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Welche Schule ist die richtige für mein Kind?

Elterliche Entscheidungsfaktoren beim Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I

Hausarbeit 2014 13 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Übergang in die Sekundarstufe I
2.1 Elternentscheidung und Lehrerdiagnose
2.2 Selektion im dreigliedrigen Schulsystem
2.3 Durchlässigkeit des Schulsystems

3. Elterliche Entscheidungsfaktoren beim Übergang in die Sekundarstufe I
3.1 Der Einfluss der Eltern auf die Schullaufbahnentscheidung
3.2 Sozioökonomischer Status und Schulwahl

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In unserer Gesellschaft werden nahezu alle Menschen während ihres biographischen Ver- laufs mit Übergängen konfrontiert. Die Familie stellt im Zuge der (früh-)kindlichen Phase den ersten Kontext dar, in dem Kinder sozialisiert werden und sich entwickeln. Diesem Schutzraum steht jedoch mit Eintritt in den Kindergarten die erste Form eines institutionell bedingten Übergangs gegenüber; hier befinden sich Kinder in einem neuen Lebensbereich, der nach anderen Regeln funktioniert wie die Familie. Für die Anpassungsfähigkeit und die individuelle Entwicklung von Kindern stellt dieser Eintritt in das Bildungssystem eine ganz besondere Herausforderung dar: Ungewissheit, Unsicherheit, aber auch die Chance, sich neuen Erfahrungen zu öffnen, können als daraus resultierende Aspekte genannt wer- den. Vor allem aber wird den Kindern im Zuge dieser frühen institutionellen Eingebunden- heit deutlich, dass sie mit weiteren Übergängen konfrontiert werden, da der Kindergarten auf die Schule vorbereitet. „Damit werden Übergänge - schon für Kinder - einerseits ver- alltäglicht und stellen andererseits aber auch hohe Anforderungen an die Fähigkeit, sich neu orientieren und neu verorten zu können. Denn in Übergängen treten Menschen aus bekannten in unbekannte und fremde Situationen ein, weshalb Übergänge oft auch als sen- sible Phasen bezeichnet werden.“1

Mit dem Übergang in die Grundschule sowie die weiterführende Schule stehen Kinder erneut vor Institutionswechseln, die „einen hohen biografischen Stellenwert für das weitere Leben“2 haben. Diese Transitionen im Bildungssystem sind nicht nur mit sich immer wieder verändernden Sozialisationsprozessen verbunden, sondern ebenso mit ansteigenden Erwartungen an die eigene schulische und berufliche Zukunft. Die Eltern spielen dabei eine besondere Rolle, da sie die Bildungsübergänge ihrer Kinder maßgeblich mit beein- flussen. Sie stellen sich die Frage, welche Schule die richtige für ihr Kind ist und wo es bestmöglich gefördert wird.

Die vorliegende Arbeit behandelt daher die Rolle elterlicher Entscheidungsfaktoren beim Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I. Gerade beim Wechsel auf die weit- erführende Schule stehen Eltern vor einer wichtigen Entscheidung, die sie zusammen mit ihrem Kind treffen müssen: Welche Schule ist die richtige? Es sollen im weiteren Verlauf Faktoren thematisiert werden, die die Elternentscheidung beeinflussen; welche Rolle spie- len bspw. Bildungskarriere der Eltern, sozioökonomischer Status und die damit verbundene Selektivität des deutschen Bildungssystems? Eingangs wird zunächst auf institutionelle Rahmenbedingungen eingegangen, mit denen SchülerInnen wie Eltern konfrontiert wer- den: (soziale) Selektion und Durchlässigkeit im Schulsystem sowie Elternentscheidung versus Lehrerdiagnose. Es soll hierbei vor allem behandelt werden, wie elterliche Schul- formpräferenzen professionellen diagnostischen Verfahren seitens Psychologen sowie Lehrerinnen und Lehrern gegenüberstehen. Schließlich behandelt der Hauptteil dieser Ar- beit konkret den Einfluss der Eltern auf die Schullaufbahnentscheidung sowie die Rolle des sozioökonomischen Status und elterliche Bildungsaspiration für den Übergang in die Sekundarstufe I.

Forschungsansätze zum Übergang von der Primar- in die Sekundarstufe gehen derzeit von zwei möglichen Perspektiven aus: „Die gesellschaftstheoretische Perspektive betrachtet den Übergang […] als strukturell schulischen Selektionsmechanismus. Daneben existieren subjektorientierte Ansätze, die den Übergang als bildungsbiografisches Ereignis und als Chance oder Risiko für die kindliche Bildungskarriere erforschen.“3 Letzterer Forschungsansatz geht dabei davon aus, dass die Zuweisung einer bestimmten Schulform für „weitere Lebens- und Sozialchancen und so für den gesellschaftlichen Status der Men- schen wegweisend ist.“4 Für die Rolle der Eltern sind vor allem entscheidungstheoretische Modelle relevant: Man geht hierbei davon aus, dass die Schullaufbahnentscheidung primär von den Eltern unter Kosten-Nutzen-Abwägungen bestimmt wird. Eltern wissen in der Regel nicht, ob ihr Kind den eingeschlagenen Bildungsweg erfolgreich durchlaufen wird, weshalb diese Abwägung vorgenommen wird. Je nachdem, welchen sozialen Status die Familie hat, kann unterschiedlich viel Aufwand für den Schulerfolg der Kinder betrieben werden; dieser Aufwand zeigt sich z.B. in finanziellen Möglichkeiten, wird aber auch - wie kultursoziologische Ansätze von Pierre Bourdieu zeigen - von einem familiären Habitus beeinflusst, der möglichst an folgende Generationen weitergegeben werden soll. Als Kon- sequenz wird daher Kritik geäußert, die sich auf ungleiche Bildungschancen von Kindern ebenso bezieht wie die Annahme, dass der Übergang vom Primar- in den Sekundarbereich „einen Beitrag zur Reproduktion der Sozialstruktur der Gesellschaft und der Stabilisierung ökonomischer und kultureller Eliten“5 leistet.

Im folgenden Teil wird nun der Übergangsprozess von der Grundschule in die weiter- führende Schule unter den Aspekten der Selektion, Durchlässigkeit, Elternentscheidung und Lehrerdiagnose behandelt.

2. Der Übergang in die Sekundarstufe I

2.1 Elternentscheidung und Lehrerdiagnose

Bevor Schülerinnen und Schüler6 von der Grundschule in die Sekundarstufe I wechseln, wird im Gespräch zwischen Lehrern und Eltern eine Schullaufbahnempfehlung diskutiert, welche in den verschiedenen Bundesländern Deutschlands unterschiedliche Auswirkungen auf die tatsächliche Schulwahl hat. Neben der verbindlichen Schullaufbahnempfehlung (z.B. in Bayern, Sachsen, Thüringen), bei der das Lehrerurteil Vorrang hat, gibt es in an- deren Bundesländern Mischformen sowie Formen, bei denen letztlich allein der Elternwille entscheidet, auf welche Schulform das Kind wechselt (u.a. Brandenburg, Bremen, Nieder- sachsen).

Um einschätzen zu können, welche Schulart für das eigene Kind die richtige ist, „ist es die Aufgabe der Lehrperson, über einen langen Zeitraum für jeden einzelnen Schüler […] möglichst viele Informationen in verschiedenen Bereichen zu sammeln: neben den Schulleistungen auch über Sozial- und Lernverhalten sowie die Lernfähigkeit […].“7 Nur so kann am Ende der Grundschullaufbahn eine Prognose für die folgende Schulwahl er- stellt werden. An dieser Stelle stehen sich die Ansichten von Lehrern und Eltern gegenüber. Eltern kennen ihre Kinder viel besser als bspw. der Klassenlehrer; sie wissen, wie ihr Kind zu Hause lernt oder wie ausdauernd und konzentriert es an Hausaufgaben arbeitet. Lehrer hingegen verfügen über diagnostische Verfahren, die es ihnen ermöglichen, genauere Aus- sagen über Lernprozesse sowie Arbeits- und Sozialverhalten zu machen. Oft berufen sich Eltern lediglich auf die direkt im Zeugnis ablesbaren Schulleistungen ihrer Kinder, um ihre

Wahl der weiterführenden Schule zu untermauern; Noten sind jedoch nicht die einzigen Prädiktoren für Schulerfolg: „Da im Kontext der Schulleistungen bislang weder alle rele- vanten Bedingungen bekannt sind, noch diese auf der empirischen Ebene hinlänglich er- fasst (operationalisiert) werden können, stellt die Vorhersage des Schulerfolgs eine eingeschränkte Prognose dar.“8

Schullaufbahnempfehlungen werden oft in Zusammenarbeit mit Schulpsychologen erstellt, da diese unter Berücksichtigung von Persönlichkeits- sowie soziobiografischen Merkmalen genauere Aussagen über den Entwicklungsstand des Kindes treffen können. Es stellt sich die Frage, ob durch diagnostische Verfahren die Empfehlungen von Lehrern zutreffender sind als die Einschätzungen der Eltern. „Hinsichtlich der Akkuratheit von Lehrerurteilen bezüglich der Schülerleistungen zeigen verschiedene Studien (Demaray/Elliot 1998; Fein- berg/Shapiro 2003; Hoge/Coladarci 1989; Hosenfeld/Helmke/Schrader 2002; Schrader/ Helmke 1987; Schrader 1989; zusammenfassend Spinath 2005), dass Lehrerinnen und Lehrer im Allgemeinen gute Diagnostiker bzw. Diagnostikerinnen sind. Zwischen den Lehrerurteilen und den Ergebnissen der Schülerinnen und Schüler bei Leistungstests treten hohe Korrelationen auf.“9

Nicht immer befolgen Eltern die Empfehlung der Lehrkraft. Dies tritt vor allem dann auf, wenn SuS eine Haupt- oder Realschulempfehlung erhalten, die Eltern ihr Kind jedoch auf ein Gymnasium schicken möchten. Erhebungen des Statistischen Landesamtes Baden- Württemberg haben bspw. ergeben, dass im Schuljahr 2005/06 die Nichtzustimmung bei Erhalt einer Hauptschulempfehlung von Eltern im Schulamtsbezirk Stuttgart bei rund 29%, und im Landkreis Ravensburg bei 23% liegt.10 Diese Entscheidungen werden häufig von Eltern mit höherem sozialen Status getroffen, während Familien mit niedrigerem sozialen Status die Empfehlung des Grundschullehrers eher annehmen. Zu erwähnen ist jedoch auch, dass in vielen Bundesländern Aufnahmetests vorgesehen sind, die die SuS bestehen müssen, um bei einer Nichtzustimmung auf die gewünschte Schulform aufgenommen wer- den zu können: Daran angeknüpft wird „in vielen Bundesländern die freie Schulartwahl durch umfassende Leistungsvorgaben eingeschränkt“.11

Mit der Lehrerdiagnose wird außerdem deutlich, dass die Kinder klar einer „schul- bürokratischen Erziehungs-, Bildungs- und Ausbildungsfürsorge“12 des Schulsystems un- terliegen. Im folgenden Teil wird auf die Konsequenz dessen eingegangen, da sich hier bereits der selektive Charakter abzeichnet, den vor allem das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland ausmacht. Während Eltern im Normalfall die höchstmögliche Schulform für ihr Kind wünschen, werden GrundschullehrerInnen mit der Aufgabe konfrontiert, Bil- dungsübergänge und -laufbahnen einzuleiten, um den SuS den bestmöglichen Bildungser- folg zu ermöglichen. Der Elternwille steht daher „in Konkurrenz zum schulischen Selek- tions- und Steuerungsanspruch, der sich vor allem auf die besonders präferierten höheren Schulformen der Realschule und des Gymnasiums bezieht“13.

[...]


1 Helsper, Kramer, Thiersch, Ziems: Selektion und Schulkarriere. S. 23.

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Ebd. S. 24.

5 Ebd. S. 28.

6 nachfolgend „SuS“

7 Richert, Peggy: Elternentscheidung versus Lehrerdiagnose. S. 14. zit. n. Ingenkamp (1985).

8 Ebd.

9 Ebd. S. 15.

10 vgl. Weidenhorn 2011. S. 93.

11 Ebd. S. 48.

12 Ebd.

13 Ebd.

Details

Seiten
13
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656826576
ISBN (Buch)
9783656827108
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283235
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
welche schule kind elterliche entscheidungsfaktoren übergang grundschule sekundarstufe

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