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Die Lebens- und Wohnbedingungen der Armen und Reichen im Viktorianischen London

Seminararbeit 2014 31 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Lebens- und Wohnbedingungen im Viktorianischen London
2.1 Lebensbedingungen und Lebenswelten in Londoner Quartieren
2.1.1 Zeitgenössische (Forschungs-)Berichte in der medialen Rezeption
2.1.2 Entwicklungstendenzen der Lebensbedingungen in Ost und West
2.1.3 Parallelität der Lebenswelten?
2.2 Intendierte modern urban policy
2.2.1 Bauinnovationen öffentlicher und privater Anstrengung
2.2.2 Wohnungsbaugesetze

3 Schlussteil

Quellen-und Literaturangaben

Anhang

1 Einleitung

Die Intention, sich mit den Lebens- und Wohnbedingungen für arm und reich im Viktorianischen London (1837-1901) auseinanderzusetzen, bedeutet eine Diskursüberlagerung in sozialpolitischer, gesundheitlicher, moralischer und architektonischer Hinsicht. Die Stadt London gilt neben Paris im 19. Jahrhundert als pulsierende kosmopolitische Metropole1 und war gegen Ende des 18. Jahrhunderts die größte Stadt der Welt.2

Um Metropole zu sein, müssen sich in einer Stadt die Zentren verschiedener Funktionsbereiche überlagern: sie muss Mittelpunkt des politischen, ökonomischen und kulturellen Lebens eines Landes sein – dann, und nur dann macht es Sinn, eine große Stadt eine Metropole zu nennen. Aus der kumulativen Überlagerung ergibt sich eine Dominanz, die alle übrigen Städte zweitrangig macht.3

Der Dominanzcharakter der Metropole ergibt sich somit aus der kumulativen Überlagerung seiner Funktionen. Mit ihrem symbolischen Gehalt kann sie ein Höchstmaß gesellschaftlicher Kultur und Dynamik oder ein Ebenbild für Inhumanität und kultureller Stagnation sein.4 Im ersteren Fall kann sie als Keimzelle technischer oder sozialer Innovationen stehen.5

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit den Lebens- und Wohnbedingungen im London viktorianischer Zeit auseinander. Dabei verfolgt sie ein doppeltes Anliegen: Indem sie die medial rezipierten Alltagsbedingungen heterogener Milieus herausarbeitet und das Verhältnis zwischen arm und reich analysiert, versucht sie in einem zweiten Schritt den Ursprüngen einer urban policy durch die Fragestellung nachzugehen, welche Akteure den Wohnungsmarkt ab der Mitte des 19. Jahrhunderts dominierten. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse werden abschließend resümierend herausgearbeitet.

2 Lebens- und Wohnbedingungen im Viktorianischen London

In den frühen 1880er Jahren galt London als „Kulturhauptstadt Großbritanniens seit der Englischen Renaissance“6 und Metropole mit der höchsten Einwohnerzahl der Welt, eine Volkszählung von 1881 setzte die Bevölkerung nahe der Viermillionen-Marke fest.7 Während Stadtteile im Westen Londons nahezu prosperierten und die Bevölkerungszahl angesichts entstehender Arbeitsplätze proportional wuchs8, lassen sich gleichzeitig die sozialen Folgen industrieller Prozesse untersuchen.9 Diese Analyse soll im Folgenden anhand segregierender Stadtteile erfolgen.10

2.1 Lebensbedingungen und Lebenswelten in Londoner Quartieren

Slummers usually referred to those who slummed or engaged in slumming; but maddeningly, slummers also described the poor residents of slums. Charity and philanthropy mingle with immoral pursuits and voyeuristic curiosity in the definitions, which refuse to be definitive.11

Gesundheitlich-moralische Risiken wie Seuchen, Raumnot oder verunreinigte Wohnräume sind Beispiele der Folgen einer industrialisierten shock city12. Der heutige umfangreiche Forschungsstand lässt sich aus zeitgenössischen Berichten rekonstruieren, mit der Tätigkeit des slumming traten Sozialwissenschaftler und Journalisten in Augenkontakt mit den Milieubedingen in den Elendsquartieren, bebilderten kontrastiv dazu auch bürgerliche Lebenswelten.

Den Slums der Stadt London lässt sich ein Ambiguitätenstatus zuschreiben, sie bildeten Erscheinungen von Armut sowie Verelendung breiter Bevölkerungsschichten ab und übten gleichzeitig auf externe Besucher eine Faszination aus. Der Historiker Seth Koven umschreibt diese Tätigkeiten als fashionable slumming und casual slumming.

As a form of urban social exploration, it [slumming] bore the obloquy of sensationalism, sexual transgression, and self-denying service to others. Clergymen, journalists, novelists, philanthropists, social investigators, and reformers, therefore, went to great lengths to contrast their supposedly high-minded engagement with social problems with the activities of casual slummers. [...] Casual slumming often merged imperceptibly into sustained attempts not just to grapple with the costs of poverty in individual lives, but also to formulate systemic critiques of social and economic injustices.13

Im Folgenden sollen die Lebenswelten und die darin bestehenden Lebensbedingungen in drei Schritten skizziert werden. Die Milieubedingungen in den östlichen Stadtteilen Londons wurden seit der Jahrhundertmitte des 19. Jahrhunderts unterschiedlich medial durch empirische Wohnenqueten sowie zeitgenössische Beiträge literarischer oder journalistischer Art bewertet.14 Aus den Erkenntnissen der Forschungsbefunde und bedingt durch mediale Perspektiven wurden reaktionär stadtplanerische infrastrukturelle Maßnahmen realisiert, die eine Vorbildfunktion auf andere industrialisierte Länder wie Frankreich oder Deutschland ausübten.15 In einer Gegenüberstellung sollen die Lebenswelten segregierender Stadtteile knapp dargestellt werden verbunden mit der Frage, inwieweit Kontaktpunkte zwischen differenten sozialen Milieus bestanden oder ob arm und reich parallel nebeneinher existierten.

2.1.1 Zeitgenössische (Forschungs-)Berichte in der medialen Rezeption

Die Rezeption der Wohn- und Lebensbedingungen in den Londoner Elendsquartieren (East End16 ) ab den 1860er Jahren erfolgte nicht primär durch zeitgenössische Sozialwissenschaftler. Viel mehr waren es Vertreter des Bildungsbürgertums17, die in persona als Journalist, Schriftsteller (Charles Dickens, William Hogarth) oder bildender Künstler (Gustave Doré / Blanchard Jerrold) die Lebensbedingungen zur Befriedigung öffentlicher Sensationslust (James Greenwood)18 oder zur sozialpolitisch motivierten Informationsdarstellung medial zu transportieren suchten (Henry Mayhew) sowie als Initiatoren von sozialgeografischen Forschungsprojekten19 (Charles Booth, Ernest Aves, Beatrice Potter20 ) ein empirisches Datenmaterial zu den untersuchten Milieubedingungen vorlegten.21

Um literarische oder sozialwissenschaftliche Berichte publizieren zu können, zeigten die social explorers der 1860er Jahre technische Akkomodationsbestrebungen, indem sie im „Elendskostüm“22 in der Rolle des casual die Lebensbedingungen der Hafenarbeiter und tramps medial rezipierten und als „Arme unter Armen“23 soziale Kennzeichen dieser Zielgruppe wie Armut, Schmutz, Arbeit und Gestank über ihre Kleidung annahmen.24 Zeitungen wie die Pall Mall Gazette skandalisierten in ihren Berichten die Lebensbedingungen in den Elendsquartieren zur Befriedigung der Sensationslust ihrer Leserschaft, in den 1880er Jahren wurden die Viertel im East End als dark continent25 in einer Ferne-Welten-Rezeption literarisch mystifiziert (vgl. Greenwoods A night in a workhouse26 ) und mit den in Übersee durch das britische Empire eroberten Kolonien assoziiert.27

Eine umfassendere Studie sozialgeografischen Gehalts wurde durch den britischen Unternehmer und Reeder Charles Booth in den späteren 1880er Jahren initiiert.28 Mit der Map of Descriptive of London Poverty, 1898-99 veröffentlichte das Forschungsvorhaben zwei Erkenntnisse: Angesichts der Frage, inwieweit die bisher erzielten sozialpolitischen Anstrengungen zur Stabilisierung der Lebensbedingungen in den Londoner Elendsvierteln beigetragen haben (Booth kritisierte 1880 die mangelnde Aufsicht der Bauherren29 ), setzte die Studie für das Jahr 1900 einen Armutsanteil von nahezu 30 Prozent der Londoner Bevölkerung fest.30 Gleichzeitig bewertete Booth mit dem „wohl bedeutsamsten Stadtplan des 19. Jahrhunderts“31 mithilfe einer 7-Farben-Skala die Milieus in London ausgeprägt heterogen32, es sei also in den 134 untersuchten Zonen nicht von einer sozial binären Ordnung bezüglich der Einkommensverteilung zwischen East End und West End auszugehen.33 Darüber hinaus ließen sich aus dem Kartenmaterial 1889 überblicksartig segregierende Stadtteile feststellen.34 Stadtforschung und Stadtplanung gehen für die Stadt London nebeneinher eng verschränkt bis in das Jahr 1848 zurück35, mittels Haushaltszählungen sowie anhand der daraus abgeleiteten Bevölkerungszahlen und städtischen und innerhäuslichen Lebensbedingungen leitete eine junge urban policy36 neue infrastrukturelle Maßnahmen ein, der Metropolitain Board of Works wurde 1855 mit der technischen Überwachung und Organisation betraut.

2.1.2 Entwicklungstendenzen der Lebensbedingungen in Ost und West

Als Folge der industriellen Handelsblüte und des bis 1901 proportional steigenden Bevölkerungswachstums37 lassen sich die sozialen Folgen im East End der englischen Hauptstadt, die sich vorwiegend auf hygienischer, moralischer und sicherheitspolitischer Ebene herausbildeten38, als desolat einstufen.39 Um die Milieubedingungen divergierender Stadtteile Londons zu erfassen, sollen im Folgenden vorwiegend die Determinanten Raumstruktur, Besiedlungs- und Wohndichte sowie Wohnungsausstattung berücksichtigt werden.40

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts etablierten sich althergebracht in den europäischen Metropolen wie Berlin oder London die Vertreter sozialer Milieus, in der Tendenz eines Ost-West-Antagonismus lassen sich wohlhabendere Schichten des Bildungsbürgertums im Westen und ein vorwiegend von Arbeitern und Vertretern des Kleinbürgertums geprägtes Milieu im East End der Stadt hervorheben.41

Während in der Belle Epoque der Weltstadt Paris im Rahmen einer zentralistisch geprägten urbanen Embellissment-Politik durch die Architektur Haussmanns großzügige Boulevards und Plätze entstanden42, lässt sich die Baupolitik im West End der Stadt London als unkoordiniert bewerten. Zwar finden sich in den Quellen Pläne des britischen Architekten John Nash (1752-1825) zur Errichtung von squares und crescents sowie großzügigen Wohnanlagen, allerdings wiesen diese Innovationen kein einheitliches Konzept auf.43 Im West End finden sich die vorwiegend einheitlich bebauten estates wohlhabender Grundbesitzer, die mittels covenants Land in Erbpacht vergaben. Die Räume dieser Wohnungen waren nach ihrer Funktion getrennt und boten individuelle Raumnutzung.44

Bis in die 1880er Jahre dominierten Privatunternehmer den englischen Wohnungsmarkt und wurden zeitgemäß dem Manchester-Liberalism durch die Politik als dominante Bauherren ohne engere Auflagen geduldet.45 In überlieferten Bildbänden zeigt der Bewohner wohlhabender Stadtteile ein offenes Interesse für kulturelle Veranstaltungen und vertritt damit die Schicht des Bildungsbürgertums.46

Kontrastiv zu einem im frühen Viktorianischen Zeitalter prosperierendem West End lassen sich die Milieubedingungen im Ostteil um die Stadtteile Bethnal Green, Whitechapel und Stepney als brisant bewerten.47 Angesichts der umfangreichen Forschungsliteratur zur Abbildung der Bedingungen in den Elendsquartieren wird deutlich, dass sich im Zeitraum zwischen dem Erlass des Public Health Act und den ersten Wohnungsbaumaßnahmen durch kommunale Träger48 ein generelles Bedürfnis der Bevölkerung im East End nach Licht, Luft, Raum und Bildung ergab.49

Welchen Ursachen werden die von Journalisten und Sozialforschern beschriebenen Phänomene wie Seuchen und nach Fäkalien riechende Hinterhöfe zugeschrieben?50

At the time of the agitation for reform of the building regulations, miasmatic theories in their particular German form, with the emphasis on the importance of the hygiene of the soil, dominated the sanitary discussion. [...] From this understanding of disease, it followed that the most important counter-measures were general cleanliness, fanatical insistence of ventilation, avoidance of dampness and, from the mid-1880s onwards, an enthusiasm for the germ-killing effects of sunlight. [...] [Zur Luftzirkulation:] If disease could spread through the air, then Bodenluft, or air from the ground (whose existence had been demonstrated in the mid-1850s by Pettenkofer) could rise and carry disease into the dwelling. [...] Pettenkofer had shown in experiments [...] that a healthy man might consume 5-6m3 of aire per night while simply sleeping.51

Mit der von Max Pettenkofer (1818-1901) aufgestellten Miasmentheorie wurden die „Ausdünstungen feuchter und unreiner Böden“52 als Nährboden bei der Übertragung von Cholera-Keimen analysiert. Der schleichenden Installation von innerhäuslichen Aborten und „Schamwänden“53 ging die Nutzung von Sinkgruben und Mülldeponien in Hinterhöfen zur Verrichtung der offenen Toilette voraus54.

Jetzt verrichten immer weniger Menschen ihre Kot-und Harnentleerungen, während sie einander visuell-räumlich erblicken können. Visuell und akustisch werden die Verrichtungen jedes einzelnen immer sorgfältiger der Wahrnehmung anderer entzogen. Von mehreren Menschen zugleich benutzte Aborträume verschwinden allmählich. Die Verrichtungen werden immer genauer in das innerhäusliche Verhaltensgefüge eingepasst; das erfordert eine diszipliniertere Verwendung der neuen Geräte und ein weit intensiveres selbstkontrolliertes Lernen von Kindheit an.55

Gleichmann beobachtet für die Viktorianische Zeit (und darüber hinaus) zwei Entwicklungen: Mit dem allmählichen „Einhausen von Körperfunktionen“ 56 durch neue Standards wurden alltägliche Verrichtungen wie das „Urinieren und Defäzieren“57 in das Haus hinein verlagert. Gleichzeitig lassen sich durch die räumliche Verdichtung und Individualisierungsschübe der Bewohner steigende persönliche Empfindlichkeitsstandards konstatieren58, sodass das Wohnen auf engem Raum seelisch-moralische Probleme wie Alkoholismus, Depression oder Kindesmisshandlungen beförderte.59

An welchen sozialen Indikatoren misst die Forschung Armutserscheinungen im East End des Viktorianischen Londons?

Wie bereits argumentiert, sei der Begriff der Armut hier in einem regional zeitperiodisch geprägten und somit variablen Verständnis zu sehen.60 Neben der Nicht-Fähigkeit sich seinen Lebensunterhalt durch steigende Mieten leisten zu können, können überfüllte marode Wohnungen61 sowie die in einer Stadt spezifisch offerierten Wohnformen bezüglich ihrer Qualität (Größe, Ausstattung, Hygienezustand) als Merkmale der für einen bestimmten Zeitabschnitt geltenden besonderen Wohnungsfrage betrachtet werden.62 Dabei reichte die Spanne in der Praxis des Wohnens zwischen der für Bürgerliche typischen raumbezogenen individualisierten Funktionstrennung im West End bis zu Einraumwohnungen für größere Familien im Bethnal Green.63 Lenger hebt hervor, dass die Anzahl verbreiteter Kellerwohnungen als weiterer Armutsindikator gelten könne.64

Gleichzeitig stellte sich für viele Bewohner die Frage nach der Sicherung des Lebensunterhaltes. Die Ansicht, dass die Lebenshaltungskosten im Osten der Stadt günstig und im Westen exorbitant hoch seien und somit Zuwanderer den zu ihrem Einkommen adäquat zugehörigen Stadtteil besiedelten, kann nur partiell vertreten werden. Das Verhältnis zwischen Miete und Einkommen und somit zwischen Angebot und Nachfrage verhielt sich in den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts evoziert durch die Bevölkerungsexplosion in einem proportional umgekehrten Verhältnis65, sodass der Tübinger Nationalökonom Carl Johannes Fuchs eine allgemeine (die mit dem Einkommen in Opposition stehenden hohen Mieten verbundene) und eine spezifische Wohnungsfrage (in England als besondere Wohnungsfrage für ungelernte Arbeiter angesichts der zahlreichen Mängel ) konstatierte und ihr somit ein strukturelles Defizit zuschrieb.66 Hervorzuheben sei hier das sich im späteren 19. Jahrhundert herausbildende proletarische Arbeitermilieu (das wohl vor den ungelernten Arbeitern und englischem Kleinbürgertum das am häufigsten im East End repräsentierte soziale Milieu)67, das sich mittels eines nachbarschaftlichen sozialen Hilfsnetzwerks wechselseitige moralisch-materielle Unterstützung zukommen ließ.68 Durch Untervermietung von Wohnraum und dem Schlafgängerwesen wurden einzelne Personen gelegentlich in familiäre Prozesse integriert und sicherten der Familie gleichzeitig ein zusätzliches Einkommen.69

Welches Wohnangebot bot den Bewohnern der Slums und Elendsquartiere bis in die 1870er Jahre eine Unterkunft?70

Während in Wien um die Wende zum 20. Jahrhundert der „Weg des Forschers […] in den menschlichen Abgrund, zu den Höhlen- und Kellerbewohnern und nicht zuletzt zu jenen, die in den Abwasserkanälen hausen“71 führt, dienten Männerheime, Wärmestuben und Arbeitshäuser als Obdachlosenasyle für mittellosere Bewohner.72 Parallel zu den in den fünfziger und sechziger Jahren begonnenen Hygienemaßnahmen durch Wasserversorgung oder Lebensmittelkontrollen73 sahen sich viele Gelegenheitsarbeiter und Arbeitssuchende Massenunterkünften, Kellerwohnungen und anderen Wohnungsengpässen ausgesetzt. Zwar gab es seit den 1840er Jahren erste Pläne zur Errichtung von Wohnsiedlungen mit einer working class architecture, bis es aber in den 1870er Jahren zu ersten realisierten Baumaßnahmen durch kommunale Träger kam, existierten in den 30 Jahren zuvor eher einzelne gemeinnützige Wohnungssozietäten und Treuhandgesellschaften, die Mietsblöcke (oder Mietskasernen in Wien) zur Verfügung stellten. Wenn besser verdienende Arbeiter zu Mietern aufsteigen konnten, was eine Seltenheit darstellte, teilten sie sich durch eine Ledigenwohnung oftmals einen oder zwei Räume in einem Haus.74

Im Folgenden soll es um die Frage gehen, inwieweit die Lebenswelten städtischer Milieus einander berührten oder ob sie tendenziell parallel nebeneinander existierten.

2.1.3 Parallelität der Lebenswelten?

Das Verhältnis zwischen sich segregierenden Stadtteilen durch deren sozialen Milieus (vornehmlich im East End und West End) wird in der Forschung kontrovers argumentiert. Während Häußermann die räumliche Trennung von Arbeitervierteln und bürgerlichen Lebenswelten und die damit verbundene Kontaktarmut hervorhebt75, verweist Koven in der neueren Forschung mit dem fashionable slumming auf die Settlement-Bewegung76, die durch Mitglieder um Henrietta und Samuel Barnett in der Gemeinwesen-und Bildungsarbeit in Whitechapel die universitäre Einrichtung Toynbee Hall77 (1884) begründete.78

Koven sieht zwar eine sozialgeografische Grenzziehung zwischen arm und reich, betont aber gleichzeitig die Verflochtenheit und das Interdependenzverhältnis der Milieus.79 Die Slums im East End wurden nicht nur literarisch in der Ferne-Welten-Rezeption als terra incognita80 mystifiziert, sie galten auch als Ort abendlicher Promenadenkultur und sexueller Ausschweifungen.81

At the same time, when elites wrote about slums, they tended to romanticize and exoticize them as sites of spectacular brutality and sexual degradation to which they were compulsively drawn. Slums were anarchic, distant outposts of empire peopled by violent and primitive races; but they were also conveniently close, only a short stroll from the Bank of England and St. Paul’s, inhabited by Christian brothers and sisters. They were prosaically dull and dangerously carnivalesque.82

Die Philanthropenbewegung bildete einen Teil der Bemühungen um infrastrukturelle Stabilisierungs- und Optimierungsprozesse in den „ewigen Slums“83 von London ab. Gemeinnützig Gesinnte engagierten nicht nur in der Bildungsarbeit, sie bildeten neben dem freien Unternehmertum und den Kommunen das zweite Glied der Trias im englischen Wohnungsbau des 19. und 20. Jahrhunderts.

2.2 Intendierte modern urban policy

Während der Viktorianischen Zeit lassen sich auf der sozialgeografischen Karte Londons zwischen 1850-1890 (und darüber hinaus) drei wichtige Entwicklungen beobachten: Angesichts von Seuchen wie Cholera84 und Tuberkulose85 wurden mit dem Public Health Act (1848) bis in die siebziger Jahre Kanalnetze zur (Ab-) Wasserversorgung installiert, der Metropolitain Board of Works wurde mit der Umsetzung weiterer infrastruktureller Aufgaben wie Straßenbefestigung oder Müllabfuhr betraut.86 Ab der Jahrhundertmitte lassen sich zweitens Baumaßnahmen kommunaler Art beobachten, die damit einhergehend durch Reformen und Wohnungsbaugesetze ein rechtliches Fundament erwarben. Kommune und Stadt lösten sich als öffentliche Bauherrin allmählich vom laissez-faire gegenüber dem freien Unternehmertum, übten in den früheren Baujahren eine noch unkoordinierte Baupolitik aus, das Bauverhalten dynamisierte sich durch innovative Konzepte bis in das 20. Jahrhundert hinein und gab damit über London hinaus wichtige architektonische Impulse.87 Drittens lässt sich eine Abwanderungsbewegung mittelständischer Schichten angesichts der Krise im Wohnungswesen und einer damit verbundenen Ansteckungsgefahr vor Krankheiten in den 1860er Jahren beobachten, es bildeten sich Gentrifizierungserscheinungen in den Vororten heraus, mit technischen Errungenschaften wie Vorstadtzügen oder der Verabschiedung des Straßenbahngesetzes (1871) kam es zu einer Aufwertung des öffentlichen Personenverkehrs.88

Um die seit den frühen 1870er Jahren begonnenen Bauleistungen als Beitrag zur Herstellung einer infrastrukturellen Stabilität in den Elendsvierteln überblicksweise darstellen zu können, hilft es, diese nach deren Bauaufsichten zu unterscheiden: So finden sich die im 19. Jahrhundert freien Unternehmer, die ohne größere politische Eingriffe den Wohnungsmarkt bis um 1890 konservativ dominierten.89 Einige Vertreter vermögender Schichten bildeten die zweite Gruppe der Philanthropen. Wie bereits zuvor dargestellt engagierten sich diese (oftmals christlich motiviert) gemeinnützig in der Bildungsarbeit, aber auch im sozialen Wohnungsbau, beispielsweise wie Octavia Hill (1838-1912) oder Dr. Thomas Barnado (1845-1905).90

Die dritte Bauaufsicht bestand in den seit den 1850er immer stärker in den Vordergrund tretenden Kommunen, die teils von innen als auch von außen veranlasst zunächst an Einzelfällen und eher im hygienischen Bereich eine pragmatische Wohnungsbaupolitik betrieben, welche sich aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts in England dynamisierte. Damit einhergehend wurden durch die Krone Wohnungsbaugesetze erlassen, die Zuständigkeiten, Bauprogramme und die Organisation des innerstädtischen infrastrukturellen Wohnungsnetzes regelten, sodass der Staat als regulierende Bauaufsicht auf die Bühne trat.91

2.2.1 Bauinnovationen öffentlicher und privater Anstrengung

Wie bereits dargelegt bedingten sich die Folgen von Wohnungsraumengpässen wie Gesundheitsrisiken, Krankheit, geringe Lebenserwartung, Säuglingssterblichkeit oder Alkoholismus konsekutiv, über mediale Rezeptionen wie Bilder oder Berichte92 wurde die Politik und Öffentlichkeit mit den hygienisch-moralischen Problemen konfrontiert.93

[...]


1 Als englische Metropole reiht sich London in das Gefüge weiterer Metropolen und Staaten ein, in denen sich europäisch-gesellschaftliche Gemeinsamkeiten im 19. Jahrhundert ablesen lassen: 1. der industrieintensive Erwerb, 2. die sich sozial ausdifferenzierenden sozialen Milieus, 3. die Herausbildung eines Wohlfahrtstaates durch Wohnungsbauprogramme und 4. die Stadtentwicklung, die mit einem Wachstum (die mittelgroßen Städte im Besonderen) einher geht. (Vgl. Kaelble, Hartmut: Europäische Vielfalt und der Weg zu einer europäischen Gesellschaft. In: Stefan Hradil / Stefan Immerfall (Hrsg.): Die westeuropäischen Gesellschaften im Vergleich, Opladen 1997, S. 29 ff.

2 Vgl. Häußermann, Hartmut: Metropolen im Vergleich. London, Paris, Tokyo, New York, Berlin, Hagen 2003, S. 31.

3 Häußermann, Harmut: Metropolen im Vergleich. London, Paris, Tokyo, New York, Berlin, Hagen 2003, S. 9.

4 Vgl. Kiecol, Daniel: Schmelztiegel und Höllenkessel. Die Sehnsucht nach der großen Stadt, Berlin 1999, S. 13.

5 Vgl. ebd., S. 87.

6 Häußermann, Hartmut: Metropolen im Vergleich, S. 39.

Anm.: Häußermann verweist auf die bis 1939 proportional ansteigende Wohndichte Londons bei 2500 Einwohnern / km² (1881) und 4000 Einw. / km² (1901). (Vgl. ebd., S. 35.)

7 Werner, Alex: Charles Booth. Die Kartierung der Londoner Armut. In: Werner Michael Schwarz / Margarethe Szeless / Lisa Wögenstein (Hrsg.): Ganz unten. Die Entdeckung des Elends-Wien, Berlin, London, Paris und New York (338. Sonderausstellung des Wien Museums), Wien 2007, S. 27.

8 Vgl. Häußermann, H.: Metropolen im Vergleich, S. 31 f.

9 Das rasante Wachstum der Industrie- und Handelsmetropole hatte allerdings seinen Preis. Während die Reichen und die wachsenden Mittelschichten die wirtschaftlichen und technischen Vorzüge des Zeitalters genießen konnten - billigere Güter, leichteres Reisen, Heerscharen von Dienstboten -, waren die Lebensbedingungen der Armen erschreckend schlecht. In den ärmsten Stadtteilen starb einer von fünf Säuglingen im ersten Lebensjahr - verglichen mit einem von zehn in wohlhabenden Gegenden. Viele der reichen Viktorianer vertraten die Auffassung, wonach die Armen für ihr Los selbst verantwortlich wären, weil sie das bisschen Geld […] vertrinken würden. Harte Arbeit, strenge Moralregeln, Selbsthilfe, Sparsamkeit und Mäßigung würden allein für Erfolg im Leben ausreichen. (Werner, A.: Charles Booth, S. 27.)

10 Vgl. Anhang, M1.

11 Vgl. Koven, Seth: Slumming. Sexual and Social Politics in Victorian London, Princeton 2004, S. 9.

12 Häußermann, H.: Metropolen im Vergleich, S. 32.

13 Koven, S.: Slumming, S. 8.

14 Beispiele wären Octavia Hills Homes of the London Poor (1883) oder James Adderley In Slums and Society (1916), vgl. Wohl, Anthony S.: The Eternal Slum. Housing and Social Policy in Victorian London; New Brunswick 2002, S. 351 f.

15 Vgl. Häußermann, H.: Metropolen im Vergleich, S. 32.

16 Vgl. Lindner, Rolf: Ganz unten. Ein Kapitel aus der Stadtforschung. In: Werner Michael Schwarz / Margarethe Szeless / Lisa Wögenstein (Hrsg.): Ganz unten. Die Entdeckung des Elends. - Wien, Berlin, London, Paris und New York (338. Sonderausstellung des Wien Museums), Wien 2007, S. 20 sowie Anhang, M1.

17 Vgl. Koven, S.: Gustave Doré und Dr. Barnado. Zur Darstellung der Armut im viktorianischen London. In: Werner Michael Schwarz / Margarethe Szeless / Lisa Wögenstein (Hrsg.): Ganz unten. Die Entdeckung des Elends. - Wien, Berlin, London, Paris und New York (338. Sonderausstellung des Wien Museums), Wien 2007, S. 35 f.

18 Vgl. Werner, A.: Charles Booth, S. 27.

19 Die 1869 gegründete Charity Organisation Society forschte mittels Wohnenqueten und Datensammlungen nach den Ursachen von individuellen Armutsfällen und sah besonders in der Armutsprävention bei Kindern einen sensiblen Arbeitsbereich. (Vgl. Koven, S.: Gustave Doré und Dr. Barnado, S. 37.)

20 Vgl. Koven, S.: Slumming, S. 11.

21 Vgl. Werner, A.: Charles Booth, S. 28.

22 Ebd., S. 23.

23 Ebd., S. 23.

24 Vgl. ebd., S. 23 ff.

Zu den Aspekten der Vergemeinschaftung des Individuums (communitas-Ansatz) und Rollenreportage siehe Lindner: „Um diesen kühnen Akt vollziehen zu können, musste sich aber der teilnehmende Beobachter zunächst mittels abgerissener Jacke, Baumwolltuch im Henker-Stil und ramponiertem Billy-Cock-Hut unkenntlich machen, das heißt, sich seiner Umgebung durch Verkleidung als […] Gelegenheitsarbeiter anpassen. Die fiktive Übernahme einer Rolle […] und die damit verbundene in der Regel verbundene Verkleidung als Forschungstechnik geben […] Auskunft über die soziale und kulturelle Kluft, die Forscher und zu Erforschende trennt. […] Damit durchläuft er [der Forscher] jenen Seinswechsel, der als charakteristisch für die Schwellenphase angesehen wird. Worum es hier letztlich geht, ist die Erfahrung […] des Einsseins mit der Masse, in der er sich vorübergehend auflöst. (Lindner, R.: Ganz unten, S. 24.)

25 Vgl. ebd., S. 21.

26 Vgl. Koven, S.: Slumming, S. 19 f.

27 Vgl. Lenger, Friedrich: Metropolen der Moderne. Eine europäische Stadtgeschichte seit 1850, München 2013, S. 134. Anm.: Diese These setzt einen ethnisch gemischten Bevölkerungsanteil in den Oststadtteilen Londons voraus. Häußermann hebt hervor, dass bis 1850 vorwiegend schottische und irische Einwanderer nach London aufgrund der dortigen industriellen Blüte migrierten. (Vgl. Häußermann, H.: Metropolen im Vergleich, S. 31.) Koven betont für die 1870er Jahre bereits für London als kosmopolitischem Raum einen heterogen zusammengesetzte Bevölkerung aus Deutschen, Juden, Afrika-Stämmigen und Laskaren. (Vgl. Koven, S.: Gustave Dore und Dr. Barnado, S. 35.) Seit dem späten 19. Jahrhundert lässt sich für den europäischen Raum durch die Arbeitsmigration eine zunehmende Verflechtung zwischen verschiedenen europäischen Ländern beobachten, dieser Trend setzte in das 20. Jahrhundert fort. (Vgl. Kaelble, H.: Europäische Vielfalt, S. 49.)

28 „In seinem Auftrag durchforstete ein Team von Rechercheurinnen, unter Führung von „Armutsexperten“ aus den Kreisen der Polizei, Schulbehörden und Pfarreien, Straße für Straße die Stadt, um die Lebens- und Wohnbedingungen zu erheben und zu klassifizieren. Am Ende entstand ein umfassendes Kartenwerk, das in einer Farbskala von Schwarz (für die Ärmsten) bis Hellgelb London nach sozialen Zonen abbildete. Die Farbgebung vermittelte die gängige Bewertung der jeweiligen Milieus, löste sich letztlich durch die zahlreichen Farbstufen aber vom Bild einer binären Ordnung. […] Booth könnte damit zweierlei die Grundlage zu entziehen versucht haben: zum einen die These des Klassenkampfes, indem nun Arm und Reich nur noch die äußersten Enden einer breiten sozialen Skala darstellten, zum anderen den spektakulären und spekulativen Elendsbildern und -berichten, wie sie gegen Ende des Jahrhunderts bereits für die Massenpresse typisch war.“ (Schwarz, W. / Szeless, M. / Wögenstein, L.: Bilder des Elends, S. 14.)

29 Vgl. Rodger, Richard G.: Die Krise des britischen Wohnungswesens 1830-1920. In: Hans Jürgen Teuteberg (Hrsg.): Homo habitans. Zur Sozialgeschichte des ländlichen und städtischen Wohnens in der Neuzeit, Münster 1985, S. 311.

30 Anm.: Der Begriff „Armut“ sei hier in der Kritik: Die Skalen schwarz („halbkriminell“), dunkelblau („sehr arm“) und hellblau („arm“) stehen m.E. bei Booth unterhalb der Grenze zur Sicherung des Lebensunterhalts durch Einzelpersonen und Familien. (Vgl. Werner, A.: Charles Booth, S. 29.) Lenger hebt hervor, dass sich Armutsindikatoren im 19. Jahrhundert stets an zuvor festgelegten regionalen Qualitätsstandards orientierten, Indikatoren dieser Art sind beispielsweise die Anzahl der Personen in einem Raum als Grad der Überfüllung (London 1891: drei Personen pro Raum, Berlin: sechs Bewohner), die Anzahl der Kellerwohnungen oder auch das vorherrschende soziale Milieu als Indizien für Armutsbedingungen dienlich. (Vgl. Lenger, F.: Metropolen der Moderne, S. 120 ff.)

31 Werner, A.: Charles Booth, S. 28.

32 Vgl. http.://booth.lse.ac.uk/ (Stand: 18.08.2014)

33 Vgl. Lenger, F.: Metropolen der Moderne, S. 29 sowie Schwarz, W. / Szeless, M. / Wögenstein, L.: Bilder des Elends, S. 14.

34 Hartmut Kaelble verweist auf die im 19. und 20. Jahrhundert in sich heraus differenzierenden heterogenen Milieus der Gesellschaften in den europäischen Städten in Bürgertum, proletarisches Arbeitermilieu, kleinbürgerliches Milieu, bäuerliches Milieu und bis in das frühe 20. Jahrhundert existierende landaristokratische Milieu. (Vgl. Kaelble, Hartmut: Europäische Vielfalt und der Weg zu einer europäischen Gesellschaft. In: Stefan Hradil / Stefan Immerfall (Hrsg.): Die westeuropäischen Gesellschaften im Vergleich, Opladen 1997, S. 33.)

35 Lindner interpretiert „London als die Geburtsstätte der Stadtforschung“ (Lindner, R.: Ganz unten, S. 20.)

36 Häußermann, H.: Metropolen im Vergleich, S. 32.

37 Zwischen 1801 und 1901 vervierfachte sich die Bevölkerungsdichte Londons. (Vgl. ebd., S. 32.)

38 Vgl. Schwarz, W. M. / Szeless, M. / Wögenstein, L.: Bilder des Elends, S. 12. Anm.: Die Autoren betonen die Funktion der medial transportierten Elendsbilder zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Politikum. (Vgl. ebd., S. 15.)

39 Vgl. Häußermann, H.: Metropolen im Vergleich, S. 32.

40 Lenger verweist auf die Unterschiede europäischer Großstädte bei der Ermittlung der Wohnverhältnisse anhand der Determinanten Raumstruktur und Bautraditionen, Besiedlungs- und Wohndichte sowie Wohnungsausstattung und Wohnungsnutzung. (Vgl. Lenger, F.: Metropolen der Moderne, S. 116.)

41 Vgl. Schwarz, W. M. / Szeless, M. / Wögenstein, L.: Bilder des Elends, S. 20.

42 Häußermann verweist auf drei Weltausstellungen im 19. Jahrhundert in der französischen Metropole (Häußermann, H.: Metropolen im Vergleich, S. 46.)

43 Vgl. ebd., S. 31 f.

44 Vgl. Lenger, F.: Metropolen der Moderne, S. 117 ff.

45 Vgl. Rodger, R.G.: Die Krise des britischen Wohnungswesens, S. 312.

46 Vgl. Anhang, M2.

47 Vgl. ebd., S. 31.

48 Zu einzelnen Wohnformen vgl. 2.2.1.

49 Vgl. Lenger, F.: Metropolen der Moderne, S. 132 ff. sowie Häußermann, H.: Metropolen im Vergleich, S. 32.

50 „Throughout the nineteenth century there was a marked decline in hard gin drinking among the working classes, and workmen’s families were bombarded with literature on personal cleanliness and domestic hygiene, and were subject to constant visits by such groups as the Ladies Association for the Diffusion of Sanitary Knowledge (founded in 1859).” (Wohl, Anthony S.: The Eternal Slum, S. 58.)

51 Bullock, Nicholas / Read, James: The movement for housing reform in Germany 1840-1914, Cambridge 1914, S. 96 f.

52 Lenger, F.: Metropolen der Moderne, S. 132.

53 Vgl. Gleichmann, P.: Wohnen, S. 280.

54 Vgl. Lenger, F.: Metropolen der Moderne, S. 132.

55 Gleichmann, P.: Wohnen, S. 280.

56 Ebd. S. 276.

57 Ebd.: Wohnen, S. 276.

58 Vgl. ebd., S. 277.

Hierzu der Aspekt der Wandlung der innerhäuslichen Sehräumlichkeit und Geruchsstandards: „Die meisten europäischen Städte des 18. und 19. Jahrhunderts stinken nach Kot, Urin und meist auch aus den häuslichen Kaminen; das gilt erst recht für die Behausungen selbst. Hinzu kommen industrielle Gerüche unterschiedlichster Art. Man ist daher stets gewöhnt, sehr drastisch über solchen Gestank zu sprechen. Erst in dem Maße, wie „Abtrittkübel“, Trockenklosetts, Pissecken und offene Kotrinnen von den Straßen und aus den mehrgeschossigen Häusern verschwinden, verringert sich der Gestank, bis er schließlich weitgehend aufhört.“ (Ebd., S. 278.)

59 Vgl. Rodger, Richard G.: Die Krise des britischen Wohnungswesens, S. 303.

60 Kos betont die Intention der Stadtforscher um eine „Systematisierung und Differenzierung des Blicks auf Elendsverhältnisse und ihre strukturellen Bedingungen“. (Kos, Wolfgang: Vorwort. In: Werner Michael Schwarz / Margarethe Szeless / Lisa Wögenstein (Hrsg.): Ganz unten. Die Entdeckung des Elends. - Wien, Berlin, London, Paris und New York (338. Sonderausstellung des Wien Museums), Wien 2007, S. 7.

61 Vgl. Begriffe der allgemeinen und spezifischen Wohnungsfrage bei Fuchs.

62 Angesichts der Tatsache, dass sich mit den ersten Baumaßnahmen durch kommunale Träger die Wohnungspolitik Londons dynamisierte, veränderten sich damit einhergehend auch die lokalen Maßstäbe in der Bewertung von Armutsindikatoren wie Überfüllung oder die innerhäusliche Wohnqualität, die auch den Bauzustand der Häuser betraf. Zur Förderung eines „familiengerechten Wohnens“ wurden beispielsweise in vielen europäischen Städten wie Budapest, London oder St. Petersburg größere Wohnanlagen zu Kleinwohnungen separiert. (Vgl. Lenger, F.: Metropolen der Moderne, S. 135.)

63 Vgl. ebd., S. 124.

64 Vgl. ebd., S. 123.

65 Dazu Lenger: „Zum anderen entsprach der gelegentlich beträchtliche Bestand an leer stehenden Wohnungen in Größe, Lage und vor allem Miethöhe der Nachfrage der Wohnungssuchenden nur selten. Beides hing indirekt zusammen, denn „je teurer die Wohnung, desto beständiger war die Vermietung.“ (Ebd., S. 130.)

66 Vgl. ebd, S. 131.

Anm.: Fuchs betont den höheren normierten englischen Wohnstandard bezüglich der Raumdichte, mehr als zwei Personen in einem Raum (zwei Kinder unter 12 Jahren galten als ein Erwachsener) schrieben diesem den Status „überfüllt“ zu, vgl. hierzu Fuchs: „Sie alle [die modernen Industriestädte] haben ihre Arbeiterwohnungsfrage mit den gleichen Grundzügen: Mangel an kleinen Wohnungen und Mangelhaftigkeit der vorhandenen Wohnungsmangel und Wohnungsmängel. Allen voran ging natürlich auch hier England als Heimat der Fabrikindustrie […]. Freilich sind die englischem Räume sehr viel kleiner als die bei uns üblichen, allein englische Hygieniker betonen m.E. mit Recht, dass zwei Räume immer gesundheitlich besser sind als einer von gleichem Luftraum, und wichtiger noch als ihre gesundheitliche ist ihre sittlich-kulturelle Bedeutung: die Trennung von Eltern und Kindern oder Geschlechtern, die sie möglich machen. Dementsprechend ist auch der Begriff der Überfüllung dort ein anderer als bei uns [in Deutschland]. […] Aber die Wohnungsfrage ist in England im Wesentlichen nur ein Problem der untersten halbkriminellen Proletarierschicht und der Masse der ungelernten Arbeiter. Schon für die ungelernten ist sie in weit geringerem Maße als bei uns vorhanden-mehr als eine Arbeiterwohnungsfrage aber gibt es dort überhaupt nicht. (Fuchs, Carl Johannes: Die Wohnungsfrage vor und nach dem Kriege. Aufsätze und Vorträge zur Wohnungsfrage, München / Leipzig 1917, S. 14 f.) Anm.: Rodger betont den Zusammenhang zwischen Wohndichte und Sterblichkeit (Vgl. Rodger, R.G.: Die Krise des britischen Wohnungswesens, S. 305.)

67 Lenger verweist hier auf den Kontakt durch gemeinsame Straßenkindheiten zwischen Kleinbürgertum und proletarischem Arbeitermilieu. (Lenger, F.: Metropolen der Moderne, S. 121.)

68 Vgl. Kalble, H.: Europäische Vielfalt und der Weg zu einer europäischen Gesellschaft, S. 34.

69 Zum Prinzip des Schlafgängerwesens vgl. Lenger, F.: Metropolen der Moderne, S. 126 f.

70 Vgl. Anhang, M4.

71 Lindner, R.: Ganz unten, S. 22.

72 Vgl. ebd., S. 22 sowie Rodger, R. G.: Die Krise des britischen Wohnungswesens, S. 315.

73 Vgl. Rodger, R.G.: Die Krise des britischen Wohnungswesens, S. 315.

74 Vgl. Burnett, J.: Die Entwicklung englischer Arbeitshäuser und ihre Raumnutzung, S. 240 f. sowie Lenger, F.: Metropolen der Moderne, S. 128 f.

75 Vgl. Häußermann, H.: Metropolen im Vergleich, S. 32.

Als Abstandshalter sollte ein cordon sanitaire zur Grenzmarkierung dienen. (Vgl. Kos, W.: Vorwort, S. 6.)

76 Diese gilt als eine der gemeinnützigen Philanthropenbewegungen des 19. Jahrhunderts, zu den Philanthropen vgl 2.2.1 sowie Anhang M5.

77 “The inauguration of Toynbee Hall in a fanfare of publicity at the onset of a new social crisis in London in 1883 has misled historians into thinking that the settlement movement was a reponse to that crisis. In fact, however, Toynbee Hall merely put into institutional form, ideas and practices which had largely been developed in the 1860s and 1870s. The idea of settlement was not a product of the situation in the 1880s, but, like Poor Law Reform, the Charity Organisation Society, and Octavia Hill’s housing schemes, grew out of the crisis of the 1860s.” (Jones, Gareth S.: Outcast London. A study in the relationship between classes in Victorian society, New York 1984, S. 259.)

78 Vgl. Koven, S.: Slumming, S. 6.

79 Vgl. Koven, S.: Gustave Doré und Dr. Barnado, S. 35 f.

80 Lindner, R.: Ganz unten, S. 19.

81 Vgl. Koven, S.: Slumming, S. 6.

82 Ebd., S. 4.

83 Rodger, R. G.: Die Krise des britischen Wohnungswesens, S. 307.

84 Schwarz et aliae datieren die erste Choleraepidemie auf die Jahre 1831/32. (Vgl. Schwarz, W. / Szeless, M. / Wögenstein, L.: Bilder des Elends, S. 12.) 1849 und 1854 folgten weitere Cholerawellen. (Vgl. Häußermann, H.: Metropolen im Vergleich, S. 32.)

85 Zeitgenössische Berichte bei Greenwoods A night in a workhouse (1866). (Vgl. Lindner, R.: Ganz unten, S. 23 sowie Koven, S.: Slumming, S. 19.)

86 Vgl. Häußermann, H.: Metropolen im Vergleich, S. 32.

87 Rodger, Richard G.: Die Krise des britischen Wohnungswesens, S. 314 sowie Häußermann, H.: Metropolen der Moderne, S. 31.

88 Rodger, Richard G.: Die Krise des britischen Wohnungswesens, S. 319.

89 Vgl. Rodger, Richard G.: Die Krise des britischen Wohnungswesens, S. 323.

90 Zur Motivation und Schlüsselfunktion der Philanthropenbewegung: „Well-to-do philanthropists justified their slum journeys as a way to do penance for the sins of their class, to investigate and study the poor, and to succour them. Far from concealing their slum explorations, they did their best to publicize them in the name of social science, civic duty, and Christian love. They used the materials they gathered-statistical, anecdotal, visual-to write sociological reports, political-economic treatises, novels, passionate sermons, and revelatory newspaper articles; to secure jobs in private voluntary associations and in expanding social welfare bureaucracies within local and national government; to bolster their credentials as expert witnesses before parliamentary commissions of inquiry and as members of parliament.” (Koven, S.: Slumming, S. 5.)

91 „Die letzten beiden Jahrzehnte des neunzehnten Jahrhunderts brachten deshalb einen Frontalangriff auf die zentralen Aussagen der viktorianischen Zeit über die Armut im Allgemeinen und das Wohnproblem im Besonderen. […] Sowohl individueller Einsatz als auch das Beispiel und die Ermunterungen wohltätiger philanthropischer Organisationen hatten keine Wirkung auf das Ausmaß der Krise im Wohnungswesen gezeigt. Dass dieser Umstand in den achtziger Jahren erkannt wurde, eröffnete eine neue Sicht: der Wohnungsfrage und den damit verbundenen Problemen sozialer Kontrolle konnte nicht ohne kritische Hinterfragung der traditionellen Gesellschaftsordnung, nicht ohne ein gewisses Maß an zwangsweiser Einkommensneuverteilung - möglicherweise über die Besteuerung - und nicht ohne das Eingreifen des Staats- und öffentlichen Verwaltungsapparates Einhalt geboten werden.“ (Rodger, R.G.: Die Krise des britischen Wohnungswesens, S. 322.)

92 „Journalisten, bildende Künstler, Fotografen, Sozialforscher, Philanthropen, Romanciers, Bürokraten und Reformer wetteiferten darum, Darstellungen der Londoner Armen zu produzieren und unter die Leute zu bringen.“ (Koven, S.: Gustave Doré und Dr. Barnado, S. 35.)

93 Rodger hebt hervor, dass Verbesserungen der Arbeiterwohnungen u.a. vor allem durch 1. einzelne philanthropische Wohnungsbauinitiativen, 2. kommunale Interventionen und 3. stadtplanerischen Vorhaben, die auch der Gartenstadtbewegung entsprangen, erzielt wurden. (Vgl. Rodger, R.G.: Die Krise des britischen Wohnungswesens, S. 302 f.)

Details

Seiten
31
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656837114
ISBN (Buch)
9783656837121
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283926
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
Victorian Liberalism Liberalismus Viktorianisches Zeitalter back-to-back-house Petenkofer Miasmentheorie

Autor

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Titel: Die Lebens- und Wohnbedingungen der Armen und Reichen im Viktorianischen London