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Gary Beckers ökonomische Theorie der Heirat

Seminararbeit 2003 26 Seiten

VWL - Mikroökonomie, allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Einleitung

2. Ökonomische Theorie der Heirat
2.1 Erträge aus Haushaltsproduktion und Konsum
2.2 Kosten der Ehe
2.3 Bedeutung der Liebe
2.4 Heiratsmarkt und Partnerzuordnung

3. Der familiale Wandel
3.1 Einfluss der Bildungsexpansion auf die Ehebereitschaft von Frauen
3.2 Einfluss der Frauenerwerbstätigkeit auf den Ehegewinn
3.3 Risiken der traditionellen Rollenverteilung

4. Die Ehe als Auslaufmodell ?

5. Fazit und wirtschaftspolitische Erwägungen

Literaturverzeichnis

Abstract

„Ökonomie ist die Kunst, das Beste aus dem Leben zu machen.“

George Berhard Shaw

Ganz im Sinne dieser Maxime ist es Gary Becker angegangen, dass menschliche Verhalten ökonomisch zu erklären. Trotz anfänglicher Widerstände hat man inzwischen erkannt, dass das alltägliche Leben der Menschen durchaus einer ökonomischen Bewertung unterzogen werden kann.

Diese Arbeit widmet sich den Entscheidungen, die bezüglich des Eingehens, des Erhaltens oder auch des Beendens zwischenmenschlicher Beziehungen gefällt werden.

Das dieser familiale Bereich seit einigen Jahrzehnten stark im Wandel begriffen ist, ist in aller Munde. In der folgenden Abhandlung werden die Hintergründe für diesen Wandel beleuchtet und der Versuch unternommen, wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen zu ziehen.

1. Einleitung

Empirische Untersuchungen zeigen, dass die Zahl der Eheschließungen zurückgeht, das Heiratsalter ansteigt, die Kinderzahl sinkt und die Zahl der Scheidungen zunimmt. So kamen im Jahre 1950 in Deutschland auf 1000 Einwohner 11 Eheschließungen, während es im Jahre 2001 nur noch 4,7 Eheschließungen waren. Das Heiratsalter lediger Personen stieg allein in den Jahren 1985 bis 2001 um 5 Jahre an. Die Anzahl nichtehelicher Lebensgemeinschaften belief sich im Jahre 1999 bereits auf 2,05 Mio. Diese Tendenzen sind so stark ausgeprägt, dass in absehbarer Zeit nicht mit einem Ende der Entwicklung gerechnet werden kann.

Dieser vielzitierte Wandel der Familie ist es, der zunehmend auch das Interesse der Wirtschaftswissenschaften auf sich gezogen hat. Als Begründer der ökonomischen Theorie in diesem Bereich gilt Gary S. Becker, der 1973 seine „Theorie der Heirat“ veröffentlichte und damit nicht nur Begeisterung auslöste. Die Ausweitung der ökonomischen Betrachtungsweise auf Bereiche, die von Gefühlen, Emotionen und Liebe geprägt sind, verursachte Befürchtungen auf „Entzauberung“ des familialen Bereichs und brachte Becker die Bezeichnung eines „ökonomischen Imperialisten“ (vgl. Pies (1998) S. 2) ein. Dennoch ist die Ehe der ökonomischen Analyse zugänglich, da knappe Ressourcen – vor allem die Zeit – Verwendung finden, mit denen im Hinblick auf eine Nutzenmaximierung gehaushaltet werden muss. Darauf aufbauend haben sich eine Vielzahl von Wissenschaftlern mit der Haushalts- und Familienökonomik beschäftigt und sie entsprechend den fortschreitenden gesellschaftlichen Veränderungen weiterentwickelt.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht eine ökonomische Betrachtung des Heiratsverhaltens. Es soll zunächst gezeigt werden, dass der Anreiz von Männern und Frauen als rationale Individuen darin besteht, ihren Ehenutzen zu maximieren. Dazu werden der mögliche Ertrag aus Haushaltsproduktion und Konsum den Kosten gegenüber gestellt. Schließlich werden Liebe und Fürsorge in die Betrachtung einbezogen. Erläuterungen zur Wirkungsweise des Heiratsmarktes sowie der spezifischen Partnerzuordnung nach bestimmten Eigenschaften bilden den Abschluss des ersten Teils.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem familialen Wandel der letzten Jahrzehnte. Nach der traditionellen Theorie von Becker ziehen die Ehepartner den höchsten Nutzen aus ihrer Ehe, wenn sie sich vollständig auf die Tätigkeiten spezialisieren, bei denen sie jeweils ihren komparativen Vorteil besitzen. In der heutigen Zeit ist die vollständige Spezialisierung in den Ehen so gut wie nicht mehr anzutreffen – und wenn, dann allenfalls zeitlich beschränkt im Zusammenhang mit der Geburt der Kinder. Muss daraus geschlossen werden, dass in der heutigen Zeit die Partnerschaften aus ökonomischer Sicht suboptimal gestaltet sind? Für die Beantwortung dieser Frage wird vor allem der Einfluss der gesellschaftlichen Veränderungen auf das Leben der Frauen untersucht.

Im dritten Teil wird der Frage nachgegangen, ob die formale Ehe durch andere Lebensformen substituierbar ist. Zum Abschluss wird versucht, die erarbeiteten Erkenntnisse für wirtschaftspolitische Erwägungen nutzbar zu machen.

2. Ökonomische Theorie der Heirat

Das ökonomische Handeln von Unternehmen ist auf eine Gewinnmaximierung gerichtet. Entsprechend werden in privaten Haushalten Entscheidungen so getroffen, dass eine Nutzenmaximierung erreicht wird. Der Nutzen wird dabei aus sog. Basisgütern (Z) gezogen, die im Haushalt unter Einsatz von Marktgütern und –dienstleistungen sowie der Zeit der Haushaltsmitglieder produziert werden. Basisgüter sind dabei nicht nur materielle Endprodukte wie gekochte Mahlzeiten oder eine saubere Wohnung sondern umfassen einen sehr viel größeren Bereich. Diese Aussagen gelten für alle Haushaltsformen. Auch ein alleinlebender Mann oder eine alleinlebende Frau erzielen mit ihren Ressourcen jeweils ein bestimmtes Nutzenniveau. Geht man von im ökonomischen Sinne rational denkenden und handelnden Personen aus, so entscheiden sich dieser Mann und diese Frau dann zu einem gemeinsamen Haushalt, wenn aus der Kombination ihrer Ressourcen ein jeweils höheres Nutzenniveau zu erwarten ist.

Daran ist zu erkennen, dass sich die Theorie der Heirat aus heutiger Sicht nicht unbedingt auf Ehehaushalte beziehen muss. Die gleichen Überlegungen stellen junge Erwachsene an, die in eine Wohngemeinschaft ziehen, da ihre finanziellen Möglichkeiten noch gering sind oder junge Paare, die ihre erste gemeinsame Wohnung beziehen, um ihr Leben unabhängig von den Elternhaushalten selbst in die Hand zu nehmen oder auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften, die dank der zunehmenden Akzeptanz ihren Nutzen auch durch gemeinsames Haushalten erhöhen können. In diesem Sinne soll in den folgenden Ausführungen, soweit keine Einschränkungen notwendig sind, der gemeinsame Haushalt als Ehe verstanden werden.

2.1 Erträge aus Haushaltsproduktion und Konsum

Die folgenden Gedanken basieren insbesondere auf den Arbeiten von Becker (1993), McKenzie, Tullock (1984) und Ott (1998).

Aus ökonomischer Sicht ist die Ehe eine Produktions- und Konsumgemeinschaft. Wie bereits erwähnt, ziehen die Partner ihren Nutzen in erster Linie aus dem „Genuss all jener Güter und Leistungen, die die Familie produzieren kann.“ (McKenzie, Tullock (1984) S. 135).

Zunächst sollen produktionstheoretische Überlegungen angestellt werden. Aus dieser Sicht wird der Haushalt als „kleine Fabrik“ (Becker (1965) S. 496) betrachtet. Die Haushaltsmitglieder produzieren die Basisgüter, aus denen der Nutzen der Beteiligten gezogen wird. Werden alle Basisgüter zu einem einzigen Aggregat Z zusammengefasst, ergibt sich die Nutzenmaximierung für jede Person aus der Maximierung der Menge Z. Zielfunktion des Optimierungsproblems ist die Haushaltsproduktionsfunktion, die den Output Z zu den genannten Inputs Marktgüter und –dienstleistungen (xi) sowie eingesetzte Zeit der Haushaltsmitglieder (ti) in Beziehung setzt.

Die zu beachtende Budgetrestriktion für die Marktgüter kann geschrieben werden als:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

wobei pi der Preis des Marktgutes, wj die Lohnrate des j-ten Mitglieds, lj die aufgebrachte Zeit im Marktsektor und v das Besitzeinkommen bezeichnet. Unter Beachtung der Zeitrestriktion

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

das nämlich das j-te Mitglied seine Gesamtzeit T (die naturgemäß eine Konstante ist) entweder im Marktsektor oder im Nichtmarktsektor (tj ) einsetzt, ergibt sich für das maximal mögliche monetäre Einkommen (S)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wird S dividiert durch die Durchschnittskosten der Produktion (ci ), ergibt sich der maximal mögliche Output des Haushaltes Z. Der maximale Output eines Singles, durch den der Nutzen maximiert ist, ergibt sich folglich als:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein Anreiz zur Ehe besteht erst, wenn ein Ehegewinn (G) erzielt wird. Der Ehe-Output Zmf, der aus den kombinierten Ressourcen der Partner erstellt werden kann, muss die Summe der individuellen Outputs Zm und Zf übersteigen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Erzielung eines Ehegewinns kann auf verschiedenen Ursachen beruhen. Ein Vorteil von Ehen liegt bei der Produktion derjenigen Familiengüter, die nur Familien produzieren können bzw. die in der Familie besonders geschätzt werden wie z.B. emotionale Geborgenheit und Vertrauen. Das bedeutendste Ergebnis gemeinsamer Produktion und Hauptgrund für die Eheschließung im rechtlichen Sinne zwischen Mann und Frau sind Kinder. Kinder – sofern sie nicht vollständig abgelehnt werden – haben den größten Einfluss auf das Nutzenniveau der Partner. Selbst wenn aus der übrigen Haushaltsproduktion bei den Eheleuten keine weiteren Gewinne zu erzielen wären, würde die Ehe eingegangen werden. Dieser von Emotionen geprägte Bereich entzieht sich scheinbar der produktionstheoretischen Betrachtung. Geht man aber davon aus, dass eine harmonische und befriedigende Beziehung Basis für einen aufkeimenden Wunsch nach gemeinsamen Kindern ist und die Pflege der Beziehung den Einsatz von (Haushalts-)Zeit und u.U. Marktgütern erfordert, sind die gemachten theoretischen Überlegungen nicht mehr so abwegig. Ein Kind erhöht die Menge Zmf und damit den Ehegewinn.

Ein weiterer Vorteil liegt in der effizienteren Haushaltsproduktion gegenüber den Singlehaushalten. Die Möglichkeit der Effizienzsteigerung kann verschiedene Gründe haben:

Zum Einen führt die gemeinsame Haushaltsführung durch Synergieeffekte bezüglich der benötigten Marktgüter und der verbrauchten Zeit zu Kosteneinsparungen gegenüber den Einzelhaushalten. So müssen Güter wie z.B. Staubsauger, Spülmaschinen etc. nur einmal vorgehalten werden und Grundgebühren z.B. für Stromzähler oder Telefonanschlüsse nur einmal bezahlt werden. Ferner wird für die Haushaltsproduktion beispielsweise für den Hausputz oder den Lebensmitteleinkauf normalerweise nicht die doppelte Zeit benötigt.

Weiterhin besteht die Möglichkeit für eine effizientere Produktion in der Arbeitsteilung entsprechend den individuellen Vorlieben und Befähigungen. Dies soll folgendes Beispiel verdeutlichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Leben Mann und Frau allein, benötigen sie in der Summe für beide Tätigkeiten 235 Minuten. Geht man der Einfach halber vom selben Zeitaufwand in der gemeinsamen Wohnung aus, würde die Frau 105 Minuten und der Mann 130 Minuten benötigen. Teilen sich beide jedoch in die Arbeit hinein, so ist nach 50 Minuten die Arbeit erledigt. Der Mann kocht, während die Frau die Wohnung putzt. In diesem Beispiel weisen beide jeweils absolute Vorteile bei einer Tätigkeit auf. Gewinne aus Arbeitsteilung lassen sich jedoch auch bei komparativen Vorteilen erzielen.

[...]

Details

Seiten
26
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638301732
ISBN (Buch)
9783640935994
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v28375
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Volkswirtschaftspolitik
Note
2,0
Schlagworte
Gary Beckers Theorie Heirat

Autor

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Titel: Gary Beckers ökonomische Theorie der Heirat