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Kinderarmut in Deutschland. Auswirkungen und Hilfsmöglichkeiten durch die Soziale Arbeit

Hausarbeit 2013 23 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung zum Thema

2. Definition von Armut und Kinderarmut
2.1. Armut
2.2. Formen der Armut
2.3. Kinderarmut
2.4. Dimensionen der Kinderarmut

3. Kinderarmut in Deutschland

4. Folgen der Kinderarmut
4.1. Psychosoziale Folgen
4.2. Gesundheitliche Folgen
4.3. Bildungsungleichheiten als Folge
4.4. Soziale Ausgrenzung

5. Handlungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Hinführung zum Thema

Die Bundesrepublik Deutschland ist eine Wohlstandsgesellschaft. Doch was sagt das eigentlich aus? Wohlstandsgesellschaft ist eine „in den 1960er-Jahren entstandene Bezeichnung für eine Gesellschaft, die dem überwiegenden Teil der Bevölkerung die Befriedigung materieller Bedürfnisse weit über dem Existenzminimum sowie umfassende Möglichkeiten des Konsums ermöglicht(…), während wirtschaftliche und soziale Probleme wie Arbeitslosigkeit oder Armut lediglich als Randgruppenphänomene in Erscheinung treten“ (vgl. Lexikon der Wirtschaft 2012). Trotz dieser Definition, die die Relevanz der Betrachtung des Armutsthemas in den Hintergrund stellt, leben laut einer UNICEF-Vergleichsstudie aus dem Jahr 2012 1,2 Millionen Kinder hierzulande in relativer Armut (vgl. UNICEF 2012). Aus einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit wurde entnommen, dass im September 2010 3,53 Mio. Bedarfsgemeinschaften Leistungen nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch (SGB II) bezogen. In 30 Prozent dieser Bedarfsgemeinschaften lebten Kinder unter 15 Jahren, was 1,72 Mio. Kinder entspricht, die Leistungen nach dem SGB II erhielten (vgl. IAB 2011). Infolgedessen ist es wichtig sich mit diesem Thema intensiv zu beschäftigen. Nicht nur in der Politik, sondern auch in den Medien werden immer häufiger Fälle von Kinderarmut aufgezeigt und diskutiert. Die „relative Armut“ bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist weit verbreitet und hat enorme Folgen auf die Betroffenen. Im Allgemeinen leiden die Kinder eher an psychischen und sozialen Folgen des Armutsumstandes, als an der materiellen Armut an sich. Aus der Armut resultieren außerdem, neben Defiziten im psychischen Bereich, auch Defizite im Gesundheits- und Bildungsbereich. Ein weiterer Aspekt stellt die Ausgrenzung aufgrund sozialer Stellung dar. Diese soziale Folge ist neben der Stagnation keine Seltenheit bei den Armutsauswirkungen.

Die folgende Ausarbeitung beschäftigt sich zuerst mit einer genaueren Klärung des Begriffes Armut. Was genau ist Armut und wie misst man sie? Dies zu klären ist sinnvoll, da die Begriffe Kinderarmut und Armut nicht ohne weiteres voneinander getrennt werden können. Es werden Armutstypen beschrieben und die Dimensionen von Kinderarmut werden thematisiert. Im Anschluss folgt eine Darstellung der Kinderarmut in Deutschland, welche mit aktuellen Zahlen gestützt wird. Daraufhin zeigt der nächste Abschnitt die Folgen von Kinderarmut auf. Dafür werden der Gesundheits-, der psychosoziale und der Bildungsbereich erläutert. Außerdem wird auf die soziale Ausgrenzung von Kindern eingegangen. Abschließend werden Handlungsperspektiven benannt, in denen Strategien und Forderungen dargestellt werden, die das Ausmaß von Kinderarmut in Deutschland verringern könnten.

2. Definition von Armut und Kinderarmut

Die Begriffe Armut und Kinderarmut sind nicht klar voneinander zu trennen, denn ohne Armut im Allgemeinen gäbe es auch keine Kinderarmut. Die Kinderarmut ist demnach eine direkte Folge von Armut. Aus diesem Grund wird im folgenden Abschnitt zunächst der Begriff Armut definiert, was eine Diskussionsgrundlage mit übereinstimmendem Definitionskontext schafft und die Grundvoraussetzung darstellt, um in das umfassende und weitreichende Thema der Kinderarmut einsteigen zu können.

2.1. Armut

Armut ist ein raum- und zeitabhängiger Begriff. Ihre Definition ist relativ und abhängig vom materiellen Entwicklungsstand einer Gesellschaft (vgl. Bauer 1992, S. 204).

Dies bedeutet, dass die Begriffserklärung für Armut stark gesellschaftsabhängig und daher relativ zu betrachten ist. Außerdem kann die Begriffsbestimmung nicht erfolgen, wenn keine Wertentscheidungen getroffen wurden. Damit einhergehend sind auch Gerechtigkeitserwägungen notwendig, um Armut zu definieren. So wird in einer hochentwickelten Gesellschaft ein Zustand als arm bezeichnet, der in einer unterentwickelten Gesellschaft als Zeichen für Wohlstand angesehen wird. So gesehen ist die Grundversorgung (Wohnung, Kleidung, Nahrung, medizinische Versorgung) beim Kind einer Familie in Westeuropa, die Hartz IV empfängt, vorhanden. In den Augen eines afrikanischen Kindes ist die Lage eines Kindes in Deutschland paradiesisch. Daher gibt es keine allgemeingültige Definition von Armut.

Um nun zwischen Armen und Nicht-Armen unterscheiden zu können, ist es notwendig, Armutsgrenzen festzulegen. Die Bestimmung des Existenzminimums ist damit gleichbedeutend (vgl. Wolf u.a. 2002, S.69).

Als arm werden Menschen bezeichnet, welche das Existenzminimum unterschreiten. Dabei unterscheidet man das physische und das soziokulturelle Existenzminimum. Unter dem physischen Existenzminimum wird verstanden, dass ein Mensch dazu in der Lage ist, sich so viele Güter zu leisten, dass seine physische Leistungsfähigkeit gerade noch aufrechterhalten werden kann. Die Voraussetzungen dafür, also welches Maß an Obdach, Kleidung und Nahrung zum Überleben benötigt wird, unterscheiden sich nach den jeweils vorhandenen klimatischen und kulturellen Rahmenbedingungen der Gesellschaft. Das soziokulturelle Existenzminimum orientiert sich an den Bedürfnissen der Gesellschaft, welche eine menschenwürdige Existenz ausmachen. Es ist umfassender, als das physische Existenzminimum, da viele Bereiche, wie z.B. Erziehung, Bildung, Gesundheit und kulturelle Beteiligung betrachtet werden müssen, um die soziokulturell notwendigen Ressourcen ganzheitlich erfassen zu können (vgl. Wolf u.a. 2002, S. 302).

2.2. Formen der Armut

In der Armutsliteratur haben sich Arten der Armut durchgesetzt, die den Begriff Armut in bekämpfte-, latente-, absolute- und relative Armut untergliedern. Im folgenden Abschnitt werden diese Formen näher erläutert. Ihre Nennung ist von Relevanz, da anhand dieser Unterscheidung gemessen und festgelegt werden kann, wer als arm gilt. Das Hauptaugenmerk in diesem Kontext liegt dabei auf der „relativen Armut“. Dies ist der Bereich der Armut, welcher am häufigsten in Deutschland bei Kindern vorzufinden ist. Die „absolute Armut“ ist in Deutschland nicht vertreten. In Entwicklungsländern liegen die Grenzen der absoluten und relativen Armut sehr eng beieinander. In Industrieländern wie der Bundesrepublik Deutschland besteht ein beträchtlicher Abstand (vgl. Wolf u.a. 2002, S. 70).

Bekämpfte und latente Armut

In der Politik wird von bekämpfter und latenter Armut gesprochen. Unter die bekämpfte Armut fallen alle Menschen, die nach dem Bundessozialhilfegesetz laufende Unterstützung zum Lebensunterhalt beziehen. Hierbei ist anzumerken, dass dieser Armutsbegriff für einen sozialstaatlichen- bzw. rechtlichen Sachverhalt steht und nicht für ein theoretisches Armutskonzept. Allerdings ist diese Art von Armut mit der Vorstellung verbunden, dass die Zahlung von Sozialhilfe eine Überwindung von Armut bewirkt. Dies entspricht jedoch nicht der Realität. Die Armutsgrenze liegt bei 50% des durchschnittlichen Nettoeinkommens, welches jedem Bürger monatlich zur Verfügung stehen sollte, jedoch entspricht die laufende Hilfe zum Lebensunterhalt heute in vielen Fällen nur ca. 45% dieses Einkommens. Daraus folgt, dass trotz finanzieller Hilfe viele Menschen weiterhin in Armut leben müssen. Hierbei lässt sich in Frage stellen, ob die Bezeichnung „bekämpfte Armut“ für diese Armutskategorie geeignet ist, da die Armut an sich in der Realität häufig keineswegs beseitigt wird.

Unter der latenten Armut ist die versteckte Armut bzw. die Dunkelziffer von Menschen zu verstehen, die einen Anspruch auf eine Grundsicherungsleistung hätten, diese aber nicht geltend machen. Gründe hierfür können Unkenntnis, Scham, Stolz oder Angst sein, die betroffene Personen daran hindern, einen entsprechenden Antrag zu stellen. Schätzungsweise kommen auf zwei Sozialhilfeempfänger ein bis zwei weitere Sozialhilfeberechtigte, die sich nicht auf ihr Recht berufen. Die passive Verwaltungsstruktur der Sozialhilfe trägt eher zur Stabilisierung der Dunkelziffer bei, anstatt sie zu verringern. Für die Soziale Arbeit stellt die latente Armut eine Problematik dar, die es stets zu beachten gilt. Insbesondere ist es notwendig darauf Acht zu geben, dass Menschen, welche in latenter Armut leben, nicht ausgegrenzt und stigmatisiert werden (vgl. Stimmer u. a. 2000, S. 50f).

Absolute Armut

Von absoluter Armut sind Menschen betroffen, deren Einkommen nicht ausreicht, um eine Existenzsicherung zu gewährleisten. Das physische Existenzminimum, das ein Überleben garantiert, umfasst z.B. die Ernährung, Unterkunft, Kleidung und die ärztliche Versorgung, also lebenswichtige Grundbedürfnisse, die im Falle der absoluten Armut nicht gestillt werden können. Nach der Definition der Weltbank gilt als absolut arm, wer weniger als 1,25 US$ pro Tag zur Verfügung hat. Es ist allerdings schwierig, die lebensnotwendige Güter- und Mittelausstattung jedes einzelnen Menschen genau festzustellen, da dies unter der Berücksichtigung von individuellen Gegebenheiten wie z.B. dem Alter, dem Geschlecht oder der Religion sowie unter Beachtung der regional unterschiedlichen, klimatischen Lebensbedingungen erfolgen muss. Da Deutschland zu den wohlhabenden und entwickelten Ländern gehört, sollte diese absolute Form von Armut, wie bereits erwähnt, hier nicht mehr existieren. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass es einige Menschen in Deutschland gibt, deren Lebenslagen sehr nahe an der Grenze zur absoluten Armut liegen. Hierzu zählen z.B. Wohnungslose, illegale Zuwanderer und Straßenkinder. Die häufig genutzten, kostenlosen Essens- und Kleiderausgaben, die vor allem Obdachlose, Einwanderer, Asylbewerber, Alleinerziehende, verschuldete Familien und Sozialhilfeempfänger in Anspruch nehmen, belegen die Zunahme von Armut in Deutschland (vgl. Stimmer u.a. 2000, S. 49f).

Um die Anzahl von Personen, die von absoluter Armut betroffen sind, zu mindern, müsste das Problem gelöst werden, dass beispielsweise die Obdachlosen den Anspruch des Sozialamtes nicht wahrnehmen.

Relative Armut

Zur Bestimmung der relativen Armut muss auf der einen Seite die ungleiche Einkommensverteilung betrachtet werden. Die relative Armut kann nur in Bezug auf das gesellschaftliche Umfeld definiert werden. Somit wird diese Armutsform durch das durchschnittliche Nettoeinkommen aller Haushalte des jeweiligen Landes bestimmt. Hierbei wird wiederum in drei Einkommensgrenzen unterteilt: Bei einem durchschnittlichen, nach Haushaltsgrößen gewichteten Einkommen liegt die Armutsgrenze bei 50% dieses Einkommens. Personen, die genau mit diesen 50% des durchschnittlichen Nettoeinkommens auskommen müssen, zählen zur Kategorie der gängigen Armut. Bei der Verfügung über 60% des durchschnittlichen Einkommens ist von einem Niedrigeinkommen die Rede, das nah an den Armutsbereich grenzt. Liegt das verfügbare Einkommen nur bei 40% oder weniger, so wird von strenger Armut gesprochen. Auf der anderen Seite spielt die relative Deprivation in sozial relevanten Lebensbereichen eine wichtige Rolle, die über die monetäre Betrachtung hinausgeht (vgl. Stimmer u. a. 2000, S. 49f).

In diesem Zusammenhang wird unter Deprivation psychologisch gesehen ein Entzug verstanden, z.B. Der Liebesentzug. Armut als relative Deprivation erfasst alle Mittel, die zur Teilnahme am typisch kulturellen und sozialen Leben einer Gesellschaft erforderlich sind. Dementsprechend umfasst diese Deprivation materielle Mittel, wie z.B. eine Wohnung mit angemessenen Ausstattungsgegenständen, Erwerbseinkommen und Vermögen und immaterielle Güter, wie z.B. eine Ausbildung, soziale Kontakte, Gesundheit und emotionales Wohlbefinden. Wenn diese Ressourcen nicht ausreichend zur Verfügung stehen, droht den Betroffenen die soziale Ausgrenzung und somit auch die Exklusion, was also dem Begriff entsprechend einen „Entzug“ von der Teilhabe an der Gesellschaft darstellt Die relative Armut ist der Armutstyp, der in Deutschland am häufigsten vorzufinden ist. Jedoch ist hierbei anzumerken, dass bei relativer Armut individuelle Bedürfnisse außer Acht gelassen werden (z.B. Alkoholkonsum bei Alkoholabhängigkeit) (vgl. Stimmer u.a. 2000, S. 49f).

Definition nach dem Ressourcen- oder dem Lebenslagenansatz

Definiert man Armut, kann man nach zwei verschiedenen Ansätzen vorgehen.

Zum Einen lässt sich eine eindimensionale Perspektive durch den Ressourcenansatz einnehmen. Der Ressourcenansatz umfasst die Dimensionen Einkommen, Vermögen, öffentliche Infrastruktur und sozialer Schutz, das heißt, hier wird die materielle Versorgung bzw. Unterversorgung betrachtet, die anhand des festgelegten Existenzminimums gemessen wird. Absolute Armut bedeutet aus dieser Perspektive, dass die Ressourcen nicht zur Beschaffung des physischen Existenzminimums ausreichen und demnach drückt relative Armut aus, dass die Ressourcen nicht zur Deckung des soziokulturellen Existenzminimums genügen.

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Details

Seiten
23
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656832232
ISBN (Buch)
9783656829881
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283425
Institution / Hochschule
Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes
Note
1,0
Schlagworte
Armut Kinderarmut Deutschland Soziale Arbeit

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Titel: Kinderarmut in Deutschland. Auswirkungen und Hilfsmöglichkeiten durch die Soziale Arbeit