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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Begriffsklärungen: was kann „Nation“ bedeuten? Was ist „Identität“?

II. Israel als „normale“ Nation? Ein „gewöhnliches Volk unter Völkern“?
- „gemeinsame Sprache“: das Neuhebräische als Kunstsprache
- „gemeinsame Kultur“: melting-pot Israel
- „gemeinsame Religion“ und das Spannungsverhältnis zwischen israelischer und jüdischer Identität
- „gemeinsame Geschichte“: Geschichtsschreibung als Konstruktion von kollektivem Gedächtnis

III. Israel als imagined community (B. Anderson)?
- „heiliger Anfang“ (M. Mitterauer) und gemeinsame Mission:
- die Gegenwart: Israels Probleme mit der „Seelenfindung“ (A. Nocke):

IV. Schlusswort: Wege aus der Identitätskrise?

Einleitung

Was ist eigentlich so interessant an der Frage, ob Israel eine „Nation“ ist? Israel ist immerhin ein relativ gut funktionierender demokratischer „Staat“...

Das Verhältnis zwischen den Begriffen „Staat“ und „Nation“[1] ist ein sehr komplexes. Teilweise beschreiben beide dasselbe Phänomen an Hand anderer Kriterien; in mancherlei Hinsicht bezeichnen sie aber auch ganz andere Formen gesellschaftlicher Wirklichkeit. Der entscheidende Unterschied scheint mir in der Art der Legitimität zu liegen. Ein „Staat“ bezieht seine Legitimität durch formale Gegebenheiten.[2] Wird die Staatsgewalt effektiv ausgeübt, funktioniert das staatliche Gewaltmonopol - wird die staatliche Ordnung geachtet, weil ihre Missachtung sanktioniert ist, dann funktioniert der Staat. Er funktioniert, weil man ihn fürchtet, weil die Staatsgewalt einfach existiert.

Bei der „Nation“ hingegen kommt die Legitimität durch eine affektive Bindung der ihr Angehörigen an das (eventuell nur symbolische) Zentrum. Fallen „Staat“ und „Nation“ zusammen, genießt der Staat quasi eine „doppelte Legitimität“ – durch die Effizienz seiner formalen Strukturen und durch die Loyalitäten, die durch die affektive „nationale“ Bindung der Bürger entstanden sind. Ein „Staat“, der keine „Nation“ ist, muss das Fehlen dieser gefühlsmäßigen Bindungen langfristig durch die Stärkung des Gewaltelements kompensieren.

Unter dem Begriff „Nation“ soll hier jedoch nicht die so oft damit assoziierte „Kulturnation“[3] verstanden werden, die auf essentialistische „Gegebenheiten“ wie gemeinsame Sprache, Geschichte und eben „Kultur“ abstellt. Mit „Nation“ ist hier vielmehr eine besondere Form kollektiver Identität gemeint, die, so der Ausgangspunkt dieser Arbeit, auf verschiedene Arten entstehen kann und immer auch konstruiert ist.

Die Frage nach der „Nation“ Israel ist folglich die Frage danach, ob es etwas wie eine „israelische Identität“ gibt, die garantiert, dass das Land trotz seiner wachsenden Probleme langfristig als funktionierender demokratischer Staat überleben kann.

Die israelische Gesellschaft ist stark zerklüftet. Ich möchte mir für meine Arbeit erlauben, die arabischen Israelis aus der Untersuchung auszuklammern. Nicht, weil ich nicht anerkenne, dass auch sie Teil einer „israelischen Identität“ sind und sein müssen, sondern, weil diese zusätzliche Dimension ausführlich und eigens behandelt werden sollte.

I. Begriffsklärungen: Was ist „Identität“? Was bedeutet „Nation“?

1. Was ist „Identität“?

In einem Lehrbuch für medizinische Psychologie wird Identität definiert als „Gefühl des Menschen, er selbst zu sein und sein zu dürfen“.[4] Für unser Problem ist diese Definition nicht hinreichend. Sie bietet jedoch einige Ansatzpunkte, die auch für den Begriff der kollektiven Identität konstitutiv sind. Erstens : Identität ist ein Gefühl. Das Gewicht dieser Einsicht sollte trotz ihrer scheinbaren Banalität nicht unterschätzt werden. Gefühle sind individuell unterschiedlich, sie können in Bezug auf ein Kollektiv nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar gesteuert werden.

Zweitens: der Mensch fühlt, er selbst zu sein . Er ist authentisch. Identität kann folglich nichts sein, was oktroyiert wird, sie muss „aus der Person heraus“ kommen.

Drittens: der Mensch fühlt, dass er authentisch sein darf. Gegenüber der Übertragbarkeit dieser Aussage auf die kollektive Ebene habe ich Vorbehalte, weil ich nicht glaube, dass das Gefühl der Identität abnimmt, wenn es nicht „erlaubt“ ist. In Bezug auf politische Identität scheint es gerade umgekehrt zu sein. Id entität bestimmt sich auch durch Negation des Anderen, durch Abgrenzung.

Weiters glaube ich, dass Identität immer eine versuchte Aufwertung bedeutet. Gerade im Falle Israels spielt das in Bezug auf den Mythos des auserwählten Volkes eine Rolle.

1. Was ist eine „Nation“?

Über den Begriff der „Nation“ ist eine unübersehbare Menge von Büchern und Artikeln geschrieben worden, ohne, dass eine gültige Definition gefunden werden konnte.[5] Vereinfachend lässt sich sagen, dass die ältere Lehre den Nationsbegriff als vor allem europäisch[6] -historisch geprägt annimmt, während die neuere Forschung sich mehr und mehr eine konstruktivistische Sichtweise angeeignet hat. Für diese jüngeren Ansätze ist besonders Benedict Andersons Formulierung von Nation als „vorgestellter Gemeinschaft“[7] („imagined community“) repräsentativ: alle Gemeinschaften, die größer seien als z.B. Dörfer, in denen jeder jeden kenne (wo die persönliche Beziehung zwischen zwei Personen also real und nicht fiktiv seien), wären solche „imagined communities“. Innerhalb einer Nation fühle sich ein Angehöriger dem andern enger verbunden als einem Menschen, der dieser Nation nicht angehöre, obwohl es überhaupt keine real existierenden Verbindungen zwischen diesen Personen gebe. Die Nähe sei also hier nur vorgestellt. Die Frage, woher diese vorgestellte Nähe kommt, beantwortet Anderson mit dem Rückgang des Einflusses zweier bis dahin unhinterfragbarer Kategorien auf das Denken der Menschen:

1.) Religiöse Gemeinschaften, welche lange Zeit als sinn- und identitätsstiftende Einheiten wirkten; und
2.) Dynastien, die für die Menschen lange das einzig vorstellbare „politische System“ gewesen seien.[8]

Eine weitere Voraussetzung für die Möglichkeit, Nation zu denken, sieht Anderson im Wandel der Wahrnehmungsformen: während im Mittelalter ein Nebeneinander von kosmischer Universalität und weltlicher Partikularität vorgeherrscht habe, welches ein Gefühl der Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart mit sich gebracht habe[9], hätte sich das mit der Verbreitung von Romanen und Zeitungen geändert. In einem Roman etwa sei es möglich, verschiedene Personen an verschiedenen Orten zu „beobachten“, die zur selben Z eit etwas anderes tun. Die einzige Verbindung zwischen diesen Handlungsträgern seien oft bloß der Romanerzähler und die Handlung des Romans. Im Roman kennen die Hauptpersonen einander unter Umständen gar nicht – die Verbindung zwischen ihnen sei eine vom Leser imaginierte Verbindung.

Analog erklärt sich Anderson das Funktionieren nationaler Bindungen heute.

Historisch betrachtet spielte das Wort „Nation“ (von lat. natio, „Geburt“, „Volksstamm“) seit dem 15. Jahrhundert auch im politischen Kontext eine immer wichtigere Rolle. Im 18. Jahrhundert herrschten in Europa zwei verschiedene Nationsbegriffe vor. Einerseits verstand man unter „Nation“ entsprechend dem Wortsinn eine Gemeinschaft gleicher Abstammung. Gemeinsame Sprache und gemeinsame Religion stellten Kategorien dar, die als Kriterium für diese „gleiche Abstammung“ herangezogen wurden. Nationen wurden so „zu Subjekten einer eigenen Geschichte[10]. Man schrieb ihnen eine gemeinsame Vergangenheit, eine besondere „Mentalität“ und andere gemeinsame Merkmale zu.

Während man dieser Auffassung folgend eine weitgehende Überschneidung von „Nation“ und „Volk“ feststellen kann, fand sich damals bereits ein politisch definierter Nationsbegriff, der nicht die gesamte Bevölkerung umfasste, sondern nur jenen Teil, der an der staatlichen Willensbildung teil hatte.

Die Bedeutung des Unterschieds zwischen den beiden Auffassungen wird jedoch eingeschränkt von der Einsicht, dass der Prozess des nation-building immer und überall von „Trägergruppen“[11] vorangetrieben wurde (und wird). Diese „Trägergruppen“ sind meist aufstrebende Teile der Gesellschaft, die führend – wenn auch in ständiger Interaktion mit der breiten Masse – an der Ausdifferenzierung nationaler Identität beteiligt sind. Das Trägergruppen-Modell „versöhnt“ die divergierenden Nations-Auffassungen des 18. Jahrhundert in der Weise, dass man annehmen kann, die Definition von Nation = eine Gemeinschaft gleicher Abstammung sei der anderen Definition von Nation = Träger von politischen Rechten in einem staatlichen Gebilde bloß chronologisch einen Schritt voraus: die zweite Definition umfasst nur die Trägergruppe; die erste umfasst das ganze Volk mit seiner nationalen Identität, welche von dieser Trägergruppe konstruiert wurde.

Bernhard Giesen hat es in seinem Buch Die Intellektuellen und die Nation[12] geschafft, den Bogen zwischen den essentialistischen Ansätzen der älteren Nationenforschung und den neueren konstruktivistisch orientierten Ansichten zu spannen. Er bekennt sich zwar zu den Ansätzen der neueren Nationenforschung, die „die Nation für eine zwar geschichtsmächtige, aber keineswegs unausweichliche Form der kollektiven Identität (hält), die nicht naturgegeben ist, sondern als Ergebnis unterschiedlicher geschichtlicher Bedingungen und unter unterschiedlichen kulturellen Bezügen sozial konstruiert wird[13], anerkennt jedoch die identitätsstiftende Kraft sogenannter „unverrückbarer“ Kategorien. Identität werde zum großen Teil gestiftet durch „Natürliches“ wie Abstammung und Herkunft, „Vergangenes“ wie gemeinsame Geschichte, „Unüberbietbares“ wie Konfession und Literatur oder „Nicht-Imitierbares“ wie Sitten und Gebräuche. Nationale Identität sei auf Grund ihres Antwortcharakters immer auf jene Fragen angewiesen, die sich in einem ganz bestimmten kulturellen Kontext stellten. Damit sei nationale Identität von kultureller Identität niemals ganz zu trennen.[14]

Ausgehend von der Vorstellung, dass „Nation“ eine Form kollektiver Identität und damit eine „vorgestellte Gemeinschaft“ ist, bleibt immer noch die Frage offen: warum und wie entsteht eine solche „gemeinsame Illusion“[15] ? Identitäten sind nicht naturgegeben, sondern immer auch sozial konstruiert. Bernhard Giesen fasst die gängigsten Theorien über die Formen der Konstruktion nationaler Identität in vier Modellen zusammen:

1.) Das „Priestertrugsmodell“. Hier spielt/spielen die bereits erwähnten „Trägergruppe/n“ die entscheidende Rolle. Elitäre Gruppen, etwa Priester, Politiker und Intellektuelle, versuchen, Ideen von Gemeinschaft, an die sie selbst nicht unbedingt glauben, einem glaubensbereiten Publikum zu suggerieren.[16]
2.) Das Versicherungsmodell. Personen wählen eine Gemeinschaft, die den höchsten „Gewinn an Solidarleistungen oder Statusprestige bei relativ geringen Kosten[17] verspricht.

Die Schwäche dieses Modells ist die Suggestion der Identitätsbildung als eine Situation rationaler Entscheidung. Das affektive Element wird vernachlässigt. Weiters halte ich es mit Giesen, wenn er meint, Identität diene nicht Interessen, sondern definiere sie.[18]

3.) Das Ritualmodell. Gemeinschaft wird durch Rituale konstruiert. Der nivellierende Charakter des Rituals, das für alle Angehörigen der Gemeinschaft dasselbe ist, macht es möglich, als einzig trennendes Element die Unterscheidung zwischen „innen“ und „außen“, also zwischen „uns“ und „den anderen“ zu sehen.

4.) Das Modell der kulturellen Verständigung. Gemeinschaft vermittelt sich selbst durch Symbole, die allen Angehörigen der Gemeinschaft verständlich sind.

[...]


[1] Zur Entstehung von „Nation“ in Europa siehe etwa Giesen, Bernhard (Hg), Nationale und kulturelle Identität: Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewusstseins in der Neuzeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1991.

[2] Interessant ist in diesem Zusammenhang die völkerrechtliche Definition des Begriffes „Staat“ durch drei konstitutive Elemente, die kumulativ vorliegen müssen: Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt.

[3] Der Begriff „Kulturnation“ wurde am Anfang des 20 Jahrhunderts von Friedrich Meinecke geprägt und bezog sich auf die deutsche Nationsbildung im 18. Jahrhundert, die „von der kulturellen Bewegung in den bürgerlichen Schichten neue Impulse erhalten hat.“ (Dann, Otto, „Begriffe und Typen des Nationalen in der frühen Neuzeit“. S. 56-73. In: Giesen, Nationale und kulturelle Identität. Zitat S. 72.) Dann kritisiert, dass dieser Begriff heute die Vorstellung erwecke, „die deutsche Nation sei in ihren Wurzeln und ihrem Wesen kulturell geprägt“ (ebd.) und hält es für eine „fatale Selbstüberschätzung der Gebildeten, wenn sie sich über den Begriff der Kulturnation mit der ganzen Nation gleichsetzen und sich zum Kern, zum eigentlichen Träger der deutschen Nation erklären“ (S. 73).

[4] Sonneck, Gernot u.a. (Hgg), Medizinische Psychologie. Ein Leitfaden für Studium und Praxis. Wien: Facultas, 5. Aufl. 1998. S. 348.

[5] So findet sich etwa im Wörterbuch Geschichte s.v. „Nation“ gleich im ersten Absatz diese Einschränkung: „Eine für alle Teile der Welt verbindliche Begriffsbestimmung konnte bis heute noch nicht erreicht werden.“ Vgl. Fuchs, Konrad, u. Heribert Raab, Wörterbuch Geschichte. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 11. Aufl. 1998.

[6] Bezüglich der Entstehung von Nationen außerhalb Europas siehe etwa Bruckmüller, Ernst, u. Sepp Linhart, u. Christian Mährdel (Hgg), Nationalismus: Wege der Staatenbildung in der außereuropäischen Welt. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik, 1994.

[7] Anderson, Benedict, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Frankfurt, 1996. S. 16.

[8] Vgl. Anderson, S. 20ff.

[9] Anderson bringt als Beispiel für diesen von der heutigen Wahrnehmung so verschiedenen Zeitbegriff die Gemälde und Reliefs in mittelalterlichen Kirchen, in denen die Heilige Familie gekleidet war wie eine damals zeitgenössische Familie in der lokalen Umgebung. S. 31.

[10] Dann, Otto, „Begriffe und Typen des Nationalen in der frühen Neuzeit“. In: Giesen, Nationale und kulturelle Identität. Zitat S. 58.

[11] Vgl. Eisenstadt, Shmuel Noah, „Die Konstruktion nationaler Identitäten in vergleichender Perspektive“. In: Giesen , Nationale und kulturelle Identität. S. 21-38.

[12] Giesen, Bernhard, Kollektive Identität. Die Intellektuellen und die Nation 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1999.

[13] Giesen in seiner Einleitung zu Nationale und kulturelle Identität. S. 11f.

[14] Giesen in seiner Einleitung zu Nationale und kulturelle Identität, S. 14f .

[15] Vgl. Giesen, Kollektive Identität, S. 12.

[16] Dieses Modell geht über den Konsens darüber, dass „Trägergruppen“ in der Herausbildung nationaler Identität eine entscheidende Rolle spielen, hinaus, indem es annimmt, dass diese versuchten, dem „gemeinen Volk“ etwas vorzutäuschen, woran sie selber nicht glauben.

[17] Giesen, Kollektive Identität, S. 13.

[18] Ebd.

Details

Seiten
34
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638117104
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v2832
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Politikwissenschaften
Note
sehr gut
Schlagworte
Nation Israel Seminar Politik

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Titel: Nation Israel?