen Teil begegnet werden, indem die jeweils konkrete Äußerung im Rahmen ihres Kontextes analysiert und dabei exakt auf erklärungsrelevante theoretische Konzepte bezogen wird. Jancke, der also, im Gegensatz zu Jünger, dem Wirken des Ironikers eine größere Souveränität, „das innerseelische Freisein“, die „Situationsbeherrschung“, zumindest im kontrastiven Vergleich mit dem Agieren des Lügners, bescheinigt, sieht denn auch den Zynismus relativ weit entfernt von der Ironie, nämlich als eine maximale Zuspitzung des Sarkasmus:

Wird die Wut im Sarkasten zum primären Moment, so verwandelt sich seine Bitterkeit in Bissigkeit […] Der Sarkasmus, so extrem übersteigert, ist in Zynismus übergegangen.57 Je mehr die Hoffnung des Sarkasten schwinde, „einen indirekten Einfluß auf das Personenobjekt ausüben“ zu können, „um so mehr geht der bittere Sarkasmus in den beißenden und schließlich in den Zynismus über“58. Zwischen Sarkast und Zyniker besteht demzufolge ein gradueller Unterschied hinsichtlich ihrer jeweiligen Einflussmöglichkeiten auf das Personenobjekt, gemeinsam ist beiden dagegen die Gebundenheit an dasselbe. Außerdem liegt im Fall des Zynikers eine Übersteigerung der emotionalen Anteilnahme vor, die beim Sarkasten weniger ausgeprägt auftritt (d. i. ‚Wut’ vs. ‚Hoffnungslosigkeit’). Die antike Philosophenschule der Kyniker (gr. ‚kyon‘, dt. Hund), wegen ihrer „Derbheit und Schamlosigkeit […] in ihren Reden an die Mitbürger“ bekannt, deren Lebensart sie auf diese Weise diffamierten, erachteten in ihrer „Bissigkeit“ kein äußeres Gut für Wert, ohne dabei jedoch unbedingt eine Änderung der Verhältnisse im Sinne gehabt zu haben.59 Der Schriftsteller Albert Drach, der in einem Interview den Zynismus, und damit in ähnlicher Richtung wie Jancke, als „Anwendungsfall der Ironie“ bezeichnet, räumt ihm allerdings das Potenzial zur Abänderung misslicher Zustände ein und widerspricht so zunächst der hier getroffenen Separation beider Erscheinungen. Im Anschluss rückt er jedoch zurecht:

Man muß sich ständig bemühen, auch wenn man weiß, daß man nur im Kleinen etwas ausrichten kann. Wohl aber ist es so, daß es im Großen bei einer Mondanbellung [Anspielung auf den ‚kyon‘, A. S.] bleibt, denn ebenso wenig wie ein Hund den Mond erreichen kann, können wir jemals erreichen, daß die Verhältnisse sich zum Bessern dauernd ändern.“60

Aus dieser Selbstkorrektur ergibt sich, dass Drach „im Kleinen“ Ironie meint, denn der Ironiker verfolgt (erreichbare) Zwecke61, dazu mehr im Laufe der weiteren Theoriedarstellung. Im „Großen“62 geht es dann um Sarkasmus, wenn - mit Jancke gesprochen - kaum Hoffnung hinsichtlich des Ansinnens, die Unwerte des Personenobjekts63 durch Komischmachen vernichten zu können, besteht, und um Zynismus, wenn jegliche Hoffnung dahingehend als absolut erloschen angesehen wird und auf der Seite des Subjekts zugleich eine übersteigerte negative Emotionalität vorliegt.

3.0.3 Das Komische

Das Komische wird zumeist als Überkategorie verschiedenster Phänomene angesehen. Auf literaturtheoretischem Gebiet wird es naturgemäß der Komödie zugeordnet, wobei eine Anwendung zunächst im Alltag und auf andere Gattungen ebenfalls in Betracht gezogen wird.64 Die Untersuchung Janckes etwa geht davon aus, per se „der Ironie eine komische Wirkung“ zuzusprechen65. Das „Über-der-Situation-stehen“ des Ironikers, dieses innerseelische Freisein bewirkt […] das Bewahren der reinlichen Scheidung von Maskerade und Echtheit, von Mechanismus und Leben, von Schein und Wirklichkeit.66

Zum einen verweist dies auf komische Elemente des „Sinngedichts“ überhaupt - hier ist zu erinnern an die Einschätzung Preisendanz’, nach der im „Sinngedicht“ „das Spannungsverhältnis von Wesen und Erscheinung, Sein und Schein“ etc. „als Spielraum menschlicher Schicksale“ zu betrachten sei (Vgl. FN. 4). Am Ende des ironietheoretischen Teils soll diese Verbindungslinie noch einmal angesprochen werden. Zum anderen kann dies im engeren Rahmen als zusätzlicher Hinweis auf die im Werk waltende Ironie gewertet werden - Anzeichen einer aus Gegensätzlichkeiten und Widersprüchen gespeisten Ironie, deren scheinbare Unvereinbarkeiten (vom jeweiligen Erzähler) ironisierend und mehr oder minder offen nebeneinander gestellt werden.67 Im Zusammenhang mit dem Konzept des sog. ‚ironischen Spannungsfeldes’ nach Beda Allemann, das im nachfolgenden Kapitel zur Erhellung der literarischen Komponente der Ironie beitragen soll, wird der hier von Preisendanz so bezeichnete ‚Spielraum’ u. U. in einem speziellen Licht erscheinen.

Auch Stempel betrachtet die „Ironie als eine besondere Form des Komischen“68, und entsprechend Jüngers Einordnung erweist sich das Komische ebenfalls als zusammenfassende Kategorie verschiedenartiger Phänomene:

Der Begriff des Komischen ist weiter als der Begriff des Humoristischen, Ironischen, Witzigen. Humor, Ironie, Witz und was sonst auf diesem Gebiet durch Abgrenzung bestimmt worden ist, fallen insgesamt unter das Komische […]69

Im Folgenden soll die Ebene der Situations- und Handlungskomik in den Blick genommen werden, da sich hier die Elementarformen jeglichen Vorkommens von Komik überhaupt auffinden lassen.70

Das Komische ist für Jünger immer ein Regelbruch, der sich der Dimension des Schönen widersetze, als Provokation71. Dieses „Verhältnis von Regel [das Ästhetische, A. S.] und Regelwidrigkeit [das Abweichende, Hässliche, A. S.]“72, das Jünger als „Konflikt“ begreift73, manifestiere sich im Streit zweier nicht-ebenbürtiger Parteien.74 Die sog. Provokation der schwächeren Partei müsse „unangemessen sein“, d. h. einen ‚Widerspruch’ enthalten, „der den Streit zu einem nicht ernsthaften macht und sofort erkennen läßt, daß er als nicht ernsthaft aufzufassen ist, selbst wenn er subjektiv ernsthaft hervorgebracht“ werde.75 Es fällt auf, dass das Merkmal nicht-ernsthaft, das Preukschat als wichtige Eigenschaft der Ironie exponiert, an dieser Stelle verwendet wird. Das Unangemessene der Provokation durch die schwächere Partei zeigt demnach in seiner Auftretensweise die Nicht-Ernsthaftigkeit an. Darauf ist gleich zurückzukommen.

Mit dem Begriff der Replik versucht Jünger nun zu erklären, warum manche seiner Beispielfälle als komisch angesehen werden müssen, andere wiederum nicht. Erfolgt auf die Provokation der schwächeren Partei eine angemessene Entgegnung, also die sog. Replik, werde der eigentliche Effekt des Komischen erst hergestellt:

Die Form, in der die Replik vorgebracht wird, ist eine mannigfaltige. Sie liegt schon in der bloßen Wahrnehmung der unangemessenen Provokation; sie kann darüber hinaus witzig, ironisch, paradox und humoristisch sein und jene Kraft und Feinheit erreichen, die den komischen Konflikt so ergötzlich macht.76

Es fällt zunächst das bereits mehrfach erwähnte übergeordnete Verhältnis zwischen dem Komischen und einigen seiner Subkategorien auf, welche hier als Eigenschaft der Replik erscheinen. Zudem wird nun als wesentliche Bedingung für das Zustandekommen des Komischen die Angemessenheit der Replik genannt, mehr noch: als Bedingung dafür, dass der komische Effekt seine volle Wirkkraft zu entfalten vermag.

In Bezug auf die vorgelagerte Provokation wurde bereits oben gesagt, dass ihre Auftretensweise dagegen unangemessen erfolgt. Außerdem spricht Jünger von wahrnehmbarer Nicht-Ernsthaftigkeit als Merkmal der unangemessenen Provokation. Es wäre nun falsch zu folgern, der Replik in ihrer Angemessenheit müsse nun die Ernsthaftigkeit zukommen. Das Gegenteil ist m. E. der Fall, denn die Angemessenheit der Replik besteht darin, die ‚Sprache’ der Provokation beizubehalten - und diese ist eben nicht-ernsthaft. Erst auf diese Weise kann die Komik ihre Wirkung vollständig entfalten, indem nämlich die abschließende Replik, beispielsweise eben auch in Form der Ironie, dann gleichfalls als nicht-ernsthafte Äußerung77, und damit angemessen auf die vorausgegangene Provokation reagiert.

Mit dieser schematischen Kombination aus dem Modell Jüngers und Preukschats Ironieansatz sollte ein erster Einblick in das Verhältnis von Komik und Ironie ermöglicht worden sein.78 An einem abschließenden Beispiel, angelehnt an eines bei Jünger79, soll es noch einmal nachvollzogen werden:80

Die Mannschaft eines Holzkahns (unterlegene Partei) greift auf dem Meer ein stählernes Schlachtschiff (überlegene Partei) an: Dies ist als unangemessene Provokation einerseits und als nicht-ernsthaft („das können die doch nicht ernst meinen…“) andererseits aufzufassen. Die Situation ist als komisch einzustufen.81

Mögliche Replik a) Die Besatzung des Schlachtschiffes versenkt per Kanonenschuss den Holzkahn und dessen Besatzung wird getötet: Diese Entgegnung ist nicht angemessen, d. h. übertrieben. Die überlegene Partei weicht von der ‚Sprache’ der Provokation, die in ihrer Unangemessenheit komisch erschien, ab. Damit ist die Komik zerstört.82 Mögliche Replik b) Die Besatzung des Schlachtschiffs lässt den Kahn herankommen und bringt ihn zum kentern, indem sie die Küchenabfälle einer Woche über das Holzboot ausschüttet: Diese Entgegnung kann als angemessen betrachtet werden. Die überlegene Partei behält die ‚Sprache’ der unangemessen-komischen Provokation bei. Damit bleibt die Komik erhalten.

Weiterhin kann als mögliche Replik (c) auf die Situation ‚Angriff des Holzkahns auf das Schlachtschiff’ bereits die Wahrnehmung durch den Betrachter/ Beobachter/ Zuschauer/ Leser gelten (s. o.).83

Eine denkbare Replik (d), und das ist die für das Verhältnis von Komik und Ironie interessanteste, wäre im vorliegenden Beispiel etwa auch ein ironischer Zuruf eines der Matrosen des Schlachtschiffes, gerichtet an die Besatzung des Holzkahnes nach erfolgter Provokation.84

Man könne als Regel den Satz aufstellen, daß der Unterliegende im komischen Konflikt außer dem Schaden, den er nimmt, auch den Spott noch zu tragen hat.85

Der sich ergebende Spott erhellt hier zusätzlich das Verhältnis von Komik und Ironie (im Fall d, wenn die Replik im Modus des Ironischen erfolgt), wie unten und weiterhin im Kapitel zu den klassischen Auffassungen der Ironie zu vertiefen sein wird. Zudem sei an dieser Stelle festgehalten, dass es sich bei der Frage nach ‚Unter-’ bzw. ‚Überlegenheit’ um eine handeln dürfte, die im Betrachtungsfeld Komik, Ironie und weiterer verwandter Phänomene u. U. ein genaueres Hinsehen erfordert.

3.0.4 Der Witz

Von den mit der Ironie verwandten und z. T. gleichfalls dem Komischen untergeordneten sprachlichen Erscheinungen soll im Folgenden der Witz in seinem Verhältnis zur Ironie betrachtet werden.86 „Soviel Formen das Komische annehmen“ könne, „soviel entsprechende Formen wird auch der Witz haben“, heißt es bei Bergson87. Der Witz88, „Komik der Sprache“, riefe, „obgleich an eine Form der Sprache gebunden, immer das mehr oder minder deutliche Bild einer komischen Szene hervor“.89

Das führt wieder darauf, daß die Komik der Sprache Punkt für Punkt der Komik der Handlungen und Situationen entspricht und daß sie, wenn man es so ausdrücken kann, lediglich deren Projektion auf die Ebene der Sprache ist.90

Erneut erfolgt hier der Hinweis auf den Mustercharakter der komischen Handlung, wie er oben bereits angesprochen wurde. Der Witz berührt sich als „Komik der Sprache“ eben wegen seiner Realisation im Sprachlichen genau in diesem Punkt mit der ‚Schwesterkategorie’ der Ironie.

Genauso, wie nach Bergson die komischen Handlungen und Situationen auf den „Automatismus“, die „Mechanisierung des Lebens“ zurückzuführen seien, gelänge dies für „alle Arten des Witzes“.91 An dieser Stelle wird ein Zusammenhang des Komischen mit dem Witz evident. Das Verhältnis von Witz und Ironie dagegen sieht Stempel, unter Berufung auf Beispiele, die Freud in seiner Witzanalyse behandelt hat, darin, dass der Witz „in vielen Fällen in Abhängigkeit, wenn nicht sogar als Funktion eines Grundmerkmals der Ironie zu sehen“ sei.92 Hierin ist einerseits die Bestätigung für die von Jünger vorgenommene Unterordnung von Witz und Ironie unter das Komische zu erblicken, andererseits jedoch auch ein Verhältnis der beiden Phänomene miteinander. Dieser Gedanke soll unten wieder aufgegriffen werden.

Freud zunächst sieht in der „Darstellung durchs Gegenteil“, einer der gängigsten Auffassungen der klassischen Rhetorik in Bezug auf die Ironie, mit der sich die Kapitel 2.1 und 2.3 noch auseinandersetzen werden, die zentrale Gemeinsamkeit von Witz und Ironie.93 Dieses Mittel sei „ein häufig gebrauchtes und kräftig wirkendes Mittel der Witztechnik“.94 Außer der Darstellung durch das Gegenteil mit ihrem Berührungspunkt zur Ironie nennt Freud weitere Techniken des Witzes, die allerdings für den Vergleich mit der Ironie nicht interessant scheinen. Für einen Witz, der dem genannten Verfahren entspricht, hier ein Beispiel, das sich bei Freud findet. Der Schauplatz ist ein Wachsfigurenkabinett, in dem ein Führer einer Zuschauergruppe gegenüber erläuternde Kommentare abgibt:

„This is the Duke of Wellington and his horse”, worauf ein junges Fräulein die Frage stellt:

“Which is the Duke of Wellington and which is his horse?” “Just as you like, my pretty child”, lautete die Antwort, “you pay the money and you have the choice.”95

Freud erklärt, dass die „Unverschämtheit des […] Führers aber, der den Leuten das Geld aus der Tasche zieht und ihnen nichts dafür bietet“, „durch das Gegenteil dargestellt werde, durch eine Rede, in welcher er sich als gewissenhafter Geschäftsmann herausstreicht, dem nichts mehr am Herzen liegt als die Achtung der Rechte, die das Publikum durch Zahlung erworben hat.96

Zu beachten sei, dass diese Technik keineswegs allein dem Witz eigen sei, so Freud, und er führt als Beispiel für eine ironische Äußerung die berühmte Rede des Marcus Antonius in Shakespeares „Julius Caesar“ an, „Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann…“97, in der dasselbe Verfahren, nun jedoch im verwandten Phänomenkreis, zur Anwendung kommt. Weiterhin ist die Pointe als konstitutives Element des Witzes, als „das in jedem wirklichen Witz formal Wiederkehrende“, zu nennen, die Bestandteil des Witzes allein sei, denn „vielerlei Sorten komischer […] Äußerungen“ gehe dieses Merkmal ab98 - und damit auch der ironischen Äußerung, wobei hier weiterhin der Einordnung derselben neben dem Witz unter das Komische (s. o.) gefolgt wird. Immerhin weist die ironische Äußerung in ihrer Beschaffenheit als indirekte Rede99 eine Ähnlichkeit zur Pointe auf: So wie die Pointe des Witzes ein gewisses Maß an Verstehensarbeit auf der Seite des Hörers erfordert, ist bei der ironischen Bemerkung als indirekter Rede der „Interpretationsaufwand des Hörers“ festzustellen:

Der einzige Effekt, der mit absoluter Sicherheit nicht mit direkter Rede erreicht werden kann, ist der, dass der Hörer in größerem Umfang an der (Re)Konstruktion der Äußerungsbedeutung mitarbeitet. Je ‚indirekter’ der Sprecher etwas zu verstehen gibt, desto höher wird der Interpretationsaufwand des Hörers.100

Doch zurück noch einmal zu Stempel, dessen Annahme einer Abhängigkeit des Witzes von der Ironie oben bereits erwähnt wurde.101 Eine Variante des Witzes sei der Spott, dem im Gegensatz zum Scherz das zunächst „neutrale Sichtbarmachen von Unzulänglichem“ entspreche.102 Damit erscheint der harmlose Witz mit dem Scherz, und die Ironie, wie nun aufzuzeigen ist, mit dem tendenziösen Witz verbunden. Stempel bezieht sich auf Freuds Analyse des tendenziösen Witzes103, nach der mit dessen Verwendung […] Lust erzielt wird“, und es nahe läge, „anzunehmen, daß ein solcher Lustgewinn dem ersparten psychischen Aufwand entspreche“104. Inwieweit dies „ein anfechtbarer Kalkül“ bleibt, wie Preisendanz diese Schlussfolgerung in Zweifel zieht105, sei dahingestellt, von Bedeutung scheint hier allerdings die „kommunikative Situation“, wie Stempel hervorhebt.

Der tendenziöse Witz braucht im allgemeinen drei Personen, außer der, die den Witz macht, eine zweite, die zum Objekt der feindseligen oder sexuellen Aggression genommen wird, und eine dritte, an der sich die Absicht des Witzes, Lust zu erzeugen, erfüllt.106

Im Sinne Freuds streicht Stempel nun heraus, dass die „Beziehung von erster und dritter Person“ sich jetzt genauer bestimmen ließe als „eine Solidarisierung ex negativo, bei der die erste Person die dritte durch ‚Bestechung’ mittels Lustgewinn als Lacher auf ihre Seite zieht“.107 Diese Parallele zwischen dem tendenziösen Witz und der Ironie tritt besonders hervor, wenn man den Vergleich mit dem linguistischen Ansatz der sog. ‚Pretense Theory’ nach Clark/ Gerrig (1984) anstellt, die von der Zweigeteiltheit des Publikums bei ihrem Erklärungsversuch der Funktionsweise verbaler Ironie ausgeht (s. u., Kapitel 3.3.1).

Am Beispiel des obszönen Witzes wird hier außerdem die Subsumption von Witz und Ironie unter die Kategorie des Komischen erklärbar. Hierbei ist zu beachten, dass der tendenziöse Witz in seiner Wirkungsweise, rein äußerlich, betrachtet wird; Nicht die innere Mechanik spielt hinsichtlich Stempels Beobachtung eine Rolle, sondern nur die Interaktion der Szene, die zwischen den beteiligten Personen der Dreierkonstellation abläuft:

Auf den Theorien von Freud, Jünger und Bergson aufbauend soll nun der Zusammenhang des Komischen, des Witzes und der Ironie präzisiert werden. Es wurde gesagt, dass ein Großteil der Darstellungen den Witz, die Ironie u. a. der Komik subsumiert. Besagter Ordnungsvorschlag scheint zumindest etwas Licht in verwobene Strukturen bringen zu können und soll daher im Folgenden mit Hilfe zweier Beispielfälle untersucht werden; Auf diese Weise ist zu erhoffen, in vermutlich vorliegenden Übereinstimmungs- und Abgrenzungsmomenten ein genaueres Bild der Ironie zeichnen zu können, welches bei der ironieorientierten Analyse des „Sinngedichts“ wiederum einträglich sein könnte.

Als erstes Beispiel soll die Darbietung eines tendenziösen Witzes eingesetzt werden.108 Wir bleiben bei der Dreierkonstellation, die Stempel in den Blick rückt. Die Basissituation ist diese: Ein Sprecher S gibt eine Zote in Gegenwart einer Frau H1 und einem männlichen Hörer H2 zum Besten.

Der tendenziöse Witz bewirkt nach Freud beim Betrachter H2 ‚ersparten Hemmungsaufwand’, indem sittliche Kategorien für den Moment missachtet werden (dürfen). Während das Ziel, das Opfer der Zote (die Hörerin H1), gezwungen wird, sich Unsittliches vorzustellen, profitiert H2 zusätzlich zum ‚ersparten Hemmungsaufwand’ (Witz) übergeordnet auch am ‚ersparten Vorstellungsaufwand’ (Komik) dadurch, dass sich vor seinen Augen folgende Szene, es seien nun zwei Varianten angegeben, abspielt: H1, dem obszönen Angriff durch den Sprecher der Zote ausgesetzt, muss sich nun dem Angriff widersetzen, zumindest da die Zeugenschaft von H2 dies erfordert. Der innere Konflikt von H1 besteht zwischen sittlichen Anforderungen und dem Übertreten sittlicher Grenzen durch den Sprecher109 in ihrem Dabeisein. Ihre Reaktion steht nun im Fokus und manifestiert sich in der gegebenen, konkreten Handlungssituation, in der H1 beispielsweise a) mit peinlich berührtem Blick auf ihre Füße reagiert; b) schlagfertig eine ebenso obszöne Entgegnung, deren Opfer dieses Mal S ist, äußert. Mit Jünger und Bergson lässt sich die Komik der Situation in beiden Varianten so erklären: Als unangemessene Provokation kann der obszöne Witz gelten und H1 ist das Opfer der Bloßstellung. Die Replik dagegen ist bei a) unangemessen, d. h. der ‚Ton’ der Provokation wird nicht wieder aufgegriffen. Außerdem kommen Gefühle ins Spiel, die auf den Betrachter abfärben können, was ebenfalls zum Abbruch der Komik führen dürfte. Die Replik unter b) ist angemessen, der richtige ‚Ton’ wird getroffen, mögliche Gefühle des Betrachters, insbesondere gegenüber H1 (Mitleid), werden abgeblockt, die Komik bleibt erhalten. In beiden Fällen (a) und (b) spielt die Beobachtung durch H2 eine wichtige Rolle, es gibt aber hinsichtlich der Varianten Unterschiede: Während sich in (a) die Komik auf die Äußerung des Witzes beschränkt, also über diesen als Regelbruch nicht hinausgeht, jedoch zur Bloßstellung von H1 und zu einer im Lachen vereinten Solidarisierung von H2 mit dem Sprecher führt, ergibt sich für (b) außerdem, dass dort die Komik über die Witzdarbietung mit allen unter (a) genannten Effekten hinausgeht, indem hier die angemessene Replik durch H1 erfolgt. Auf beide Arten erscheint der dargebotene Witz als in der Komik der Situation aufgehoben. Bloßstellung von H1 und Solidarisierung von H2 mit dem Sprecher im Zuge dessen Darbietung des Witzes erfolgt in (b) ebenfalls, jedoch kommt es mit der angemessenen Replik durch H1 nun zusätzlich zur Solidarisierung zwischen H1 und H2, wobei man in diesem Fall H1 als Sprecher S2 bezeichnen müsste. Nun könnte man jedoch einwenden, dass nicht nur der tendenziöse Witz als Regelverstoß bzw. Provokation Anlass zur komischen Situation bietet, und Borew meint komplementär dazu, dass nicht jede Reaktion auf einen Regelverstoß die Satire sein muss.110 Auch hier zeigt sich die berechtigte Nebenordnung von Witz, Ironie und, wie später noch klarer erkennbar werden dürfte, nun auch der Satire unter die Kategorie des Komischen. Ihnen allen gemeinsam scheint der Auslöser des Normverstoßes, wie dies der hiesige Untersuchungsrahmen bereits vermutet ließ. Bergsons Bestimmungen hinsichtlich des Komischen als ‚Mechanisierung des Lebens’ lassen sich hier im Normverstoß selbst auffinden. Im Sinne Jüngers, der das Komische in erster Instanz als Regelbruch betrachtet111, auf welchen die sog. Replik allein in Form der Betrachtung der Provokation auftreten kann, wird die Lokalisation der ‚Automatisierung des Lebens’ im Normverstoß selbst unterstützt. Damit ergibt sich allerdings auch die Vermutung, dass dieses These Bergsons (‚Mechanisierung’) auch auf die Ironie anwendbar sein könnte, wie im Folgenden zu untersuchen ist. Die oben angestellten Beobachtungen auf dem Gebiet des Witzes sollen nun also mit einem Beispiel für Ironie verglichen werden.

Folgende Situation ist gegeben112: Eine Person H1 passiert eine Durchgangstür und versäumt es, sie dem nachfolgenden Sprecher S aufzuhalten, der daraufhin zu H1 „Danke!“ sagt. Die Provokation, der Normverstoß besteht im Nichtaufhalten der Tür durch H1. Hier wird deutlich, wie unproblematisch das, was Jünger als Verstoß im Bereich des Ästhetischen betrachtet, sich auch auf gesellschaftliche Konventionen übertragen lässt. Das Betrachten der Situation allein kann als Replik geltend gemacht werden; Ohne weitere (nun auch: Sprech-)Handlung im Anschluss an das Ereignis kann es bereits als komische Situation eingestuft werden. Das Betrachten der Situation erfüllt nach Jünger zudem die Funktion der sog. Replik, und der Handlungsträger ist im vorliegenden Fall der Betrachter, den wir hier im Vorgriff auf die Behandlung der Thematik aus sprachwissenschaftlicher Perspektive wiederum H2 nennen wollen. Erneut erfolgt die Solidarisierung von H2 mit dem Sprecher S, ganz genauso, wie es Stempel vorhersagt. H1 dagegen wird mithilfe der ironischen Äußerung bloßgestellt, wobei diese Sprechhandlung nun als Replik eingesetzt wird, während die Beobachterfunktion von H2 in den Hintergrund tritt, dabei dennoch aktiviert bleibt. Es lässt sich in der Tat die Parallele zum Wirkungsmechanismus zwischen dem tendenziösen Witz und der Ironie ablesen, die Stempel behauptet. Auch die allein im Normverstoß aufgehobene „Steifheit oder Trägheit“ (Bergson) als eine „der Hauptquellen des Komischen“113 ist klar erkennbar:

Das Starre, Stereotype, Mechanische, im Gegensatz zum Geschmeidigen, immerfort Wechselnden, Lebendigen, die Zerstreutheit im Gegensatz zur Gespanntheit, kurz der Automatismus im Gegensatz zur bewußten Aktivität, das ist es schließlich, was durch das Lachen unterstrichen und womöglich korrigiert wird.114

Die „Zerstreutheit“ von H1, die Unaufmerksamkeit als „Gegensatz zur Gespanntheit“, d. i. die Aufmerksamkeit dem Nachfolgenden gegenüber, jenes achtlose Durch-die-Tür- Schreiten ohne Rücksicht auf den anderen „im Gegensatz zur bewußten Aktivität“, dem höflichen Türaufhalten, wird nun durch die ironische Bemerkung herausgestellt, H1 damit bloßgestellt, um die „Trägheit“ seiner Person im Idealfall für die Zukunft zu läutern. Als „eigentlichen Sinn des ironischen Verfahrens“ sieht Stempel auch die Bloßstellung der zweiten Person (bei uns H1), über die sich die Solidarisierung der dritten (H2) mit der ersten (Sprecher) vollziehe.115 Er spricht weiterhin Besonderheiten an, die der ironischen oder auch (tendenziös-)witzigen Äußerung als „Bloßstellungsprozedur“ anhaften. So wären etwa die Effekte beider Phänomene in ihrer Wirkungsintensität abhängig von der historischen Nähe oder Distanz, welche die zweite und dritte Person einmal mehr, einmal

Hrsg. v. W. Weischedel. Frankfurt 1974 (ders.: Werkausgabe, Bd. X), S. 297. dazu mehr im Kapitel zur linguistischen Betrachtungsweise der Ironie.

weniger voneinander separieren116, und auch diese Einschätzung dürfte für die spätere Analyse der Ironie des „Sinngedichts“ nicht unerheblich sein. Das Bloßstellen, das hier von Stempel so stark als der dem tendenziösen Witz, der Ironie117 gemeinsame Zweck in den Vordergrund gerückt wird, begegnet erneut im Kapitel zur Rhetorik als klassische Ironiedefinition des ‚verdeckten Spotts’ (s. u., Kapitel 3.1).

Als Übereinstimmung mit der rhetorischen Tradition kann auch die Vorstellung betrachtet werden, Ironie und Witz „als Waffe“ einzusetzen, wie dies zum Beispiel bei den ‚Vertretern’ der sog. ‚Jungdeutschen’ in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu beobachten gewesen sei.118 Hier fällt also eine weitere, neben der oben bereits hinsichtlich des Vergleichs von tendenziösem Witz und Ironie angesprochene, Gemeinsamkeit bezüglich des Zweckes beider ins Auge. Zur Ironie als Waffe mehr in Kapitel 3.0.6 zur Satire, in dem diese Eigenschaft der Ironie als Gemeinsamkeit mit der Satire herausgestellt wird und im Kapitel zu den klassisch-rhetorischen Definitionen der Ironie. Die offenbar z. T. gemeinsamen Zwecke der sprachlichen Erscheinungen im Blick behaltend sei abschließend auf einen wesentlichen Unterschied zwischen Ironie und Witz hingewiesen, den Fischer nennt: Die Ironie sei bei weitem höher und vernichtender, weit treffender und durchdringender als der Witz, dieser hat in der Vorstellung eines Gegenstandes seine guten Einfälle und springt von einem fort auf den andern; die Ironie bleibt bei der Sache, sie vergleicht den Gegenstand nicht mit diesem und jenem, sondern mit sich selbst, mit seiner eigenen Natur […]119

Wieder scheint hier der Gesichtspunkt der Konfrontation mit dem anderen hindurch, wieder ist man an die „Ironie als Waffe“ erinnert, von der oben bereits die Rede war. Die Ironie geht den Dingen auf den Grund - während der Witz oberflächlich bleibt -, deckt Eitelkeiten auf, erleuchtet […] in den menschlichen Charakteren nicht bloß, was sie sind, sondern auch was sie glauben, daß sie sind, was sie sich einbilden, […] sie dringt bis in die verborgenen Schlupfwinkel ihres Selbstbewußtseins […] und enthüllt […] das heimliche Spielbild, welches jeder selbst von sich macht und im Stillen mit sich herumträgt.120

Hier kommen die Überlegungen zum Typusmotiv des gesellschaftlichen Sonderlings erneut auf, von denen bereits eingangs in Bezug auf eine Vielzahl der zentralen Gestalten des „Sichgedichts“ die Rede war. Selbstgefälligkeit, Geckenhaftigkeit, euphemistische Selbstbespiegelung und dergleichen mehr sind durchaus keine Attribute, die lediglich vereinzelt Protagonisten von Rahmen- und Binnennovellen zuzuschreiben sind.121 Dieser Gedanke ist später weiterzuverfolgen, wenn es darum geht, den konkreten Mechanismen nachzuspüren, die diese Eigenschaften bestimmter Figuren auf ironische Weise ans Licht bringen.

3.0.5 Humor

Eine weitere bedeutungsrelevante Abgrenzung ist nun zwischen der Ironie und dem Humor vorzunehmen. Der Humor wurde auch von Freud in engerem Zusammenhang mit den Phänomenen von Komik und Witz gesehen, wobei nach erfolgter Untersuchung im vorangegangenen Kapitel der Subsumption von Witz, Ironie und des Humors unter das Komische entsprochen wird. In Bezug auf das Komische allgemein wurde bereits gesagt, dass, nach Jünger und Freud, nichts der komischen Wirkung abträglicher sei, als das unerwartete Auftreten von Gefühlsregungen, die den Effekt zunichte machen.122

Der Humor ist nun ein Mittel, um die Lust trotz der sie störenden peinlichen Affekte zu gewinnen; er tritt für diese Affektentwicklung ein, setzt sich an die Stelle derselben.123 Auf diese Weise könne „die vom Schaden, Schmerz usw. betroffene Person humoristische Lust gewinnen“124. Die Lust des Humors gehe in diesem Fall „aus erspartem Affektaufwand hervor“, d. h., statt sich zu ärgern, mitzuleiden, leiden, gerührt sein u. a. wird quasi die zur Verfügung stehende Energie in die humorige Leistung gelenkt. Die Verbindung zum Witz oder zur Ironie ist aus psychologischer Perspektive also hier anzusetzen:

Der Humor kann […] mit dem Witz oder einer anderen Art des Komischen verschmolzen auftreten, wobei ihm die Aufgabe zufällt, eine in der Situation enthaltene Möglichkeit von Affektentwicklung, die ein Hindernis für die Lustentwicklung wäre, zu beseitigen.125 Aus philosophisch-ästhetischer Sicht sieht Fischer im Humor einen möglichen Schritt zur Selbsterkenntnis, der dem Menschen zum wahren Darüber-Stehen verhilft, zur freien Betrachtung der Dinge und zur Wahrnehmung auch der eigenen Schein- und Unwerte, Unvollkommenheiten, Torheiten und Gebrechen, während die Ironie diese (insbesondere bei anderen Menschen126 ) nur „bis auf den Grund zu erleuchten versteht“ und der Witz lediglich „Verunstaltungen entdecken“, „treffen und vernichten“ könne.127 Im Abschnitt zum Sarkasmus wurde mit Jancke bereits über die Ironie gesagt, dass es sich bei ihr um ‚Situationsbeherrschung’, ‚inneres Freisein’ handele128 ; Es zeigt sich hier also dennoch, abgesehen von der zuvor genannten Differenz, eine Parallele von Humor und Ironie.129 Der Übergang ist dabei offenbar ein fließender, der sich im Grad dieses ‚Darüber-Stehens’, des ‚innerseelischen Freiseins’ abbildet, wobei das Maximum dieser ‚Souveränität’ durch den Einsatz des Humors erreichbar scheint.130

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zwischen beiden Erscheinungen indes erblickt Jancke darin, dass der Humorist nicht nur die Mängel [sieht], die er für ‚Andere’ komischmacht, er sieht auch noch das Ganze, in dem die Mängel eingehen, er blickt nicht nur auf diesen Unwert, sondern auf das wertvolle Ganze, in welchem der Unwert ein notwendiges Teil ist. Oder […] er sieht außer den Mängeln ‚Anderer’ die eigenen mit […] oder schließlich sieht er die Unwerte ‚Anderer’ als mögliche Werte an.131

Das hier zum Ausdruck gebrachte Sich-selbst-Einbeziehende und ungeschönt SichEinordnende in das ‚Ganze’, im engeren Sinn das Sich-selbst-Reflektierende, verweist auf eine Abgrenzung zwischen der Ironie und dem Humor: In der Wahrnehmung der Schwächen anderer, zu der komplementär nun „die helle Erleuchtung der eigenen Karikatur“ tritt, bestehe „die volle und wahre Selbsterkenntniß“.

Diese Selbsterkenntniß im heiteren Lichte der ästhetischen Betrachtung ist nicht mehr Ironie, sondern Humor.132

Andererseits weist der Humor in seinem Modus von ‚Selbsterkenntnis’ und ‚Einbeziehung eigener Schwächen’ wiederum eine Gemeinsamkeit mit der Art von Ironie auf, die gemeinhin als ‚Selbstironie’ bezeichnet wird. Diese kann mit Fischer als Übergang zwischen Ironie und Humor bezeichnet werden.133 Die Stoßrichtung der Selbstironie sei allerdings nicht, „Schwächen bei sich selbst […] zu ‚entdecken’, denn [ihr] Vollzug setzt deren Kenntnis ja schon voraus“134.

Der Selbstironiker vollzieht daher keinen eigentlichen Akt des Ironisierens, sondern benutzt lediglich dessen Form […] Der […] Zweck eines solchen Tuns besteht darin, dass der Andere erkennt, dass der Sprecher in der Lage ist, sich selbst in Frage zu stellen und sich dabei sogar ein wenig auf die Schippe zu nehmen.135

In diesem Sinn kann die Selbstironie als eine Form verstanden werden, die sich von echtem Humor darin unterscheidet, dass für den Humoristen „kein auf den Hörer bezogenes Selbstdarstellungsinteresse mehr besteht“, während dem Ironiker der intendierte Hörereffekt in Gestalt der Werbung für die eigene Person zuzuschreiben ist.136 Im Kapitel zu den klassischen Auffassungen der Ironie wird sich zeigen, wie ein ursprüngliches Modell dieser Form ausgesehen hat (s. u., Kapitel 3.1). In der hier erfolgten Darstellung erweist sich die Selbstironie als Grenzbereich zwischen der Ironie und dem Humor.

Das Moment vollendeter Selbstreflexion, das im Wirkungskreis des Humors angelegt scheint, findet bei Freud seine Entsprechung, indem der Humor dort als „genügsamste unter den Arten des Komischen“ bezeichnet wird; Sein „Vorgang vollendet sich bereits in einer einzigen Person, die Teilnahme einer anderen fügt nichts Neues zu ihm hinzu“.137 Im Kontrast dazu sei hier erneut verwiesen auf die Drei-Parteien-Konstellation, die im vorangehenden Abschnitt in Bezug auf Witz und Ironie ausführlich untersucht wurde und die sich ebenfalls in der „Pretense Theory“ als linguistischem Erklärungsansatz für die Ironie wiederfindet, wie unten noch genauer erörtert werden soll. Es ist also hier festzuhalten, dass der Humor als weiteres Phänomen des Komischen zu seiner Realisation zumindest nicht die Beteiligung von drei Parteien voraussetzt. Außerdem wird an den bisherigen Ausführungen deutlich, dass im Humor gegenüber der Welt und den eigenen Schwächen eine Überlegenheit besteht, die in Kapitel 3.0.3 nach Jüngers Theorie zum Komischen allein im Gefälle zwischen Provokation (unter-) und Replik (überlegen) verortet worden war. Davor zeigte sich, dass Sarkast und Zyniker im Kampf gegen Unwerte als Unterlegene gelten müssen, während Satire und Ironie als Formen des Komischen hingegen nicht unbedingt vergeblich auf ihre jeweilige Art gegen das vorgehen, was als Normverstoß oder Regelbruch wahrgenommen wird.138 Den ‚Waffengang’, den Ironie noch unternimmt, um Selbstkorrekturen anzustoßen, hat jedoch der Humor nicht mehr nötig.

Ein Beispiel von Freud, das er als „gröbste[n] Fall des Humors“, als „Galgenhumor“ identifiziert, kann möglicherweise dazu dienen, den Grenzbereich zwischen Ironie und Humor noch deutlicher zu markieren:

Der Spitzbube, der am Montag zur Exekution geführt wird, äußert: ‚Na, diese Woche fängt ja gut an!’139

Nicht zuletzt nach Freuds eigener Einschätzung müsste man die Bemerkung auch als Ironie, als „Darstellung durchs Gegenteil“, auffassen können.140 Freud rückt hier allerdings die Nähe zum Witz in den Vordergrund, „denn die Bemerkung ist an sich ganz zutreffend, anderseits in ganz unsinniger Weise deplaciert, da es weitere Ereignisse in dieser Woche für ihn nicht geben wird“.141

Es gehört Humor dazu, einen solchen Witz zu machen […] Man muß sagen, es steckt etwas wie Seelengröße in dieser blague, in solchem Festhalten seines gewohnten Wesens und Abwenden von dem, was dieses Wesen umwerfen und zur Verzweiflung treiben sollte.142

Etwas makaber vielleicht zu sagen, aber in diesem Fall offenbart sich, um Fischers Worte zu verwenden, unzweifelhaft „die Erhellung der eigenen Karikatur“, und mit diesem Wahrnehmen und Festhalten am Selbst ist nun „die ästhetische Freiheit vollendet“.143 Mögliches Mitleid mit dem Delinquenten als psychischer Aufwand, d. h. Gefühlsaufwand, werde gehemmt durch die zur Schau gestellte Gleichgültigkeit des Verurteilten und durch die Umwandlungstätigkeit des Humors, der die transformierte Energie schließlich in Form des Lachens abführt.144

Mit der bis hier getroffenen Unterscheidung bewegen wir uns auf der Ebene psychologischer, ästhetischer und auch philosophischer Deutungsmuster, die insbesondere verbalironische Äußerungen in den Blick nehmen. Ein weiterer Differenzierungsversuch kann zudem darin bestehen, Humor und Ironie als poetologische Produktionsprinzipien aufzufassen. Diese Perspektive wird eingenommen in Kapitel 4.1.3, das sich vor allem auf die umfassende Untersuchung Wolfgang Preisendanz’ stützt, indem er Wirkungsweisen des literarischen Humors als ‚dichterische Einbildungskraft’ beschreibt und hierbei die Ironie als ein dem Humor unterzuordnendes, in seinem ‚Innern’ liegendes Prinzip begreift. Nicht zuletzt aufgrund der erkennbaren Notwendigkeit, sich ebenfalls dezidiert verbalironischer Sequenzen anzunehmen, die im „Sinngedicht“ unbestritten ihren Einsatz finden und deren Untersuchung theoretisch in den Kapiteln 3.3 und 3.4 vorbereitet wird, sollte auch die im vorliegenden Kapitel getroffene erste Abgrenzung der beiden Phänomene voneinander der späteren Werkananlyse dienlich sein.

3.0.6 Die Satire

Preisendanz definiert das Satirische in rhetorischer Terminologie und verfahrensbezogen. Es besteht in den verschiedenen Verzerrungs-, Verkürzungs-, Übertreibungsverfahren, denen die gemeinte Wirklichkeit nach den Modellen der Metonymie, der Synekdoche, der Hyperbel unterworfen sind. Die satirische Darstellung beruht auf dem Prinzip der transparenten Entstellung.145

Das Komische der Satire, so Preisendanz weiter, ergebe sich „aus der Relation zwischen Gemeintem und Dargestelltem“146, Schiller bezeichnet den Gegenstand der Satire als „Widerspruch der Wirklichkeit mit dem Ideale“147, und bei Borew heißt es:

Die Satire verneint die verspottete Erscheinung vollständig und stellt ihr ein außerhalb der gegebenen Erscheinung existierendes Ideal gegenüber.148

Darin könne eine Problematik erblickt werden, die sich ihrerseits ebenso auf das Phänomen der Ironie übertragen ließe, so Preisendanz. Denn worin bestünde beispielsweise laut letztgenannter Definition das ‚existierende Ideal’, das der verspottenden Darbietung in Gestalt der Satire gegenübertrete? Das ‚Prinzip der transparenten Entstellung’ (s. o.) allein sei kein Garant für eine bestimmte Verstehensweise eines hinter der spottenden Darstellung befindlichen Gegenbildes, und deshalb komme „es weniger auf die Gegenbildlichkeit an, die im Satirischen verborgen liege, als auf die Negativität, die darin zum Vorschein kommt“.149 Der sog. ‚Negativitätsvorwurf’ findet sich ebenfalls in Sieberts Untersuchung zur Theorie des Satirischen, in der er zeitgenössische Stimmen zu Heinrich Manns „Schlaraffenland“ wiedergibt. Es wird eine konkrete Wertungsposition des Autors vermisst und das Werk als konservativ, nörglerisch, schlicht als schlechte Satire bezeichnet, da es eines konstruktiven, vorwärtsgerichteten Gegenentwurfs entbehre.150 Borew postuliert zwar, dass der Satiriker Erscheinungen „im Namen eines ganzen Systems von Begriffen und Vorstellungen, die zu den geschilderten im Gegensatz stehen“, verspotte und geißle.

In der wirklichen Satire ist vollkommen klar, im Auftrage und im Namen welcher Kräfte die Kritik geführt wird.151

An einigen Stellen seiner Ausführungen hebt Borew ausdrücklich hervor, dass ein „positives Ideal“ im Allgemeinen an satirischen Werken ablesbar sei152:

Die brennendste und drohendste Satire in der wahrhaft realistischen Kunst kritisiert, verneint, entlarvt und verspottet die Erscheinungen vom Standpunkt zutiefst humanistischer Ideale.153 Dennoch: Wer will angeben, was genau dieses „System von Begriffen und Vorstellungen“ „zutiefst humanistischer Ideale“ umfasst? Je nach präferierter Gesellschaftsordnung, politischer Gesinnung, Schichtzugehörigkeit usf., kurzum Sozialisation, Erziehung und Erfahrungen des jeweiligen Autors im Zusammenhang mit der Gesellschaft, in der lebt, ist das Spektrum des möglichen ‚Positiven’, des ‚idealen Gegenbildes’ allzu breit.154 Insofern ist Preisendanz zuzustimmen. Nicht zuletzt am Beispiel des „Schlaraffenlandes“ erkennt man, wie schwer steuerbar sich die konkrete Initiation eines Positiven über den Weg des satirisch-künstlerischen Ausdrucks tatsächlich ausnimmt.

Preisendanz vergleicht diese Schwierigkeit nun mit der „Gegensätzlichkeit im Fall der Ironie“, über die oben (Kapitel 3.0.4) im Zusammenhang mit Freud und Stempel bereits einiges gesagt worden ist. Geht man also tatsächlich von der ‚Darstellung durch das Gegenteil’ aus, ist allzu oft nicht erkennbar, worin denn in bestimmten Beispielen das Gegenteil überhaupt bestehen soll. Wie lässt sich das Gegenteil etwa einer ironischen Frage formulieren? Stempel erkennt das Problem anhand eben des drastischen Falls der ironischen Frage; Nach ihm ließe „die Potentialität des non-a […] sich nicht auf einen einfachen Gegensatz bringen“.155 Auf die Satire bezogen formuliert Preisendanz:

[Die] Gegenbildlichkeit, die der Satiriker beim Rezipienten antizipiert, kann defizient sein.156 Es offenbaren sich hier Schwierigkeiten, denen Ironie und Satire in besagtem Problemkreis gleichermaßen ausgesetzt sind - Dies dürfte demnach die Wirkungsabsichten des Satirikers ebenso betreffen wie die des ironischen Sprechers in einem bestimmten Bereich157 des Ironischen; eines Erzählers, wenn er eine seiner Figuren ironisiert; den Verfasser eines epischen Werkes, wenn er es auf struktureller Ebene ironisch anzulegen bestrebt ist. Damit erscheint die hier angebahnte Beschäftigung mit dem ‚Gegenteils- Aspekt’ für die spätere Auseinandersetzung mit dem „Sinngedicht“ unverkennbar bedeutsam und soll zudem auf der theoretischen Ebene in den nachfolgenden Kapiteln vertieft werden. Auch das Thema ‚Ironiemarker’, das hier implizit zum Vorschein kommt, ist weiterhin nicht aus den Augen zu verlieren.

Wie die Ironie ist auch die Satire v. a. auf die Entlarvung von Schwächen anderer Menschen spezialisiert, wenn man vom Spezialfall der Selbstironie einmal absieht. Die Satire finde ebenso ihren Einsatz als Waffe, oft habe ihre Anwendung das „Vorhandensein eines gesellschaftlich gefährlichen Objektes“ zur Voraussetzung, das es scharf, kritisch, „mit schwerem Kaliber“, u. U. ‚brennend’, ‚drohend’, aufs Korn zu nehmen gelte, ist also auf einzelne Personen oder auch allgemeiner auf „die großen gesellschaftlichen Übel“ gerichtet.158 Zwischen kritischer Härte und wohlwollender Milde steht dabei der Satire, ebenso wie der Ironie, ein breites ‚Arsenal’ zur Verfügung.159 Es gibt im „Sinngedicht“ mehrere Stellen, an denen der erzählerische Austausch Lucies und Reinharts in der Rahmennovelle mit einer Kampf- und Kriegsmetaphorik versehen ist. Auf diese Erscheinung wird also im Interpretationsteil zurückzukommen sein, wobei zu klären wäre, ob solcherlei Elemente eher als Hinweise auf ironische oder als satirische Verstehensweisen einzustufen sind (vgl. Kapitel 4.5).

Zentral ist also der ‚Waffencharakter’ beider Phänomene. Der besondere emotionale Einschlag satirischer Kritik hingegen unterscheidet dieselbe wiederum von der Ironie, der dem entgegen ein kühl-distanziertes Vorgehen, die „Ungebundenheit an das Personenobjekt“ (Jancke) zueigen ist, wie sich bereits in der Abgrenzung zu Sarkasmus und Zynismus gezeigt hat.160 Die Dichotomie ‚emotional’ vs. ‚unbeteiligt’ betrifft allerdings ausschließlich die Äußerungsperformanz, denn dessen ungeachtet müsse, wie Jolles meint, der generell vorliegende ‚werbende Charakter’ der Ironie berücksichtigt werden, welcher der Satire so nicht zuzuschreiben sei. Der Ironiker zeige im Unterschied zum Satiriker an, dass ein Interesse an der Gemeinschaft mit dem Ironisierten bestehe. Damit wird möglicherweise eine grundsätzlich verschiedene Intention der Erscheinungen sichtbar: Kritisch sind sie beide, aber:

Satire vernichtet - Ironie erzieht.161

Diese Auffassung von Ironie ist der Gottfried Kellers, der das Pädagogisch-Wohlwollende seiner selbst praktizierten Ironie in einem Brief an Auerbach betont, recht nahe, wie an dieser Stelle vorläufig festgehalten werden kann.162

Des Weiteren ist erneut an die Behandlung des Komischen durch Jünger zu erinnern, wenn Borew in Bezug auf die Satire die ‚Abweichung von der Norm’ diskutiert. Wo nach Jünger der Regelbruch, der Normverstoß im Bereich des Ästhetischen als Replik auch eine ironische Äußerung herbeiführen kann, stellt im Vergleich dazu die Satire ebenfalls eine Reaktion auf das von der Norm Abweichende dar (wobei nicht jede Reaktion auf Normabweichendes eben Satire sein muss, wie Borew zugleich betont; Nach den Erörterungen in den vergangenen Abschnitten kann behauptet werden, dass hier eben auch Witz und Ironie in Frage kommen).163 Mit den hier hervorgehobenen Gemeinsamkeiten bezüglich des Angriffscharakters von Satire und Ironie fällt im Vergleich mit dem Humor nun wieder auf, dass diesem „im Gegensatz zur Satire und der Ironie ein sympathisches Element eigen sei“, und mit Sympathie ist hier „das freiwillige Zuneigen zu einer Person oder einer Sache gemeint“, wie Jancke die Konstellation dieses Dreiergestirns

[...]


1 Im Text des Novellenzyklus wird z. B. auch der Onkel Lucies mit diesem Typus in Verbindung gebracht: „Der Oheim fixierte ihn aufmerksam mit der Freiheit der alten Soldaten oder Sonderlinge, indem er […] vorbrachte, sein Name sei ihm wohlbekannt […]“.Gottfried Keller: Das Sinngedicht. Sieben Legenden. Hrsg. von W. Morgenthaler u. a. Basel/Frankfurt a. M./Stroemfeld 1998 (dies.: Sämtliche Werke. Historisch-Kritische Ausgabe. Abt. A, Bd. 7 [im Folgenden innerhalb der Fußnoten: SG], S. 129. Ansonsten gehen Merkl (1986) und Zeller (2002) diesem im „Sinngedicht“ auftretenden Typusmotiv nach; Auch Schlaffer (1993) stellt einige Überlegungen hierzu an.

2 Vgl. Gerhard Kaiser: Experimentieren oder Erzählen? Zwei Kulturen in Gottfried Kellers „Sinngedicht“. Stuttgart 2001 (Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft, 45. Jg.).

3 Vgl. Emil Ermatinger: Gottfried Keller. Eine Biographie. Zürich 81950.

4 Wolfgang Preisendanz: Gottfried Kellers „Sinngedicht“. In: Zu Gottfried Keller. Hrsg. ders. Stuttgart 1984 (Literaturwissenschaft - Gesellschaftswissenschaft. Materialien und Untersuchungen, Bd. 66), S. 147. Auf diese Position Preisendanz’ wird in der vorliegenden Arbeit verschiedentlich zurückzukommen sein.

5 Vgl. Ursula Amrein: Augenkur und Brautschau. Zur diskursiven Logik der Geschlechterdifferenz in Gottfried Kellers „Sinngedicht“. Bern u. a. 1994 (Zürcher germanistische Studien, Bd. 40).

6 Vgl. Gabrielle Brandstetter: Fremde Zeichen: Zu Gottfried Kellers Novelle „Die Berlocken“. Literaturwissenschaft als Kulturpoetik. Stuttgart 1999 (Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft, 43. Jg.).

7 Vgl. Doerte Bischoff: Fremdes Begehren. Transkulturelle Beziehungen in Literatur, Kunst und Medien. Hrsg. v. E. Lezzi u. M. Ehlers. Köln/Weimar/Wien 2003.

8 Vgl. Gabriella Rácz: Die Frau als Fremde. Interkulturelle Aspekte in Gottfried Kellers „Sinngedicht“ und Heinrich Manns „Zwischen den Rassen“. In: Interkulturalität: Methodenprobleme der Forschung. Beiträge der Internationalen Tagung im Germanistischen Institut der Pannonischen Universität Veszprém 7.-9. Oktober 2004. Hrsg. v. C. Földes u. G. Antos. München 2007.

9 Trotz der oben festgelegten Konzentration auf die männlichen Helden des Zyklus als Typen des Sonderlings ist also weiterhin erforderlich, sich auch verschiedenen weiblichen Figuren zuzuwenden. Neben Lucie ist auch die Malerin aus „Regine“, deren Auftritt ebenfalls eine ironische Komponente zu enthalten scheint, in die Betrachtung einzubeziehen.

10 Vgl. Wolfgang Preisendanz: Humor als dichterische Einbildungskraft. München 21976.

11 Fritz Martini: Ironischer Realismus. Keller, Raabe und Fontane. In: Ironie und Dichtung. Hrsg. v. A. Schaefer. München 1970 (Beck’sche Schwarze Reihe, Bd. 66), S. 123.

12 Oliver Preukschat: Der Akt des Ironisierens und die Form seiner Beschreibung. Zur Überprüfung und Integration linguistischer und philosophischer Ironietheorien auf der Basis von allgemeinen Adäquatheitskriterien der Beschreibung von (Sprech)Handlungen. Tönning/Lübeck/Marburg 2007, S. 1.

13 Da faktische Kommunikationssituationen ihre Nachbildung in literarischen Texten finden, soll der verbalen Ironie ein nicht unerheblicher Teil der vorliegenden Untersuchung gewidmet werden. Diesen Bereich des Untersuchungsobjekts ‚Ironie‘ behandeln linguistische Ansätze, um auf diese Weise eine Basis für die anschließende Textuntersuchung zu schaffen. Zur Ausschöpfung des semantischen Potenzials in der Literatur schreibt Stierle: „Gerade indem Fiktion die extremen Möglichkeiten der Kommunikation ausnutzt, ist sie für die Frage nach der Leistungsfähigkeit einer Kommunikationsform von besonderem theoretischen Interesse.“ Karlheinz Stierle: Komik in der Handlung, Komik der Sprachhandlung, Komik der Komödie. In: Das Komische. Poetik und Hermeneutik VII. Hrsg. v. W. Preisendanz u. R. Warning. München 1976, S. 237.

14 Dieses Vorgehen unterstützt Preukschat, der in seinem umfassenden Modell zum Akt des Ironisierens die Integration der unterschiedlichsten Konzepte und Theorien versucht. Er verweist darauf, dass sich die literarische Ironie, als Sonderfall der Ironie auf der Alltagsebene, „ebenfalls als abgeleitete Form [seines] Grundmodells des ironischen Akts verstehen lässt“. Preukschat, S. 388f.

15 Marika Müller: Die Ironie - Kulturgeschichte und Textgestalt. Würzburg 1995, S. 133.

16 Hans-Georg Gadamer: Vom Zirkel des Verstehens. Tübingen 19932 (ders.: Gesammelte Werke. Hermeneutik II, hier: Bd. 2), S. 61.

17 Ebd., S. 63.

18 M. Müller, S. 130f.

19 Gadamer, S. 56.

20 Mit ‚Objekten’ sind zunächst einmal die Phänomene im Umkreis der Ironie (und sie selbst) gemeint, wie sie in den ersten theoretischen Kapiteln dieser Arbeit genauer untersucht und dargestellt werden sollen. Im eigentlichen, d. h. werkanalytischen Teil werden diese Objekte dann ihrer Verwendung zugeführt und müssen in diesem Kontext dann dementsprechend Instrumente, Instrumentarien oder einfach Werkzeuge genannt werden, mit denen nun das Objekt ‚Text’ zu analysieren ist.

21 Preukschat, S. 345.

22 Preukschat, S. 374. (Klammerausdruck O. P.)

23 Ebd.

24 Tschižewskij verweist auf „grundlegende Schwierigkeiten“, die etwa „bei den Definitionen der literaturwissenschaftlichen Begriffe eine besondere Rolle spielen“. Die Frage, ob solche Definitionen überhaupt möglichen seien, stelle „allerdings nur ein Teilproblem des umfangreicheren Problems der Definition der Begriffe der Kulturwissenschaft überhaupt“ dar. Diesbezügliche Schwierigkeiten sieht Tschižewskij v. a. darin, dass seiner Ansicht nach Kulturerzeugnisse wie etwa literarische Werke so verschiedenen Bedingungen, Anforderungen, Traditionen etc. unterworfen seien, dass hier „Skepsis in bezug auf eine Reihe der literaturtheoretischen Begriffe“ angebracht sei. Dimitri Tschižewskij: Satire oder Groteske. In: Das Komische. Poetik und Hermeneutik VII. Hrsg. v. W. Preisendanz u. R. Warning. München 1976, S. 271f.

25 Das sich anschließende Kapitel 3.1 wird näher auf den etymologischen Aspekt des Untersuchungsgegenstandes eingehen.

26 Edgar Lapp: Linguistik der Ironie. Tübingen 1992 (Tübinger Beiträge zur Linguistik, Bd. 369), S. 148.

27 Lapp, S. 137.

28 Ähnlich äußert sich bereits Eggs, der allerdings das ‚Gegenteil dessen, was gemeint ist’ zugrunde legt, was in der Folgeliteratur als überholte Einstufung gilt. „Das ist auch das unterscheidende Merkmal von Ironie und Lüge: der Lügner darf nicht zu erkennen geben, daß er selbst seine Äußerung für falsch hält, der Ironiker hingegen muß dem anderen ‚irgendwie’ mitteilen, daß er das Gegenteil dessen, was er sagt, meint.“ Ekkehard Eggs: Eine Form des uneigentlichen Sprechens: Die Ironie. In: Folia Linguistica 17 (1979), S. 417. Vgl. hierzu auch den Abschnitt über die klassischen Substitutionstheorien in Kapitel 3.1 und die Ansätze zu ihrer Fortentwicklung in Kapitel 3.3.

29 Paul Grice: Further Notes on Logic and Conversation. In: Syntax and Semantics (Vol. 9). Pragmatics. New York u. a. 1978, S. 125.

30 Ebd. (Hervorh. ders.)

31 „Der Lügner muss mehr tun als lediglich einen gewöhnlichen Akt der Behauptung vollziehen; er muss die Qualität eines echten Glaubens simulieren und er muss seine wahren Überzeugungen dissimulieren.“ Preukschat, S. 209. (Hervorh. O. P.)

32 Im Sinne dieses ‚Schwebezustandes’ heißt es bei Eggs: „[Der Ironiker] läßt sein Opfer ‚in der Luft hängen’, ohne ihm dabei zu helfen, wieder ‚auf die Erde zu kommen’.“ Eggs, S. 422.

33 Seinem eigentlichen Wissensinhalt hat der Ironiker „gewissermaßen eine Maske aufgesetzt, die den Sachverhalt bis zur Unkenntlichkeit entstellt […] Ironie ist hier die andersartige Aussage dessen, was man ‚weiß’, bei innerpsychischem Freisein.“ Rudolf Jancke: Das Wesen der Ironie. Eine Strukturanalyse ihrer Erscheinungsformen. Leipzig 1929, S. 21.

34 Zum sog. ‚Schwebezustand’ der Ironie Weiteres in Kapitel 3.2.2, in dem es um Erklärungsansätze zur literarischen Ironie geht. Zum Grad der Transparenz der Ironie im Vergleich mit dem der Lüge heißt es bei Lapp: „Zuviel Hintergrundinformation schadet der Lüge, zuwenig Hintergrundinformation schadet der Ironie.“ Lapp, S. 141.

35 Festzustellen sei, „daß sich die Ironie - im Gegensatz zur Lüge, die eine Simulation der Aufrichtigkeit ist - als Simulation der Unaufrichtigkeit charakterisieren läßt.“ Lapp, S. 153. Die Bezeichnung ‚zweistufiges Simulationsmodell’ resultiert daraus, die Ironie als offene Simulation einer verdeckten Simulation zu betrachten. Vgl. auch Preukschat, S. 259.

36 Entgegen Searle ist Falkenberg der Auffassung, die Lüge dürfe nicht als defektive Behauptung, sondern müsse als eigenständiger Akt angesehen werden. Diese Auffassung bildet neben Eggs den Ausgangspunkt für Lapps Überlegungen. Vgl. Gabriel Falkenberg: Lügen. Grundzüge einer Theorie sprachlicher Täuschung. Tübingen 1982, S. 99ff.

37 Der Ironiker tue so, „als ob er sich an die Metakonvention der Aufrichtigkeit hält und zeigt dem Hörer doch zugleich, daß er diese Metakonvention durchbricht.“ Eggs, S. 420.

38 Preukschat, S. 260f.

39 „Simulative Akte seien solche, „die spielerisch, d. h. nicht-ernsthaft vollzogen werden und dennoch der Vermittlung einer ernsthaften Botschaft dienen […] Das ‚Setzen eines Nicht-Wirklichen mit ernsthafter Absicht’ beschreibt den Handlungskern simulativer Akte.“ Preukschat, S. 228. Das ‚Spielerische’ des Aktes wird in der Literatur entweder als ‚Simulation’ oder auch als ‚Anspielung’ bezeichnet. Den „simulativen Charakter“ der Ironie hebt zudem Jancke hervor. Jancke, S. 23.

40 Preukschat, S. 260. In diesem Sinne wiederum Jan>hinter sich hat. Anders der Ironiker: er lügt, wenn er es nicht nötig hat, […] seine Lüge ist in Wirklichkeit keine Lüge […]“ Jancke, S. 23. Preukschat hebt hervor, dass „das Moment der Simulation, d. h. die mehr oder minder offen signalisierte Nicht-Ernsthaftigkeit des Aktvollzugs“ für die Ironie „trotz ernsthafter Intention in Hinblick auf einen intendierten Effekt beim Hörer“ zentral sei. Preukschat, S. 264.

41 Vgl. hierzu auch Falkenberg (1982), S. 131.

42 Preukschat, S. 210.

43 Ebd., S. 211f.

44 Ebd., S. 212. Wir bewegen uns bei diesem Vergleich, wohlgemerkt, weiterhin auf dem Feld der assertiven Ironie (s. o.).

45 Lapp, S. 138. (Hervorh. A. S.)

46 Auch Falkenbergs Analyse, die sich diesbezüglich an Austins Sprechakttheorie orientiert, stimmt damit überein. Gabriel Falkenberg: Unaufrichtigkeit und Unredlichkeit. Vortrag vor der 14. Jahrestagung der Gesellschaft für angewandte Linguistik, Gesamthochschule Duisburg, 29. September 1983. In: Mitteilungen des deutschen Germanistenverbandes, 31. Jg. (1984), S. 16.

47 Preukschat, S. 298.

48 Falkenberg verweist darauf, dass etwa die Abgrenzung der Heuchelei von der Lüge nicht diskret, sondern kontinuierlich sei. „Es ist jedoch auch möglich, Gefühle zum Ausdruck zu bringen mittels Behauptungen, etwa wenn jemand sagt: ‚Ich fühle mich heute hundeelend’. Solche Behauptungen wären, wenn gelogen, auch geheuchelt, und umgekehrt.“ Falkenberg (1984), S. 17. Mit der hier aufgezeigten Diskontinuität ist vermutlich zwischen einigen in diesem Kapitel besprochenen Phänomenen zu rechnen. Bezogen auf die Grenzen der Ironie dürfte sie ebenfalls vorliegen und sollte in nicht eindeutigen konkreten Vorkommen berücksichtigt werden, indem man die Einordnung in Übergangsbereiche in Betracht zieht. Als allgemeine Orientierung allerdings sollten die in diesem Abschnitt aufgezeigten Abgrenzungen für die Zielsetzungen dieser Arbeit hinreichend sein.

49 Roger J. Kreuz / Sam Glucksberg: How to be sarcastic: The Echoic Reminder Theory of Verbal Irony. In: Journal of Experimental Psychology. General, Vol. 118 (1989), S. 374.

50 Ebd.

51 Jancke, S. 29.

52 „Der Sarkasmus ist eine seiner Tendenz nach satirische, besonders ätzende und giftige Ironie, die bis zu tragischer Spannung ansteigt, eine Ironie, die ihren gesellschaftlichen Folgen nach besonders gefährliche Erscheinungen entlarvt.“ Jurij Borew: Über das Komische. Berlin 1960, S. 243. Im Anschluss an diese Definition gibt Borew dann auch Swifts Jonathan Swifts Essay „A Modest Proposal“ wieder, in dem sich eben diese Verbundenheit des Schriftstellers mit der Gesellschaft, deren moralische Rettung jedoch verloren scheint, widerspiegelt. Es wird unten in Kapitel 4.4.2.1 dargestellt.

53 Jancke, S. 31. Preukschat verweist darauf, und damit zeigt sich einmal mehr die Unbestimmtheit und Vagheit jedweder klarer Abgrenzungen und Definitionen im vorliegenden Bereich, dass der „von Jancke beschriebene Sarkasmus“ auch anders eingeordnet werden könne: „Die spezifische Bitterkeit des Sarkasten ließe sich nicht nur mit der Vergeblichkeit seines Bemühens in Verbindung bringen, man könnte daraus auch eine Intensivierung oder eine größere Gleichgültigkeit im Bemühen ableiten. Der Sarkast würde in beiden Fällen Ohnmachtsgefühlen aus dem Weg gehen und sich dem Höhnenden nähern.“ Preukschat, S. 345. Dies soll hier jedoch nur die Schwierigkeiten exakter Bestimmungen aufzeigen - wir bleiben bei der Analyse Janckes.

54 Jancke, S. 20.

55 Friedrich Georg Jünger: Über das Komische. Berlin 1936, S. 67. 16

56 Ebd., S. 68.

57 Jancke, S. 31.

58 Ebd., S. 33.

59 Vgl. Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Frankfurt a. M. 1998, S. 188f.

60 Albert Drach: Hoffnung und Skepsis. Aus einem Interview. In: Der Zynismus ist ein Anwendungsfall der Ironie. München; Wien 1988 (Bogen 23), S. 13f.

61 Im Anschluss an Jancke meint Preukschat, dass „Ironie korrigiert, d. h. nicht nur mit Defiziten konfrontiert, sondern diese z. T. auch beseitigt: Auf der Metaebene der sozialen Interaktion, im Hinblick auf wechselseitiges Verstehen, veranlasst der Ironiker den Ironisierten im Sinne eines internen Effekts nicht nur zur Selbstkritik, sondern auch schon zu einer Selbstkorrektur.“ Preukschat, S. 337.

62 Die Zuschreibungen „im Kleinen“ für Ironie und „im Großen“ für Zynismus sind zusätzlich verwirrend, weil hier eigentlich, Drachs erster Äußerung entsprechend, der Zynismus als „Anwendungsfall“ ja der Ironie untergeordnet werden müsste. Bezogen auf die Einflussmöglichkeiten macht es allerdings Sinn, die Wirksamkeit beider sprachlicher Mittel auf diese Weise zu kontrastieren.

63 Hier müssten ebenfalls ganze Personengruppen resp. Gesellschaften einsetzbar sein, wenn man die Ausführungen Janckes richtig interpretiert.

64 Mit den Gattungen der satirischen und der ironischen Komödie „stehen wir auf dramatischem Boden, ohne dass doch die epische Gestaltung ausgeschlossen wäre“. Theodor Lipps: Komik und Humor. Eine psychologischästhetische Untersuchung. Leipzig 21922, S. 254.

65 Jancke, S. 24.

66 Ebd.

67 In einem anderen Aufsatz von Preisendanz bestätigt er dieses, indem er dort die strikte Trennung von Humor und Ironie fordert: „Als Ebene der Kommunikation sollte man den Humor nicht mit der Ironie verwechseln oder zusammenfallen lassen. Es geht dem Humor nicht darum, das Ausgedrückte und Dargestellte in irgendeinem Sinne seines Scheinhaften zu überführen.“ (Hervorh. A. S.) Dies ist allerdings das Anliegen einer Widersprüche darstellenden Ironie, indem diese das Publikum zu einer Auseinandersetzung mit den fraglichen Gegenständen auffordert. Wenn Preisendanz nun bezüglich des „Sinngedichts“ vom „Spannungsverhältnis von Wesen und Erscheinung, Sein und Schein“ (s. o.) spricht, drängt sich die Behandlung der ironischen Elemente des Novellenzyklus geradezu auf - und zwar mindestens an denjenigen Stellen, an denen sich die Unvereinbarkeiten in konkreter sprachlicher Umsetzung äußern: Mitunter sei Kellers Sprache „ganz und gar gesättigt […] von Ironie“, die etwa in Gestalt „enthüllende[r] und überführende[r] Ausdrücke und Wendungen“ auftritt. Wolfgang Preisendanz: Gottfried Keller. In: Deutsche Dichter des 19. Jahrhunderts. Ihr Leben und Werk. Hrsg. v. B. von Wiese. Berlin 21979, S. 512. Dass sich ferner zusätzlich der Modus struktureller Ironie im „Sinngedicht“ nachweisen lässt, also jenseits der von Preisendanz so bezeichneten „Ebene der Kommunikation“ (die Linguistik würde hier den Begriff der ‚verbalen Ironie’ ansetzen, vgl. Kapitel 3.3), soll die vorliegende Untersuchung weiterhin hervorbringen.

68 Wolf-Dieter Stempel: Ironie als Sprechhandlung. In: Das Komische. Poetik und Hermeneutik VII. Hrsg. v. W. Preisendanz u. R. Warning. München 1976, S. 212. Bereits Freud nimmt diese Einordnung vor und rechnet sie „zu den Unterarten der Komik“. Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. Frankfurt a. M. 1940, S. 141.

69 Jünger, S. 7. Freud seinerseits nennt folgende „Mittel, die zum Komischmachen dienen […]: die Versetzung in komische Situationen, die Nachahmung, Verkleidung, Entlarvung, Karikatur, Parodie und Travestie u. a.“. Freud, S. 154. Auch hier wird die zusammenfassende Sonderstellung des Komischen deutlich.

70 „Denn die Struktur des Sprachkomischen ist eine Struktur des sprachlichen Handelns, dessen komisches Mißlingen elementar erst beschreibbar wird auf der Ebene des Handelns selbst. Der Ort des Komischen ist die Welt des Handelns und damit die Welt des im Handeln manifestierten Sinns.“ Stierle, S. 238. Freud wähle die „Komik der Bewegungen“ zum Ausgangspunkt seiner Untersuchungen über das Komische, weil „wir uns erinnern, daß die primitivste Bühnendarstellung, die der Pantomime, sich dieses Mittels bedient, um uns lachen zu machen“. Freud, S. 154.

71 Hiermit ist das notwendige ‚Streit-Anfangen’ der unterlegenen Partei gemeint, welches ebenfalls konstitutiv für das Komische sei. Jünger, S. 13.

72 Vgl. Jünger, S. 8. Dabei schränkt Jünger ein, dass nicht alles Hässliche notwendigerweise auch komisch sein müsse. „Das Häßliche und das Komische sind nicht identisch, sondern ihrem Begriffe nach verschieden. Es gibt zwar nichts Komisches, bei dem nicht das Häßliche im Spiele ist, das Häßliche ist aber nur komisch, wenn es die Bedingungen des komischen Konfliktes […] erfüllt.“ Ebd. Eine weitere philosophisch-ästhetische Betrachtungsweise des Komischen findet sich bei Fischer, der es mit dem Erhabenen kontrastiert und in ihm (dem Komischen) eine „höhere Stufe der ästhetischen Betrachtung“ sieht: „Die menschliche Entwicklung schreitet fort, ein neues Weltalter erhebt sich mit neuen Idealen, […] und nachdem der Kampf ausgerungen ist, nachdem die erhabenen Vorstellungen eines Weltalters ausgelebt und in dem Bewußtsein der Menschen gefallen sind, kommt das frei gewordene Selbstgefühl, um die Vernichtung heiter zu enden.“ Kuno Fischer: Über den Witz. Heidelberg 21889, S. 36f.

73 Parallel dazu Lipps: „Wenn ich hier von einem Konflikt spreche, so meine ich […] denjenigen zwischen dem Nichtigen, der Thorheit, […] und dem Erhabenen, der Vernunft, dem Seinsollen andererseits.“ Lipps, S. 255.

74 Darin sieht der Jünger auch die Übereinstimmung und zugleich den Unterschied zur Tragödie, deren zentrales Element ebenfalls der Konflikt sei, allerdings der zwischen ebenbürtigen Parteien. Jünger, S. 11.

75 Ebd., S. 15. Das Modell der widerstreitenden Parteien wird hierbei ebenfalls auf Situationen übertragen, in denen dieses Verhältnis nicht auf den ersten Blick erkennbar ist: So liege etwa der Widerspruch in der Situation eines Mannes, der in der Eile beim Anziehen einen Hemdknopf verliert und diesen trotz eifrigen Suchens nicht findet, in der Opposition der Lage des Eiligen und des Suchenden, woraus sich die Komik der Situation ergebe. Jünger nennt an dieser Stelle verschiedene Beispiele dieser Art. Ebd., S. 16.

76 Ebd., S. 19.

77 Vor Preukschats überzeugender Analyse der Ironie als nicht-ernsthafte Äußerung gab es zuweilen auch die gegenteilige Auffassung, vgl. hierzu etwa Stempel (1976) oder Falkenberg (1982, Abschnitt 30-31).

78 Vgl. Henri Bergson (1921): Das Lachen. Meisenheim 1948, S. 57. Es sei betont, dass es sich hier nur um einen Ausschnitt des Feldes der Komik handelt. Weitere Aspekte des Komischen, wie etwa die von Bergson herausgearbeitete „Mechanisierung des Lebens“ als „eine der Hauptquellen des Komischen“, werden hier nicht verfolgt, um so weit wie möglich die Beschränkung auf die Berührungspunkte mit der Ironie zu leisten. Eine einzelne Anwendung soll unten noch gezeigt werden (s. u., FN. 91).

79 Jünger, S. 14.

80 Das Beispiel besticht v. a. durch seine Anschaulichkeit. Wie bereits erwähnt ist die Unterteilung in Parteien nicht immer so problemlos vorzunehmen, wie es dieses Beispiel suggerieren könnte. So seien am vielfältigsten „die komischen Möglichkeiten, die der Fremdbestimmtheit des Subjekts selbst entspringen, als dem zentralen und zugleich komplexesten Handlungsmoment […]“. Stierle, S. 240. In diesem Sinn gibt es, allein bezogen auf die psychischen Dispositionen des Subjekts, genügend Spielraum für Antagonismen und Oppositionen: „Hier ist das Urphänomen des Komischen: es ist diese Ungleichheit zwischen uns und dem Gegenstande, den wir vorstellen, dieser Contrast, woraus das Selbstgefühl seine Erhebung und Erheiterung schöpft, und worin sich die komische Vorstellungsweise ergeht.“ Fischer, S. 39. Die Anschaulichkeit kongruiert zudem mit Freuds Analyse der Komik als ‚erspartem Vorstellungsaufwand’, in der ebenfalls das Situations- und Handlungskomische in seinem Verhältnis zu innerpsychischen Prozessen eine wichtige Rolle spielt.

81 „Objektive Voraussetzung für Komik ist, daß das Scheitern einer Handlung sinnfällig wird als Fremdbestimmtheit des Handelns.“ Stierle, S. 238. Die Fremdbestimmtheit in diesem erweiterten Beispiel Jüngers könnte als „objektive Unverfügbarkeit des Materials oder der Umstände der Handlung“ (Ebd., S. 240) begriffen werden, indem die Kahnbesatzung eben nicht über dem Schlachtschiff ebenbürtige Waffen verfügt.

82 Für Stierle ist dies ebenfalls ein Unterscheidungskriterium zwischen dem Tragischen und dem Komischen: „Im Komischen manifestieren sich Irritationen, Gefährdungen der Handlungswelt, und zwar, anders als im Tragischen, als widerrufliche, tilgbare, die sich zur Anschauung bringen lassen, ohne daß sie von ihren Folgen gleichsam verschlungen werden.“ Ebd., S. 238. Eine Tötung der angreifenden Provokateure durch die Schlachtschiffbesatzung wäre nun allerdings unwiderruflich. Auch bei Freud heißt es: „Sowie die zwecklose Bewegung Schaden stiftet, die Dummheit zu Unheil führt, die Enttäuschung Schmerz bereitet, ist es mit der Möglichkeit eines komischen Effekts zu Ende […]“. Freud, S. 186.

83 Wahrscheinlich rührt die Redeweise ‚es liegt eine gewisse Ironie in der Situation’ daher, dass der sie wahrnehmende Betrachter als ein eben solcher die Komik erst möglich macht und zugleich die Möglichkeit der Übersetzung der Replik in eine ironische Äußerung erfährt. Ob eine solche ironische Äußerung dann tatsächlich erfolgt oder nicht, ist für die Komik der Situation im Weiteren nicht mehr konstitutiv, da ja das alleinige Betrachten der Situation als Replik nach Jünger als ausreichend gilt.

84 „Es liegt nahe, daß ein so entschiedenes Übergewicht, wie es die siegreiche Partei im Konflikte besitzt, fest gegründet sein muß und daß eine Macht, die ihren Widersacher nicht nur zurückweist, sondern ihn auch komische Figur werden läßt, eine starke Stellung hat.“ Jünger, S. 19.

85 Ebd., S. 13.

86 Der Sprachgebrauch treffe zwischen Scherz und Witz keinen konsequente Unterscheidung (Freud, S. 105), und da etwaige Unterschiede in der Realisation kaum der Rede wert zu sein scheinen, wird eine gesonderte Untersuchung hier ausbleiben. Den Ausführungen Freuds folgend schließen wir uns an, den Scherz als „Vorstufe“ und ‚harmloseste’ Variante des tendenzlosen Witzes zu verstehen, der streng genommen allein die Tendenzlosigkeit zukomme, „d. h. allein der Absicht Lust zu erzeugen dient“. Ebd., S. 104f.; 107.

87 Bergson, S. 62.

88 Sprachgeschichtlich begründet werde noch heute der Witz „als geistige Veranlagung (jemand hat Witz) vom Witz als sprachlichem Gebilde (jemand kennt eine Menge Witze)“ unterschieden. Mdh. mit ‚diu wizze’ bezeugt und „Denkkraft, Klugheit, gesunder Menschenverstand“ bedeutend, trat, allerdings erst im 19. Jahrhundert und über Umwege über das französische Sprachgebiet, die Bedeutung des Wortes als „Produkt[ ] witziger Veranlagung“ hinzu und es wurde „von einem Witz“ gesprochen. Wolfgang Preisendanz: Über den Witz. Konstanz 1970, S. 7f. Bergson spricht im vorliegenden Zusammenhang vom Witz als Sprachgebilde, wie es die nachfolgenden Erläuterungen ebenfalls tun werden.

89 Bergson, S. 62.

90 Ebd.

91 Ebd., S. 57; 62f. Diese These in Bezug auf das oben auf Jünger basierende Kahn-Beispiel sähe die sog. ‚Mechanisierung des Lebens’ vielleicht darin, dass auch im Krieg der Patriotismus den Selbsterhaltungstrieb nicht übersteigen sollte und der automatisierte Angriff auf jeden Feind, auch auf einen mächtigeren, unweigerlich als ‚Versteifung gegen das Leben’, als ‚Mechanisierung’ der Lebendigkeit wirken muss. Es ist davon auszugehen, dass beide Theorien, Bergsons wie Jüngers, ihre jeweilige Überzeugungskraft besitzen, jedoch unterschiedliche Schwerpunkte des breiten Feldes der Komik behandeln. Um die genaue Nachzeichnung dieser Topografie soll es hier allerdings nicht zu tun sein, und dementsprechend wird der Untersuchungsbereich auf die Gebiete beschränkt, die deutlich in der Nähe der Ironie lokalisiert scheinen.

92 Stempel, S. 216.

93 Freud, S. 59.

94 Ebd.

95 Freud, S. 57.

96 Ebd. (Hervorh. A. S.)

97 bei Freud, S. 59.

98 Preisendanz, Witz, S. 18. „Im Witz wird die Aufmerksamkeit des Zuhörers auf einen Sachverhalt hin gespannt und plötzlich auf die sprachliche Konstitution zurückverwiesen.“ Stierle, S. 260. Vgl. hierzu auch Preukschat, S. 337 und André Jolles: Einfache Formen. Halle 21956, S. 249.

99 Preukschat, S. 179.

100 Ebd., S. 173. (Hervorh. O. P.)

101 Vgl. Stempel, S. 216ff.; Freud, S. 78-85.

102 Preukschat, S. 344. (Hervorh. O. P.) Dazu kommt die bereits mehrfach erhobene Vermutung, dass der Spott ein wichtiges Ziel der Ironie zu sein scheint.

103 Freud fasst mit diesem Begriff den feindseligen und den obszönen Witz zusammen. Freud, S. 78.

104 Ebd., S. 96. (Hervorh. S. F.) Im Vergleich zur übergeordneten Kategorie des Komischen allgemein, das für Freud durch ‚ersparten Vorstellungsaufwand’ entsteht, handele es sich beim Witz speziell also um ‚ersparten psychischen Aufwand’, der an anderer Stelle auch ‚ersparter Hemmungsaufwand’ genannt wird (Ebd., S. 192).

105 Preisendanz, Witz, S. 24.

106 Freud, S. 80.

107 Stempel, S. 219.

108 Die folgende Interpretation basiert auf Freuds Ausführungen zum tendenziösen Witz. Freud, S. 78ff. 24

109 Dies ist der sog. ‚Regelbruch’ im Erklärungsansatz für die Funktionsweise des Komischen bei Jünger, s. o. Kapitel 3.0.3.

110 Dies wird im Abschnitt zur Satire noch einmal angesprochen.

111 Es wurde über den Regelbruch bei Jünger bereits angedeutet, dass man diesen aus dem Bereich des rein Ästhetischen herauslösen und in die soziale Welt übersetzen könnte. Die abendländische Philosophie steht seit jeher im Zeichen der Identifikations-, Analogie- oder Symbolbeziehung des Guten mit dem Schönen. So heißt es denn auch noch bei Kant, das Schöne sei „das Symbol des Sittlichguten“. Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft.

112 Das Beispiel findet sich (u. a.) bei Preukschat.

113 Bergson, S. 63.

114 Ebd., S. 72f.

115 Stempel, S. 217.

116 Stempel, S. 218.

117 Und wie es nach Bergson übergeordnet auf die Komik ebenfalls zutrifft.

118 Otto F. Best: Der Witz als Erkenntniskraft und Formprinzip. Darmstadt 1989 (Erträge der Forschung, Bd. 264), S. 94.

119 Fischer, S. 145.

120 Ebd., S. 146.

121 Auch bei Becker lässt sich Unterstützung zur Fokussierung auf die Sonderlinge mit ihrem destruktiven Einfluss auf die bürgerliche Gesellschaft finden: „So geht es in Kellers Entwurf um die Realwerdung jener von der Weimarer Klassik gedachten klassisch-humanistischen Gemeinschaft […] Ausgrenzung und Sonderlingswesen stehen der Erfüllung eines bürgerlichen Lebens in der Mitte der Gesellschaft und des Staats sowie einer sozialen Gemeinschaft entgegen. Sabine Becker: Bürgerlicher Realismus. Literatur und Kultur im bürgerlichen Zeitalter 1848-1900. Tübingen/Basel 2003, S. 309.

122 Vgl. FN. 75.

123 Freud, S. 186.

124 Ebd., S. 187.

125 Ebd., S. 190.

126 Die Selbstironie müsste hier demnach ausgenommen werden, A. S.

127 Fischer, S. 148.

128 Vgl. FN. 54. Mit dem ‚innerseelischen Freisein’ ist die Unabhängigkeit von der Existenz des Ironisierten gekennzeichnet, diesbezüglich also auch ein Über-der Situation-stehen, eine Art der Situationsbeherrschung.

129 Diese Überschneidung der Phänomene lässt Preisendanz warnen vor einer Vermengung von Humor und Ironie, vgl. FN. 67.

130 „Der Humor […] ist Erhabenheit in der Komik und durch dieselbe.“ Als Effekt dieses Darüberstehens nennt Lipps eine gewisse Läuterung, eine Steigerung des Selbst, die durch den Humor vollzogen wird. Lipps, S. 242f. Ebd.

131 Jancke, S. 346.

132 Fischer, S. 148. (Hervorh. K. F.)

133 Vgl. Fischer, S. 112.

134 Preukschat, S. 379.

135 Ebd.

136 Ebd.

137 Freud, S. 187. Weiter heißt es: „Ich kann den Genuß der in mir entstandenen humoristischen Lust für mich behalten, ohne mich zur Mitteilung gedrängt zu fühlen.“ Ebd.

138 Die Besprechung der Satire erfolgt im nächsten Kapitel. Bringt man hier zusätzlich den Witz in Anschlag, ist über ihn zu sagen, dass insbesondere dessen Extreme in Gestalt des tendenziösen Witzes verschiedene Stufen von Über- und Unterlegenheit der Kommunikationspartner initiieren, wie das Kapitel zum Witz gezeigt hat. Das kann zugleich auch als wichtiger Unterschied zum harmlosen Witz betrachtet werden, dessen Zwecke allein in der Erzeugung von Lust liegen und damit für den Vergleich mit der Ironie unwesentlich erscheint.

139 Freud, S. 187.

140 Vgl. FN. 93.

141 Freud, S. 187. Nicht ganz klar ist m. E., inwiefern die Bemerkung „an sich ganz zutreffend“ sei: Als alleinig im Satz enthaltene, zutreffende Proposition kann der Umstand bezeichnet werden, dass ‚die Woche anfängt’, und darüber hinaus doch zunächst gar nichts. Die adverbial eingebrachte Bewertung dieses Umstandes (‚gut’) kann hier nicht einbezogen werden - und so ist der umrissene propositionale Gehalt des Satzes zu dürftig, um von einem ‚Zutreffen’ sprechen zu können.

142 Ebd. (Hervorh. S. F.)

143 Fischer, S. 148f. Diese Art großartigen Humors begegnet auch bei Alfred Jarry, dem französischen Theaterrevolutionär, als der auf dem Sterbebett als Erfüllung seines letzten Wunsches einen Zahnstocher verlangt.

144 Freud, S. 188.

145 Wolfgang Preisendanz: Zur Korrelation zwischen Satirischem und Komischem. In: Das Komische. Poetik und Hermeneutik VII. Hrsg. v. W. Preisendanz u. R. Warning. München 1976, S. 413.

146 Preisendanz, Korrelation, S. 413.

147 Friedrich Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung. In: Friedrich Schiller. Theoretische Schriften. Hrsg. v. Rolf Toman (ders.: Werke in fünf Bänden, Bd. 5). Köln 1999, S. 401.

148 Borew, S. 193.

149 Wolfgang Preisendanz: Negativität und Positivität im Satirischen. In: Das Komische. Poetik und Hermeneutik VII. Hrsg. v. W. Preisendanz u. R. Warning. München 1976, S. 414.

150 Ralf Siebert: Heinrich Mann: Im Schlaraffenland, Professor Unrat, Der Untertan: Studien zur Theorie des Satirischen und zur satirischen Kommunikation im 20. Jahrhundert. Siegen 1999, S. 201.

151 Borew, S. 212. Die erste Aussage ist zitiert nach M. J. Saltykow.

152 Vielleicht würde er den Heinrich Mann’schen Kritikern Recht geben und das „Schlaraffenland“ nicht als ‚wirklich’ satirisch bezeichnen - man weiß es nicht.

153 Borew, S. 210.

154 Ein Beispiel, das dies unterstützt, liefert Borew selbst: „Die feudal-bürgerliche Gesellschaft, die der reaktionäre Romantiker Wordsworth ‚liebte und verehrte’, die Pope in seinen gemäßigten Satiren von innen her kritisierte, wurde durch Swift von außen her, von volkstümlich-humantistischen und aufklärerischen Positionen aus gegeißelt und später durch Byron vom revolutionär-romantischen Standpunkt aus bloßgestellt.“ Borew, S. 211.

155 Stempel, S. 217. In Kapitel 4.4.2.1 wird anhand der ebenfalls unten darzustellenden Theorie Allemanns (Kapitel 3.2.2) eine konkrete Umgangsweise mit diesem Problem gezeigt. Vgl. FN. 714.

156 Preisendanz, Negativität, S. 415.

157 Nämlich in dem Bereich, in dem die Ironie nicht auf einer Gegenteilsdarstellung beruht. 32

158 Borew, S. 238; S. 209f.

159 „Je nach […] Zielen ist die Satire in größerem Maße oder geringerem Maße kritisch, scharf, unversöhnlich gegenüber gesellschaftlichen Übeln, ist sie in mehr oder minder starkem Maß von Skepsis oder Optimismus, Misanthropie oder Humanismus, Pessimismus oder Lebensbejahung durchtränkt […]“. Ebd., S. 211.

160 Vgl. Kapitel 3.0.2.

161 Jolles, S. 255.

162 s. u., FN. 464.

163 Borew bezieht sich hier auf eine filmkritische Äußerung Belowas. Borew, S. 190. 33

Details

Seiten
256
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656835943
ISBN (Buch)
9783656835950
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283985
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Fakultät II
Note
cum laude
Schlagworte
Gender Humor Keller Sinngedicht Ironie Realismus Gesellschaftskritik Bürgertum

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Titel: Die Ironie in Gottfried Kellers "Sinngedicht"