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Die Gerichtsportale an der West- und Nordfassade der Kathedrale in Reims. Ein Vergleich

Essay 2014 11 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Die Gerichtsportale von Reims

An der Kathedrale Notre-Dame in Reims findet man gleich zwei Mal das Thema des Jüngsten Gerichts. Doch nicht nur diese Tatsache stellt eine Besonderheit dar, auch die Darstellungen an sich sind sehr interessant komponiert. Die Gestaltung des Weltgerichts am Südportal der Westfassade, sowie die an der Nordfassade sollen vorgestellt und verglichen werden.

Das Südportal der Westfassade

Der Grundstein der Kathedrale von Reims wurde im Jahr 1211 gelegt. Damit begann der Bau einer der schönsten und bedeutendsten Gotteshäuser der Gotik.[1] Die genaue Datierung der Fertigstellung der Westfassade ist noch nicht ganz geklärt, sie wird zum jetzigen Forschungstand zwischen 1255 bis Ende des 13. Jahrhunderts angesetzt.[2]

Die Westfassade der Kathedrale wird auch Reimser Fassade genannt und spielt eine herausragende Rolle in der mittelalterlichen Kunstgeschichte, da es die einzige Kathedralenfassade ist, die vor allem in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entworfen und fertiggestellt wurde. Diese Phase gilt als „Phase der Ausgewogenheit“[3], was man auch an der weitgehenden symmetrischen Fassadengliederung erkennen kann. Dieser harmonische Stil ist der Vorläufer des Flamboyant- Stils.[4]

Die Portale der Westfassade erzählen - von links nach rechts - von der Passion Christi und von Szenen unmittelbar davor und danach, vom Leben der Muttergottes Maria und vom Jüngsten Gericht. Hierbei ist auffällig, dass das Jüngste Gericht an die Seite gerückt wurde und nicht wie bei den wichtigen gotischen Kathedralen Frankreichs vor Reims (u.a. St. Denis, Chartres, Amiens) im Mittelpunkt steht.[5] Es ist anzunehmen, dass die Marienkrönung im Fokus steht, da es sich bei der Reimser Kathedrale um die Krönungskirche der französischen Könige handelte.[6]

Im Gewände des Südportals befinden sich Aposteln und Propheten, die den Messias angekündigt haben, die sogenannten Christophoren.[7] Die Propheten rechts sind - von außen nach innen- um Aaron oder Samuel[8], Abraham mit Isaak, Mose und die Säule der ehernen Schlange, Jesaja mit dem schlafenden Jesse zu seinen Füßen, Johannes der Täufer mit dem Lamm Gottes und Simeon mit dem Christuskind.[9] Die Propheten im sogenannten Christophorenstil sind die ältesten Statuen an der Kathedrale. Sie wurden vermutlich für die Kathedrale des 12. Jahrhunderts entworfen, um diese dem Zeitgeschmack anzupassen. Ihre Entstehungszeit wird auf 1215 festgesetzt. Sie sind in ihrem Stil massiver und heben sich bereits etwas von der Säule ab.[10] Die übrigen Skulpturen am Südportal werden der Reimser Werkstatt zugeordnet, die mit der Entstehungszeit zwischen 1230 und 1250 zum jüngsten Stil der Kathedrale gehören.[11]

Man vermutet, dass links abwechselnd Aposteln des Neuen Testaments und Propheten des Alten Testaments aufgestellt werden sollten.[12] Bruno Decrock interpretiert dies als geplante Veranschaulichung der „Grundfeste der Kirche und des Glaubens“[13]. Unter ihnen befindet sich ein Mann mit einem langen Waffenrock und Mantel, der ein Buch in der Hand hält, ein Prophet mit einer Kippa und einer heute zerstörten Banderole, sowie ein weiterer noch nicht identifizierter Apostel. Die Attribute sind zu allgemein gehalten, sodass eine Zuordnung zu historischen Persönlichkeiten schwer ist.[14] Nur zwei der Figuren stören das geplante Schema: der Bischof außen, der kein Palladium bei sich hat und der Papst -vermutlich der Heilige Calixtus- mit Tiara und Rationale in der Mitte. Ihre Versatzzeichen deuten allerdings darauf hin, dass sie ursprünglich im nördlichen Portal aufgestellt werden sollten.[15]

Über dem Gewände erstrecken sich die Archivolten. Sie verbildlichen apokalyptische Szenen aus der Offenbarung des Johannes und zeigen sich für die gotische Zeit in ihrem Ausdruck sehr expressiv. Im ersten Register außen links wird Johannes, auf Geheiß des Engels, schreibend dargestellt. Leider hat die linke Seite unter den Restaurierungen gelitten. Zehn der 26 Kleinfiguren in den äußeren Bogenläufen stammen nicht mehr aus dem 13. Jahrhundert. Dadurch wurde die Reihenfolge der Berichterstattung des Johannes durcheinander gebracht.[16] Die Erzählung beginnt im unteren linken Register mit dem Hinweis auf die sieben Gemeinden Asiens (Offb. 2-3). Die logische Reihenfolge findet in den beiden unteren Registern der rechten Seite mit der Erwähnung der fünften, sechsten und siebten Posaune der Apokalypse statt. Die Erzählung der sechsten Posaune wird im angrenzenden Eckstrebepfeiler fortgeführt. Der Erzählstrang wird von links nach rechts, also von innen nach außen gelesen. Die Reliefs der darüber liegenden Arkade zeigen das Lamm mit den sieben Siegeln (Offb. 5,6-6,11).[17]

In den Archivolten erkennt man an mehreren Stellen gekrönte Könige. Ihre Bedeutung ist nicht ganz klar. Bruno Decrock interpretiert sie als Anbeter des Tieres.[18] Ich empfinde diese Interpretation als schwierig, da es sich bei der Kathedrale von Reims um die Krönungskirche der französischen Könige handelt. Um sie herum sind apokalyptische Engel zu sehen. Auf der linken Seite sind ein Engel mit scharfer Sichel (Offb. 14,14-20), der die Welt erntet, und ein Engel, der den Wind zurückhält (Offb. 7,1), abgebildet. Auf der rechten Seite unten sind die an den Euphrat gefesselten Engel (Offb. 9,14) zu erkennen, darüber kämpfen die Engel im Himmel und der Erzengel Michael tötet den Drachen (Offb. 12,7). Dieser Kampf trennt die Engel: die Guten festigen sich und die Bösen stürzen ins Verderben. Es folgen Menschen, die von diversen Tieren, unter anderem Vögel (Offb. 19,17-18), gepeinigt werden. Außerdem sieht man den Reiter Fidelis et Verax (Treu und Wahrhaftig), aus dessen Mund ein scharfes Schwert hervortritt (Offb. 19,11-15) und zwei Engel, die ein aufgeschlagenes Buch tragen und die kommende Herrschaft Gottes verkünden (Offb. 12,10), sowie ein Engel der einen Stein in Form eines Mühlsteins -ein Symbol für Babylon- ins Meer wirft (Offb. 18,21). Der Erzählstrang endet oben im äußeren Bogenlauf mit dem Sieg über den Teufel, der nun für tausend Jahre in die Unterwelt gestürzt wird (Offb. 20,2-3).[19]

Die Kleinfiguren in den Türpfosten lassen sich nur schwer erkennen. Auf der linken Innenseite sind die Tugenden zu sehen. Im zweiten Register darüber steht Ecclesia mit der Fahne, im dritten Register ein Krieger, der wahrscheinlich die Kirche beschützen soll. Es folgen vier Personifikationen der Tugenden: Pudicitia, Caritas, Sapientia und Spes.[20]

Im Kontrast werden auf der rechten Seite Laster aufgezeigt. Sie sind über der Synagoge und einem leeren Tabernakel angeordnet, die für den Götzendienst stehen sollen. Die Frau mit den entblößten Brüsten stellt sicher die Luxuria dar, während die geschäftige Frauengestalt hinter einem üppig dekorierten Stand die Avaritia personifiziert.[21]

Die Interpretation der Figuren am äußeren Türpfosten ist noch schwerer. Diese befinden sich über einem Teufel aus der Hölle und dem Rachen des Leviathans. Die Darstellung der Hölle sollte die Menschen davon abringen zu sündigen und sie zu einem gottesfürchtigen und tugendhaften Leben bewegen. Bruno Decrock sieht in den Männergestalten ebenso Personifikationen der Tugenden und Laster. Der Mann links, der vom Pferd fällt, stellt demnach den Hochmut dar. Der nackte Mann darüber steht in Verbindung zur Luxuria, während der dösende Mann ganz oben die Trägheit personifiziert. Die Kleinfiguren auf der rechten Seite, die sich über einer Frau mit Buch und Phiole befinden, wurden noch nicht eindeutig identifiziert. Man geht davon aus, dass sie die Jahreszeiten darstellen sollen.[22]

Das Gesamtthema und Namensgeber für das südliche Portal der Westfassade wurde in Reims in den Wimperg verlagert. Dort thront Christus, der beim Jüngsten Gericht die Schafe von den Böcken trennen wird (Mt. 25,31-32).[23] Zu seiner Seite stehen jeweils zwei Figuren mit den Passionswerkzeugen, welche von der Offenbarung am Ende der Zeit und der Wiederkunft Christi zeugen.[24] Zudem präsentiert Christus seine Wundmale an den Händen. Die Szene ist im Vergleich zu anderen Gerichtsdarstellungen karg ausgeführt. Das hat sicher mit der relativ kleinen Fläche am Wimperg zu tun. Zudem müssen die Figuren groß genug gemacht werden, sodass der Betrachter sie auf diese Entfernung ohne Probleme wahrnehmen kann. Normalerweise befindet sich die Szene im Tympanon.[25]

Das Tympanon stellt eine große Besonderheit in der gotischen Architektur dar. Anstatt eines steinernen Reliefs auf der Fassade, wurde das Tympanon verglast und mit Rosetten und Pässen geschmückt.[26] Das architektonische Formenspiel berücksichtigt hier „die letzte Neuerung der Rayonnant[27] - Gotik.“[28] Diese strebt die vollkommen aufgelöste und verglaste Fassade an. Bruno Chauffert-Yvart geht davon aus, dass hier das erste Mal ein Portaltympanon verglast wurde[29], allerdings gab es auch schon kleinere frühere Bauten, die durchglaste Tympana aufweisen, wie z.B. Taverny (1220/30).[30] Auch die Querhausfassade von Notre-Dame zu Paris lässt diese Bestrebung erkennen.[31]

Dafür befindet sich rechts neben dem Portal eine Art „Blendtympanon“. Darauf sind drei Engel zu erkennen, die an den Euphrat gekettet wurden. Der vierte befindet sich zwischen den Bögen. Darüber steht das Lamm, welches die Sieben Siegel des Buches öffnet und die Ältesten der Apokalypse. Über der Szene erkennt man nackte Reiter „among whom is a woman galloping across the wavy clouds that comprise terrain.“[32] Nackte Reiter sind ein sehr seltenes Bild. Nur der vierte Reiter, der Tod, wird in wenigen Manuskripten ohne Bekleidung dargestellt.[33] In der Summe zeigt es das Brechen des fünften Siegels in der anglo- normannischen Tradition.[34]

[...]


[1] Vgl. Chauffert-Yvart, Bruno. Die Architektur. In: Demouy, Partick [Hg.]: Reims. Die Kathedrale. Regensburg 2001. S. 115.

[2] Vgl. Ebd. S. 119.

[3] Decrock, Bruno: Die Skulpturen. In: Demouy, Partick [Hg.]: Reims. Die Kathedrale. Regensburg 2001. S. 169.

[4] Vgl. Ebd. S. 169.

[5] Vgl. Fassaden der jeweiligen Kathedralen. Eine Ausnahme bildet unter anderem auch Laon.

[6] Vgl. Hedwig, Klaus [Hg.]: Die Kathedrale in Reims. Architektur als Schauplatz. Frankfurt am Main 1987. S. 33f.

[7] Vgl. Decrock. S. 192.

[8] Die Identifizierung ist nicht eindeutig.

[9] Vgl. Sadler, Donna L.: Reading the Reverse Facade of Reims Cathedral. Royalty and Ritual in Thirteenth- Century France. Farnham, Burlington 2012. S. 44-46.

[10] Vgl. Decrock. S. 212f.

[11] Vgl. Ebd. S. 173.

[12] Vgl. Ebd. S. 192f.

[13] Ebd. S. 192f.

[14] Vgl. Sadler. S. 46.

[15] Vgl. Decrock. S. 193.

[16] Vgl. Ebd. S. 184.

[17] Vgl. Ebd. S. 184.

[18] Vgl. Ebd. S. 193.

[19] Vgl. Ebd. S. 193f. Die Angaben der Bibelstellen wurden überarbeitet.

[20] Vgl. Ebd. S. 194.

[21] Vgl. Ebd. S. 194f.

[22] Vgl. Ebd. S. 195.

[23] Vgl. Ebd. S. 194.

[24] Dieses Bild war erst im 12. Jahrhundert weiter verbreitet. Davor zeigte man eher das Kreuz als Zeichen der Glorie. Vgl. Christe, Yves: Das Jüngste Gericht. Aus dem Französischen übers. v. Lauble, Michael. Regensburg 2001. S. 94.

[25] Vgl. unter anderem mit Chartres und Amiens.

[26] Die Glasmalerei kann nur im Inneren der Kathedrale richtig gesehen werden und wird aus diesem Grund ausgelassen.

[27] Der Rayonnant- Stil kam mit dem Bau von St. Denis 1231 auf. Vgl. Decrock. S. 210.

[28] Chauffert-Yvart. S. 146.

[29] Vgl. Ebd. S. 146f.

[30] Vgl. Corsepius, Katharina: Notre-Dame-en-Vaux. Studien zur Baugeschichte des 12. Jahrhunderts in Chalons-Sur-Marne. Stuttgart 1997. S. 132.

[31] Vgl. Chauffert-Yvart. S. 146.

[32] Sadler. S. 47.

[33] Unter anderem im Liber Floridus und BnF Lat. 8865. Des Weiteren weist Donna L. Sadler auf die Bibles moralisées hin, welche in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts von nackten Reitern erzählt. Vgl. Sadler. S. 47.

[34] Auf die Frau über dem Blendtympanon wird bewusst nicht eingegangen, da zu ihrer Deutung die komplette Fassade und die Frauenfigur über dem Nordportal miteinbezogen werden muss.

Details

Seiten
11
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656831952
ISBN (Buch)
9783656828914
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283290
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Kunstgeschichte
Note
2,3
Schlagworte
Gotik Jüngstes Gericht Portal Reims Kirche Kirchengestaltung Tympanon Gerichtsportal

Autor

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