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Das Tagelied. Eine höfische Gattung mittelalterlicher Lyrik

von Julius Ledge (Autor)

Hausarbeit 2012 10 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhalt / Handlung

3. Figuren
3.1. Liebespaar
3.2. Wächter

4. Motive und Strukturelemente

5. Abgrenzung zum Werbelied

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Liebeslyrik des Mittelalters ist heute vor allem bekannt durch Minnelieder, deren Hauptakteure sich in einem Gefühlszustand imaginärer und unerfüllter Liebe befanden. Erwiderte oder gar körperliche Zuneigung ist beim klassischen Minnesang vergeblich zu suchen. Eine Sonderform dieser mittelalterlichen, höfischen Liedgattung bildet jedoch das Tagelied.

Verfasst wurden diese „monologische[n] oder dialogische[n] Rollengedichte“1 von literarischen Größen des Mittelalters, wie etwa Heinrich von Morungen, Walther von der Vogelweide und vor allem Wolfram von Eschenbach, von dem insgesamt fünf Tagelieder überliefert sind.2 Gesammelt wurden sie in der berühmtesten und größten Liederhandschrift des Mittelalters, dem Codex Manesse.

Ziel dieser Arbeit ist es, die inhaltlichen Aspekte des Tageliedes, wie Handlungsablauf, Figuren und Strukturelemente genauer zu untersuchen. Besonders soll dabei die Rolle der handelnden Akteure analysiert werden. Warum bildet ihr Handeln eine Sonderrolle in der mittelalterlichen Liebesdichtung und welche spezielle Funktion übernimmt die Figur des Wächters dabei? Doch auch die, in den überlieferten Tageliedern immer wiederkehrenden Motive werden genauer betrachtet und deren Hintergründe und Bedeutungen für die Identität des Tageliedes geklärt. Abschließend soll dann die Frage beantwortet werden, in welcher Form sich diese Untergattung des Minnesangs zum klassischen Werbelied abgrenzt, beziehungsweise ob es sogar eine Art Antityp dazu darstellt.

Bibliographisch stützt sich die Arbeit dabei unter Anderem auf Einführungen, wie die des mittellateinischen Philologen Peter Dronke (Die Lyrik des Mittelalters), auf Anthologien (Des Minnesangs Frühling) und natürlich auf zahlreiche Textbeispiele aus dem bereits erwähnten Codex Manesse.

2. Inhalt / Handlung

Ging es beim klassischen Werbelied noch darum, dass ein zumeist männliches lyrisches Ich eine, für ihn unerreichbare Frau umwirbt oder zumindest über seine vergeblichen Werbeversuche berichtet, liegt der Handlungsschwerpunkt beim Tagelied woanders.

Ein Liebespaar (meist Ritter und Dame) erwacht nach gemeinsam verbrachter Nacht. Der Tagesanbruch, häufig durch den Weckruf des Wächters angekündigt, führt mit der Gefahr der Entdeckung, die von den Liebenden beklagte Trennung herbei.3

Die weibliche Figur, die bei der klassischen Minnekanzone eher eine passive Rolle einnahm und durch das monologisierte Selbstgespräch des Mannes meist keinen Sprechanteil besaß, rückt beim Tagelied nun mehr in den Vordergrund. Meist ist es nun zuerst die Frau, die die Klage anstimmt, ehe sich der Mann ihr anschließt und es oft zu einer letzten erotisch-sexuellen Begegnung kommt, die schließlich zur unvermeidbaren Trennung führt.

Obwohl sich in den überlieferten Tageliedern einige inhaltliche Sequenzen unterscheiden, bleibt doch ein immer wiederkehrender Handlungsablauf, wie bereits beschrieben erhalten.

3. Figuren

3.1. Liebespaar

Zur personalen Konstituente des Tageliedes gehören in erster Linie der Mann und die Frau. Beide scheinen dabei von höherem Stand zu sein. Deutliche Hinweise darauf sind zum Beispiel im Tagelied „ Swer nú verholner minne pfligt“ von Ulrich von Winterstetten zu finden. Hier bezeichnet er die Frau als “frouwe[...]4 “ und den Mann als „helde[n]“.5 Ist der Begriff Frau heute eine allgemeine Bezeichnung für eine weibliche Person ganz gleich welchen sozialen Standes, galt er im Mittelalter als Terminus für gehobene Schichten, den man heute mit 'Dame' übersetzen könnte. Die Heldenbezeichnung des Mannes lässt sich mit dem Stand eines Ritters gleichsetzen. Beide Hauptfiguren sind also Angehörige des adligen Standes.

Über Namen und Alter der Figuren lässt sich in keinem bekannten Tagelied eine Angabe finden.6 Fest steht jedoch, dass mindestens eine der beiden Personen bereits verheiratet ist. Denn anderenfalls bestünde keine Gefahr darin, entdeckt zu werden. Aufgrund dieser bereits bestehenden Bindung zu einer dritten Person, ist die Liebesbeziehung der beiden Hauptfiguren illegitim und muss geheimgehalten werden. Ein normales, gemeinsames Leben als Paar ist für beide also nicht möglich. Ihre Beziehung beschränkt sich daher auf die gemeinsamen Liebesnächte, in denen sie sich abseits des Regelkodexes der Gesellschaft ihrer gegenseitigen Liebe hingeben können.

Als Lokalität dieser heimlichen Liaison dient dabei wohl der Wohnbereich der Frau. Ein deutlicher Hinweis darauf ist der in vielen Tageliedern thematisierte Aufbruchsakt des Mannes nach der verbrachten Liebesnacht.7 Obwohl es meist der Mann ist, der zum Aufbruch drängt, leiden jedoch beide Liebespartner gleichwertig unter der folgenden Trennung. Die beidseitige Trauer über ihre Situationen symbolisiert, dass es beiden Liebenden nicht nur auf körperliche Liebe mit sexuellen Befriedigungen ankommt, sondern sie sich miteinander tief verbunden fühlen. Dadurch, dass die Autoren dieser mittelalterlichen Lyrik sich meist eines Kommentars entzogen, wurde der Zuhörer zum Denken angeregt und konnte nun selbst darüber urteilen, inwiefern eine solche Liebe nicht vielleicht dem Ideal eines Liebesgefühls entspricht.

3.2. Wächter

Während die mittelhochdeutsche Lyrik auf der personalen Ebene ursprünglich aus Dame und Ritter bestand, so kam mit dem Tagelied im späten Mittelalter ein wichtiges Element hinzu8, die Figur des Wächters. Dessen inhaltliche Funktion besteht in den Tageliedern darin, das Liebespaar von der zinnen9 herab, durch seinen sange10 (Wächterruf) zu wecken und damit zu warnen.

Wie bei Wolfram von Eschenbach, bildet die Erwähnung des Wächters (den morgenblic bí wahtaeres sange erkos ein frouwe11 ) oftmals den Einstieg in die Handlung des Tageliedes. Durch seinen Weckruf werden die Liebenden aus dem Schlaf gerissen und bemerken, dass es bereits tagt und sie sich daher nun trennen müssen. Höchstwahrscheinlich ist die Wächterfigur deshalb der Dame unterstellt und hat in triuwe12 seinen Dienst zu erfüllen. Ebenso ist es nicht auszuschließen, dass er vom Ehemann der Dame zum Wecken beauftragt ist, um ein Bekanntwerden der Affäre zu verhindern und bei Hofe keinen Ruf vom betrogenen Ehemann entstehen zu lassen.

Fest steht jedoch, dass der Wächter in das Liebesverhältnis von Dame und Ritter eingeweiht ist. Daraus ergibt sich seine besondere Funktion. Auf der einen Seite fungiert er als Beschützer der Liebenden, da sein Weckruf Schutz vor der Entdeckung der Affäre bietet. Auf der anderen Seite drängt er dadurch aber auch zum schnellen Aufbruch und ist damit Zerstörer der Liebessituation. Die Werte und Normen der Gesellschaft, die eine solche geheime Liebesbeziehung, wie sie die beiden Hauptfiguren führen illegitimieren, werden auf indirekter Ebene vom Wächter also unterstützt, da er wie eine Art 'Stimme des Gewissens' der Liebenden fungiert. Jedoch bricht er auf der direkten Ebene mit genau diesem Regelkodex, indem er das Liebespaar warnt und sein Wissen über deren Aktivität für sich behält.

Die Gewichtung der Wächterfigur variiert jedoch stark in den überlieferten Tageliedern des Spätmittelalters. So lässt sich im wahrscheinlich ältesten13 deutschen Tagelied slâfest du friedel ziere14 von Dietmar von Aist nur entfernt erahnen, dass ein Wächter hier gemeint ist. Mit man wecket und leider schiere15 weist er nur mit dem unbestimmten Subjekt „man“ auf einen möglichen Warnruf des Wächters hin. Wolfram von Eschenbach schenkt der Figur hingegen größere Bedeutung. So besteht sein Lied Sîne klâwen16 fast nur aus einem Dialog zwischen Wächter und Dame. Welchen Stellenwert die mittelhochdeutschen Dichter der Wächterfigur auch zuschrieben, es ändert jedoch nichts an ihrer Bedeutsamkeit als wichtiges Element des deutschen Tageliedes.

4. Motive und Strukturelemente

Obwohl Tagelieder meist gleiche oder zumindest ähnliche Motive und Strukturelemente aufweisen, wird häufig doch das Grundmuster variiert oder erweitert. Die wesentlichen Elemente sollen nun im Folgenden präzisiert werden.

Auch wenn sie nicht direkt im Text thematisiert wird, so ist doch die Liebesnacht an sich der Kern eines jeden Tageliedes. Um sie dreht sich die gesamte Handlung. Jedoch lassen sich in keinem überlieferten Tagelied Einzelheiten zur vorausgegangenen Nacht finden, da die Handlung erst am 'Morgen danach' beginnt. Der Tagesanbruch spielt dabei eine bedeutende Rolle. In den deutschen Tageliedern des Mittelalters lassen sich eine ganze Reihe an Motiven finden, die diesen ankündigen und charakterisieren. Zu erwähnen wäre hier zum einen des wahteaeres sange17 (der Gesang des Wächters) und zum anderen der häufig verwendete Natureingang. Dieser äußert sich oftmals im einsetzenden Vogelgesang, wie zum Beispiel im bereits erwähnten Tagelied slafest du, friedel ziere Slâfest du, friedel ziere? man wecket uns leider schiere. ein vogellîn sô wol getân, daz ist der linden an daz zwî gegân.18

Um den Morgengrauen anzukündigen lassen sich häufig auch andere Motive, wie etwa die Personifizierung des Tages, des Tageslichtes oder auch des Sonnenaufganges finden. Hand in Hand mit dem Tagesanbruch geht das Element der Bedrohung von außen. Auch dieses Strukturelement wird nicht direkt im Text thematisiert, äußert sich aber darin, dass für das Liebespaar Gefahr besteht, entdeckt zu werden. Wahrscheinlich besteht diese Gefahr, weil die Dame bereits verheiratet und eine Affäre zu ihrem Liebhaber dadurch illegitim ist. Die Bedrohung entspricht also dem Regelkodex der mittelalterlichen Gesellschaft. Der Gegensatz von Nacht und Tag, welcher mit Dunkel und Licht auch Sicherheit und Gefahr gegenüberstellt, äußert sich sehr deutlich in Wolfram von Eschenbachs Tagelied sine klawen in welchem der Wächter den anbrechenden Tag wie „ein grausames, ungeheures Tier von bedrohlicher Stärke“19 beschreibt.

Sîne klâwen durch die wolken sint geslagen, er stîget ûf mit grôzer kraft; ich sich in grâwen tegelîch, als er wil tagen.20

Oftmals geht genau aus dieser Gefahr, eine neu erwachte Begierde beider Liebenden aus, die meist in explizit beschriebenen, sexuellen Sinnlichkeit endet21. Damit einher geht häufig ein beidseitiges Treueversprechen (swaz du gebiutest, daz leiste ich, friundîn mîn).22

[...]


1 Müller, Jan-Dirk (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin 2003. S 577.

2 Dronke, Peter: Die Lyrik des Mittelalters. Eine Einführung. München 1973. S. 195.

3 Müller, Jan-Dirk. S 577.

4 Fußnote 1

5 Fußnote 2

6 Da Tagelieder als Unterhaltungsmedien am mittelalterlichen Hofe dienten, wurden darin thematisierte Figuren anonym behandelt, um das Ansehen der dargestellten Person nicht zu schaden.

7 3.

8 Vgl. Müller, Ulrich: Tagelied. In: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. 2. Aufl. Berlin 1984. S. 579.

9 MF V. Wolfram von Eschenbach.

10 MF 10

11 Ebenda.

12 triuwe

13 Knoop, Ulrich : Das mittelhochdeutsche Tagelied: Inhaltsanalyse und literaturhistorische Untersuchungen. Marburg 1976. S. 13.

14 Hugo Moser und Helmut Tervooren (Bearb.): Des Minnesangs Frühling. 38. Auflage. Hirzel, Stuttgart 1988. S. 56-69.

15 ebenda

16 MF II

17 MF I

18 Dronke, Peter: Die Lyrik des Mittelalter. Eine Einführung. München 1977. S. 193-194.

19 Dronke, Peter. S. 196.

20 MF II.

21 Vgl. Dronke Peter. S.196.

22 Dronke, Peter. S. 194.

Details

Seiten
10
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656833239
ISBN (Buch)
9783656833246
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283673
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
Tagelied Minnesang Minnelied Pastourelle Aube Alba Walther von der Vogelweide Heinrich von Morungen Wolfram von Eschenbach Oswald von Wolkenstein Trobadors Hohe Minne Wächterruf Wächter Mitellalter Mittelalterlyrik Lyrik des Mittelalters

Autor

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    Julius Ledge (Autor)

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