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Kafkas Hungerkünstler. Ein Symbol für den modernen Künstler oder ein süchtiger Betrüger

Hausarbeit 2014 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Hungerkünstler - ein Perfektionist

3. Der künstlerische Lebensweg und die daraus folgende Existenzkrise bei dem Hungerkünstler

4. Die Kunst des Hungerkünstlers und ist hungern überhaupt Kunst?

5. Der Hungerkünstler - süchtig nach dem Hungern

6. Der Hungerkünstler - ein egozentrischer Betrüger?

7. Das künstlerische und soziale Versagen des Hungerkünstlers

8. Schlusswort und Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Franz Kafkas Hungerkünstler, der Protagonist aus seinem Werk „Ein Hungerkünstler“ wird in der Erzählung und schon alleine durch seine Berufsbezeichnung als ein Künstler präsentiert. Sein Verhalten und sein Werdegang lassen Parallelen mit einem modernen Künstlertypus ziehen. Doch nach Beendung der Erzählung schleicht sich die Frage ins Bewusstsein des Lesers: Ist diese fiktive Figur wirklich vergleichbar und sogar ein Symbol für den Künstlertyp oder ist er in Wahrheit nichts weiter als ein Hochstapler, der dem Hungern nicht als Kunst, sondern als Sucht verfallen ist? Diese Arbeit soll die Aspekte, die für das Künstlerdasein des Hungerkünstlers sprechen, näher untersuchen und auch die möglichen Gegenargumente anhand von Textbelegen darstellen. Die Untersuchung ist dabei in sechs Kapitel und ein anschließendes Fazit gegliedert.

Das erste Kapitel untersucht näher den für den Künstlertyp charakteristischen Perfektionismus beim Hungerkünstler und zieht direkt Verbindungen zu realen Künstlern, erläutert an einem historischen Beispiel.

In Kapitel zwei kommt sein Lebensweg als Künstler mit folgenden Existenzkrisen und sein tragisches Ende verstärkt in den Fokus. Auch hier werden erneut Parallelen zum modernen Künstler gesucht und diese an Beispielen belegt.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, ob die Hungerkunst überhaupt als Kunst bezeichnet werden kann. In diesem Kapitel werden Thesen aus der Forschungsliteratur kritisch diskutiert und es wird ein Blick auf den kulturhistorischen Hintergrund geworfen.

Kapitel vier führt die im vorherigen Kapitel angestellten Untersuchungen der Hungerkunst fort mit einem neuen Faktor, nämlich dem des möglichen Suchtpotenzials des Hungerns. Hierbei werden Textstellen zitiert, die mögliche Hinweise für ein Suchtverhalten seitens des Hungerkünstler liefern könnten. In diesem Kapitel werden im Gegensatz zu den vorherigen Untersuchungen keine Parallelen mit dem Künstlertypus gesucht, sondern Belege, den Protagonisten als einen Süchtigen zu entlarven.

In Kapitel fünf wird die im Titel gestellte Frage, ob er in Wahrheit nicht nur ein Betrüger ist, näher betrachtet. Hierzu wird besonders der letzte Teil der Erzählung untersucht, gefolgt von einem Rückblick im Bezug auf die Betrügerthematik und einer näheren Betrachtung der negativen charakterlichen Merkmale des Protagonisten.

Das letzte Kapitel beschäftigt sich schließlich noch mit dem künstlerischen und sozialen Scheitern des Hungerkünstlers. Um dieses näher zu erläutern, wird ein Gesellschaftsbild von der Welt, in der er lebt, erstellt und seine Rolle in dieser sozialen Gemeinschaft und wie diese sich im Laufe der Handlung verändert hat, definiert, gefolgt von einem kurzen Vergleich mit einer anderen Franz Kafka Figur. Zum Abschluss wird die soziale Rolle des Künstlertypus und ein Blick auf die kulturhistorische Entwicklung der Hungerkunst nach Kafkas Tod geworfen.

Nach den sechs Kapiteln folgt ein Schlusswort und ein Fazit, in dem die am Anfang gestellten Fragen und die Erkenntnisse erneut aufgriffen und die Ergebnisse, die die näher untersuchten Themen ergeben haben, erläutert werden, um eine Darstellung des Typus des Hungerkünstlers bei Franz Kafka zu erstellen.

2. Der Hungerkünstler - ein Perfektionist

Franz Kafkas Protagonist ist - wie so viele Künstler- ein absoluter Perfektionist und strebt nach Vollkommenheit auf dem Gebiet der Hungerkunst. Sein Ziel ist es, alle möglichen Konkurrenten zu schlagen und sich selbst immer wieder zu übertreffen: „Warum wollte man ihn des Ruhmes berauben, weiter zu hungern, nicht nur der größte Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja wahrscheinlich schon war, aber auch sich selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche, denn für seine Fähigkeit zu hungern fühlte er keine Grenzen.“[1] Der ungewöhnliche Künstler sehnt sich - wie die meisten kreativ schaffenden Menschen - nach Bewunderung und Anerkennung seiner Kunst. Er möchte, dass das Publikum der Hungerkunst mehr Achtung schenkt und endlich versteht, dass nicht seine Kunst ihn unzufrieden macht, sondern vielmehr die Unwahrheiten, die der Impressario verbreitet. Hungern ist für den Hungerkünstler das Leichteste der Welt und er verabscheut jeden, der versucht, ihn von seiner Kunst abzubringen: „..in diesem Augenblick wehrte sich der Hungerkünstler immer“[2] Sobald an seiner Kunst gezweifelt wird oder er nach seiner Hungerperiode anregt wird, Nahrung zu sich zu nehmen, verliert der Hungerkünstler die Kontrolle über sich selbst und wird aggressiv wie ein wildes Tier. Besonders die Art von Wächtern, die ihm Essen anbieten oder seine Kunst als reinen Schwindel beschimpfen, machen ihm schwer zu schaffen. Doch der Hungerkünstler ist ein Profi im Hungern und lässt sich durch die Angebote der Störenfriede nicht beeinflussen, vielmehr treibt er mit ihnen ein kleines Spiel, lenkt sie ab durch seinen Gesang, redet mit ihnen und bestellt ihnen auf seine Kosten sogar Frühstück. Er tut alles, damit er endlich in Ruhe seine Kunst ausführen kann. Auch das schaulustige Publikum macht es ihm manchmal nicht leicht, denn sie stören ihn mit ihren Zweifeln, Anschuldigungen und Unterstellungen, dass seine geliebte Kunst für seinen missmutigen Dauerzustand verantwortlich wäre. Doch er braucht sie, er braucht ihre Anerkennung, ihr Interesse für seine Kunst und er sehnt sich inständig danach, dass sie wie er das Hungern fühlen und verstehen können. Die Beziehung zwischen dem Hungerkünstler und seinen Zuschauern ist ambivalent, weil er sie einerseits verabscheut, weil sie seine Kunst stören und andererseits er von ihrer Aufmerksamkeit abhängig ist.. Dieses distanzierte Verhältnis zwischen Künstler und Betrachter ist auch in der wirklichen Kunstszene längst kein unbekanntes Phänomen mehr, z.B. wurde der impressionistische Maler Claude Monet laut Augenzeugenberichten geradezu cholerisch, wenn jemand ihn bei seiner Arbeit störte, doch auch er wollte nicht auf seine Bewunderer verzichten, die durch ihr Interesse ihm Ruhm und Anerkennung einbrachten. Doch bei dem Hungerkünstler ist es nicht nur der Ruhm, den er braucht, sondern, da seine Kunst das einzige ist, was diesen namenlosen, gesichstlosen und handlungsarmen Charakter auszeichnet, muss das Interesse für diese bestehen bleiben, weil sonst seine Existenz als Hungerkünstler überflüssig wird. Kafkas Protagonist ist nicht mehr von seiner Kunst zu trennen, er ist eins mit ihr geworden und verschwindet sie, muss auch er verschwinden. Das Interesse für das Schauhungern schwindet im Laufe der Handlung immer mehr, auch wenn das der ausführende Künstler natürlich nicht wahr haben will. Der Leser erfährt schon am Anfang der Erzählung, dass die Hochzeiten der Hungerkunst längst gezählt sind und dass der Impressario schon eine Hungerperiode auf 40 Tage beschränkt hat, da nach diesen Tagen das Interesse für den Hungerkünstler vergangen ist. Die begrenzte Zeitspanne von 40 Tagen macht den Künstler unzufrieden, und er fragt sich: warum sollte er gerade jetzt aufhören? Er scheint den wahren Grund für diese begrenzte Zeit nicht zu kennen, denn er ist der Meinung, dass das Interesse der Zuschauer gerade wegen der zu kurzen Hungerperiode zurück geht. Er glaubt fest daran, dass die Intenvisierung des Hungern ihm wieder mehr Publikum und öffentliche Anerkennung bescheren würde.

Das aufkommende Desinteresse frustriert ihn einerseits, doch andererseits weckt gerade dieses Unverständnis des Publikums seinen Ehrgeiz, der größte Hungerkünstler aller Zeiten zu werden und niemals aufzuhören. Dieses sehnliche Verlangen ist nicht nur durch den Wunsch, Ruhm und Anerkennung als Künstler zu bekommen, sondern vielmehr als Zweck der Selbstbefriedigung bestimmt. Künstler sind häufig ihre größten Kritiker, Lob von Außen kann sie niemals vollständig befriedigen, da ihre Motivation aus ihrer eigenen Selbstzufriedenheit stammen muss. Auch der Hungerkünstler kann niemals nach diesen 40 Tagen mit sich zufrieden sein, weil sein Ziel einen unbegrenzten Zeitraum voraussetzt. Er setzt sich keine Grenzen und kein Limit, solange er nicht vollkommene Perfektion erreicht hat, kann er nicht zufrieden sein. Die rein kommerziellen Gründe des Impressario und das schnelle Desinteresse behindern den Hungerkünstler, sein fanatisches Ziel in die Tat umzusetzen. Dies ändert sich aber, als nach zahlreichen erfolglosen Tourneen durch die Welt der Impresario den alternden Künstler aufgibt und der Hungerkünstler zu einem Zirkus geht. Endlich ist er frei von dem lästigen Impresario und seinen Wächtern und kann in Ruhe, ohne dass ihn jemand stören würde, seine Kunst ausleben und seine eigenen Rekorde immer wieder brechen. Aber der erhoffte Ruhm bleibt aus, obwohl der Künstler immer mehr hungert. Er wird zu einem Hindernis für die Zirkusbesucher und bekommt durch seine neu gewonnene Funktion wieder ein Publikum, das aber ein Anderes ist als sein Altes. Es ist eine neue Generation von Schaulustigen, die nur noch lustlos einen kurzen Blick auf den hungernden Künstler werfen und dann schnell wieder gehen: „..dann kamen die Nachzügler, und diese allerdings, denen es nicht mehr verwehrt war, stehen zu bleiben, solange sie nur Lust hatten, eilten mit langen Schritten fast ohne Seitenblick, vorüber..“[3] Doch auch diese deutliche Niederlage die ihm vor Augen führt, dass seine Kunst nicht einmal mehr negative Emotionen hervorruft, sondern vielmehr eine desinteressierte Gewöhnung an den Hungerkünstler entstanden ist, hält ihn aber auch nicht davon ab, weiterzumachen, jetzt, wo seine Kunst ihren Reiz verloren hat. Er gerät genau wie die Kunst des Schauhungerns in Vergessenheit. Keiner stoppt mehr die Zeit, spricht mit ihm oder beschäftigt sich in irgendeiner Weise mit dem immer mehr verkommenden Künstler. Alles bis auf das Hungern scheint keinen Wert mehr für ihn zu haben, weder sein soziales Umfeld, noch seine Hygiene oder die Tatsache, dass er immer schwächer durch seine Kunst wird. All diese Dinge sind ihm gleich, nur noch das Hungern zählt. Er verliert seinen Lebensdurst und verkommt immer mehr zu einem mehr tot als lebendigen Skelett, nicht einmal als erneut seine Kunst beschimpft wird, reagiert er wie früher aggressiv und wild, sondern bleibt ohne Regung weiter in seinem Käfig. Doch innerlich lösen diese Anschuldigungen immer noch Zorn in ihm aus : „..von Schwindel sprach, so war es das in diesem Sinn die dümmste Lüge, welche Gleichgültigkeit und eingeborene Bösartigkeit erfinden konnte, denn nicht der Hungerkünstler betrog, er arbeitete ehrlich, aber die Welt betrog ihn um seinen Lohn“[4] Da die Hungerkunst zu etwas Selbstverständlichem und Gleichgültigem geworden war, konnte der Hungerkünstler so lange hungern, wie er wollte, niemand würde mehr Interesse und Anerkennung für etwas Gewöhnliches empfinden. Der Perfektionist ist an der Aufgabe, seinem Publikum die Hungerkunst zu vermitteln, gescheitert, weil sie nie das Gleiche wie der Hungerkünstler innerlich fühlen konnten: „Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen.“[5] Und auch der Hungerkünstler scheint sein genaues Ziel aus den Augen zu verlieren, als er auch nicht mehr die vergangenen Hungertage zählt und daher auch nicht weiß,welche unglaubliche körperliche Leistung er erbracht hat. Er hungert nicht mehr, um etwas bestimmtes zu erreichen, sondern viel mehr, weil er nicht anders kann. Das früher so leichte Hungern wird immer schwerer und schlussendlich geht an seiner Kunst zugrunde. Durch Vollendung der Hungerkunst, was seinen Tod bedeutet, verschwindet er genauso wie das Schauhungern als Künstler und menschliches Individuum. Der Perfektionist hat sein Ziel teilweise erreicht, denn welche Steigerungen könnte es bei der Hungerkunst nach dem eigenen Verhungern noch geben?!

3. Der künstlerische Lebensweg und die daraus folgende Existenzkrise bei dem Hungerkünstler

Nicht nur den fanatischen Perfektionismus und den sehnlichen Wunsch nach Anerkennung und Verständnis hat der Hungerkünstler mit dem modernen Künstlertyp gemeinsam, sondern vielmehr auch psychische Krisen, Ruhm und Existenzangst. Der Protagonist war viele Jahre lang ein erfolgreicher und gut verdienender Akteur. Sein Schauhungern war: „ein zentrales gesellschaftliches Ereignis: eine Kunst die im Einklang mit sich selbst und um ihrer selbst willen geschätzt, offensichtlich authentisch und Avantgarde war“ [6] Doch trotz des Erfolgs ist der Hungerkünstler unzufrieden und durch die gezielte Lenkung des Impressario auch nicht frei. Er ist vielmehr eine Marionette und folgt seinen Anweisungen auch wenn sie ihm in Wahrheit nicht gefallen: „Das alles musste er hin nehmen, hatte sich auch im Laufe der Jahre daran gewöhnt, aber innerlich nagte diese Unbefriedigtheit“[7] Der Impressario ist nur an dem kommerziellen und Profit bringenden Teil des Schauhungerns interessiert, denn auch er versteht wahrscheinlich nicht so wie der Künstler selbst seine Kunst. Er inszeniert den Akt des Hungerkünstlers als ein riesiges Spektakel, was beinahe schon an ein heidnisches Ritual erinnert. Auch wenn der Künstler die Prozedur nach der in seinen Augen zu kurzen Hungerperiode verabscheut, und ganz besonders die Krankenmahlzeit, hat diese Art der reißerischen Zurschaustellung lange Zeit Erfolg und die Leute kommen scharenweise, um den Hungerkünstler zu sehen: „Damals beschäftigte sich die ganze Stadt mit dem Hungerkünstler, von Hungertag zu Hungertag stieg die Teilnahme..“[8] Doch auch die starken Bemühungen des Impressario verhindern nicht, dass die Hungerkunst immer unbeliebter wird. Im Laufe der Handlung verschließt sich der Hungerkünstler immer mehr von seinem Publikum. Die lästigen Fragen und Betrugsvorwürfe setzen ihm immer mehr zu. Er rebelliert gegen den Impressario, wenn auch auf eine auf den ersten Blick sehr passive Art und Weise. Immer stärker isoliert der Künstler sich und mag gar nicht mehr seinen Käfig verlassen, er wehrt sich kräftig, sobald er vom Hungern abgebracht wird und wird wortwörtlich zu einem wilden Tier: „...konnte es, besonders bei vorgeschrittener Hungerzeit, geschehen, dass der Hungerkünstler mit einem Wutausbruch antwortete und zum Schrecken wie ein wildes Tier an dem Gitter zu rüttelten begann“[9] Der Wutausbruch ist der Höhepunkt seiner Rebellion. Man könnte sein Verhalten als Ausdruck der Unzufriedenheit über die Unfreiheit als Künstler deuten. Der Hungerkünstler fühlt sich frei, wenn er in Ruhe hungern kann, ohne dass ihn jemand davon abhalten könnte. Der Impressario nimmt ihn diese Freiheit und verkauft ihn als ein Produkt, was von dem gaffenden und schnell gelangweilten Publikum gewollt ist. Er stellt die Hungerkunst als etwas Anstrengendes und Kräfteraubendes dar, was es aber nicht für den Künstler ist. Es wird ein romantisierendes Bild eines leidenden Märtyrers dargestellt, das aber nicht der Wahrheit entspricht und dem Hungerkünstler Unbehagen bereitet: „..von neuem ihn entnervende Verdrehung der Wahrheit war ihm zu viel“[10] In eine Schiene gedrängt zu werden, in die man eigentlich nicht gehören möchte, ist auch für viele moderne Künstler, seien es Schauspieler, Schriftsteller oder Maler, Realität. Als Künstler muss man sich entscheiden, ob man dem Geschmack der Allgemeinheit gefallen möchte oder sich als Künstler treu bleiben. Wie auch der Hungerkünstler sich nicht von seiner Hungerkunst trennen kann, entscheiden sich viele Künstler, trotz aller Widrigkeiten, für ihre Kunst. Doch diesem Entschluss folgen häufig Existenzängste und die Frage, wie die Zukunft aussehen soll.

Auch der Hungerkünstler scheint für einen kurzen Moment seinen Trancezustand zu verlassen und überlegt, was er nach den gescheiterten Tourneen tun soll: „Was sollte der Hungerkünstler tun?“[11] „..um einen anderen Beruf zu ergreifen, war der Hungerkünstler nicht nur zu alt, sondern vor allem dem Hungern allzu fanatisch ergeben.“[12] Die Existenzkrise ist bei dem Künstler nicht nur auf seine Berufung konzentriert, sondern auch auf die Tatsache, dass er sehr alt geworden ist. Durch Beendung seiner Zusammenarbeit mit dem Impressario hat er seine gewohnte finanzielle Sicherheit verloren und die immer stärker werdende Ablehnung seitens des Publikums setzt ihm stark zu. Auch wenn der Leser nie einen tieferen Einblick in die Gedanken des Hungerkünstlers bekommt, spürt man doch die Verzweiflung die der Protagonist empfinden muss, als seine Kunst nur noch auf Abscheu stößt. Er durchlebt das Schlimmste, was sich ein Künstler als Schicksal nur vorstellen kann, eine Ausmusterung - der alternde Künstler ist zum „alten Eisen“ geworden. Viele Künstler aller Art werden oft von Ängsten heimgesucht, dass eines Tages ihr Ruhm und ihre Beliebtheit zu Ende sein könnten. Keine Rollen mehr für Schauspieler, keine Bilderverkäufe für Maler, keiner liest mehr die Bücher der Schriftsteller und keiner möchte mehr die Hungerkunst sehen. Auch wenn diese Kunstrichtungen natürlich so unterschiedlich sind, wie sie nur sein könnten, sind die Ängste doch recht gleich: die Angst, in Vergessenheit zu geraten. Der Hungerkünstler sieht als letzten Ausweg, in einen Zirkus zu gehen: „..ja man konnte..nicht einmal sagen, dass ein ausgedienter, nicht mehr auf der Höhe seines Könnens stehender Künstler sich in einen ruhigen Zirkusposten flüchten wollte“[13] Trotz dieser Worte denkt man als Leser, dass der Hungerkünstler sich vielleicht nicht in einen ruhigen Posten flüchtet, aber dennoch sein Entschluss, zum Zirkus zu gehen, wie eine Flucht wirkt, eine Flucht vor der Realität. Diese leicht naive Einstellung, sich nur noch der Kunst zu widmen und alles andere an zweite Stelle zu stellen, ist ebenfalls eine Eigenschaft die er mit einigen Künstlern gemeinsam hat. Der berühmteste Vertreter war wahrscheinlich der holländische Vorreiter des Expressionismus Vincent Van Gogh, der zum Paradebeispiel für den tragischen Künstler geworden ist. Auch Van Gogh flüchtete sich oft in seine eigene Welt der Kunst und sehnte sich nach Anerkennung für seine Kunst, die er aber erst nach seinem Tod bekam. Bei dem Hungerkünstler ist es genau umgekehrt, er hat seine glorreichen Zeiten längst hinter sich und versucht, durch sein erneutes, noch verstärktes Hungern, die veraltete Kunst wieder aufleben zu lasseni: „..der Hungerkünstler versicherte, dass er, was durchaus glaubwürdig war, ebensogut hungerte wie früher, ja er behauptete sogar, er werde, wenn man ihm seinen Willen lasse, und dies versprach man ihm ohne weiteres, eigentlich erst jetzt die Welt in berechtigtes Erstaunen setzen..“ [14] Doch dieser Versuch scheitert wie bei so vielen alternden Künstlern, die noch einmal versuchen wollen, durch Wiederaufleben ihrer Kunst wieder an die alten Erfolge anknüpfen zu können. Der Hungerkünstler fällt in eine Art Depression, er isoliert sich immer mehr, versinkt in eine eigene Welt, in der es nur ihn gibt. Er hungert ehrgeizig weiter, doch der Ruhm bleibt aus und er verkommt immer mehr zu einem vereinsamten Menschen, der seine Individualität verliert. Der Grund für sein Scheitern liegt klar auf der Hand, denn seine Kunst ist immer ein sozialer Akt gewesen. Künstler und Kunst leben von sozialer Aufmerksamkeit: „Ein Künstler, der sich nicht mehr sozial legitimieren kann, existiert nicht mehr und ist zwangsweise - schon aufgrund des konstitutiven Gesetzes dieser Gemeinschaft zum Verschwinden verurteilt.“ [15] Durch die soziale Abspaltung des Hungerkünstlers ist er nicht mehr in der Lage, seine Kunst zu vermitteln oder das Interesse für diese wieder zu wecken. Er hat seine von der Gesellschaft akzeptierte Rolle als Künstler verloren und ist zu einem sozialen Außenseiter verkommen, für den es keine Rettung mehr geben kann. Auch die reale Kunstszene hat gezeigt, dass, ein Künstler, der es nicht schafft, im Gespräch zu bleiben, irgendwann in Vergessenheit gerät. Das Leben als Künstler scheint nur die zwei Extreme: Höhenflug (Ruhm, Anerkennung und Zufriedenheit) und Abgrund (Existenzkrisen, Armut und Depression) zu besitzen.

[...]


[1] Kafka, Franz „Sämtliche Erzählungen“ Anaconda Verlag S.252

[2] Ebd. S.251

[3] Kafka, Franz „Sämtliche Erzählungen“ Anaconda Verlag S.257

[4] Ebd. S.258

[5] Ebd. S.258

[6] Maier, Thomas „Das anorexische Ich oder der Künstler als sein eigener Zuschauer. Überlegungen zu Kafkas Erzählung Ein Hungerkünstler“ erschienen in „Wege in und aus der Moderne“ S.203

[7] Kafka, Franz „Sämtliche Erzählungen“ Anaconda Verlag S.251

[8] Ebd. S.248

[9] Ebd. S.252

[10] Ebd. S.254

[11] Kafka, Franz „Sämtliche Erzählungen“ Anaconda Verlag S. 255

[12] Ebd. S.255

[13] Ebd. S. 255

[14] Ebd. S.256

[15] Von Jagow, Bettina und Jahrus, Oliver „Kafka Handbuch“ S. 551

Details

Seiten
23
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656832867
ISBN (Buch)
9783656829560
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283578
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Philologische Fakultät
Note
2.0
Schlagworte
Kafka Hungerkünstler Künstler Betrüger Sucht Hungerkunst

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