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Leseprobe

Was ist die Fabel und wie hängt sie mit dem Bîspel zusammen?

Historisch lässt sich die Fabel von der „Äsopischen Fabel“ auf Griechisch und später auf Latein zur volkssprachlichen Dichtung im Mittelalter verfolgen. Die Konnotation der „favelîe“ und „favele“ ist zunächst noch neutral, verändert sich als „fabele“ und „fabel“ jedoch zum Negativen.1 Die „fabele“ hat einen zweifelhaften Wahrheitsgehalt, was möglicherweise daran liegt, dass sie ein Fremdwort ist und vorerst bleibt. Dieses Fremdwort hat Wurzeln im Lateinischen, Französischen und Italienischen.2 Gattungs bezeichnung wird es (Fabel) erst im späten 15. Jahrhundert, womit sich seine negative Konnotation insofern auflöst, dass die Fabel als Fiktion nicht der Wahrheit entspre chen soll.3 Für Helmut de Boor ist die Fabel im Gegensatz zum Bîspel ein klarer Be griff. Die Fabel stattet Tiere und Gegenstände mit den Möglichkeiten menschlichen Denkens, Handelns und Redens aus, um menschliches Verhalten objektiv betrachten und reflektieren zu können. So kann aus der Fabel selbst Einsicht gewonnen werden.4 Das Bîspel dagegen meint jede Anwendungsmöglichkeit der Significatio, also eine be sonders ausgestaltete Form der Deutung basierend auf der Bibelexegese.5 Es be schreibt keine Gattung, sondern einen Typus von Erzählungen, die diese Form der Bedeutungsbildung verbindet.6 Die daraus resultierende Funktion dieses Erzähltypus kann pädagogisch beziehungsweise didaktisch aber auch reflektierend sein.7 Hier kom men sich Fabel und Bîspel sehr nahe. Dennoch ist die Fabel mehr die Lebenserfah rung, die klüger machen will, während dagegen das Bîspel Erkenntnis hervorrufen und belehren will.8 Deshalb ist letzteres auch explizit ausdeutend und steht nicht wie die Fabel schlicht für sich selbst. Die ursprünglich religiöse Ausdeutung im Sinne der Significatio wird ab dem 13. Jahrhundert zunehmend weltlicher.9 Sozial bedingte Tugenden und weltliche Bezugspunkte wie Ehre und Schande, Weisheit und Torheit wechseln das christliche Wertsystem mit Sünde und Tugend, Reue, Buße und Gnade nach und nach ab.10 Gesellschaftliche Interessen holen mit den religiösen auf, sodass die Moral des Bîspels auf innerweltliche moralische, soziale oder politische Verhältnisse bezogen wird. Die Significatio wird also säkularisiert.11

Und vielleicht ist dies die notwendige Bedingung, die der Umprägung von Fabel zum Bîspel hin den Weg geebnet hat. Denn den Fabeln, denen eine Deutung inhärent ist, werden zunehmend ausführliche Moralisationen angehängt. De Boor erklärt diese der Fabel fremde Entwicklung als Anpassung an die mittelalterliche Denkweise.12 Die Wandelbarkeit, die er hier der Fabel unterstellt, und die durch Beispiele belegt ist, könnte jedoch auch den Gattungsbegriff der Fabel, wie de Boor ihn setzt, in Frage stellen.

Wie verhalten sich Fabel und Sprichwort zueinander?

Dietmar Peil definiert die Fabel offener, was die Form der Moral angeht. Er versteht die Fabel als „Erzählung einer Handlung in der Tiere, Pflanzen oder [] Gegenstände der unbelebten Natur die Handlungsträger sind, denen [] menschliche Eigenschaf ten oder Handlungsmöglichkeiten zugesprochen werden“.13 Er betont die Fiktionalität der Fabel, die sich in dem Widerspruch zwischen den nichtmenschlichen Akteuren und ihren menschlichen Handlungsmöglichkeiten begründet.14 Die Intention der Fa bel hält er für eine demonstrativ-didaktische, die sich meistens in einer explizit ausfor mulierten Moral niederschlägt.15 Er sieht sie grundsätzlich zusammengesetzt aus dem Erzählteil und dem ausformulierten oder zumindest intendierten Deutungsteil.16 Peil hält die ausformulierte Deutung im Gegensatz zu de Boor für einen immanenten Be standteil der Fabel und nicht für eine Entfremdung Richtung Bîspel. Er sieht das Bîspel sogar als eine gemeinsame Überkategorie von Fabel und Sprichwort.17 Fraglich bleibt, ob diese gegensätzliche Auffassung darauf beruht, dass Peil sich vornehmlich mit den Fabeln Luthers im 16. Jahrhundert beschäftigt, während de Boor die früheren Fabeln untersucht. Nach de Boor lässt sich Peils Ansicht als Produkt der Fabelentwicklung in Richtung Bîspel deuten. Oder Peil korrigiert de Boor. Für letzteres spricht die Ansicht von Max Fuchs, der die Moral ebenfalls als natürlichen Bestandteil der Fabel sieht und die Entwicklung einer Fabel diachron untersucht hat. 18

Fabel und Sprichwort haben insofern genetischen Zusammenhang, dass auf Grundlage eines Sprichworts eine Fabel entsteht oder dass eine bekannte Fabel auf ein Sprichwort reduziert wird.19 Peil führt dazu das Beispiel der sprichwörtlichen Redensart „sich mit fremden Federn schmücken“ an.20 Die Richtung der Wechselbeziehung kann im Einzelnen nicht bestimmt werden, da beide Gattungen ursprünglich mündlich tradiert sind und bereits in der Antike nebeneinander auftreten.21

Für den genetischen Zusammenhang von Fabel und Sprichwort gibt es eine struktu rell-funktionale Begründung.22 Beide haben die didaktische Intention und ihre dop pelte Ausprägung in Form von Zweiteiligkeit der Bedeutungsstruktur gemeinsam. Peil hält die ausformulierte Fabelmoral für Bestandteil der Normalform der Fabel und für Konsequenz ihrer bloß literarischen Überlieferung.23 Die mündliche Fabel wird beim Vortragen auf den konkreten Kontext bezogen. Der literarischen Fabel fehlt diese kontextbezogene Ausdeutung, sodass es zur ausführlichen Fabelmoral kommt. Beson ders im mittelalterlichen Schulunterricht ist die Erklärung durch Anführung möglicher Gebrauchssituationen der Fabel notwendig.24 Um diese konkreten Anwendungsberei che möglichst breit zu fächern, werden im Deutungsteil der Fabel Sprichwörter oder sprichwörtliche Redensarten verarbeitet, die verschieden gedeutet werden können.25 Die Sprichwörter in Fabeln könnten aber auch andere auf den Leser bezogene Funk tionen haben. Darunter fallen eine stärkere Einprägsamkeit und die Möglichkeit, die Fabel auf die eigene konkrete Situation zu beziehen. Da Peil sich bei der detaillierten Untersuchung vornehmlich mit Luthers Fabeln beschäftigt, ist die Allgemeingültigkeit seiner Schlüsse jedoch anzuzweifeln.

Geht man dennoch von Peil aus, spiegelt sich genau die gewollte Variantenvielfalt, die durch die Sprichwörter in der Fabel erzeugt werden soll, in Ausführungen von Wolfang Mieder wieder.

[...]


1 Vgl. Helmut de Boor: Über Fabel und Bîspel. München 1966 (Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, 1966,1), S. 5-7.

2 Vgl. ebd., S. 7.

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. ebd., S. 4.

5 Vgl. ebd., S. 12 und S. 33f.

6 Vgl. ebd., S. 40.

7 Vgl. ebd., S. 34f.

8 Vgl. ebd., S. 35.

9 Vgl. ebd., S. 37.

10 Vgl. ebd., S. 36.

11 Vgl. ebd., S. 36f.

12 Vgl. ebd., S. 39f.

13 Dietmar Peil: Beziehungen zwischen Fabel und Sprichwort. In: Universitätsbibliothek LMU München. URL: http://epub.ub.uni-muenchen.de/4949/1/4949.pdf# (03.08.2014), S. 77.

14 Vgl. ebd., S. 80.

15 Vgl. ebd. S. 80-82.

16 Vgl. ebd. S. 77f.

17 Vgl. ebd., S. 74.

18 Fuchs geht von den drei äsopischen Fassungen aus und vergleicht mittelalterliche lateinische, aber auch italienische, französische und deutsche Überlieferungen damit. Die letzte Bearbeitung, die er betrachtet, ist von Lessing und somit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts entstanden. Er bezieht also Überlieferungen aus einem großen Zeitraum in seine Untersuchung mit ein.

19 Vgl. Peil: Beziehungen zwischen Fabel und Sprichwort, S. 75.

20 Ebd.

21 Vgl. ebd.

22 Vgl. ebd.

23 Vgl. ebd., S. 78.

24 Vgl. ebd., S. 79.

25 Vgl. ebd.

Details

Seiten
8
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656835523
ISBN (Buch)
9783656835530
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283785
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für deutsche Sprache und Literatur
Note
1,3
Schlagworte
fabel sprichwort

Autor

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Titel: Fabel und Sprichwort