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Migration von hochqualifizierten InderInnen

Brain Drain/Gain. Interessenslagen seitens der staatlichen AkteurInnen Indiens

Bachelorarbeit 2012 63 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung
1.2. Gliederung der Arbeit

2. Theoretischer Teil
2.1. Migrationsforschung
2.2. Diaspora und transnationale Netzwerke
2.3. Hochqualifiziertenmigration: Definitionen und normative Betrachtungsweisen
2.4. Brain Drain, Brain Gain und ähnliche Konzepte
2.5. Nationalist Approach und Internationalist Approach

3. Forschungsmethode
3.1. Forschungsfrage
3.2. Literaturauswahl und Feldzugang
3.3. Methodische Vorgehensweise
3.4. Generalisierung, Gütekriterien und Kontrolle
3.5. Reflexionen

4. Empirischer Teil
4.1. Hochqualifiziertenmigration in Indien: Phasen der (öffentlichen) Perzeption
4.2. Die Interessen der staatlichen AkteurInnen Indiens an den migratorischen Bewegungen der Hochqualifizierten
4.2.1. Kooperative Nutzenvorteile
4.2.2. Die Aus und Weiterbildungsoption
4.2.3. Die Generierung von Wettbewerbsvorteilen
4.3. Spartenspezifische Interessenslagen der staatlichen AkteurInnen Indiens und negative Nebeneffekte

5. Conclusio

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Problemstellung

In den vergangenen zwei Jahrzehnten stieg das wissenschaftliche Interesse an den migratorischen Räumen und Bewegungen von hochqualifizierten Arbeitskräften signifikant an. Dies geht einher mit politischen Entwicklungen etlicher Staaten in Richtung einer Lockerung von Einwanderungsgesetzen und -regelungen speziell für ExpertInnen und Hochqualifizierte, welche nicht zuletzt durch den Fachkräftemangel vor allem in den Industrieländern vonstattengehen. (vgl. Vertovec 2002: 2; Lowell/Findlay 2001: 3)

Nach wie vor werden die vorteilhaften und nachteiligen Auswirkungen der Emigration von hochqualifizierten Arbeitskräften im Zuge der Diskussion um einen brain drain, brain gain und brain exchange wissenschaftlich kontrovers diskutiert. Während in der wissenschaftlichen Literatur Konsens darüber besteht, dass das jeweilige Empfängerland, welches die Hochqualifizierten aufnimmt und beruflich beschäftigt, vorwiegend einen Nutzen aus den Migrationsbewegungen von Hochqualifizierten zieht, gilt folgende Frage als nicht eindeutig geklärt und beantwortbar: Ist die Auswanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften und Schlüsselkräften für das Sendeland, welchem die Hochqualifizierten entstammen, von Vor- oder Nachteil? (vgl. Brown 2002: 169f.)

Die kontextspezifische Wahrnehmung der Auswanderung von Hochqualifizierten als Humankapitalverlust, -austausch oder sogar -gewinn schlägt sich unter anderem in der Wahl von politischen Maßnahmen im Rahmen der Migrationspolitik der entsprechenden Sendeländer nieder. Wird die Auswanderung von hochqualifizierten ArbeiterInnen überwiegend als Verlust für das eigene Land wahrgenommen, so ist anzunehmen, dass die politischen Maßnahmenpakete des Sendelandes darauf abzielen werden die Auswanderung von hochqualifizierten MigrantInnen einzudämmen und etwa Rückmigration zu forcieren.

( vgl. Lowell/Findlay 2001: 1f.; 6ff.)

Diametral entgegengesetzt zu obiger Ansicht verhält sich die Wahrnehmung, dass auch das Sendeland von den Migrationsprozessen profitieren kann. Durch Aufrechterhaltung der Kontakte zu den AuswanderInnen, (kurze) Forschungs- und Arbeitsaufenthalte im Sendeland nach der Auswanderung, Rückmigration, Investitionen und Rücküberweisungen, etc. könne auch das Sendeland Nutzen aus der Emigration von Hochqualifizierten und der scientific diaspora/ highly skilled diaspora1 ziehen. ( vgl. Lowell/Findlay 2001: 1f.; 6ff.)

Indien ist, ebenso wie China und Japan, eine globale Größe der Zurverfügungstellung von hochqualifizierten Arbeitskräften und stimmt hinsichtlich öffentlicher und politischer Wahrnehmung und policies weitgehend mit der zweiten eben beschriebenen Perspektive überein. Indien setzt demnach kaum restriktive Maßnahmen bezugnehmend auf die Abwanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften, obwohl die Abwanderung einen direkten Verlust von gut ausgebildeten Arbeitskräften für Indien bedeutet. Durch die Abwesenheit von restriktiven politischen Maßnahmen hinsichtlich der Abwanderung von Hochqualifizierten lässt sich darauf schließen, dass die diversen staatlichen AkteurInnen Indiens ein Interesse daran zu verfolgen scheinen, Hochqualifizierte ins Ausland zu entsenden, sowie Kontakte zu den EmigrantInnen aufrecht zu erhalten. Warum aber haben die staatlichen AkteurInnen Indiens ein Interesse an den migratorischen Bewegungen der hochqualifizierten InderInnen und schränken deren Abwanderung nicht ein? Das Ziel dieser Arbeit ist es eben jene Frage, basierend auf einer Analyse von Publikationen und Reden diverser staatlicher AkteurInnen Indiens, unter Rückgriff auf theoretische Konzepte zu diskutieren.

1.2. Gliederung der Arbeit

Da die migratorischen Bewegungen von Hochqualifizierten transnationale Netzwerke aufspannen und im Rahmen der vorteilhaften Auswirkungen von Hochqualifiziertenmigration häufig auf das Konzept der scientific diasporas zurückgegriffen wird, werden eben jene Konzepte und Begrifflichkeiten im Rahmen des Theorieteils skizziert und diskutiert.

Ebenfalls wird die Frage geklärt, welche Personen(-gruppen) als hochqualifizierte Arbeitskräfte gelten, wodurch definitorische Belange hinsichtlich Hochqualifizierten (-migration) Eingang in den theoretischen Teil finden werden. Darüber hinaus wird die Debatte rund um einen brain gain oder brain drain und seinen möglichen Umkehreffekten (reverse effects/reverse brain drain) mittels Bezugnahme auf wissenschaftliche Literatur erläutert.

Im Anschluss daran folgt das zweite Hauptkapitel, welches sich der Forschungsmethode - in jenem speziellen Fall der qualitativen Inhaltsinterpretation mittels der Grounded Theory nach Anselm Strauss und Barney Glaser - widmet. Neben der methodischen Vorgehensweise finden die Forschungsfrage, Literaturauswahl, Gütekriterien der empirischen Forschung, sowie Reflexionen über Vorannahmen und verwendete Begrifflichkeiten Eingang in den Methodenteil der hiesigen Arbeit. Ziel jenes Kapitels ist es den Forschungsprozess zu skizzieren und intersubjektive Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten.

Die analytische Auseinandersetzung im Zuge des abschließenden empirischen Teils der Arbeit diskutiert folgende Forschungsfrage: Welche Interessen verfolgen die staatlichen AkteurInnen Indiens an den migratorischen Bewegungen hochqualifizierter indischer Arbeitskräfte? Darüber hinaus werden im Zuge der Analyse jene Sektoren erfasst, in welchen brain exchange/circulation von Hochqualifizierten als wünschenswert oder aber nicht erstrebenswert gilt. Der Anspruch des empirischen Teils liegt darin, die Ergebnisse der qualitativen Analyse systematisch darzulegen und sie mit Hilfe der theoretischen Konzepte und Begrifflichkeiten zu kontextualisieren.

2. Theoretischer Teil

2.1. Migrationsforschung: Vom Containerdenken zu grenzüberschreitenden Wirklichkeiten

Nebst geschaffenen grenzüberschreitenden Räumen und transnationalen Aktivitäten von MigrantInnen werden Nationalstaaten und/oder das jeweilige Heimatland der MigrantInnen nach wie vor häufig als Bezugspunkt für migratorische Bewegungen festgemacht. (vgl. Pries 2000: 76f.) Die Kategorie „Staat“ bleibt etwa in der Unterscheidung von Sendeland und Empfängerland im Zuge jener Arbeit, als auch im Rahmen einer Vielzahl an wissenschaftlichen Beiträgen im Zuge der Migrationsforschung, aufrechterhalten. Da in der Analyse sowohl die transnationale, als auch die nationale Ebene eine Rolle spielt, soll anfänglich eine Auseinandersetzung mit jenen Ansätzen der Migrationsforschung stehen, welche sich einerseits mit den grenzüberschreitenden und andererseits den nationalstaatlichen Kategorien in der Migrationsforschung befassen.

Ludger Pries und Regina Römhild treffen eine Unterscheidung zwischen klassischer Migrationsforschung und neuerer Migrationsforschung. Als klassische Migrationsforschung verstehen sie die Zeitperiode ab dem 18. Jahrhundert, eingebettet in den sich ausdehnenden Nationalismus. (Pries 2000: 76f.; Pries 2011: 8; Römhild 2011: 35f.) Eben jener Nationalismus zeichnet sich dadurch aus, dass sich Menschen „mehr oder weniger eindeutig und dauerhaft jeweils einem nationalstaatlichen ‚Container‘ zu[…]ordnen [lassen].“ (Pries 2011: 8) Klassische Migrationsforschung beschäftigt sich deswegen auch mit Fragen, die das nationalstaatliche Denken in „Containern“ in die Analyse miteinbeziehen. Hierbei handelt es sich zum Beispiel um Fragestellungen bezüglich der Auswirkungen von Mobilität und Migration auf Sende- und Herkunftsländer und Migrationsmotivationen von Menschen, welche von einem nationalstaatlichen „Container“ in einen anderen migrieren. (vgl. Pries 2000: 76)

Neuere Migrationsforschung beschäftigt sich im Gegensatz zu der klassischen Migrationsforschung mit grenzüberschreitenden Formen der Migration und den somit entstehenden transnationalen Wirklichkeiten. Diese Wirklichkeiten und grenzüberschreitenden Räume umfassen vielfältige Kanäle und Beziehungsmuster und resultieren in einem „pluridimensionalen Mehrebenensystem“. (Pries 2011: 16) „Supranationale, globale, inter- nationale, re-nationalisierte, glokale, diasporische und transnationale Beziehungen bestehen nebeneinander und sind ineinander verwoben.“ (ebd.) Römhild betont darüber hinaus, dass transnationale Räume und Mobilität in sozialen, ökonomischen und kulturellen Räumen, welche sich über Grenzen hinweg aufspannen, heutzutage die Wirklichkeit von einer Vielzahl von Menschen darstellen. Duale/multiple Identitäten entstehen und Assimilation in dem jeweiligen Empfängerland wird als Konzept angezweifelt, denn man könne mit mehr als einer Heimat leben, so Römhild. (Römhild 2011: 35f.) In neueren Ausprägungen der Migrationsforschung gehe es vor allem darum die starren Konzepte und „Container“, welche Menschen nach Herkunftsort sortieren, zu überwinden. Das Denken in transnationalen Räumen bricht somit mit Kategorien von „fremd“ und „einheimisch“, „Inland“ und „Ausland“, „Heimatland“ und Gastland“, usw. (ebd.)

Wie bereits eingangs erwähnt fließen beide Aspekte - sowohl die transnationalen und diasporischen Aspekte von Migration, als auch die aufrechterhaltenen Geltungsbereiche des Nationalstaates Indiens - in die analytische Auseinandersetzung ein. Demzufolge sei angemerkt, dass sich diese Arbeit an der Konstruktion von Wahrnehmungen von Migration beteiligt, indem gewisse Klassifikationen wie „Sendeland“ und „Empfängerland“ übernommen werden, was auf eine zumindest partielle nationalstaatliche Sichtweise schließen lässt. (vgl. Reinprecht/Weiss 2011: 16) Das Denken in nationalstaatlichen Kategorien soll jedoch nicht unbemerkt geschehen und kritisch reflektiert und mitgedacht werden.

Auf die transnationalen Aspekte, welche in die Forschungsfrage miteinfließen, wird nun im 5 nächsten Kapitel genauer eingegangen.

2.2. Diaspora und transnationale Netzwerke

Wie im vorigen Kapitel bereits dargelegt beschäftigen sich neuere Strömungen der Migrationsforschung mit transnationalen und grenzüberschreitenden Räumen, welche unter anderem durch Migrationsbewegungen entstehen. Auch hinsichtlich der Migration von Hochqualifizierten entstehen transnationale Räume und diasporische Netzwerke. Scientific diasporas und transnationale Kanäle werden einerseits dazu genützt, um persönliche und geschäftliche Kontakte zu pflegen und aufrechtzuerhalten. ( vgl. Mahroum et. al. 2006: 29ff.; Vertovec 2002: 5ff.; Séguin et. al. 2006: 81f.) Andererseits stellen jene Kanäle und grenzüberschreitenden Verflechtungsbeziehungen im Rahmen der sogenannten Diaspora- Option eine Möglichkeit für Sendeländer von hochqualifizierten MigrantInnen dar, um von dem erworbenen Wissen und Kapital der Hochqualifizierten im Ausland zu profitieren. Die Diaspora-Option zeichnet sich dadurch aus, dass durch Einflechtung politischer Institutionen in jene Hochqualifiziertennetzwerke auf die Kanäle und deren Transaktionen in Form von Wissen oder Kapital zugegriffen werden kann. Die Vernetzung und Einbindung in jene Kanäle kann mittels verschiedener Mechanismen, wie zum Beispiel Online-Netzwerken, Forschungskongressen, etc. erfolgen und positive sozioökonomische Effekte für die Sendeländer generieren. (vgl. Meyer/Wattiaux 2006: 15f.; Mahroum et. al. 2006: 32ff.; Brown 2002: 170ff.)

Transnationale Netzwerke schaffen grenzüberschreitende Wirklichkeiten. (vgl. Kapitel 2.1.) Pries skizziert sie als „idealtypische Internationalisierungsform“, deren Charakteristika darin besteht einen Raum über nationalstaatliche Territorien aufzuspannen ohne einen fixen Bezugspunkt - wie etwa ein gemeinsames Herkunftsland - aufzuweisen. (Pries 2011: 16) Steven Vertovec weist auf die Herausbildung von transnationalen Netzwerken im Rahmen der Hochqualifiziertenmigration hin und beschreibt einen Prozess der Entgrenzung.

Charakterisierend für jene Entgrenzung seien die diversen Beziehungen über Nationalstaaten hinweg, die Aufrechterhaltung und Hybridität von Kontakten/Beziehungen, sowie sprachliche Ausprägungen und kulturelle Räume ungeachtet der Sende- und Empfängerländer der MigrantInnen, so Vertovec. (Vertovec 2002: 4ff.)

Die Tatsache, dass die hochqualifizierten EmigrantInnen indischen Ursprungs häufig Netzwerke aufbauen, deren Drehpunkt die gemeinsame Identifikation mit dem Herkunftsland darstellt, positioniert die wissenschaftlichen Netzwerke näher am Konzept der Diaspora. (Meyer/Wattiaux 2006: 9) Das Herkunftsland formt somit den gemeinsamen Bezugspunkt und vielmals auch eine Art steuerndes Zentrum. Darüber hinaus stellen sich Nationalstaaten mit großer Anzahl an hochqualifizierter Arbeitskraft in zunehmendem Ausmaß die Frage, wie das Herkunftsland von seiner intellectual/scientific diaspora profitieren kann, wenn restriktive migrationspolitische Maßnahmen keine Option sind. Die eingangs erwähnte Diaspora-Option versucht den direkten Abfluss von Humankapital - bedingt durch die Emigration von Hochqualifizierten - zu kompensieren. Durch ein Aufrechterhalten der Kontakte und Beziehungen zu den EmigrantInnen sollen unter anderem Innovationen und Humankapital im Sendeland nutzbar gemacht werden. Das steigende Interesse an den Kanälen und Beziehungen zwischen Sendeland und hochqualifizierten EmigrantInnen resultiert in einer Vielzahl an wissenschaftlichen Publikationen zu jenem Themengebiet im Rahmen der Intensivierung des akademischen Feldes der diaspora studies Ende des 20. Jahrhunderts2. (vgl. Mahroum et. al. 2006: 25)

2.3. Hochqualifiziertenmigration: Definitionen und normative Betrachtungs-weisen

Bevor die Auseinandersetzung mit Hochqualifiziertenmigration weiter voranschreitet, ist eine definitorische Abklärung der Begrifflichkeit der sogenannten „Hochqualifizierten“ längst überfällig:

Unter den Begriff der hochqualifizierten Arbeitskräfte fallen Personen, welche eine tertiäre Ausbildung abgeschlossen haben, demnach in Besitz eines tertiären Titels3 sind und somit mehr als zwölf Jahre in (Aus-)Bildungsinstitutionen verbracht haben oder aber über umfassende, hochspezialisierte Arbeitserfahrung verfügen. Zu den Berufssparten, welche in den Bereich der hochqualifizierten Arbeitskräfte fallen, werden vorrangig ArchitektInnen, ITSpezialistInnen, FinanzexpertInnen und ManagerInnen, IngenieurInnen, TechnikerInnen, ForscherInnen, WissenschaftlerInnen, Lehrpersonal und ExpertInnen im Gesundheitsbereich gezählt. (Vertovec 2002: 2; Lowell 2001b: 5)

Hochqualifiziertenmigration gilt als spezifische Form der Arbeitsmigration. Steven Vertovec stellte sich die Frage, ob der Begriff „Migration“ in Bezug auf hochqualifizierte Arbeitskräfte ein passender ist. Heinz Fassmann definiert Migration als „dauerhafte oder zumindest längerfristige Verlagerung des Lebensmittelpunktes, wobei jeweils unterschiedliche territoriale Grenzen überschritten werden müssen.“ (Fassmann 2011: 64) Einige ForscherInnen bevorzugen den Begriff der „Mobilität“, denn Migration beinhalte - so Vertovec - die Konnotation eines dauerhaften Auswanderns, wohingegen Mobilität auch kurz- oder mittelfristige Auslandsaufenthalte im Ausland berücksichtige. (Vertovec 2002: 2f.) Im Zuge jener Arbeit wird der Begriff der Migration bevorzugt, um kurzzeitige Auslandsaufenthalte wie zum Beispiel Geschäftsreisen im Rahmen der Analyse vernachlässigen zu können. Um die Mobilität der MigrantInnen herauszustreichen wird zudem die Begrifflichkeit „migratorische Bewegungen“ verwendet, was auf der Überzeugung basiert, dass MigrantInnen örtlich beweglich sind, darüber hinaus ein Teil von transnationalen Netzwerken und nicht dauerhaft an das Empfängerland gebunden sind. Um die Dimensionen der Hochqualifiziertenmigration zu verdeutlichen folgen an jener Stelle einige quantitative Richtwerte, anhand derer die Ausmaße gegenwärtiger Migrationsbewegungen von Hochqualifizierten veranschaulicht werden können: Rund 75% der hochqualifizierten EmigrantInnen aus Asien und dem Pazifikraum stammen aus Korea, China, Indien und den Philippinen. Im Jahr 1990 lebten beispielsweise zirka 350,000 hochqualifizierte Arbeitskräfte aus China im Ausland, was in jenem Fall lediglich 3% der Bevölkerung mit tertiärem Abschluss ausmacht. Darüber hinaus waren laut einer Studie des Jahres 1990 jeweils über 500,000 hochqualifizierte Arbeitskräfte aus den Herkunftsländern Korea und Indien in OECD Staaten beschäftigt. (Lowell 2001b: 10ff.). Verluste von 10-30% der Bevölkerung mit tertiärer Ausbildung, wie es zum Beispiel in Ghana, Iran, Jamaica, uvm. der Fall ist, seien eine Herausforderung und stellen zum Teil eine signifikante Beeinträchtigung für die jeweiligen Staaten dar. (Lowell 2001b: 9; 13) Lindsay Lowell betont jedoch, dass es durchaus ökonomische Faktoren gebe, welche den Abfluss des Humankapitals in das Ausland ausgleichen können. (ebd.)

Es wird geschätzt, dass sich rund 90% aller hochqualifizierten MigrantInnen in OECD Staaten befinden und zahlenmäßig zirka 20 Millionen ausmachen. Dies entspricht einer Zunahme von 70% zwischen den Jahren 1990 und 2000. (Beine/Docquier/Rapoport 2006: 3; 16)

Nachdem Definitionen, Begrifflichkeiten und quantitative Daten bezüglich Hochqualifiziertenmigration zu dem Zweck der besseren Einschätzung der zahlenmäßigen Ausmaße des Phänomens abgehandelt wurden, erfolgt abschließend eine Auseinandersetzung bezüglich des normativen Aspektes von Hochqualifiziertenmigration. Beatriz Padilla äußert, dass Migrationsbewegungen aufgrund von spezifischen ökonomischen Zyklen,

Arbeitsmarktsituationen, politischem Klima, usw. Modetrends angeheftet seien und unterteilt Arbeitsmigration in zwei Kategorien: „los que tienen brazos y manos […] y los que tienen cerebro“. (Padilla 2010: 270) Der gegenwärtige Modetrend bezugnehmend auf Arbeitsmigration zeige sich darin, dass Erstere notwendig seien, während Letztere als erwünscht gelten. Als ideale Migrationsform gelte jene der temporären Migration von Hochqualifizierten. Diese Betrachtungsweise schlägt sich auch in den Migrationspolitiken verschiedener Staaten nieder und wird von transnationalen AkteurInnen wie der OECD und IMO propagiert. Je nach erachtetem „Wert“ der MigrantInnen werden unterschiedliche Aufnahmeverfahren in den jeweiligen Staaten verhängt. So ist es im EU-Raum für hochqualifizierte MigrantInnen dank der „Blue Card“ und ähnlichen länderspezifischen Aufnahmekriterien einfacher als für geringer qualifizierte Arbeitskräfte eine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. (Padilla 2010: 270ff.) Dies spiegelt den von Padilla genannten gegenwärtigen Migrationstrend wider, welcher temporäre Migration von hochqualifizierten Arbeitskräften gegenüber gering qualifizierten ArbeiterInnen favorisiert. Welche Konsequenzen die Migration von Hochqualifizierten letztendlich für die Sende- und Empfängerländer mit sich bringt wird im Rahmen der Diskussion um einen brain drain oder brain gain im folgenden Kapitel einführend beleuchtet.

2.4. Brain drain und brain gain

Um die Auswirkungen der Migration von Hochqualifizierten auf die Sende- und Empfängerländer diskutieren zu können erläutert dieses Kapitel die Konzepte des brain drains und brain gains und ähnliche Begrifflichkeiten. Mit Blick auf die Forschungsfrage ist dies ein zentraler Pfeiler für die Analyse der Interessen der indischen AkteurInnen an den Migrationstätigkeiten der indischen hochqualifizierten EmigrantInnen, denn in Indien wird die Abwanderung von Hochqualifizierten scheinbar nicht als Verlust wahrgenommen.

Im Zuge der International Migration Papers der ILO definieren Lindsay Lowell und Allan 10 Findlay brain drain folgendermaßen: „A brain drain can occur if emigration of tertiary educated persons for permanent or long stays abroad reaches significant levels and is not offset by the ‘feedback‘ effects of remittances, technology transfer, investments, or trade.“ (Lowell/Findlay 2001: 7) Daran anschließend halten sie fest, dass brain drain Auswirkungen auf die Volkswirtschaften und das ökonomische Wachstum mit sich bringe. Einerseits sei dies dem Verlust und Schwund von Humankapital, Innovation und Arbeitskraft durch die Abwanderung der Hochqualifizierten geschuldet. Andererseits wurden für eben jene hochqualifizierten Arbeitskräfte Investitionen im Sendeland für deren (Aus-) Bildung getätigt, deren Ergebnisse und produziertes Humankapital nun im Empfänger- und nicht im Sendeland fruchten, weswegen diese Investitionen als Einbuße für das Sendeland wahrgenommen werden können. (ebd.)

Während das Sendeland Kapital - hier im Sinne von Wissen und Fähigkeiten (skills) - verliert, gewinnt das Empfängerland jenes Kapital, welches vielerorts eine Schlüsselrolle im Bereich Wissenschaft und Technik darstellt. In jenem gewinnbringenden Fall spricht man von brain gain. (Séguin et. al. 2006: 79)

Das Phänomen rund um einen brain drain wird wissenschaftlich kontrovers diskutiert. Während zahlreiche WissenschaftlerInnen betonen, dass aufgrund der steigenden Mobilität von Hochqualifizierten die Sorgen rund um einen brain drain wieder hochleben würden, betonen andere, dass ein brain drain durch sogenannte „Feedback“-Effekte und „erzeugte“ Effekte auch für das Sendeland zu einer vorteilhaften Situation führen kann. (Séguin et. al. 2006: 79; Lowell 2001b: 5; Lowell/Findlay 2001: 6ff.) Die direkten Effekte eines brain drain zeigen sich darin, dass Humankapital abfließt, nicht mehr im Sendeland verfügbar ist und somit für eben jenes einen Verlust darstellt. Jene direkten Effekte können jedoch durch die „erzeugten“ und „Feedback“-Effekte aufgewogen werden. (Lowell/Findlay 2001:7f.)

Unter „erzeugten“ Effekten versteht man folgende Ereignissequenz: Die Aussicht auf Auswanderung - damit verbundene höhere Karrierechancen im Ausland und in vielen Fällen bessere Bezahlung und Lebensqualität - steigert die Einschreibungsraten an Universitäten, was bei tatsächlichem Studienantritt das Humankapital im Land ansteigen lässt. Jener Anstieg an Humankapital und sein Vermögen einen brain drain zu kompensieren sind schwer messbar, können aber dazu führen, dass sich offene Migrationspolitik hinsichtlich der Auswanderung von Hochqualifizierten im Sendeland durch gesteigerten Bildungswunsch der BürgerInnen bezahlt macht. (Lowell/Findlay 2001:7)

Nebst den „erzeugten“ Effekten vermögen „Feedback“-Effekte die negativen Auswirkungen des direkten brain drain zu kompensieren. Zu den Feedback-Effekten werden Technologieund Wissenstransfer, Diasporatransfers, Formen der Rückmigration und Rücküberweisungen gezählt. (Lowell/Findlay 2001: 8ff.)

Rund um jenes Begriffspaar des brain drains und brain gains gruppieren sich vergleichbare Konzepte4. Wird etwa von der Bipolarität, welche die Begriffe brain drain und brain gain hervorbringen, Abstand genommen und der zirkuläre Charakter der Humankapitalflüsse betont, spricht die wissenschaftliche Literatur u.a. von brain circulation und brain exchange. Diese Konzepte distanzieren sich sprachlich von einer dichotomen Gegenüberstellung, und lösen somit die negativen und positiven Konnotation hinsichtlich des brain drains und brain gains, zumindest auf der sprachlichen Ebene, auf. (vgl. Lowell/Findlay 2001: 7f)

Lowell und Findlay definieren brain circulation folgendermaßen: „[L]ively return migration of the native born […] re-supplies the highly educated population in the sending country and, to the degree that returned migrants are more productive, boosts source country productivity.“ (Lowell/Findlay 2001: 8) Dies entspricht der Auffassung, dass hochqualifizierte EmigrantInnen durch ihre Auslandstätigkeit und -erfahrung ihr Humankapital vergrößern können und ihm Wert hinzufügen (‚ value added ‘). (vgl. Meyer/Wattiaux 2006: 8)

Ein brain exchange findet dann statt, wenn der Abfluss von Humankapital durch die Emigration von Hochqualifizierten durch einen vergleichbaren Zufluss von hochqualifizierten Arbeitskräften kompensiert wird. (Lowell/Findlay 2001: 8)

Inwiefern sich die Wahrnehmung der Emigration von hochqualifizierter Arbeitskraft als brain drain, brain bank, brain gain, etc. auf die Auswahl der politischen Maßnahmen hinsichtlich Hochqualifiziertenmigration niederschlägt wird im folgenden Kapitel im Rahmen der Debatte um einen nationalist und internationalist approach diskutiert.

2.5. Nationalist Approach und Internationalist Approach

Die Wahl der politischen Maßnahmen, die ein Nationalstaat in Hinblick auf die Migration von Hochqualifizierten setzt, vermag dessen Betrachtungsweise bezüglich Migration und darüber hinaus dessen länderspezifische Interessen widerzuspiegeln. Ob restriktive oder offene Migrationspolitiken verfolgt werden ist kontextspezifisch und weist auf spezielle, wesensgemäße Sichtweisen und Interessenslagen der jeweiligen Staaten hin. (vgl. Reinprecht/Weiss 2011: 16f.) Da die Interessenslage der indischen staatlichen AkteurInnen hinsichtlich der Migration von Hochqualifizierten im Zentrum der Analyse jener Arbeit steht, schlägt dieses Kapitel eine Brücke zwischen spezifischen Perzeptionen von Migration sowie deren korrespondierenden politischen Maßnahmen, wodurch ein zentraler theoretischer Rahmen für die Analyse der Wahrnehmung von Hochqualifiziertenmigration und den Interessen des indischen Staates an eben jener aufgespannt wird. Mercy Brown befasst sich mit den Interrelationen zwischen Weltsicht/Wahrnehmung und deren Auswirkung auf politische Maßnahmen angesichts der Migration von hochqualifizierten Arbeitskräften.

[...]


1 Die Begriffe brain drain, brain gain, brain exchange, brain circulation u.ä. sowie scientific diaspora und highly skilled diaspora werden im Folgenden wegen inadäquaten deutschen Übersetzungsmöglichkeiten in englischer Sprache beibehalten und somit in Kleinschreibung und kursiv angeführt.

2 Für weiterführende Literatur zu scientific diasporas siehe:
Brown, Mercy (2002): Intellectual Diaspora Networks: their Viability as a Response to Highly Skilled Emigration. In: Fibbi, Rosita; Meyer, Jean-Baptiste (Hg.): Diasporas, développments et mondialisations. Autrepart 22. Paris: Editions de l'Aube, 167-178.
Meyer, Jean-Baptiste; Brown, Mercy (1999): Scientific Diasporas: A New Approach to Brain Drain. Paris: UNESCO MOST Discussion Paper Nr. 41.
Meyer, Jean-Baptiste; Wattiaux, Jean-Paul (2006): Diaspora Knowledge Networks: Vanishing Doubts and Increasing
Evidence. In: International Journal on Multicultural Societies. Transnational Knowledge Through Diaspora Networks, Jg. 8, Nr. 1, 4-24.

3 Unter tertiäre Ausbildungen fallen die ISCED Kategorien 5-7 (vgl. Khadria 2004b: 11) 8

4 Für weitere Konzepte (brain waste, brain globalisation, brain export, brain bank, brain exodus, brain overflow, usw.) siehe:
Lowell, B.Lindsay; Findlay, Allan (2001): Migration of Highly Skilled Persons from Developing Countries: Impact and Policy Responses. International Migration Papers 44. Genf: International Migration Branch ILO.
Khadria, Binod (2002): Skilled Labour Migration from Developing Countries: Study on India. International Migration Papers 49. Genf: International Labour Organisation.

Details

Seiten
63
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656847434
ISBN (Buch)
9783656847441
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282993
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
Sehr gut
Schlagworte
migration inderinnen brain drain/gain interessenslagen akteurinnen indiens

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