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Ein Film und seine Zeit. Wie Walter Ruttmanns „Berlin – die Sinfonie der Großstadt“ die 20er Jahre in Berlin porträtiert

Hausarbeit 2013 17 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - historische Hintergründe und Verlauf der 20er Jahre in Berlin

2. Die Epoche der Neuen Sachlichkeit in Kunst, Fotografie und Film

3. Szenenfolge und Stilmittel
3.1 Erster Akt: Dingwelt und Technisierung
3.2 Zweiter Akt: rhythmische Montage und städtischer Alltag
3.3 Dritter Akt: Querschnitt und Arbeitsalltag
3.4 Vierter Akt: Bildästhetik und Hedonismus

4. Zusammenfassung

5. Literaturliste und verwendetes Bildmaterial

„Film ist für mich optische Musik.“

Walther Ruttmann

1. Einleitung - historische Hintergründe und Verlauf der 20er Jahre in Berlin

Versucht man, die 20er Jahre in Berlin mit einem Wortpaar zu beschreiben, scheint

„oberflächliche Veränderung“ dieser Epoche am ehesten gerecht zu werden. Der Erste Weltkrieg war vorüber und in der Welt, in Deutschland, in Berlin vollzog sich ein Wan- del, der keinen Bereich ausließ. Die komplexen Veränderungen in Berlin können als beispielhaft für eine Zeit gelten, in der sich der Schock des Krieges mit der Chance auf einen Neuanfang zu paaren schien. Der Erste Weltkrieg hinterließ in Deutschland eine unruhige politische Kraterlandschaft, die gekennzeichnet war durch den steten Kampf zwischen unterschiedlichen politischen Strömungen. Versuchte oder erfolgreich durch- geführte Attentate auf Politiker wie Matthias Erzberger (1921), Philipp Scheidemann und Walther Rathenau (1922) (Bienert/Buchholz 2012, S.27) sowie Putschversuche von Rechts wie der Kapp-Putsch 1920 und der Hitlerputsch 1923 und Revolutionsver- suche von Links wie der Spartakusaufstand 1919 und der Mitteldeutsche Aufstand 1921 zeigten die Motivation von Bevölkerungsgruppen der jungen Demokratie die Stirn zu bieten. Die Kämpfe zwischen Kommunisten und SA auf den Straßen Berlins und an- derer deutscher Städte ab Mitte der 20er Jahre bewiesen, dass diese Motivation im Laufe der Zeit eher noch stärker als schwächer wurde.

Wirtschaftlich waren die Jahre von einem scheinbaren Gegensatz geprägt. Während bis 1923 die Inflation stetig stieg und erst unter der Regierung Stresemanns durch die Einführung der Rentenmark gestoppt werden konnte (Michalski 2003, S.7), stellte sich in der zweiten Hälfte der 20er Jahre der Erfolg des Dawes-Plans und der damit verbun- denen amerikanischen Kredite ein, die unter anderem auch eine Veränderung der Film- landschaft bewirkten (Hochmuth 2002, S.5). Die wirtschaftliche Stabilisierung ab 1924 hielt bis 1929 an und gab dieser Zeit das Attribut „Goldene“ (Michalski 2003, S.7). Aber der Bauboom, die Erweiterung und Verbesserung der Infrastruktur sowie die Entste- hung einer Massenunterhaltungsindustrie konnten nur an der Oberfläche darüber hin- wegtäuschen, dass Armut und Existenzkampf für viele soziale Schichten Alltag und ge- prägt war von Wohnnot, Hunger und Arbeitslosigkeit.

Gerade in Berlin, das aufgrund einer Verwaltungsreform 1920 zur flächenmäßig größ- ten Stadt Europas und zur drittbevölkerungsreichsten Stadt der Welt mutierte (Bienert/Buchholz 2012, S.29) und permanent Menschen anzog und einsog (ebd. S.39), zeigte sich, vor welche Probleme schnell wachsende Großstädte aktuell und in Zukunft gestellt sein würden. Die Lösungsversuche veränderten die Stadt permanent, was wiederum eine Veränderung ihrer Bewohner bewirkte. Der moderne Großstädter entwickelte sich, der gekennzeichnet ist durch den Prozess der „inneren Urbanisie- rung“ (ebd. S.37), der die Notwendigkeit umschreibt, sich immer mehr auf den Rhyth- mus der Stadt einzulassen, um sich in dieser zurechtzufinden. Berlin war eine pulsie- rende Metropole geworden, die auf einer Ebene wie London, New York, Paris und Mos- kau stand. Es verwundert daher nicht, dass, wie Goergen schreibt, Anfang der 20er Jahre „das Thema Großstadt und die Idee zu einem dokumentarisch orientierten Film über die großen Metropolen in der Luft“ lag. Berlin gehörte zu diesen Metropolen und Ruttmann wählt Berlin, „die interessanteste aller Städte, weil die jüngste unter den Me- tropolen der Welt, weil die Stadt, die noch wird und nicht schon erstickt ist hinter Fassaden, erdrückt von der eigenen Monumentalität, Berlin, eine Stadt des überall Aufstrebenden“ (Ruttmann 1989d, S.79)

2. Die Epoche der Neuen Sachlichkeit in Kunst, Fotografie und Film

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges begann auch der Niedergang des Expressionis- mus. Immer mehr Künstler verlangte es nach einer neuen „Klarheit“, nach einer Abkehr von den „subjektiven Verzerrungen“ (Prinzler 2002, S.157), die für den Expressionis- mus charakteristisch waren. So forderte der Maler Ludwig Meidner 1919 in seinem als Gegenbewegung zur Pathetik gedachten „Septembermanifest“„fanatischen, inbrünsti- gen Naturalismus“ (Michalski 2003, S.15). Auch wenn dieser Forderung selbst eine ge- wisse Pathetik anhaftet, zeigte sich im Laufe der nächsten Jahren, zunächst vor allem in der Malerei, eine zunehmende Hinwendung zu einer vermeintlich objektiven, neutra- len und realistischeren Betrachtung und Abbildung der Welt, bei der auf Interpretation und Analyse verzichtet und sich auf die Welt der Dinge konzentriert wurde (Hochmuth 2002, S.3). Für Michalski (2003, S.159) stellt diese „Nüchternheit des Blicks“ mit dem der „menchliche Lebensraum […] illusionslos geschildert wird“ ein charakteristisches Merkmal dieses neuen Stils dar. Den „Zukunftsverheißungen des Expressionismus setzte man das banale, kleine Glück des bescheidenen Lebens“ und ein „Gefühl für das Bodenständige, Machbare, Reelle“ entgegen, wie Michalski es ausdrückt (ebd.S.15).

1923 sollen erstmals Künstler dieser neuen Stilrichtung von dem Mannheimer Ausstel- ler G.F.Hartlaub in einer Ausstellung vereint und unter dem Namen „Neue Sachlichkeit“ präsentiert werden. Die Ausstellung findet aber erst zwei Jahre später statt (ebd. S.18). Hartlaub (zit. Nach Hochmuth 2002, S.3) schreibt im Vorfeld der Ausstellung:

„Die neue Sachlichkeit ist die allgemeine Strömung, die gegenwärtig in Deutschland herrscht, eine Strömung des Zynismus und der Resignation auf enttäuschte Hoffnun- gen. Der Zynismus und die Resignation stellen die negative Seite der „Neuen Sach- lichkeit“ dar, ihre positive Seite ist die Begeisterung für die Sachlichkeit, der Wunsch, die Dinge objektiv zu behandeln, so wie sie sind, ohne in ihnen eine ideelle Bedeutung zu suchen.“

Er unterscheidet zwei Strömungen (ebd. sowie Michalski 2003, S.18):

1. konservativ-klassizistischer Flügel: konservativ bis zum Klassizismus, im Zeitlosen Wurzel fassend, will das Gesunde, das Körperlich-Plastische in reiner Zeichnung nach der Natur, das Soziale wird weitestgehend ignoriert

2. sozialkritischer Flügel: grell zeitgenössisch, weil weniger kunstgläubig, eher aus Ver- neinung der Kunst geboren, sucht mit primitiver Feststellungs-, nervöser Selbstentblö- ßungssucht Aufdeckung des Chaos, wahres Gefühl unserer Zeit, erwartet durch die fortschreitende Technisierung eine Verminderung der gesellschaftlichen Gegensätze Für Michalski (ebd. S.20) ist diese Polarisierung zu stark, vor allem auch deshalb, weil die Neue Sachlichkeit ohne künstlerische Programme oder Manifeste auskam, es kei- ne überragende Künstlergestalt und kein konkretes Zentrum gab und auch Künstler- gruppen keine wichtige Rolle spielten.

In der Fotografie und im Film entwickelte sich die Neue Sachlichkeit mit etwas Zeitver- zögerung. Während die Fotografie nicht an die Ausdrucksstärke der Malerei dieser Stil- richtung heran reichen konnte, da ihr die fruchtbare Spannung zwischen Bildstoff und Bild aufgrund der nicht abbildbaren besonderen Raumkonzeption zu fehlen schien (Michalski 2003, S.181), zeigte sich für den Film, dass er das geeignete Medium war, um den veränderten Lebensumständen Ausdruck zu verleihen (Neumann 2008, S.4 sowie Fulks 1989, S.67). Dies betraf vor allem das veränderte Tempo, das in den Städ- ten und vor allem in Berlin Einzug gehalten hatte. Die Filmemacher des neusachlichen Films wie Walther Ruttmann oder G.W.Pabst waren keine neue Generation von Künst- lern, sondern Künstler, „die jetzt lernten anders zu sehen“ (Hochmuth 2002, S.6) und mit diesem neuen Blick im Medium Film experimentierten (Fulks 1989, S.67). „Berlin“1 gilt hierbei als bedeutendster und reinster Film der Stilrichtung (Korte 1991, S.85).

Die Regeln, die Ruttmann für „Berlin“ festlegte, waren folgende (Ruttmann 1989c, S.79):

„1.konsequente Durchführung der musikalisch-rhythmischen Forderungen des Films, denn Film ist rhythmische Organisation der Zeit durch optische Mittel
2. konsequente Abwehr vom gefilmten Theater
3. Keine gestellten Szenen! Menschliche Vorgänge und Menschen wurden beschlichen. Durch dieses „Sich-unbeobachtet-glauben“ entstand Unmittelbarkeit des Ausdrucks.
4. Jeder Vorgang spricht durch sich selbst – also: keine Titel!“

In den folgenden Kapiteln soll überprüft werden, inwiefern Ruttmann diesen Regeln treu geblieben ist, inwiefern die wichtigsten Aspekte der Neuen Sachlichkeit Objektivität der Betrachtung und Fokussierung der Dinge im Film niedergeschlagen haben und welche Stilmittel Ruttmann gefunden hat, um den von ihm beobachteten Alltag einer und in einer Großstadt abzubilden.

3.Szenenfolge und Stilmittel

3. Erster Akt: Dingwelt und Technisierung

In der Neuen Sachlichkeit werden die Ästhetik der Dinge und die verdinglichte Welt fo- kussiert und sollen unverfälscht dargestellt werden (Hochmuth 2002, S.10). Stilistisch zeigt sich dies unter anderem in der isolierten Betrachtung von Details sowie in der Be- tonung des Materialcharakters des Objekts (Michalski 2003, S.11).

Abgesehen von der Dingwelt, die in einer Stadt als Ansammlung von Dingen, leblosen Gegenständen und Gebäuden, von vornherein vorhanden ist, zeigten sich die 20er

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Die Bezeichnung „Berlin“ verwende ich im laufenden Text als Abkürzung für den vollständigen Titel „Berlin – die Sinfonie der Großstadt“.

Jahre und das Berlin dieser Zeit als sehr technik- und maschinenbegeistert. In den 20er Jahren wurde die Berliner Infrastruktur im großen Umfang ausgebaut. Das U- Bahn-Netz wurde erweitert und zusätzlich ein S-Bahn-Netz errichtet (Bienert/Buchholz 2012, S.38). Das Straßenbild wurde immer stärker geprägt von Bussen, Lastwagen und von Autos, für die 1921 mit der AVUS die erste Autobahn gebaut wurde (ebd. S.43). Die erste Ampel Deutschlands stand ab 1924 auf dem Potsdamer Platz (ebd. S.41). Zunehmende Elektrifizierung, der Ausbau des Telefonnetzes, die das nächtliche Stadtbild zunehmend prägenden Leuchtreklamen sowie Prestigeprojekte wie der Bau des Funkturms (1926) und des Schiffshebewerks (1927) waren Ausdruck der gestiege- nen Technikbegeisterung (ebd. S. 50), aber zum Teil auch Notwendigkeiten, um den Ablauf der großstädtischen Prozesse weiterhin gewährleisten zu können.

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Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656822813
ISBN (Buch)
9783656822806
Dateigröße
639 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283068
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Künste und Medien
Note
1,3
Schlagworte
film zeit walter ruttmanns berlin sinfonie großstadt jahre

Autor

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