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Inszenierungsstrategien in Doku-Soaps und Pseudo-Doku-Soaps im deutschen Fernsehen und deren Wirkung auf die Rezipienten

Masterarbeit 2011 110 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Einleitungsteil

Einleitungsteil
Kapitel I.: Einleitung

Theoretischer Teil: Die Doku-Soap
Kapitel II.: Die Doku-Soap als Genre des Reality TV
II.a. Definition und Merkmale des Reality TV
II.a.1. Merkmale der Darstellung der Akteure im Reality TV
II.a.2. Typische Darstellungswerkzeuge im Reality TV
II.a.3. Die Mischung aus Realität/Fiktion, Information/Unterhaltung und Authentizität/Inszenierung im Reality TV
II.b. Eine Kurzfassung der Geschichte des Reality TV in Deutschland
II.c. Die Doku-Soap als Genre des Reality TV
II.d. Veränderungen im Reality TV durch die Doku-Soaps und Veränderungen mit Auswirkungen auf die Doku-Soaps
Kapitel III.: Die Doku- Soap
III.a. Der Begriff Doku-Soap
III.b. Eine kurze Entstehungsgeschichte des Genres
III.c. Die Kategorisierung der verschiedenen Grundtypen der Doku-Soap und die Abgrenzung zu verwandten Gattungen und Genres
III.c.1. Die verschiedenen Grundtypen der Doku-Soap
III.c.2. Die Abgrenzung der Doku-Soaps zu den Reality Soaps
III.c.3. Die Abgrenzung der Doku-Soaps zu den Pseudo-Doku-Soaps
III.c.4. Die Abgrenzung der Doku-Soaps zur Reportage und zum Dokumentarfilm
III.d. Der Erfolg der Doku-Soaps und Pseudo-Doku-Soaps: Sendeplätze und Einschaltquoten

Analytischer Teil: Inszenierungsstrategien in Doku-Soaps und Pseudo-Doku-Soaps
Kapitel IV.: Das Vorgehen der Analyse der Inszenierungsstrategien
IV.a. Begriffserklärung „Inszenierungsstrategien“
IV.b. Forschungsfragen
Kapitel V.: Die Inszenierungsstrategien bei We are Family (Pro7)
V.a. Inszenierungsstrategien mit Bezug auf die Darstellung der Akteure
V.a.1. Die Verwendung von nicht-prominenten, alltäglichen Akteuren und deren möglichst persönliche, private Darstellung
V.a.2. Die überwiegende Darstellung niedriger sozialer Schichten
V.a.3. Die Stereotypisierung der Akteure
V.a.4. Die emotionale und intime Darstellung der Akteure
V.b. Inszenierungsstrategien in der Narration/im Handlungsablauf
V.b.1. Die Dramaturgie in Anlehnung an ein Drehbuch
V.b.2. Die gezielte Darstellung von Schicksalsschlägen, Misserfolgen, Streitereien und peinlichen Situationen
V.c. Inszenierungsstrategien durch filmtechnische Darstellungswerkzeuge
V.c.1. Die Aufmachung des Formats
V.c.2. Die „Cliffhanger“
V.c.3. Der Schnitt
V.c.4. Die regelmäßig eingespielten Musikstücke
V.c.5. Die Kameraführung
V.c.6. Die Kommentare aus dem Off
Kapitel VI.: Inszenierungsstrategien bei Familien im Brennpunkt (RTL)
VI.a. Inszenierungsstrategien mit Bezug auf die Darstellung der Akteure
VI.a.1. Die Verwendung von alltäglichen, nicht-prominenten Akteuren und deren persönliche, private Darstellung
VI.a.2. Die Darstellung verschiedener, aber hauptsächlich mittlerer sozialer Schichten
VI.a.3. Die Stereotypisierung der Akteure
VI.a.4. Die emotionale und intime Darstellung der Akteure
VI.b. Inszenierungsstrategien in der Narration/im Handlungsablauf
VI.b.1. Die Dramaturgie im Drehbuch
VI.b.2. Die gezielte Darstellung von Streitereien und Betrügereien
VI.c. Inszenierungsstrategien durch filmtechnische Darstellungswerkzeuge
VI.c.1. Die Cliffhanger und die Stimme aus dem Off
VI.c.2. Der Schnitt
VI.c.3. Die Kameraführung
Kapitel VII.: Zusammenfassung der Ergebnisse des analytischen Teils und Beantwortung der Forschungsfragen

Empirischer Teil: Die Wirkung auf die Rezipienten
Kapitel VIII.: Die Wirkung auf die Rezipienten
VIII.a. Forschungsfragen
VIII.b. Die Zusammensetzung der Gruppe der Befragten
VIII.c. Die Sehgewohnheiten der Probanden im auf Bezug Doku-Soaps
VIII.d. Die wichtigsten Inszenierungsstrategien
VIII.e. Einschätzungen bezüglich des Verhältnisses Inszenierung/Authentizität bei ausgewählten Formaten und der Bedeutung der Scripted Reality
Kapitel IX. Zusammenfassung der Erkenntnisse des empirischen Teils und Beantwortung der Forschungsfragen

Letzter Teil: Zusammenfassung, Schlusswort und Quellenangaben
Kapitel X.: Zusammenfassung und Schlusswort
X.a. Zusammenfassung
X.b. Schlusswort und Ausblick
XI. Quellenangaben

Einleitungsteil

Kapitel I.: Einleitung

Die sogenannten Doku-Soaps (oder auch Docu-Soaps), die vor allem bei den deutschen Privatfernsehsendern das alltägliche Programm prägen, sind im deutschen Fernsehen ein zur Jahrtausendwende aufgekommenes Genre des sogenannten Reality TV. Es handelt sich dabei um eine sehr erfolgreiche Genre-Vermischung (einem sogenannten Hybridgenre1 ), aus Dokumentation und Fiktion. Der Begriff Doku-Soap allein umschreibt die Konzeption dieses neuen Hybridgenres schon sehr treffend. Einerseits weist der Begriff Doku darauf hin, dass die Sendungen aufgemacht sind wie Dokumentarfilme, also eine Gattung, die den Anspruch hat, den Zuschauer über der Realität entsprechende Sachverhalte zu informieren. Andererseits weist der Begriff Soap (vom ebenfalls relativ neuen und aus dem Amerikanischen übernommenen Begriff für das Fernseh-Genre der Soap Opera oder Daily Soap) darauf hin, dass das genaue Gegenteil der Fall ist, also dass es sich bei dem Gezeigten um zur Unterhaltung dienende Fiktion handelt. Doku-Soaps täuschen also in den meisten Fällen vor, seriös und authentisch über die Wirklichkeit zu berichten. Tatsächlich greifen die Produzenten aber häufig in das Geschehen ein, oder sind für das Geschehen sogar komplett selbst verantwortlich. Besonders das neue Phänomen der sogenannten Pseudo-Doku-Soaps, mit denen sich diese Arbeit später ebenfalls ausführlich beschäftigt, wird vollständig anhand von Drehbüchern und mit Laienschauspielern produziert. Inhaltlich geht es in den Doku-Soaps häufig darum, dass ein Kamerateam vermeintlich oder tatsächlich reale Privatpersonen auf ihrem Weg durch Hürden des Alltags begleitet. Beispielsweise werden Privatpersonen dokumentarisch begleitet, die Auseinandersetzungen mit ihren Nachbarn oder Familienmitgliedern haben, die aus einem bestimmten Grund dringend Geld verdienen wollen, die einen Partner suchen, die in den Urlaub fahren, die Karrieren als Sänger, Schauspieler oder Models anstreben oder die unter Krankheiten wie Kaufsucht leiden. Dabei sind, wie gesagt, bei den Doku-Soaps die dargestellten Probleme der Akteure in sehr vielen Fällen zwar teilweise authentisch, aber immer durch zusätzliche Inszenierungen überspitzt dargestellt. Durch das Verschwimmen von Authenzitität und Inszenierungen wird die Gattung der Doku-Soaps von Kritikern in vielerlei Hinsicht als problematisch angesehen. Unter anderem kommt es beispielsweise häufig dazu, dass Schwächen der Darsteller durch Inszenierungen reißerisch zur Schau gestellt werden. Diese Arbeit analysiert das Phänomen der Doku-Soaps im deutschen Fernsehen. Dabei gibt es verschiedene Fragestellungen, die jeweils in den drei einzelnen Hauptteilen beantwortet werden.

Der erste, theoretische Hauptteil dieser Arbeit beschäftigt sich zunächst mit der Frage, wie sich die Doku-Soaps im Verhältnis zum restlichen Reality TV darstellen. Dabei wird zuerst auf das Thema Reality TV im Allgemeinen und dann auf die Doku-Soaps als Teil des Reality TV eingegangen. Darüber hinaus geht der theoretische Teil auf die Entstehungsgeschichte von Doku-Soaps, die verschiedenen Typen der Doku-Soaps, die Abgrenzung der Doku-Soaps zu ähnlichen Sendeformaten und die Einschaltquoten genauer ein.

Der zweite, analytische Hauptteil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Identifikation und Analyse von Inszenierungsstrategien in Doku-Soaps. Dazu wird zuerst der Begriff „Inszenierungsstrategie“ erörtert. Dann wird hauptsächlich eine bestimmte Episode des als Repräsentant für Doku-Soaps ausgewählten Doku-Soap-Formats We are Family (Pro7) inhaltlich hinsichtlich der verwendeten Inszenierungsstrategien analysiert. Anschließend wird ein Vergleich zu einem ebenfalls möglichst repräsentativen Pseudo-Doku-Soap-Format gezogen, nämlich zu Familien im Brennpunkt (RTL). Auch zu diesem Zweck wird hauptsächlich eine bestimmte Episode analysiert2. Die verwendeten Inszenierungsstrategien werden diskutiert, um die Frage beantworten zu können, welcher jeweilige Zweck damit verfolgt wird, und wie die Zuschauer dazu motiviert werden sollen, das Geschehen zu verfolgen. Außerdem geht es darum, wie erfolgreich die unterschiedlichen Inszenierungsstrategien angewendet werden, wenn die Einschaltquoten von We are Family (Pro7) und von Familien im Brennpunkt (RTL) verglichen werden.

Der dritte, empirische Hauptteil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Wirkung der Inszenierungsstrategien auf die Rezipienten. Dazu wird eine für diese Arbeit durchgeführte Umfrage ausgewertet. Es wird erstens die Fragen beantwortet, welche der vorher analysierten Inszenierungsstrategien am bedeutendsten sind. Zweitens geht es um die Frage, inwiefern die Rezipienten die Unterschiede zwischen Pseudo-Doku-Soaps und ursprünglichen Doku-Soaps wahrnehmen, und ob der Wahrheitsgehalt von Doku-Soaps überhaupt noch eine Rolle spielt.

Im Schlussteil werden dann die Erkenntnisse aus den drei Teilen übergreifend zusammengefasst. Es werden die zentralen Fragen dieser Arbeit noch einmal abschließend beantwortet. Diese lauten: Was für Inszenierungsstrategien werden in Doku-Soaps und Pseudo-Doku-Soaps benutzt? Welche Wirkung haben diese Inszenierungsstrategien auf die Rezipienten?

Theoretischer Teil: Die Doku-Soap

Kapitel II.: Die Doku-Soap als Genre des Reality TV

Doku-Soaps sind ein Genre des sogenannten Reality TV. Bevor in dieser Arbeit auf die Doku- Soaps selbst eingegangen wird, ist es sinnvoll, an dieser Stelle zuerst etwas weiter auszuholen und den Begriff des Reality TV zu erläutern, auch wenn dadurch der Einstieg in das eigentliche Thema noch etwas hinausgezögert wird. Außerdem lässt dieses Kapitel noch die Entstehung des Reality TV in Deutschland in Zusammenhang mit dem Privatfernsehen kurz Revue passieren. Schließlich wird in diesem Kapitel auf die Doku-Soap als Genre des Reality TV eingegangen.

II.a. Definition und Merkmale des Reality TV

Die Bezeichnung Reality TV bedeutet wörtlich genommen, dass eine Fernsehsendung versucht, möglichst originalgetreu die Wirklichkeit wiederzugeben. Jedoch ist nicht jede Fernsehserie, deren Intention es ist, originalgetreu die Wirklichkeit abzubilden, automatisch gleich Reality TV. Abgesehen davon hat Reality TV in manchen Fällen sogar ganz und gar nicht so viel mit der Realität zu tun und ist weitgehend von Drehbuchschreibern erdacht und von Schauspielern dargestellt. Die Abgrenzung von Reality TV ist also gar nicht so einfach. Laut einer Definition aus dem Jahr 1995 beschreibt Reality TV nur Sendungen, die mit dem Anspruch auftreten, „Realitäten im Sinne der alltäglichen Lebenswelt anhand von Ereignissen darzustellen, die das Gewohnte der Alltagroutine durchbrechen“ (GRIMM 1995:81). Diese Definition ist zwar treffend, jedoch nicht ausführlich genug, denn auch z.B. Reportagen und Boulevard-Magazine, die nicht zwangsläufig zum Reality TV gehören, erheben häufig diesen Anspruch. Darüber hinaus sind die Sendungen, die heutzutage dem Reality TV zugerechnet werden, sehr vielfältig. Zum Reality TV gehören Beziehungs-Shows wie beispielsweise Nur die Liebe zählt (Sat1) oder Der Bachelor (RTL) , das Gerichts-TV mit Formaten wie beispielsweise Richterin Barbara Salesch (Sat1) und Daily Talks mit Formaten wie Britt (Sat1) , genau wie sogenannte Reality Soaps, wie z.B. Big Brother (RTL2). Reality TV bildet also sozusagen ein „Sammelbecken für neue publikumswirksame Sendekonzepte“ (KLAUS/LÜCKE 2003:201). Die Frage ist also: was haben alle Sendungsformate, die dem Überbegriff Reality TV zugerechnet werden, gemeinsam? Was macht die Sendungen zu Reality TV?

Was die Reality TV-Genres alle gemeinsam haben, sind die Merkmale, die Formen der Darstellung (TAUDES 2009:8). KLAUS/LÜCKE schreiben:

Die Collage aus nicht-fiktionalen und fiktionalen Bestandteilen, die Hinwendung zu alltäglicheren, der Lebenswelt der Zuschauerinnen und Zuschauer entnommenen Themen und damit einhergehend die emotionale Darstellung des Privaten und Intimen in der Öffentlichkeit gehören zu den wesentlichen Merkmalen des Reality TV. KLAUS/LÜCKE (2003:196).

STEPHANIE LÜCKE identifizierte im Jahr 2002 in ihrem Buch Real Life Soaps zehn verschiedene Charakteristika, die sich in den Reality-TV-Genres wieder finden lassen. Dabei muss beachtet werden, dass nicht alle Charakteristika in allen Reality-TV-Sendungen gleichermaßen stark ausgeprägt sind. Diese zehn Charakteristika sind: „ Nicht-Prominente als

Akteure, Personalisierung, Emotionalisierung, Intimisierung, Stereotypisierung, Dramatisierung, Live-Charakter, die Mischungen aus Fiktion - Realität, Information -

Unterhaltung und Authentizität - Inszenierung “ (LÜCKE 2002:52). Diese zehn Charakteristika sollen hier noch mal in einer Kurzfassung diskutiert werden. Nur auf die Gegensätze Fiktion - Realität, Unterhaltung - Information und Inszenierung - Authentizität wird etwas ausführlicher eingegangen, weil sie einen besonders relevanten theoretischen Hintergrund für den im zweiten Hauptteil erläuterten Begriff der Inszenierungsstrategien bilden. Um die Charakteristika zu vereinfachen, wurden einige Charakteristika, die anderen Charakteristika sehr ähneln, in diesem Kapitel in einzelnen Abschnitten zusammengefasst (z.B. Nicht- Prominente, Emotionalität, Personalisierung und Intimisierung zu Merkmalen in der Darstellung der Akteure).

II.a.1. Merkmale der Darstellung der Akteure im Reality TV

Nicht-Prominente

Durch die Tatsache, dass der Zuschauer das Gefühl hat, der Protagonist sei ein ganz alltäglicher Mensch und kein berühmter Schauspieler, wird das Reality TV überhaupt erst gerechtfertigt. Der Zuschauer hat den Eindruck, dass es sich bei der dargestellten Person um das Privatleben eines ganz normalen Menschen handelt, den er auch selbst aus der Nachbarschaft, aus dem Sportverein oder vom Arbeitsplatz kennen könnte. Wenn trotzdem in Ausnahmen Prominente als Darsteller im Reality TV auftreten (wie z.B. bei den Formaten Sarah&Marc in Love (Pro7) oder Ich bin ein Star - holt mich hier raus (RTL)), dann werden die Prominenten betont von ihrer privaten, persönlichen Seite gezeigt und ihre beruflichen Aspekte weitgehend ausgeklammert.

Der Beziehungsaufbau des Zuschauers zu den Akteuren im Reality TV:Personalisierung/Emotionalisierung/Intimisierung Mit den Begriffen Personalisierung, Emotionalisierung und Intimisierung ist hier die Veröffentlichung von privaten, intimen Details und Gefühlen im Reality TV gemeint. „Dies steigert die Glaubwürdigkeit und damit auch die emotionale Nähe des Rezipienten zu dem Geschehen“ (WEGENER in LÜCKE 2002:53). Erst durch das Erzählen von persönlichen Schicksalen und durch das Gesicht des Individuums werden beim Zuschauer Gefühle der Identifikation, des Mitleids, der Schadenfreude, des Mitgefühls, des Fremdschämens oder der Ablehnung ausgelöst. Der Zuschauer kann die Personalisierung darüber hinaus auch „als Informationsquelle für die Bewältigung der eigenen sozialen Realität“ nutzen, sich selbst also mit den dargestellten Personen vergleichen und seine „eigene Position“ bestimmen (BENTE/FROMM in LÜCKE 2002:54). Er kann also soziale Vergleiche anstellen. Im Reality TV werden häufig sehr private Themenbereiche wie Familie, Sex oder Freundschaften behandelt, die Emotionen wecken. Gesteigert wird die emotionale Bindung der Zuschauer zu den Darstellern häufig noch unter anderem durch musikalische Untermalung, „Großaufnahmen weinender Angehöriger oder genaue Darstellung und Zeitlupen-Wiederholung dramatischer Situationen“ (LÜCKE 2002:55). Ein Hauptgrund für diese emotionale Darstellung ist, dass, wie viele Untersuchungen zeigen, „insbesondere der emotionale Gehalt von Medienbotschaften am prägnantesten beim Publikum haften bleibt.“ (KLÖPPEL 2008:23).

Eine weitere Erklärung für den Bedarf an emotionalen Bindungen zu den Akteuren des Reality TV kann dadurch erklärt werden, dass sie Individuen Anhaltspunkte zur Orientierung und Identifikation bieten. Heutzutage haben die meisten Menschen nahezu unbegrenzt viele Möglichkeiten, ihr Leben individuell zu gestalten. Je mehr Möglichkeiten es aber gibt, sein Leben individuell zu gestalten, desto weniger Orientierung wird dem Einzelnen bei der Lebensbewältigung geboten. Wenn alltägliche Menschen im Fernsehen über private und intime Themen diskutieren, bieten sie dem Zusehenden die Chance, „seine selbst gewählte Lebensauffassung zu bekennen, zu überprüfen und gegebenenfalls zu revidieren“ (BENTE/FROMM in LÜCKE 2002:55).

Eine zusätzliche Möglichkeit des Beziehungsaufbaus zu den Akteuren kommt dadurch zustande, dass die Zuschauer aktiv z.B. per Telefonabstimmung in das Geschehen eingreifen können, also zum Beispiel in der Reality Soap Big Brother (RTL2) mitbestimmen können, welcher Kandidat das Haus verlassen soll.

II.a.2. Typische Darstellungswerkzeuge im Reality TV

STEPHANIE LÜCKE identifiziert darüber hinaus drei gestalterische Werkzeuge, die bei der Darstellung der Geschichten im Reality TV häufig zum Einsatz kommen: die Stereotypisierung, die Dramatisierung und der Live-Charakter.

Stereotypisierung

Mit Stereotypisierung ist gemeint, dass die erzählten Geschichten in kurzer Zeit, oberflächlich und vereinfacht dargestellt werden. Auf komplexe Zusammenhänge wird also ebenso wenig Rücksicht genommen wie auf verschiedene tiefer gehende Sichtweisen des Geschehens. Stattdessen wird auf „Klischees, stereotype Handlungsmuster und standardisierte Handlungsabläufe“ zurückgegriffen (WEGENER in LÜCKE 2002:56). Zum Beispiel werden Gerichtsverfahren im Gerichts-TV entsprechend der Länge der Sendung gekürzt und es wird auf bestimmte Zeugenaussagen verzichtet bzw. Details werden ausgelassen. Es werden nur oberflächliche, klischeebehaftete Eindrücke der handelnden Personen vermittelt. Dieser Punkt ist auch besonders wichtig im Hinblick auf die Unterscheidung der Doku-Soaps zu den Dokumentarfilmen in dieser Arbeit. Während ein ernstzunehmender Dokumentarfilm versucht, Hintergründe, verschiedene Sichtweisen und wichtige Details aufzudecken, die für die Erklärung eines Ereignisses von Bedeutung sind, vermitteln die Doku-Soaps in der Regel nur klischeebehaftete, oberflächliche Bilder der handelnden Personen, die auch dazu führen können, dass der Zuschauer Vorurteile entwickelt oder sich in ihnen bestätigt fühlt (z.B. die faule Hartz4-Familie, der sozial ungeschickte Bauer,…).

Dramatisierung

Mit dem von LÜCKE identifizierten Werkzeug der Dramatisierung ist gemeint, dass Reality TV generell dazu neigt, Ereignisse reißerisch, sensationslustig und übermäßig dramatisch darzustellen. So werden beispielsweise Streitereien im Big Brother -Haus ausführlich dokumentiert, oder es kommt beispielsweise in den sogenannten Daily Talks dazu, dass Menschen, die in Eifersuchtsdramen involviert sind, öffentlich aufeinander treffen. Darüber hinaus wird die Dramatisierung häufig durch technische Werkzeuge wie der ’Living Camera’ erzeugt, ebenso durch „spannungsgeladene Musik, schnelle Schnitte [und] überraschende Szenenwechsel“ (LÜCKE 2002:56)

Live-Charakter

Ein drittes Werkzeug, das jedoch nicht bei allen Arten des Reality TV unbedingt zum Einsatz kommt, ist das Vortäuschen von Live-Inszenierungen. So gibt es beispielsweise beim Gerichts-TV oder bei den Daily Talks in der Regel ein Live-Publikum, das auch beispielsweise durch Meinungsäußerungen in den Ablauf der Sendung eingreifen kann. Auch wenn kein Publikum bei den Geschehnissen zu sehen ist, kann trotzdem das Fernsehpublikum häufig zumindest durch Telefonabstimmungen in den Handlungsablauf eingreifen. Zum Beispiel ist das bei Big Brother (RTL2) oder verschiedenen Casting-Shows der Fall.

II.a.3. Die Mischung aus Realität/Fiktion, Information/Unterhaltung und Authentizität/Inszenierung im Reality TV

Neben den Merkmalen in der Darstellung der Akteure und der Verwendung von hauptsächlich stereotypisierenden und dramatisierenden Darstellungsmitteln, kann die Mischung von Realität und Fiktion, Information und Unterhaltung sowie Authentizität und Inszenierung als drittes Charakteristikum des Reality TV angesehen werden. Diese Unterscheidungen sind gerade im Hinblick auf die Analyse der Inszenierungsstrategien von Doku-Soaps im zweiten Teil dieser Arbeit sehr wichtig. Obwohl die Begriffspaare Realität - Fiktion, Information - Unterhaltung und Authentizität - Inszenierung im Fernsehen weitgehend miteinander verwandt sind, soll hier noch mal auf die feinen Unterschiede und die Unabhängigkeit der Begriffspaare voneinander eingegangen werden.

BORSTNAR ET AL. schreiben im Buch Einführung in die Film- und Fernsehwissenschaft: „[Unter Realität ] verstehen wir die gedankliche Konzeption von Welt, auf die sich die Mitglieder einer Kultur verständigen und durch die über ein Arsenal von Annahmen und Erkenntnissen geregelt ist, welche Aussagen über die Welt gültig sind und welche nicht. (…) Als Fiktion bezeichnet man Sachverhalte, Handlungen, Geschehnisse, Personen und Dinge, die sich so nicht tatsächlich zugetragen haben, sondern nur in der Vorstellung oder der dichterischen, filmischen, künstlerischen usw. Darstellung existieren.“ (BORSTNAR ET AL. 2002:30). Während es im Fernsehen bis in die achtziger Jahre noch eine strikte Trennung von Fiktion und Realität gab, verwischt diese Grenze seitdem zunehmend. Bis in die achtziger Jahre gab es eine klare Unterscheidung zwischen Sendungen, deren Inhalte eindeutig der Realität entsprachen wie z.B. die Tagesschau (ARD), heute (ZDF) oder auch die Sportschau (ARD) und Sendungen mit eindeutig fiktiven (also erfundenen) Inhalten, wie beispielsweise Tatort (ab 1970 in der ARD), Raumschiff Enterprise (ab 1972 im ZDF) oder Dallas (ab 1981 in der ARD). Auch ein Vorläufer des heutigen Reality TV, nämlich das seit ausgestrahlte Aktenzeichen XY (ZDF), galt unumstritten als Sendung über der Realität entnommene Geschehnisse.

Größere Schwierigkeiten als die Unterscheidung Realität - Fiktion wirft die Unterscheidung Information - Unterhaltung auf. Eine Dichotomie, also ein gegenseitiges Ausschließen, ist bei diesen letztgenannten Begriffen deutlich weniger gegeben als bei den Begriffen Realität - Fiktion. Das heißt, fast jede Information war schon immer auch ein bisschen Unterhaltung und fast jede Unterhaltung war schon immer auch ein bisschen Information. KLÖPPEL schreibt, die Gegensätzlichkeit von „guter Information“ und „böser Unterhaltung“, wie sie beispielsweise von Neil Postman proklamiert wird, ist im wissenschaftlichen Diskurs umstritten (KLÖPPEL 2008:16-8).

Bis in die achtziger Jahre war im Fernsehen der Begriff Fiktion zum großen Teil deckungsgleich mit dem Begriff Unterhaltung, während der Begriff Realität als weitgehend deckungsgleich mit dem Begriff Information galt. Die Darstellungsbezüge (Fiktion und Realität) waren also eng mit den jeweiligen Funktionen (Unterhaltung und Information) verbunden. Im Reality TV verschwimmen und hybridisieren3 sich heutzutage diese Verbindungen Fiktion/Unterhaltung und Realität/Information sehr stark. Die Trennung zwischen Unterhaltungs - und Informationssendungen wird bewusst durchbrochen (was z.B. auch durch den Begriff Infotainment deutlich wird) (KLAUS/LÜCKE 2003:201). Teilweise drehen sich diese Begriffe sogar komplett um. So soll Realität heutzutage im Reality TV zur Unterhaltung dienen, während andererseits Fiktion im Reality TV möglicherweise unbewusst für viele Menschen zur alltäglichen Information über die Lebensverhältnisse anderer Menschen wird. Wie KLÖPPEL schreibt, sind die Grenzen zwischen Unterhaltungs- und Informationsintention bei vielen derzeit populären Fernsehformaten, darunter gerade das Reality TV, kaum noch erkennbar. Die Attribution wird dabei durch den Zuschauer vorgenommen. Es ist also der Zuschauer, der entscheidet, ob der Inhalt einer Fernsehsendung für ihn eher Unterhaltung oder eher Information darstellt (KLÖPPEL 2008:16). Diese Feststellung wir noch im dritten Hauptteil dieser Arbeit, in der es um die Rolle der Rezipienten geht, relevant sein.

In diesem Zusammenhang wird das dritte Begriffspaar Authentizität - Inszenierung bedeutsam. Während sich also das Begriffspaar Realität - Fiktion auf gedankliche Konzeptionen oder „Darstellungsbezüge“ (NEUBERGER in LÜCKE 2002) bezieht, verweist das Begriffspaar Information - Unterhaltung auf die Funktionen der Fernsehsendungen. Das dritte Begriffspaar Authentizität - Inszenierung bezieht sich auf die „Vermittlungsinstanz“ und die Glaubwürdigkeit des Gezeigten (BORSTNAR 2002:30). Ein Sachverhalt gilt als authentisch, wenn er auch genau so stattfinden würde, wenn keine Kameras und keine Zuschauer dabei wären. Jede Handlung, die aus dem Grund passiert, dass eine laufende Kamera vor Ort ist, also die Kamera, und dadurch bewusst oder unbewusst auch die Darsteller, ins Geschehen eingreift, kann als inszeniert bezeichnet werden. Inszenierung ist „das gewollte und geplante Handeln (…), eine bewusste und zielgerichtete Aktion (…)“, für die die Vermischung aus „Imaginärem, Fiktivem und Realem grundlegend“ ist (KLÖPPEL 2008:19).

BORSTNAR ET AL. schreiben: „Von einer theoretischen Position aus betrachtet muss allerdings zunächst festgehalten werden, dass der Zuschauer eines Films prinzipiell nicht über die Möglichkeit verfügt, den Wahrheitsgehalt der ihm filmisch präsentierten Sachverhalte zu beurteilen“ (BORSTNAR ET AL. 2008:39). Diesen Umstand macht sich das Reality TV zunutze. Es ist von den Produzenten des Reality TV beabsichtigt, dass der Zuschauer im Einzelfall nicht immer eindeutig erkennen kann, ob die Geschehnisse authentisch sind oder zumindest die Produzenten in die Darstellung eingreifen und sie für das Fernsehen dramaturgisch arrangieren. Der unreflektierte Zuschauer hat möglicherweise mitunter sogar generell Schwierigkeiten, das Gezeigte als zumindest teilweise fiktiv und inszeniert zu enttarnen und hält die dargestellte Lebensweise der Darsteller in manchen Fällen für vollkommen authentisch (also unbeeinflusst und glaubwürdig). Auf diese Weise tendiert er dazu, sich durch das Reality TV zu informieren und Leitbilder zu konstruieren, also die Erfahrungen in die Realität einzubringen. Andererseits ist die Inszenierung im Reality TV aber auch notwendig, da die Geschehnisse in kurzer Zeit und unterhaltsam für den Zuschauer dargestellt werden sollen. Wie Norbert Schneider von der Landesanstalt für Medien in NRW in einem Fernsehbeitrag sagt: „Die Ereignisse des Reality TV sind in einem normalen Leben auf lange Zeit verteilt und interessieren keinen Menschen“ („Doku-Soaps ohne Wahrheitsgehalt“, ZAPP MEDIENMAGAZIN 2010). Die Produzenten des Reality TV müssen die Ereignisse für die wenigen Minuten Sendezeit zusammenfassen und dramaturgisch aufbereiten. Das tun sie z.B. durch das Zusammenschneiden, Musik, vereinfachende Darstellungen sowie Überspitzung und Dramatisierung der Handlung, so dass sie für den Zuschauer unterhaltsam sind. Dabei geht jedoch ein Großteil der Authentizität und Realität in den Beiträgen verloren. Selbst wenn ein Reality-TV-Format versucht, so nah wie möglich an der Realität zu bleiben und die Geschehnisse möglichst authentisch wiederzugeben, muss es dennoch das Gezeigte möglichst unterhaltsam präsentieren, also zwangsläufig inszenieren.

Es gibt also im Reality TV ein Verschwimmen aller drei Bereiche Fiktion/Realität, Unterhaltung/Information und Inszenierung/Authentizität. Der Zuschauer ist ohnehin schon medial manipulierbar und hat generell (d.h. sogar bei seriösen Nachrichtensendungen wie der Tagesschau (ARD)) wenige Anhaltspunkte dafür, den Inhalt von Fernsehsendungen als authentisch oder nicht authentisch beurteilen zu können (BORSTNAR ET AL. 2008:39). Das Fernsehen kann durch das Verschwimmen der in diesem Abschnitt erörterten, ehemals strikt getrennten Bereiche heutzutage besonders für den unreflektierten Zuschauer leichter Wirklichkeiten konstituieren und ihn über die Macht der Bilder falsch informieren. Reality TV ist also im Gegensatz zu seiner Bezeichnung so gut wie niemals ganz realistisch und weist aus dramaturgischen Gründen immer zumindest teilweise fiktionale, inszenierte und dadurch unterhaltende Elemente auf.

Fazit von Abschnitt II.a.:

Das Reality TV umfasst viele unterschiedliche Genres (diese werden im übernächsten Abschnitt II.c. genauer erläutert), deren gemeinsame Merkmale nach LÜCKE folgende sind: unprominente Darsteller, Personalisierung, Emotionalisierung, Intimisierung S tereotypisierung, D ramatisierung und Live-Charakter. Darüber hinaus verschwimmen im Reality TV die Gegensatzpaare Realität - Fiktion, Information - Unterhaltung und Authentizität - Inszenierung (LÜCKE 2002 53-61). Die Grenzen des Reality TV zum restlichen Fernsehprogramm können trotzdem nicht immer ganz eindeutig umrissen werden. Sie sind in manchen Fällen fließend. Reality TV lässt sich also aufgrund von vielfältigen Mischformen, sogenannten Hybridgenres, nicht immer ganz eindeutig vom restlichen Fernsehprogramm abgrenzen.

II.b. Eine Kurzfassung der Geschichte des Reality TV in Deutschland

Im Gegensatz zu den sogenannten öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland ist das heutige deutsche Privatfernsehen ohne die vielfältigen Formate des Reality TV (und die mit dem Reality TV verwandten Hybridgenres) kaum vorstellbar. Um zu erläutern, wie wichtig das Reality TV für die Privatsender ist, und wie es sich im Laufe der Zeit ausdifferenziert hat, ist es sinnvoll, kurz auf die Entstehungsgeschichte des Reality TV einzugehen. Dazu wird an dieser Stelle noch einmal etwas weiter ausgeholt, um die Entwicklung des Privatfernsehens in Deutschland Revue passieren zu lassen.

Bis Mitte der achtziger Jahre existierte in Deutschland ausschließlich das öffentlich-rechtliche Fernsehen, also Fernsehsender, die weder hauptsächlich durch staatliche Mittel, noch durch die Wirtschaft und ihre Werbeausgaben finanziert wurden. Um nämlich eine weitgehende Unabhängigkeit von wirtschaftlichen oder politischen Einflüssen zu garantieren, entschied man sich in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, als in praktisch allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens Neuordnungen festgelegt wurden, dafür, dass das öffentlich- rechtliche Fernsehen durch den sogenannten „dritten Sektor“ finanziert werden sollte, also durch Gebühren, die von den Haushalten mit Radio- und Fernsehanschlüssen zwangsweise entrichtetet werden mussten (KOPS 2009:5). Dieses Finanzierungsmodell, die immer größer werdende Verbreitung von Haushalten mit Fernsehanschlüssen, die daraus resultierenden stetig einfließenden Gebühren und die Unabhängigkeit von Einnahmen durch Verbraucherinformationen, sorgten bald für ein qualitativ sehr ansprechendes Fernsehprogramm bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Mit wachsendem technologischem Fortschritt und dem wirtschaftlichen Aufschwung der BRD erlaubte dann das Bundesverfassungsgericht Anfang der 1980er Jahre, dass auch kommerzielle Fernsehsender Zulassungen erhielten (KOPS 2009:9). Gekoppelt war diese Erlaubnis allerdings an die Bedingung, dass öffentlich-rechtliche Rundfunksender nach wie vor der Aufgabe einer „unerlässlichen ‚Grundversorgung’“ (DILLER in KLÖPPEL 2008:31) nachkommen mussten. Am 2. Januar 1984 entstand dann mit RTL der erste deutsche kommerziell finanzierte Fernsehsender (LEONHARD ET AL. 2002:2314), dessen Marktanteile stetig wuchsen, bis sie in den frühen neunziger Jahren vollständig konkurrenzfähig mit den größten öffentlich- rechtlichen Fernsehsendern ARD und ZDF waren. Das heutige Fernsehsystem in Deutschland ist also dual. Das heißt, es wird einerseits von öffentlich-rechtlichen, andererseits von kommerziellen Sendern geprägt, wobei die größten Sender jeweils vergleichbare Marktanteile aufweisen.

Im Gegensatz zu den durch Gebühren finanzierten öffentlich-rechtlichen Sendern, sind die privaten Sender abhängig von Werbeeinnahmen, und damit auf hohe Einschaltquoten angewiesen. Nur wenn viele Zuschauer das Programm sehen, sind Konzerne auch dazu bereit, viel Geld für Werbespots zu investieren. Auch andere wirtschaftliche Schwankungen wie Rezessionen haben, im Gegensatz zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, Einflüsse auf die Einnahmen der Privatsender. Ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender kann es sich durch seine weitgehende Quotenunabhängigkeit und seine garantierten Einnahmen auch erlauben, mit seinem Programm Sparten abzudecken, die nicht von jedem Zuschauer gerne gesehen werden. Ein privater Fernsehsender ist hingegen dringend darauf angewiesen, möglichst dauerhaft hohe Einschaltquoten zu erzielen, da sonst hohe Werbeeinnahmen ausbleiben können. Darüber hinaus wollen die privaten Fernsehsender am besten noch möglichst vorsichtig und zurückhaltend Geld in ihre Programme investieren, da die zukünftigen Einnahmen, anders als bei den öffentlich rechtlichen Sendern, aufgrund von möglichen Quoteneinbrüchen nicht langfristig gesichert und schwerer zu kalkulieren sind.

Einzelne Formate, die auf die eine oder andere Weise Ähnlichkeiten mit dem heutigen Reality TV hatten, gab es in verschiedenen Ländern schon zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, z.B. auch besonders im DDR-Fernsehen der fünfziger Jahre, in dem viele Formate „dokumentarisch-fiktionale Hybride“ darstellten (WRAGE 2009:158). Der eigentliche Boom des Reality TV begann jedoch erst gegen Ende der achtziger Jahre in den USA (LÜCKE 2002:26). Etwa im Jahr 1992, also kurz vor der Zeit, als mit RTL im Jahr 1993 zum ersten Mal ein privater Kanal Marktführer unter den deutschen Fernsehsendern wurde, schwappte der Boom des Reality TV auch in die deutschen Fernsehsender (LÜCKE 2002:48). Die niederländische Fernsehproduktionsfirma Endemol zeichnete sich dabei für viele der neuartigen Produktionen verantwortlich. Besonders die, wie erwähnt, von Einschaltquoten, Werbeeinnahmen und damit auch von öffentlichen Gesprächsthemen abhängigen Privatsender wie RTL sprangen schnell auf den Zug auf. Der Erfolg des Reality TV ging zu einem gewissen Grad Hand in Hand mit dem großen Durchbruch des Privatfernsehens in Deutschland. Es muss also im Hinblick auf die Analyse der Doku-Soaps festgehalten werden, dass Privatsender wie RTL darauf bedacht sind, mit möglichst wenig finanziellem Aufwand möglichst viel Aufmerksamkeit dadurch zu bekommen, dass sie möglichst vielen Menschen Gesprächsstoff bieten. Das Reality TV ist ein sehr gutes Werkzeug, um dieses Ziel zu erreichen.

RTL verzeichnete in den neunziger Jahren große Erfolge mit neuartigen Formaten wie Notruf, moderiert von Hans Meiser, einer Serie die versuchte, Unfälle, die sich tatsächlich ereignet hatten, für den Fernsehzuschauer möglichst originalgetreu und an den Originalschauplätzen nachzukonstruieren. In der Regel beinhalteten die Beiträge eine Zusammenarbeit mit den Beteiligten und Opfern als Darsteller oder zumindest als Interviewpartner. Obwohl Notruf eindeutig als Reality TV galt, herrschte Unklarheit darüber, wie denn Reality TV nun genau zu definieren sei. Bald darauf entstanden zudem ständig neue verwandte Formate, wie z.B. Beziehungs-Talkshows, Boulevardmagazine und die sogenannten Daily Talks, die ihrer Konzeption nach ebenfalls entweder Ähnlichkeiten mit dem ursprünglichen Reality TV hatten oder als Reality TV galten, sich aber von den ursprünglichen, sogenannten gewaltzentrierten Reality-TV -Formaten wie Notruf deutlich unterschieden. Zudem nahmen häufig andere, als seriös geltende Gattungen, wie z.B. Geschichts- oder Verbrechens-Dokumentationen Reality- TV-Elemente, wie von Schauspielern nachgestellte Ereignisse, in ihr Konzept mit auf4 (LÜCKE 2002:48). Ein weiterer Faktor, der die Definition und Abgrenzung des Begriffs Reality TV zusätzlich erschwerte, war der Umstand, dass der Begriff Reality TV bald grundsätzlich mit voyeuristischen und „reißerisch gemachten Unterhaltungssendungen“ assoziiert wurde und deshalb zwar für Gesprächsstoff sorgte, aber ein schlechtes Image hatte. So rieten beispielsweise hochrangige Politiker wie Franz-Josef Antwerpes, Präsident des Nordrhein-Westfälischen Regierungsbezirks Köln, Feuerwehrleute medienwirksam dazu auf, nicht mit dem kommerziellen Fernsehen zu kooperieren („Letzte Konsequenz“, SPIEGEL 4/1993). Um dem schlechten Image zu entkommen, war es ein wichtiger Bestandteil von Notruf, mit dem Slogan „Nicht wegschauen, sondern helfen“ an die Zivilcourage der Zuschauer zu appellieren und sich so als aufklärende Sendung zu verkaufen. Viele nachfolgende Formate versuchten es gleich ganz zu vermeiden, als Reality TV bezeichnet zu werden und wollten in den Programmheften stattdessen lieber mit Bezeichnungen wie „Ratgeber“ oder „Magazin“ beschrieben werden. Diese neuen Bezeichnungen für die immer vielfältiger werdenden Formate trugen zu den Schwierigkeiten mit der Definition und Abgrenzung von Reality TV bei (LÜCKE 2002:50).

Im Verlauf der neunziger Jahre setzten sich zudem nach und nach immer neue Reality TV- Genres durch, die auf den ersten Blick nicht mehr viel mit dem sogenannten gewaltzentrierten Reality TV gemeinsam hatten. Das Reality TV umfasste also immer mehr unterschiedliche und vielfältige Genres, die jeweils in ihren Blütephasen für viel Gesprächsstoff und hohe Einschaltquoten sorgten. In der Mitte der neunziger Jahre wurden vor allem die Daily Talks in den Nachmittagsprogrammen der Privatsender zu einem dominierenden Genre des Reality TV. Die Daily Talks waren Talk Shows mit unprominenten Personen als Gästen, die sich über verschiedene alltagsnahe und häufig provokativ formulierte Themen, wie z.B. Aspekte des Arbeitslebens, von Partnerschaften oder das Aussehen der Gesprächsteilnehmer, in vielen Fällen heftig stritten und dadurch beim Publikum für (teilweise auf Voyeurismus beruhende) Unterhaltung sorgten. Da die Daily Talks eine Mischung aus Reality TV und den bis dahin bekannten Polit-Talkshows mit überwiegend prominenten Gästen darstellten, stellten sie ein Hybridgenre dar, also wie bereits erwähnt, als Mischform. Später boomte dann für einige Zeit das sogenannte Gerichts-TV, dann mit der Einführung der Serie Big Brother (RTL2) die Reality Soaps. Etwa seit den frühen nuller Jahren sind es zudem vor allem die mit den Reality Soaps eng verwandten Doku-Soaps, die ebenfalls das Reality TV-Genre dominieren. Seit dem Jahr 2009 („Doku-Soaps ohne Wahrheitsgehalt“, ZAPP MEDIENMAGAZIN 2010) gibt es darüber hinaus die Pseudo-Doku-Soaps (oder Scripted Reality), die die wohl neueste wichtige Entwicklung darstellen und nicht zuletzt deswegen ein wichtiger Bestandteil der Analyse in dieser Arbeit sind.

Fazit von Abschnitt II.b.:

Erstens ist Reality TV wegen seiner unter anderem oft auf Kontroversen beruhenden Publikumswirksamkeit und seinen geringen Produktionskosten für das Privatfernsehen bis heute das wichtigste Werkzeug im alltäglichen Kampf um die für sie überlebenswichtigen Quoten. Zweitens hat sich das Reality TV vor allem bis ins frühe 21. Jahrhundert immer weiter ausdifferenziert (vgl. KLAUS/LÜCKE 2003:195) und immer neue, teilweise sehr publikumswirksame Genres hervorgebracht. Der nächste Abschnitt gibt einen Überblick über die einzelnen Genres des Reality TV.

II.c. Die Doku-Soap als Genre des Reality TV

In diesem Unterkapitel wird veranschaulicht, welche Genres des Reality TV es gibt und wie die Doku-Soaps5 eins von ihnen darstellen.

Erste Kategorisierungsversuche unterschieden Reality TV in „narratives“ und „performatives“ Reality TV, andere in „gewaltzentriertes“ und „beziehungsorientiertes“ Reality TV. Später wurde in „Sendungen mit der Präsentation von Originalaufnahmen, Formate mit nachgestellten Szenen, Reality-Shows und die sogenannten ‚Problemlösesendungen’“ (LÜCKE 2002 48-9) unterschieden. Jedoch waren viele Kategorisierungsversuche schon bald wieder hinfällig, da sich einerseits die verschiedenen Formate untereinander häufig vermischten, also die Hybridisierung der Genres noch immer weiter zunahm, sich andererseits bei den bereits kategorisierten Formaten neue Variationen entwickelten und sich zudem auch nach wie vor häufig komplett neue Formate bildeten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Genres des Reality TV im Jahr 2003 (Quelle: KLAUS/LÜCKE 2003:200)

Wie KLAUS/LÜCKE im Jahr 2003 argumentieren, war also von den frühen neunziger Jahren bis (mindestens) ins Jahr 2003 eine Ausdifferenzierung des Reality TV festzustellen (KLAUS/LÜCKE 2003:195). Sie begründen das damit, dass das Reality TV immer neue Innovationen hervorbrachte. So stellte z.B. das „nationale Medienereignis“ (KLAUS/LÜCKE 2003:201) der Erscheinung des Formats Big Brother (RTL2) im Jahr 2000 eine sehr richtungweisende Neuerung dar, das die Reality Soaps als festes Genre etablierte. Im Jahr 2003 war es mit Deutschland sucht den Superstar (RTL) die Etablierung der Casting-Show. Im Jahr 2002 griff STEPHANIE LÜCKE die Unterteilung in performatives und narratives Reality erstmals wieder auf und veröffentlichte im Jahr 2002 eine Grafik, die die Kategorisierung der Subgenres des Reality TV gut veranschaulicht. Diese hier abgedruckte Grafik (Abb.1) ist die im Jahr 2003 von KLAUS/LÜCKE aktualisierte Version. Die von KLAUS/LÜCKE zeitgleich beschriebene Ausdifferenzierung des Reality TV ist seitdem (also zwischen den Jahren 2003 und 2011) weniger stark vorangeschritten als zwischen den Jahren 1990 und 2003. Das Gegenteil ist sogar der Fall. Wie im nächsten Unterkapitel (II.d.) erläutert wird, ist das Reality TV heute nicht wesentlich vielfältiger als im Jahr 2003, sondern konzentrierter auf einzelne, längst etablierte Genres. Deswegen kann die Grafik (Abb.1) auch für heutige Verhältnisse zum großen Teil noch als weitgehend aktuell angesehen werden. Trotzdem hat es natürlich zwischenzeitlich auch einige wichtige Veränderungen im Reality TV gegeben, mit denen sich auch das folgende Unterkapitel (II.d.) beschäftigt.

Wie man in Abbildung 1 sehen kann, sind die Doku-Soaps eins der Genres des Reality TV, genau wie beispielsweise die Daily Talks oder die Casting-Shows. Als STEPHANIE LÜCKE in ihrem Buch Real Life Soaps im Jahr 2002 die Grafik erstmals veröffentlichte, unterschied sie noch nicht zwischen den Reality Soaps und den Doku-Soaps, sondern fasste die beiden Genres unter dem Begriff Real Life Soaps zusammen. Sowohl Formate des Reality Soap- Genres, wie z.B. Big Brother (RTL2), als auch Formate des Doku-Soap -Genres, wie z.B. Die Fahrschule (Sat1), zählten in der ursprünglichen Grafik also zum gleichen, sogenannten Real Life Soap - Genre. Diese Tatsache deutet auf die enge Verwandtschaft der beiden Genres hin, auf dessen Unterscheidung im nächsten Kapitel (III.) noch ausführlich eingegangen wird. Um die Unterscheidung für den Moment knapp zu formulieren: Nach KLAUS/LÜCKE unterscheiden sich Reality Soaps von Doku-Soaps darin, dass sich die Akteure bei den Reality Soaps für die Dreharbeiten extra in ein künstlich arrangiertes Setting begeben, in dem sie Konkurrenzsituationen ausgesetzt sind. Die Reality Soap hat also, im Gegensatz zu den Doku- Soaps, mitunter auch Einflüsse einer Game Show (KLAUS/LÜCKE 2003:201).

II.d. Veränderungen im Reality TV durch die Doku-Soaps und Veränderungen mit Auswirkungen auf die Doku-Soaps

Wie bereits erwähnt, veranschaulicht die in KLAUS/LÜCKE im Jahr 2003 veröffentlichte Abbildung die verschiedenen Subgenres des Reality TV bis heute gut. Allerdings müssen, abgesehen davon, dass viele damalige Beispielsendungen heute nicht mehr produziert werden und folglich durch andere ersetzt oder komplett eingestellt wurden, einige Veränderungen angemerkt werden. Viele davon sind auf den starken Einfluss der Doku-Soaps (und der mit den Doku-Soaps eng verwandten Reality Soaps) zurückzuführen.

1. Die Dominanz der Doku-Soaps

Während die Doku-Soaps schon im Jahr 2003 allmählich zum „Prototyp“ des Reality TV aufgestiegen waren (z.B. MIKOS ET AL. in KLAUS/LÜCKE 2003:203), hat sich ihr Einfluss bis heute noch deutlich verstärkt. Das Genre der Doku-Soaps (und teilweise der eng verwandten Reality Soaps) hat in den letzten Jahren geradezu eine Schwemme von neuen Formaten hervorgebracht und dominiert heutzutage das Reality TV stark. Die im Jahr 2003 von KLAUS/LÜCKE festgestellte Ausdifferenzierung des Reality TV, also die Erfindung immer neuer Genres, hat sich nicht fortgesetzt. Das letzte eigenständige Genre, das sich erfolgreich im Reality TV etabliert hat, waren die Casting-Shows im Jahr 2003. Seitdem hat es kein neues Genre mehr gegeben. Stattdessen konzentriert sich das Reality TV heutzutage auf Doku- und Reality-Soap- Hybridisierungen. Anders als im Jahr 2003, als die oben abgedruckte Grafik entstand, gehören heute mehr als die Hälfte der aktuellen Reality TV-Formate (und Pseudo- Reality-TV-Formate, die später in diesem Kapitel erläutert werden) eindeutig zum Genre der Doku-Soaps (vgl. Tabelle 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1.: aktuelle Formate des Reality TV (Stand: November 2010 - Januar 2011). Keine Gewähr auf Vollständigkeit Gewaltzentriertes Reality TV: Aktenzeichen XY (ARD), Ungeklärte Morde - dem Täter auf der Spur (RTL2), Galileo Xperience (Pro7), Autopsie (RTL2)

Real Life Comedy: Comedy Street (Pro7/Comedy Central), Ahnungslos (Pro7), Upps. Die Pannenshow (Super RTL)

Gerichts-TV: Richterin Barbara Salesch (Sat1), Richter Alexander Hold (Sat1) , Das Strafgericht (RTL) Beziehungsshows: Verzeih mir (RTL)

Beziehungs-Game-Shows: Dating im Dunkeln (RTL) Daily Talks: Britt (Sat1)

Problemlösesendungen: -

Reality Soaps: Ich bin ein Star - holt mich hier raus! (RTL)

Doku-Soaps und Pseudo-Doku-Soaps: Unsere erste gemeinsame Wohnung (RTL), Mitten im Leben (RTL), Verdachtsfälle (RTL), Familien im Brennpunkt (RTL), Die Schulermittler (RTL), Bauer sucht Frau (RTL), Die Super Nanny (RTL), Raus aus den Schulden (RTL), Der Ramschkönig (Sat1), Frauentausch (RTL2), Die Schnäppchenhäuser - der Traum vom Eigenheim (RTL2), X-Diaries: Love, Sun & Fun (RTL2), Mieten, kaufen, wohnen (Vox), Das Hausbau-Kommando - trautes Heim, Glück allein (D-Max), Miami Ink - Tattoos fürs Leben (D-Max), Frank - der Weddingplaner (Sixx), Zuhause im Glück - unser Einzug in ein neues Leben (RTL2), Das perfekte Dinner (VOX), Betrugsfälle (RTL), Die strengsten Eltern der Welt (Kabel1), Die Geissens - eine schrecklich glamouröse Familie (RTL2), We are Family (Pro7), Rach - der Restauranttester (RTL), Dog - der Kopfgeldjäger (RTL2), Die Kochprofis (RTL2), Die Gebrauchtwagen-Profis - Neuer Glanz für alte Kisten (D- Max)

Casting-Shows: Popstars - Girls Forever (Pro7), Das Supertalent (RTL), X-Factor (VOX), Deutschland sucht den Superstar (RTL) Genres, die früher das Reality TV sehr dominiert haben, wie z.B. die Daily Talks und die Beziehungsshows, haben im Umkehrschluss zur Ausbreitung der Doku-Soaps in den letzten Jahren viel an Sendezeit eingebüßt. Die Tatsache, dass die Problemlösesendung, die Beziehungsshow und die Beziehungs-Game-Show zurzeit im deutschen Fernsehen fast nicht vorhanden sind, bedeutet nicht unbedingt, dass die Genres komplett ausgestorben sind. Dennoch werden zurzeit, unter anderem wegen der vorherrschenden Hybridisierungen der Doku- und Reality Soaps, keine entsprechenden neuen Sendungen produziert. Die unterrepräsentierten Genres werden heutzutage häufig in von Doku-Soap oder Reality-Soap dominierte Hybridisierungen integriert. Formate, die teilweise den Sparten der Beziehungs- Show oder Beziehung-Game-Show zuzuordnen sind, sind beispielsweise Bauer sucht Frau (RTL) und Dating im Dunkeln (RTL), die beide sehr starke Einflüsse der Doku-Soap bzw. der Reality Soap aufweisen.

Die Genres des Reality TV bilden also heutzutage häufig Hybridgenres untereinander, vor allem mit der Doku-Soap oder Reality Soap. Sendungen wie Raus aus den Schulden (RTL) oder Die Super-Nanny (RTL) sind Mischungen aus Doku-Soaps und Problemlösesendungen oder Personal Help-Shows. Das Format Bauer sucht Frau (RTL) ist zwar eigentlich eine Doku-Soap, hat aber starke Einflüsse der Beziehungs-Show sowie teilweise auch der Real Life Comedy, da die Sendung (genau wie z.B. auch die Casting-Show Deutschland sucht den Superstar (RTL)) so ausgelegt ist, dass die Darsteller sich manchmal unfreiwillig komisch präsentieren. Abgesehen von der Serie Ich bin ein Star - holt mich hier raus! (RTL) existiert die Reality Soap momentan fast ausschließlich in Verbindung mit anderen Genres. Beispielsweise wurden in den letzten Jahren immer wieder in unregelmäßigen Abständen Mischungen aus der Reality Soap und der Casting-Show produziert, so z.B. Germany ’ s Next Topmodel (Pro7) bzw. der Ableger Die Model-WG (Pro7) und Das Sommermädchen 2009 (Pro7), wo die Kandidatinnen auch zusammen wohnten und ihre persönlichen Beziehungen untereinander mitunter wichtige Bestandteile der Sendung waren. Dating im Dunkeln (RTL) ist, wie soeben erwähnt, eine Beziehungs-Gameshow mit Einflüssen der Reality Soap. Zudem gab es in den letzten Jahren teilweise Hybridisierungen aus der Reality Soap, der Casting- Show und der Beziehungs-Game-Show, wie z.B . Giulia in Love (Pro7) , Der Bachelor (RTL) oder Die Bachelorette (RTL).

Auch bei den Vermischungen der Reality TV-Genres und dem restlichen (nicht-Reality-TV-) Fernsehprogramm, also zum Beispiel Koch-Shows, sind es vor allem die Doku-Soaps, die mit anderen Genres vermischt werden. Beispielsweise bei Das perfekte Dinner (VOX) oder Die Kochprofis (RTL2) handelt es sich um eine Mischung aus Doku-Soaps und Kochsendungen.

Bei den Boulevardmagazinen werden heute immer noch hauptsächlich die gleichen Themenkomplexe, wie z.B. Neuigkeiten von Prominenten, Schicksale von Individuen oder Kuriositäten behandelt, aber viele Beiträge ähneln heutzutage häufig „Light-Versionen“ von Doku-Soaps, die keine ganze Stunde ausfüllen. Unter anderem gibt es innerhalb des Formats Punkt 12 (RTL) die Beitragsreihe Schwer verliebt6 . Es handelt sich dabei um Berichte darüber, wie sich übergewichtige Singles auf Reisen näher kommen, präsentiert wie in einer Doku-Soap. Ein weiteres Beispiel ist Der Salonretter, ein kurzer Doku-Soap-Verschnitt, der beim Boulevard-Magazin Sam (Pro7) ausgestrahlt wird7.

2. Der erhöhte Inszenierungsanteil im Reality TV

Im Reality TV des Jahres 2010 haben die inszenierten Aspekte im Vergleich zum Reality TV des Jahres 2003 deutlich zugenommen. Einige (wenn nicht alle) Genres des Reality TV sind generell heutzutage zu einem höheren Grad inszeniert, vor allem im Vergleich zu der Zeit vor zehn oder fünfzehn Jahren.

Ein Beispiel für den zunehmenden Inszenierungs-Einfluss auf ursprünglich weitgehend authentisches Reality TV ist z.B. bei den sogenannten Daily Talks zu finden. Während bei ursprünglichen Daily Talk- Formaten wie Hans Meiser oder Arabella in den neunziger Jahren häufig noch relativ ernsthafte gesellschaftliche Themen diskutiert wurden, bei denen real existierende Personen relativ frei zu Wort kamen, wird bei neueren Daily-Talk -Formaten von Seiten der Produzenten deutlich mehr eingegriffen, um die Diskussionen spektakulärer und damit attraktiver für den Zuschauer zu machen. Beispielsweise wurde der Daily Talk Arabella (Pro7) im Jahr 2004 abgesetzt, kurz nachdem sich die Moderatorin öffentlich gegen die Verwendung von Laienschauspielern ausgesprochen hatte (RAVE 2004). Heutzutage werden in Sendungen wie Britt zwar nicht in erster Linie Schauspieler verwendet, aber es wird auf verschiedene unauffällige Inszenierungstricks zurückgegriffen, zum Beispiel was die Dramaturgie angeht. Bei Britt geht es beispielsweise häufig darum, dass Vaterschafts-, Schwangerschafts- oder Lügendetektortests durchgeführt werden. Die Talk-Show-Gäste werden in einem Vorgespräch, das aufgezeichnet wird, über ihre Situation genau befragt. Im Fernsehstudio müssen sie dann die gleiche Geschichte noch einmal erzählen. Der Handlungsablauf ist dabei genau geplant. Falls es zu Unstimmigkeiten kommt, wird unter Umständen auf die Aufzeichnung des Einzelgesprächs zurückgegriffen. Hinzu kommt, dass beispielsweise in den Minuten, in denen die Test-Ergebnisse bekannt gegeben werden, das Studio abgedunkelt wird, eine spannungsgeladene Musik eingespielt wird, und das Publikum darauf eingestimmt worden ist, durch Unmutsäußerungen oder Jubel die Geschehnisse zu kommentieren.

Eine ähnliche Steigerung des Inszenierungsgrades kann auch bei den anderen Genres des Reality TV angenommen werden, auch wenn sie vor allem im Fall der meisten Doku-Soap - Formate nicht so offensichtlich sind wie bei den Daily Talks.

3. Die Einführung der Scripted Reality

Zusätzlich zum erhöhten Inszenierungsgrad sind teilweise sogar Genres, bei denen früher von den Produzenten nur wenig eingegriffen wurde, zu vollständig „gescripteten“ Genres geworden, also zu Pseudo-Reality-TV oder Scripted Reality, dessen Handlung komplett von Drehbuchschreibern erdacht ist. Dieser Umstand wirft die Frage auf, ob das Pseudo-Reality TV überhaupt noch zum Reality TV dazugezählt werden sollte, oder ob es schon wieder eine vom Reality TV unabhängige, neue Kategorie bildet8. Die Entstehung des Pseudo-Reality-TV hat einen Einfluss auf die in Abbildung 1 dargestellte Unterteilung in narratives und performatives Reality TV. KLAUS/LÜCKE definieren performatives und narratives Reality TV folgendermaßen:

[...]


1 Hybridgenres sind das „Phänomen, dass durch die Verknüpfung verschiedener Gattungs- und Genrecharakteristika neue Formate geschaffen werden“ (KLAUS/LÜCKE 2003, 196)

2 Beide analysierten Episoden und jeweils eine zusätzliche Referenzepisode befinden sich auf der DVD, die dem Anhang dieser Arbeit beiliegt.

3 Der Begriff Hybridisierung beschreibt nicht nur das Entstehen von Mischformen aus ehemals voneinander Genres, sondern auch von Mischformen aus ehemals getrennten Funktionen

4 unter anderem geriet beispielsweise der Publizist Guido Knopp in den neunziger Jahren in die Kritik, weil die Darstellung seiner zeitgeschichtlichen Dokumentationen für ein großes Publikum (z.B. Hitlers Helfer (1995), Hitler - eine Bilanz (1996)) zu sehr dem Reality TV ähnelten

5 Zur besseren Unterscheidung werden in diesem und dem nächsten Unterkapitel die verschiedenen GenreBezeichnungen jeweils kursiv gedruckt

6 Stand: Dezember 2010

7 Stand: Dezember 2010

8 Aus Gründen der Unkompliziertheit wird das Pseudo-Reality-TV vorerst in dieser Arbeit zum Reality TV dazugerechnet. Eine Unterscheidung zwischen Doku-Soap und Pseudo-Doku-Soap findet sich in Abschnitt III.c.2.

Details

Seiten
110
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656835776
ISBN (Buch)
9783656835783
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283967
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth
Note
2,1
Schlagworte
inszenierungsstrategien doku-soaps pseudo-doku-soaps fernsehen wirkung rezipienten

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Titel: Inszenierungsstrategien in Doku-Soaps und Pseudo-Doku-Soaps im deutschen Fernsehen und deren Wirkung auf die Rezipienten