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Eine empirische Analyse zur Nutzung des Working Capital in mittelständischen Unternehmen in Deutschland

Akademische Arbeit 2009 53 Seiten

BWL - Investition und Finanzierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zielsetzung und Vorgehensweise der Arbeit

2. Aktueller Forschungsstand im Working Capital Management
2.1. Überblick über bisherige Studien
2.1.1. Befragungen
2.1.2. Inhaltsanalysen
2.2. Bisheriger Forschungsstand in Deutschland

3. Empirische Analyse zum Working Capital Management
3.1. Ziele der Untersuchung
3.2. Vorgehensweise und methodische Vorbemerkungen
3.3. Ergebnisse der empirischen Analyse
3.3.1. Der GEX in der Übersicht
3.3.2. Optimierungspotenziale im deutschen Mittelstand
3.3.3. Zusammenhang zwischen Umsatz und Working Capital Performance
3.3.4. Überblick der Optimierungsmöglichkeiten nach Branchen und Stellhebeln
3.4. Schlussfolgerungen

4. Zusammenfassung und Ausblick

5. Anhang
5.1. Anhang A - WC nach Branchen
5.2. Anhang B - Statistische Tests zur Hypothese 1
5.3. Anhang C - Statistische Tests zur Hypothese 2
5.4. Anhang D - Statistische Tests zur Hypothese 3
5.5. Anhang E - Veränderung der Kapitalbindung beiVerringerung der Reichweiten
5.6. Anhang F - Übersicht der WC Steuerungsgrößen aller Unternehmen des GEX

6. Literaturverzeichnis und weiterführende Literatur

1. Zielsetzung und Vorgehensweise der Arbeit

Seit dem Jahr 2003 sind im 4. Quartal 2008 erstmals wieder die Unternehmensinsolvenzen angestiegen und Ausblicke für das Jahr 2009 bestätigen diesen Trend. Grund dafür wird neben Managementfehlern, vor allem in der Finanzierung gesehen.[1] Viele Unternehmen gehen für das Jahr 2009 von einer sich verstärkenden Kreditklemme bzw. von steigenden Kreditzinsen aus. Die Entwicklungen der letzten Jahre, mit einem steigenden Wettbewerb, neuen Anforderungen an die Kapitalbereitstellung durch Basel II und nicht zuletzt die aktuelle Finanzkrise haben Einfluss auf Zins- und Renditeforderungen bzw. auf die Bereitstellung von Krediten.

Die Finanzierung weiteren Wachstums, die Durchführung von Akquisitionen oder die Sicherung der Liquidität und Existenz, wird in Zukunft zunehmende Anforderungen an das Finanzmanagement eines Unternehmens stellen. Eine alternative Finanzierungsmöglichkeit kann dabei die Finanzierung von innen heraus sein. Gerade in der Innenfinanzierung stellt ein aktives Management des Working Capital ein in der Praxis vernachlässigtes Thema dar. Ziel ist, die Bindung des Arbeitskapitals (Working Capital), was sich aus Umlaufvermögen unter Abzug der kurzfristigen Verbindlichkeiten berechnet, zu optimieren. Dabei hat ein Management des Working Capital, welches sich mit der optimalen Ausrichtung des Working Capital beschäftigt, eine Doppelwirkung. Zum einen wird unmittelbar Liquidität freigesetzt, was Bilanzstrukturen und Unternehmenskennzahlen verbessert und so neue Wege zur Außenfinanzierung eröffnet. Zum anderen werden Prozesse im Unternehmen optimiert und effizienter gestaltet. Ein Working Capital Management ist aber kein neues Prinzip, sondern steht meist hinter anderen Unternehmenszielen, wie Rentabilität und Umsatz.

Der deutsche Mittelstand hat in den letzten Jahren sein Wachstum stark über Fremdkapital finanziert und weist daher im internationalen Vergleich eine deutlich geringere Eigenkapitalquote auf.[2] Untersuchungen vermuten, dass der deutsche Mittelstand bisher mehrheitlich kein ganzheitliches Working Capital Management eingesetzt hat und auch im internationalen Vergleich zurückliegt.[3] Daher könnte ein Working Capital Management gerade für den deutschen Mittelstand eine alternative Kapitalbeschaffung darstellen.

Hat sich die Anwendung eines Working Capital Managements in den letzten Jahren im Mittelstand durchgesetzt bzw. verstärkt? Welche Potenziale bestehen für Unternehmen beim Einsatz eines Working Capital Managements? Wo steht Deutschland im europäischen Vergleich? Hat die Branche Einfluss auf das Working Capital? Bestehen zwischen kleineren und mittleren Unternehmen Unterschiede? Diese und andere Fragen wird diese Arbeit beantworten. Die vorliegende Arbeit befasst sich daher mit dem Potenzial und der Nutzung des Working Capital als Innenfinanzierungsalternative in mittelständischen und mittelstandsnahen Unternehmen in Deutschland.

Dabei wird nicht die Ausgestaltung und Implementierung eines Working Capital Managements vertieft, sondern lediglich Ansätze dargestellt. Inhalt der Arbeit werden rein finanzwirtschaftliche Betrachtungen des Working Capital Managements, dessen Optimierungspotenziale und Auswirkungen auf die Innenfinanzierung von Unternehmen, sein.

Gerade in den letzten Jahren wurden Untersuchungen zum Working Capital Management durchgeführt. Daher gibt diese Arbeit einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung, international und in Deutschland. Aufgrund der Aktualität und dem, gerade in den letzten Jahren, verstärkten Interesse diesem Thema, wurde darauffolgend, eine empirische Untersuchung des deutschen Mittelstandes und mittelstandsnaher Unternehmen durchgeführt. Gerade für diese gibt es derzeit keine umfassenden wissenschaftlichen Betrachtungen. Dabei wurde das Working Capital von 77 mittelständischen und mittelstandsnahen Unternehmen in Deutschland, über verschiedene Branchen hinweg, untersucht. Es konnten umfangreiche neue Erkenntnisse gewonnen und Vermutungen aus der Literatur teilweise bestätigt, aber auch wiederlegt werden.

2. Aktueller Forschungsstand im Working Capital Management

In diesem Kapitel werden durchgeführte Studien zum Thema Working Capital Management vorgestellt. Dabei wird zuerst ein umfassender Überblick über die verschiedenen Arten der Studien gegeben und dann auf die Erkenntnisse der Studien eingegangen. Anschließend erfolgt eine Zusammenfassung des Forschungsstandes in Deutschland.

2.1. Überblick über bisherige Studien

Nach der Analyse vorhandener Studien die sich mit dem Thema WC beschäftigen, können diese, drei verschiedenen Arten zugeordnet werden. Zum einen werden Befragungen durchgeführt, die zumeist von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften bzw. Unternehmensberatungen veröffentlicht werden. Diese geben die aktuelle Meinung über Nutzung und Relevanz des Themas WCM in Unternehmen wieder. Zum anderen werden univariate und multivariate Inhaltsanalysen durchgeführt, welche WC Kennzahlen analysieren bzw. Zusammenhänge zu anderen Kennzahlen untersuchen. Dabei werden Univariate meist von Beratungsgesellschaften und Multivariate von wissenschaftlichen Einrichtungen erhoben. Die Dr. Wieselhuber & Partner GmbH (2004) weist dazu in seiner Studie zum Working Capital Management darauf hin: „Die Selektion einzelner korrelativer Zusammenhänge von Variablen bleibt der empirischen Betriebswirtschaftslehre als Forschungsdisziplin vorbehalten. Für Praktiker sind robuste Umsetzungsmaßnahmen und -prozesse relevant, die in die Führungspraxis einfließen sollen. Als Unternehmensberatung sind wir diesem Ziel in allererster Linie verpflichtet.“[4] Weiterhin sollte hier erwähnt werden, dass Unternehmensberatungen eigene Ziele mit der Veröffentlichung solcher Analysen verfolgen. Aus diesem Grund sind solche Analysen mit der nötigen Vorsicht zu betrachten.

Im Folgenden werden aus allen drei Bereichen einzelne Analysen vorgestellt.

2.1.1. Befragungen

Befragungen sollen die aktuelle Stimmung zum Thema Working Capital messen. Deswegen werden diese Untersuchungen meist in bestimmten Zeitabständen wiederholt.

KPMG betrachtete im Jahr 2005 die Steuerung von Working Capital in europäischen Unternehmen. Dazu wurden mittelständische und große Unternehmen aller Industriezweige in 12 Ländern Europas befragt.

Die Ergebnisse zeigen, dass die meisten Unternehmen ein WCM für sehr wichtig halten, jedoch zumeist andere Unternehmensziele für wichtiger erachten. Während ein kleiner Teil ein ganzheitliches WCM betreibt, betrachtet eine größere Anzahl von Unternehmen nur losgelöste Ansätze in den einzelnen WC-Stellhebeln.[5] Kleinere Unternehmen[6] erachten ein WCM als wichtiger, haben jedoch im Vergleich zu größeren mehrheitlich keinen ganzheitlichen WCM Ansatz definiert. Weiterhin geht aus der Studie hervor, dass zur Messung der WC Performance größtenteils die Kennzahlen Forderungsreichweite (DSO), Verbindlichkeitenreichweite (DPO) und Bestandsreichweite (DIH) genutzt werden.[7]

Horvath & Partners (2007) führt regelmäßig eine Studie zur Steigerung der Kapitaleffizienz durch. Zuletzt wurde diese im Jahr 2007 vorgestellt. 100 Unternehmen sind dabei befragt und die Bilanz und GUV von 656 Unternehmen aus verschiedenen Branchen mittelgroßer und großer Unternehmen analysiert worden. 50 % der befragten Unternehmen räumten dem WCM in Zukunft eine zunehmende Bedeutung ein. Weiterhin sahen mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer den größten Nutzen eines WCM in der Liquiditätsverbesserung. Die größte Handlungsnotwendigkeit erachten über 75 % der Studienteilnehmer in dem Bereich Vorräte.[8]

Das Ziel solcher von Privatunternehmen durchgeführten Analysen besteht zumeist darin, Schwachstellen herauszuarbeiten, jedoch im Endeffekt auch darin Ihre eigene Beratungsleistung für diese Problemfelder anzubieten.

2.1.2. Inhaltsanalysen

Inhaltsanalysen können in univariate und multivariate Analysen unterschieden werden. Im Folgenden wird auf beide Arten getrennt eingegangen.

Univariate Analysen

Die Studien mit univariaten Analysen werden genauso wie Befragungen meist in regelmäßigen Abständen durchgeführt um nicht an Aktualität zu verlieren. Dabei wurden beim WCM die relevanten Daten aus den Finanzdaten von Unternehmen gewonnen um dann den aktuellen Stand im Working Capital zu ermitteln. Die hier recherchierten Analysen dienen zumeist dazu, aktuelle Schwachstellen im WCM aufzudecken und aufzuzeigen wo Handlungsbedarf besteht. Auch hier ist auffällig, dass die größte Anzahl dieser Analysen von Unternehmensberatungen durchgeführt wurden.

Die Economist Group mit dem Magazin CFO Europe und das Beratungsunternehmen REL führen alle 2 Jahre eine Studie[9] über die Working Capital Performance der 1000 größten Unternehmen mit Hauptsitz in Europa durch. Hier werden die Finanzdaten der Unternehmen analysiert und vor allem die WC Werte Forderungsreichweite, Bestandsreiche, Verbindlichkeitenreichweite und Reichweite des Working Capital aller Unternehmen verglichen.[10]

Ziel der CFO Europe Studie ist es, die besten und schlechtesten Unternehmen im WC jeder Branche und jedes europäischen Landes herauszuarbeiten, Entwicklungen darzustellen und letztendlich Potenzial im WC aufzeigen. Durch die jährlich durchgeführten Untersuchungen können Entwicklungen über mehrere Jahre betrachtet werden. In der im August 2008 herausgegebenen Studie wurden beispielsweise die besten und schlechtesten Unternehmen im 10 Jahres Vergleich bestimmt. Bestes Unternehmen wurde hier Telefonica (Spanien) die über 9 Mio. € Kapital durch eine Optimierung des WC freisetzen konnten. Auf der anderen Seite hatte BP (Großbritannien) mehr als 18 Mio. zusätzliches Kapital im WC gebunden. Diese Studie bietet außerdem einen guten Anhaltspunkt für Verbesserungen im WC für große Unternehmen.[11] Diese Herangehensweise sollte aber auch kritisch betrachtet werden. Eine Reduzierung der Kapitalbindung im WC ist grundsätzlich anzustreben, jedoch bringen zu geringe Vorräte und Forderungen und zu hohe Verbindlichkeiten auch Risiken mit sich.[12] Es ist deshalb nicht immer ratsam, Unternehmen welche die besten Werte im WC ausweisen als beste Unternehmen darzustellen. Die Studie zeigt jedoch Tendenzen und Möglichkeiten auf, inwieweit ein WCM zur Verringerung der Kapitalbindung eingesetzt werden kann und bietet eine gute Vergleichsmöglichkeit für Unternehmen.

Eine im Jahr 2004 durchgeführte Untersuchung der Beratungsgesellschaft Dr. Wieselhuber & Partner GmbH geht erstmals explizit auf das Working Capital von mittelständischen Unternehmen in Deutschland ein.[13] Bei mehr als 1000 Unternehmen aus 16 Branchen wurden dabei die Jahresabschlüsse von 2001 bis 2003 untersucht. Die Untersuchungen des WC ergaben Unterschiede zwischen den Branchen und Unterschiede im Bezug zur Unternehmensgröße. Es wurde bestätigt, dass Deutschland international in den WC Werten noch hinter anderen Ländern zurückliegt. Schwierig bei dieser Studie ist allerdings zu bewerten, inwieweit die Ergebnisse für den Mittelstand gelten und was die Dr. Wieselhuber & Partner GmbH als Mittelstand definiert. Es wurden keine Angaben über die Verteilung der Unternehmen nach Umsatz gemacht. Allerdings bietet diese Studie einen guten Überblick über den Einfluss der Branche und der Größe von Unternehmen auf das WC. Aufgrund der Anzahl der untersuchten Unternehmen konnten gute Rückschlüsse auf die WC Performance des deutschen Mittelstandes gezogen werden.

Die von der FAS AG im Jahr 2005 durchgeführte Studie Working Capital – ein Baustein zur wertorientierten Unternehmensführung, vergleicht erstmals deutsche mit internationalen (weltweit) Großunternehmen. Hierbei wurden die Bereiche Forderungen und Vorräte von Unternehmen verschiedener Aktienindizes (DAX, MDAX, SDAX, FTSE, NYSE) betrachtet. Ziel der Untersuchung war es, Länder und Branchen zu vergleichen. Ergebnisse dieser Studie sind: deutsche Unternehmen besitzen eine höhere Forderungslaufzeit im internationalen Vergleich, kleinere Unternehmen weisen eine höhere Forderungslaufzeit auf und wesentliche Unterschiede bestehen zwischen den Branchen in Deutschland. Auch im Vorrat binden nach dieser Studie große Unternehmen in Deutschland mehr Kapital als vergleichbare Unternehmen anderer führender Industrienationen. Weiterhin verbesserte sich die Bindung von Kapital im Vorrat und in den Forderungen im Zeitverlauf. Kritisch sollte hier betrachtet werden, dass die zur Berechnung herangezogenen Werte auf unterschiedlichen Bilanzierungsgrundätzen (IFRS und US-GAAP) beruhen und die Vergleichbarkeit dadurch einschränkt ist.[14]

Auffallend bei den hier vorgestellten univariaten Analysen ist, dass diese erst nach dem Jahr 2000 vermehrt Einzug gehalten haben. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass Beratungsunternehmen einen immer größer werdenden Markt für Working Capital sehen und hier ein großes Optimierungspotenzial für Unternehmen bestehen kann.

Allgemein bieten diese univariaten Analysen einen guten Anhaltspunkt für Unternehmen zur Abschätzung welche Potenziale sich durch ein WCM ergeben können. Weiterhin zeigen sie Tendenzen und Entwicklungen auf, die auch auf die im Kapitel 3 erstellten Hypothesen Einfluss nehmen. Unstrittig ist dabei, dass keine dieser Analysen statistische Tests durchgeführt haben, um die Signifikanz der Aussagen zu überprüfen. Letztendlich wurde nicht widerlegt, dass gefundene Unterschiede oder Zusammenhänge nur auf dem Zufall beruhen könnten und keinen Erklärungsansatz bieten.

Die meisten solche Studien untersuchen jedoch Großunternehmen, bei welchen WCM schon seit längerem eine große Rolle spielt. Sehr viel mehr Potenzial besteht in mittelständischen Unternehmen. Die bereits vorgestellte Untersuchung für diese Unternehmen[15] bietet eine gute Überschicht und geht auf Tendenzen ein, hat aber derzeit an Aktualität verloren, da die analysierten Daten über 5 Jahre zurück liegen. Weiterhin wurden keine Potenziale im Sinne von Orientierung an den Best Practice Werten herausgearbeitet.

Multivariate Analysen

Multivariate Analysen betrachten im WCM den Zusammenhang zwischen den Working Capital Steuerungsgrößen[16] und anderen Kennzahlen der Unternehmensführung. Dazu bieten vor allem die Zusammenhänge eines WCM auf die Auswirkungen, wie die Rentabilität und den Unternehmenswert, bei vielen Studien einen Ansatz. Solche Analysen sind in den letzten Jahren verstärkt durchgeführt worden.[17] Auffallend ist weiterhin, dass sich multivariate Analysen meist nur auf bestimmte Branchen, Länder oder Unternehmensgrößen beziehen.

An dieser Stelle sollen einige dieser Analysen vorgestellt und die gewonnenen Erkenntnisse zusammengefasst werden.

Den Zusammenhang zwischen der Reichweite des Working Capital (auch CCC genannt)[18] und der durchschnittlichen Marktkapitalisierung betrachtet eine im Jahr 2006 durchgeführte Studie von Arthur D Little. Dabei wird ein konzeptioneller und empirischer Zusammenhang zwischen dem Working Capital und dem Unternehmenswert dargestellt. Unternehmen des MDAX wurden dazu untersucht. Die Auswertung ergab einen negativen Zusammenhang zwischen der Working Capital Reichweite und der Marktkapitalisierung. Aufgrund vermuteter anderer Einflussfaktoren auf den Unternehmenswert wurde eine Regressionsanalyse durchgeführt, um die Stärke des Einflusses zu messen. Festgestellt wurde hierbei, „dass eine Verringerung des CCC um einen Tag eine Erhöhung der Marktkapitalisierung um rund 0,3 % nach sich zieht.“[19] Somit wurde empirisch nachgewiesen, dass ein Working Capital Management positive Auswirkungen auf den Unternehmenswert hat.[20]

Der Mehrheit der weiteren Studien befasst sich mit Korrelations- und Regressionsanalysen zur Auswirkung von WCM auf die Rentabilität der Unternehmen. Dazu gibt es sehr unterschiedliche Analysen. Einige ausgewählte Studien werden nachfolgend vorgestellt.

Eine der bekanntesten und sehr oft zitierten Studien ist die Analyse von Shin und Soenen, die über eine Periode von 20 Jahren (1975 –1994) und mit fast 60.000 analysierten Unternehmen durchgeführt wurde. Diese zeigte auf, dass eine „strong negative association exists between the firm’s NTC and its profitability.“[21] Wie in dieser Studie, wird meist zur Messung der Rentabilität die Kennzahl Return on Assets (ROA) herangezogen.[22] Weitere Analysen mit gleichen Herangehensweisen und großen Stichproben von Deloof (2003) in Belgien und Garcia-Teruel und Martinez-Solano (2003) in Spanien bestätigen diese Korrelation.[23] Daneben gibt es andere Analysen mit wesentlich kleineren Stichproben,[24] welche sich auf ein Land oder bestimmte Branchen beziehen. Padachi (2006) für kleine Unternehmen in Mauretanien, Lazaridis und Tryfonidis (2005) für Aktiengesellschaften in Griechenland, Vishnani und Shah (2007) für Unternehmen der elektrischen Industrie in Indien und Ganesan (2007) für die Telekommunikationsindustrie in den USA, konnten zumeist die negative Korrelation von Shin und Soenen trotz der kleineren Stichprobe bestätigen.[25] Bei einigen Studien ist jedoch auffallend, dass die Verbindlichkeitenreichweite meist negativ zur Unternehmensrentabilität korreliert ist.[26] Deloof beispielsweise begründet dies damit, dass „less profitable firms wait longer to pay their bills“[27] und Vishnani und Shah erklären es lediglich mit der Aussage: „estranged finding“.[28] Zu erwarten wäre, dass sich eine Erhöhung der Verbindlichkeitenreichweite positiv auf die Rentabilität auswirkt (positive Korrelation).

Die Studien von Meyer und Lüdtke (2006) und Paetzmann (2008) widmeten sich deutschen Unternehmen. Paetzmann stellte bei der Untersuchung von 13 Unternehmen im Maschinenbau keine signifikante negative Korrelation zwischen dem Working Capital und der Rentabilität fest. Dies ist möglicherweise mit der geringen Stichprobe erklärbar, worauf er in seiner Arbeit hinweist.[29] Meyer und Lüdtke hingegen konnten nachweisen, dass ein signifikanter Einfluss der Bestandsreichweite auf die Rentabilität[30] besteht.[31]

Einige dieser Studien untersuchten in diesem Zusammenhang, mittels einer Regressionsanalyse, den Einfluss der Auswirkungen eines WCM auf die Rentabilität. Dabei waren die Ergebnisse relativ unterschiedlich. Die Resultate umfassten Aussagen wie: die Auswirkungen eines WCM auf die Rentabilität seien nicht effizient genug um auf einem signifikanten Level zu sein;[32] ein wirklicher Einfluss geht nur von der Reduktion der Vorräte aus[33] oder weniger profitable Unternehmen benötigen länger um ihre Verbindlichkeiten aus LuL zu begleichen[34]. Wie vorangehend bereits beschrieben, ist hier verwunderlich, dass ein WCM unter anderem eine Erhöhung der Verbindlichkeitenreichweite zum Ziel hat. In diesem Fall wäre anzumerken, dass eine Ausweitung der Zahlung der Verbindlichkeiten nicht immer auf ein effektives WCM hinweist, sondern auch auf das schlichte „nicht-zahlen-können“ dieser.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass ein WCM einen positiven Einfluss auf die Rentabilität hat. Es ist aber darauf hinzuweisen, dass es viele weitere ökonomische und nicht-ökonomische Einflussfaktoren auf die Rentabilität gibt, die nicht außer Betracht gelassen werden sollten.

2.2. Bisheriger Forschungsstand in Deutschland

Untersuchungen zeigen, dass Deutschland ein WCM noch nicht stark einsetzt und anderen europäischen Ländern hinterher steht.[35] Begründet wird dies unter anderem mit einem bislang noch unterentwickelten Kapitalmarkt.[36] Die Möglichkeit des Factoring und damit der Verbesserung des Forderungsmanagements ist beispielsweise in Deutschland noch nicht so weit entwickelt, wie in anderen europäischen Ländern.[37] In den Jahren vor der Bankenkrise konnten Unternehmen auf Kredite zurückgreifen und hatten daher weniger Anreiz, sich auf alternative Methoden der Kapitalbeschaffung bzw. Liquiditätssicherung zu konzentrieren.[38] Jedoch haben sich diese Zeiten seit der Bankenkrise stark verändert und Unternehmen leiden unter einer derzeit restriktiven Kreditvergabe.[39]

Die im europäischen Vergleich in Deutschland niedrige Eigenkapitalquote im Mittelstand[40] und die chronische Unterfinanzierung[41] erschwert die Aufnahme von Fremdkapital zusätzlich. Aufgrund der Tatsache, dass ein WCM nicht nur die Innenfinanzierung stärkt, sondern auch die Kapitalstruktur verbessern kann, ergeben sich hieraus gute Anwendungsmöglichkeiten in mittelständischen Unternehmen.

Viele Studien haben bereits die Entwicklung des WC und dessen Kennzahlen im ausländischen Markt untersucht. Europaweit führen REL und CFO jährlich eine Studie über die Entwicklung des WC bei großen Unternehmen durch. Mittelständische und mittestandsnahe Unternehmen sind jedoch am stärksten von den aktuellen Veränderungen der Kreditvergabepolitik und den Umbrüchen in den letzten Jahren (z.B. Basel II) betroffen bzw. bieten größeres Optimierungspotenzial im WC. In Deutschland untersuchen zumeist Unternehmensberatungen das WC. Wissenschaftliche Betrachtungen im Zusammenhang mit dem WC wurden hier bisher nur selten durchgeführt. Weiterhin gibt derzeit keine Studie aktueller Entwicklungen bzw. der Optimierungsmöglichkeiten, die den deutschen Mittelstand untersucht hat. Ältere Untersuchungen haben ihre Erkenntnisse nicht mit statistischen Auswertungen untermauert.

Die hier im folgenden Kapitel durchgeführte Studie soll diese Lücke schließen, statistisch fundiert einen Überblick über die WC-Kennzahlen im deutschen Mittelstand geben und daraus Optimierungspotenziale ableiten. Weiterhin sollen bereits bekannte Erkenntnisse auf wissenschaftlicher Basis untersucht werden.

Nähere Erläuterungen zur Vorgehensweise und die Ergebnisse der Untersuchung werden im folgenden Kapitel vorgestellt.

3. Empirische Analyse zum Working Capital Management

3.1. Ziele der Untersuchung

Ziel dieser Analyse ist die Darstellung des aktuellen Standes und der Entwicklung des Working Capital bei mittelständischen Unternehmen in Deutschland. Dabei soll vor allem das Optimierungspotenzial im WC im deutschen Mittelstand untersucht werden.

Der Mittelstand wird nach EU Richtlinien nach genau festgelegten Kriterien eingeteilt.[42] Für diese Arbeit ist es jedoch sinnvoll diesen Rahmen zu erweitern. Es ist mit Schwierigkeiten verbunden, die nötigen Daten von mittelständischen Unternehmen nach der EU-Richtlinie zu erheben, da der Grossteil dieser Unternehmen nicht börsennotiert ist. Viele Unternehmen und Studien sprechen daher in diesem Zusammenhang vom Mittelstand bis zu einer Unternehmensgröße von etwa 500 Mio. € Umsatz. Dies wird auch in dieser Arbeit so zugrunde gelegt.

Aus den vorangegangenen Betrachtungen wurden zum WC im Mittelstand folgende Hypothesen aufgestellt:

H1: Der deutsche Mittelstand hat trotz einer Verschlechterung der Kapitalbeschaffung, das Management des Working Capital als Finanzierungsalternative bisher nicht konsequent eingesetzt.

Bei vielen Unternehmen bestehen derzeit Liquiditäts- und Finanzierungsprobleme. Die Anforderungen an Kreditnehmer für Fremdkapitalfinanzierungen sind enorm gestiegen. Daher ist anzunehmen, dass sich Unternehmen verstärkt der Finanzierung von innen heraus widmen und Verbesserungs- bzw. Optimierungspotenziale im Unternehmen selbst suchen. Es ist zu vermuten, dass das WCM verstärkt Einzug gehalten hat und sich Unternehmen in diesen Kennzahlen verbessert haben. Dies würde bedeuten, dass sich Bestands- und Forderungsreichweiten verringert und Verbindlichkeitenreichweiten verlängert haben, um somit weniger Kapital im Working Capital zu binden. Die dazuerstellte H01 Hypothese lautet folgendermaßen:

H01: In den WC Steuerungsgrößen Forderungsreichweite, Bestandsreichweite, Verbindlichkeitenreichweite und Working Capital Reichweite im Mittelstand Deutschlands bestehen keine Unterschiede bei einem Vergleich der letzten Jahre.

Zu erwarten ist, dass Deutschland sich in den letzten Jahren mehr auf eine Innenfinanzierung durch das WC ausgerichtet hat, eine signifikante Verbesserung der Werte erreicht wurde und daher die H01 verworfen wird.

H2: In den WC Kennzahlen im deutschen Mittelstand bestehen Unterschiede zwischen den Branchen.

Viele vorher betrachtet Studien unterscheiden das WC nach verschiedenen Branchen. Es ist anzunehmen, dass im deutschen Mittelstand Unterschiede zwischen den Branchen bestehen und dies über alle WC Steuerungsgrößen zu behaupten ist. Produktionsorientierte Branchen haben vermutlich höhere Vorräte als dienstleistungsorientierte. Die dazu erstellte H02 Hypothese lautet folgendermaßen:

H02: Im Mittelstand in Deutschland bestehen keine Unterschiede unter den Branchen in den WC Steuerungsgrößen, Forderungs-, Bestands- und Verbindlichkeitenreichweite.

Zu erwarten ist hier, dass signifikante Unterschiede zwischen einzelnen Branchen bestehen und die H02 verworfen wird.

H3: Im deutschen Mittelstand besteht ein erheblicher Unterschied zwischen Unternehmen mit besseren und schlechteren WC-Werten und es besteht deshalb Potenzial zur Optimierung des WC.

Die dritte Hypothese ist die zentrale Hypothese dieser Arbeit. Dabei soll auf das vorhandene Potenzial zur Verbesserung des WC geschlossen werden. Es wird vermutet, dass viele Unternehmen ein WCM noch gar nicht einsetzen bzw. Deutschland im internationalen Vergleich im WC noch Nachholbedarf hat. Die dazu erstellte H03 Hypothese lautet folgendermaßen:

H03: Es bestehen im deutschen Mittelstand keine Unterschiede in den WC Steuerungsgrößen Forderungs-, Bestands- und Verbindlichkeitenreichweite zu europäischen Unternehmen.

[...]


[1] Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Insolvenzwelle, 2008, S. 15.

[2] Vgl. Klepzig, Cash Flow; 2008, S. 25.

[3] Vgl. KPMG, Bestandsaufnahme, 2005, S. 12-17.

[4] Dr. Wieselhuber & Partner GmbH, Deutschland, 2004, S.15.

[5] Siehe Kap. 2.4: Stellhebel des Working Capital Managements, S. 11.

[6] Unternehmensgröße hier gemessen am Umsatz.

[7] Vgl. KPMG, Bestandsaufnahme, 2005, S. 12-17.

[8] Vgl. Hofmann/Sasse/Hauser/Baltzer, Steigerung der Kapitaleffizienz, 2007, S. 159-161.

[9] Nachfolgend „CFO Europe Studie“ genannt.

[10] CFO Europe/REL, Working Capital Survey, 2008, S.1.

[11] Vgl. CFO Europe/REL, Working Capital Survey, 2008, S.1.

[12] Siehe Kap. 2.7.2: Das optimale Working Capital, S. 27.

[13] Vgl. Dr. Wieselhuber & Partner GmbH, Deutschland, 2004.

[14] Vgl. Weber/Käding, Wertorientierte Unternehmensführung, o.J.

[15] Vgl. dazu die Studie: Dr. Wieselhuber & Partner GmbH, Deutschland, 2004.

[16] Siehe Kap. 2.5: Steuerungsgrößen des Working Capital Managements, S. 17.

[17] Vgl. Padachi, Trends, 2006; Vgl. dazu auch Anand/Gupta, Corporate India, o.J.; Vgl. dazu auch PricewaterhouseCoopers AG, Aktives Working Capital Management, 2004; Vgl. dazu auch Vishnani/ Shah, Working Capital Management Policies, 2007; Vgl. dazu auch Ganesan, Telecommunication Equipment Industry, 2007.

[18] Working Capital Reichweite ist gleichbedeutend mit Cash Conversion Cycle (CCC), welcher in derArthur D Little Studie benutzt wird.

[19] Arthur D Little, Net Working Capital, 2006, S. 7.

[20] Vgl. Arthur D Little, Net Working Capital, 2006, S. 7.

[21] Shin/Soenen, Efficiency, 1998, S. 43; NTC bedeutet Net Trade Cycle und ist gleichzusetzen mit dem in dieser Arbeit verwendeten Begriff „Reichweite des Working Capital“.

[22] Vgl. Shin/Soenen, Efficiency, 1998.

[23] Vgl. Deloof, Belgian Firms, 2003; Vgl. dazu auch García-Teruel/Martínez, SME Profitability, 2006.

[24] Hier kleiner 500 Unternehmen.

[25] Vgl. Padachi, Trends, 2006; Vgl. dazu auch Lazaridis/Tryfonidis, Athens Stock Exchange, 2006; Vgl. dazu auch Vishnani/Shah, Working Capital Management Policies, 2007; Vgl. dazu auch Ganesan, Telecommunication Equipment Industry, 2007.

[26] Vgl. Deloof, Belgian Firms, 2003, S. 579; Vgl. dazu auch Vishnani/Shah, Working CapitalManagement Policies, 2007, S. 274.

[27] Deloof, Belgian Firms, 2003, S. 585.

[28] Vishnani/Shah, Working Capital Management Policies, 2007, S. 272.

[29] Paetzmann, Working Capital Requirement, 2008, S. 93.

[30] Hier gemessen als ROCE.

[31] Vgl. Meyer/Lüdtke, Kreditwürdigkeit, 2006.

[32] Vgl. Ganesan, Telecommunication Equipment Industry, 2007, S. 9 f.

[33] Vgl. Shin/Soenen, Efficiency, 1998, S. 43.

[34] Vgl. Padachi, Trends, 2006, S. 55.

[35] Vgl. Weber/Käding, Wertorientierte Unternehmensführung, o.J., S. 6.

[36] Vgl. Dr. Wieselhuber & Partner GmbH, Deutschland, 2004, S .3.

[37] Factoring Markt in Deutschland - Umsatz 2007: 89 Mio., Großbritannien: 286 Mio., Europa insgesamt: 930 Mio.; Factors Chain International, Factoring Turnover, 2008; Vgl. dazu auch Dr. Wieselhuber & Partner GmbH, Deutschland, 2004, S. 21.

[38] Vgl. BayernLB/F.A.Z. Institut, Managementkompass, 2007, S. 6.

[39] Vgl. Sinn, Kredithürde, 2008; Vgl. dazu auch N-TV, Restriktive Kreditvergabe, 2008.

[40] Vgl. Kienbaum/Börner, Finanzierungswege, 2003, S. 12 f.

[41] Vgl. Neusser/Axthelm/Kreusel, Verborgene Ressourcen, 2008, S. 54.

[42] Europäische Kommission, KMU Definition, 2003.

Details

Seiten
53
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656833604
ISBN (Buch)
9783656906650
Dateigröße
3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283823
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,3
Schlagworte
Working Capital Finanzkrise mittelständische Unternehmen Deutschland

Autor

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Titel: Eine empirische Analyse zur Nutzung des Working Capital in mittelständischen Unternehmen in Deutschland