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Leben und Arbeit bei Hartz IV. Eine neue Unterschicht als Folge der prekären Lebensverhältnisse?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 16 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1.Die Hartz-Reformen
1.1 Hartz I – III
1.2 Hartz IV

2. Prekarität und Prekariat
2.1 Begriffsbestimmung
2.2 Die Prekarier
2.3 Gesellschaftliche Exklusion

3. Hartz IV als Aussch(l)uss der Gesellschaft
3.1 Erwerbsorientierungen
3.1.1 Um-Jeden-Preis-Arbeiter
3.1.2 Als-Ob-Arbeiter
3.1.3 Nicht-Arbeiter
3.2 Die „underclass“-Debatte

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Innerhalb der vorliegenden Hausarbeit soll es darum gehen, in wie weit die durch Hartz IV eingeführten Bedingungen, z.B. Zunahme von prekären Verhältnissen, zu einer neuen Unterschicht führen, die sich arbeitsunwillig von der Gesamtgesellschaft zunehmend weiter abgrenzt. Zur Klärung der Fragestellung werden unterschiedliche Begriffsbestimmungen gegeben sowie die Zusammenhänge der einzelnen Themen herausgearbeitet.

Hartz IV ist das Signalwort der deutschen Arbeitsmarktpolitik der letzten Jahre. Eingeführt zur Reduzierung der Arbeitslosenzahl, erreichte die Reform eher eine Zunahme von unsichereren Arbeitsplätzen für immer niedrigeren Lohn. Die Angst vor einer lebenslangen Bindung an die Sozialleistungen des Staates, die keineswegs für ein Leben über dem Existenzminimum reichen, steigt. Vor dieser einschneidenden vierten Reform gab es bereits drei weitere Hartz Reformen, die mehr oder weniger in unserem heutigen Denken untergehen. Deshalb greift das erste Kapitel kurz den Inhalt aller vier Gesetze für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt auf.

Wie schon angedeutet gab es durch die Hartz Reformen einige einschneidende Veränderungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Durch Einführung von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Ein-Euro-Jobs und Minijobs zerbricht in vielen Fällen ein Normalarbeitsverhältnis und führt zu prekären Arbeits- und Lebensbedingungen oder auch zu einer unüberwindbaren Langzeitarbeitslosigkeit. Aber welche Menschen sind eigentlich vorrangig davon betroffen und was genau bedeutet dies für deren Lebensbedingungen? Darauf soll im zweiten Kapitel das Augenmerk gerichtet werden.

Ein großer Teil unserer Gesellschaft neigt dazu Arbeitslosengeld II-Empfänger als soziale Schmarotzer zu betrachten, die in ihrem Leben noch nichts geleistet haben und auf Kosten des Staates, somit auch auf Kosten des Steuerzahlers leben. Aufgrund dieses Bildes werden im dritten Kapitel die unterschiedlichen Erwerbsorientierungen von Langzeitarbeitslosen eingehend beleuchtet. Zusätzlich wird der Frage nachgegangen, ob sich durch die Reform eine so genannte neue „underclass“ entwickelt hat.

1.Die Hartz-Reformen

1.1 Hartz I – III

Peter Hartz entwickelte 2002 zusammen mit einer festgelegten Kommission das nach ihm benannte Hartz Konzept. Dies umfasst vier Gesetze für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt.

Am 1. Januar 2003 trat Hartz I als Erstes Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt in Kraft. Mit dieser ersten Hartz Reform wurden Erleichterungen für die neuen Formen von Arbeit eingeführt. Die Bundesanstalt für Arbeit förderte berufliche Weiterbildungen und stellte Bildungsgutscheine aus. Zusätzlich wurden durch private Träger geführte Personal-Service-Agenturen eingerichtet. Diese Agenturen sind vermittlungsorientierte Leihunternehmen. Ein Gleichstellungsgrundsatz für Leiharbeiter wurde im Gesetz verankert, welches gleiche Arbeitszeiten, Arbeitsentgelte und Urlaubsansprüche der Stammarbeiter ebenfalls für die geliehenen Arbeiter festlegte. Sperr- und Zumutbarkeitsregelungen wurden verschärft, so dass Arbeitnehmer sich direkt nach Erhalt der Kündigung arbeitslos melden müssen. Andernfalls wird das Arbeitslosengeld gekürzt. Außerdem müssen sie nach 4 Monaten der Arbeitslosigkeit, soweit sie keine familiären Verpflichtungen haben, bundesweit einsatzbereit sein.

Hartz II trat ebenfalls am 1. Januar 2003 als Zweites Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt in Kraft, wobei einige getroffene Regelungen erst später wirksam wurden. Der Kern dieser Reform war die Einführung von geringfügigen Beschäftigungen wie Mini- und Midi Jobs, sowie Ich AGs. Zusätzlich wurde eine neue Institution, das Jobcenter, eingerichtet

Am 1. Januar 2004 trat Hartz III als Drittes Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt in Kraft. Die Bundesanstalt für Arbeit wurde zur Bundesagentur für Arbeit umstrukturiert und umgebaut. Die regionalen Jobcenter sind zentrale Anlaufstellen, in denen sich Fallmanager intensiv um Langzeitarbeitslose kümmern können. Die Zahl der Fälle pro Sachbearbeiter wurde stark gesenkt. Besondere Aufmerksamkeit sollen Arbeitslose ab 50 Jahren erhalten (Verein für Soziales Leben e.V. 2011).

1.2 Hartz IV

Am 1. Januar 2005 wurde Hartz IV als Viertes Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt eingeführt. Mit dieser Reform wurden die Leistungen der Arbeitslosenversicherung und die Organisation der Arbeitsvermittlung grundlegend umgebaut. Die ehemaligen Leistungen der Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe wurden zum Arbeitslosengeld II zusammen geführt, was ebenfalls zu einer Zusammenlegung von Arbeitsamt und Sozialamt führte. Die Gesetzesgrundlage der Grundsicherung für Arbeitssuchende ist das Sozialgesetzbuch II.

Mit der Einführung von Hartz IV wurde die Gewährung des Arbeitslosengeldes I auf 12 Monate bzw. in Ausnahmefällen z.B. bei älteren Arbeitslosen auf maximal 18 Monate gekürzt. Somit besteht die Gefahr schneller in den Bezug des Arbeitslosengeldes II zu rutschen, was wiederum zu einer schnelleren Verarmung bei längerer Arbeitslosigkeit führen kann. Ehemalige Sozialhilfeempfänger erhalten keine einmaligen Hilfen zum Lebensunterhalt bei besonderem Bedarf mehr. Allerdings ist die Grundleistung von Hartz IV etwas höher als die ehemalige Sozialhilfe. Zusätzlich bleiben die Empfänger des Arbeitslosengeldes II weiterhin in der gesetzlichen Kranken- und Renten- sowie der sozialen Pflegeversicherung.

Im Zuge der Hartz Reformen nahm die Arbeitslosigkeit zwar ab, doch die Zahl der Vollzeitbeschäftigten reduzierte sich ebenfalls. Dagegen nahm die Zahl der Teilzeitbeschäftigten stark zu. Der stetig wachsende Niedriglohnsektor eignet sich allerdings nicht als Brücke in den 1. Arbeitsmarkt, so dass das ursprüngliche Ziel der Reform, die Eigenverantwortung zu stärken und den Lebensunterhalt aus eigenen Kräften sicherzustellen, nur schwer erreicht werden kann (vgl. Hassel/Schiller, 2010, S. 29ff.).

Es kann festgehalten werden, dass die Gesetze für moderne Dienstleistungen einen wesentlichen Einschnitt in der Entwicklung des deutschen Wohlfahrtsstaates brachten. Zurzeit gibt es ca. 1,6 Millionen Langzeitarbeitslose in Deutschland, bei denen trotz positiver Entwicklungen kein spürbarer nachhaltiger Integrationseffekt nachgewiesen werden kann. Durch den Reformprozess mangelt es bei den Betroffenen an materiellen wie auch moralischen Ressourcen, die für die Basis einer stabilen Erwerbsorientierung nötig sind. Gerade am unteren Ende der sozialen Hierarchie sind weitreichende einschneidende Veränderungen sichtbar (vgl. Dörre, 2008, S. 6-8).

2. Prekarität und Prekariat

2.1 Begriffsbestimmung

Prekarität und Prekariat sind neue Signalwörter sozialer Ungleichheit (vgl.Vogel, 2008, S. 12f.). Die sozialen Unterschiede zwischen einzelnen Klassen und Schichten gewinnen wieder zunehmend an Bedeutung, so dass eine große Verunsicherung die gesellschaftliche Grundstimmung prägt. Zuvor integrierte Bevölkerungsteile werden aus der produktiven Arbeitswelt hinausbefördert und kämpfen mit immer prekärer werdenden Situationen. Diese umfassen neben dem Einkommen auch die Bereiche Wohnung und Gesundheit. Es gibt drei wesentliche Kristallisationspunkte prekärer Verhältnisse. Der erste Punkt umfasst die Gruppe von Menschen am unteren Ende, die auch die Überzähligen genannt werden. Dies ist die Mehrzahl der Grundsicherungsempfänger (ALG II), die weiterhin eine Integration in eine Beschäftigung anstreben. Die zweite Gruppe sind die eigentlichen Prekarier. Ein hoher Anteil an Frauen und Geringqualifizierte müssen über längere Zeiträume hinweg unsichere, niedrig entlohnte Arbeit ausüben, die gesellschaftlich nicht einmal anerkannt wird. Der letzte Kristallisationspunkt ist eine Gruppe von Arbeitnehmern mit gesicherten Arbeitsplätzen, die trotz keiner objektiven Bedrohung eine starke Angst vor dem Statusverlust haben. (vgl. Dörre, 2008, S. 3ff.).

Der Ursprung der Prekarisierungsprozesse liegt im System der Erwerbsarbeit, aber die Prekarität weitet sich auch auf andere gesellschaftliche Teilsysteme und Lebensbereiche aus (vgl. Vogel, 2008, S.12). Allerdings existieren in diesen Bereichen weitgehend eigenständige Ursachen. Es ist festzustellen, dass das Prekariat eine Verfestigung von Arbeits- und Lebensverhältnissen ist, die stark durch existentielle Unsicherheit geprägt ist (vgl. Bescherer et. al., 2008, S. 12). „Prekarisierungsprozesse durchziehen unsere Gesellschaft auf breiter Front und destabilisieren die sozialen Sicherungssysteme, die sich im Verlauf der Entwicklung des industriellen Kapitalismus herausgebildet hatten“ (Castel, 2009, S. 22).

Eine ganz spezifische Form des Ausschlusses lässt sich an der Überlappung der „Zone der Prekarität“ zur „Zone der Entkopplung“ (Zonenmodell von Castel) feststellen. Dies ist der Bereich der fortdauernden Langzeitarbeitslosigkeit. Dieser Ausschluss von regulärer existenzsichernder Erwerbsarbeit lässt sich nur durch Integrationsmaßnahmen oder prekäre Beschäftigungsverhältnisse unterbrechen, welche als letzte Hoffnung in der Not auch wahrgenommen werden (vgl. Bescherer et. al., 2008, S. 14).

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Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656832034
ISBN (Buch)
9783656829218
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283319
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Institut für soziale Arbeit und Sozialpolitik
Note
1,0
Schlagworte
leben arbeit hartz eine unterschicht folge lebensverhältnisse

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