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"Der Quacksalber" von Hans Folz. Die Harnschau in der Literatur des 15. Jahrhunderts

Hausarbeit 2014 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – Die Harnschau in der Literatur

2. Die Harnschau als medizinisches Diagnoseverfahren
2.1 Grundgedanken der Medizin im Mittelalter
2.2 Die Methodik der Harnschau
2.3 Die Popularität der Harnschau bei der Bevölkerung

3. Die Harnschau im Quacksalber von Hans Folz
3.1. Die Handlung – Wirtschaftlicher Erfolg durch List und Betrug
3.2. Die Vorgehensweise des Quacksalbers
3.3. Die Umsetzung der Harnschau im Quacksalber
3.4. Die heilende Wirkung des Lachens
3.5. Die Kritik an der Harnschau im Quacksalber

4. Schluss

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung – Die Harnschau in der Literatur

Unter der Harnschau versteht man die Fertigkeit, auf Grundlage des Harns eines Patienten und den darin enthaltenen Bestandteilen eine Diagnose und Prognose für seine Krankheit zu erstellen[1]. Sie war im Mittelalter sowohl unter den akademisch ausgebildeten Ärzten als auch beim einfachen Volk sehr beliebt, weil man in ihr einen Weg sah, "die verborgenen Krankheitsprozesse im menschlichen Körper zu entschlüsseln und Krankheiten zu erkennen und, darauf gegründet, erfolgreich zu behandeln".[2]

Aufgrund dieser Popularität entwickelte sich die Harnschau in der Kunst bald zum typischen Erkennungsmerkmal für den ärztlichen Berufsstand und auch in Fastnachtsspielen und Schwänken wurde sie gerne aufgegriffen.[3] Der in Nürnberg tätige Hans Folz, selbst Barbier, der von etwa 1435 bis 1513 lebte[4], befasste sich ebenfalls auf literarische Weise mit der Urinschau. In einem seiner Reimpaarsprüche, dem Quacksalber, untersucht der Protagonist den Harn eines kranken Bauern. Es stellt sich daher nicht nur die Frage, wie der Vorgang der Harnschau – im Vergleich zur tatsächlichen Vorgehensweise – dargestellt wird, sondern auch welche Absicht der Autor mit der Aufnahme eines solchen Diagnoseverfahrens in seinem Text verfolgte.

Um die Harnschauszene im Quacksalber des Hans Folz richtig deuten zu können, soll im Folgenden zunächst auf die Urinschau als Diagnoseverfahren eingegangen werden. Hierzu werden die medizinischen Grundgedanken im Mittelalter erläutert und die Methodik der Uroskopie beschrieben. Zusätzlich werden die Gründe für die Beliebtheit dieser Untersuchungsweise spezifiziert.

Der darauffolgende Abschnitt befasst sich schließlich konkret mit der Harnschau bei Hans Folz. Zunächst soll der Kontext der Szene beschrieben und die Vorgehensweise des Protagonisten erforscht werden. Im Anschluss wird die Urinschau analysiert und interpretiert. In diesem Zusammenhang soll ferner auf die heilende Wirkung des Lachens eingegangen werden, die sich in Hans Folzens Text wiederfinden lässt. Die Kritik an der Harnschau wird abschließend behandelt. Zum Schluss sollen die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und rekapituliert werden.

2. Die Harnschau als medizinisches Diagnoseverfahren

2.1 Grundgedanken der Medizin im Mittelalter

Im Mittelalter ging man davon aus, dass das Mischungsverhältnis der vier Körpersäfte – Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle – den Gesundheitszustand des Menschen bestimmte und auch "Aufschluß [sic!] über Krankheiten, Charakterveranlagungen [und] Temperamente"[5] gab. Veränderte sich die Relation der Säfte oder die mit ihnen verknüpften Primärqualitäten Feuchtigkeit, Kälte, Wärme und Trockenheit, war der Mensch krank. "Die Naturheilkraft (Physis) kämpft mit der Krankheit durch Kochung (Digestion) und Ausscheidung der krankmachenden Materie".[6]

Der Urin als Ausscheidungsprodukt konnte somit Aufschluss über die andernfalls im Verborgenen bleibenden Prozesse im Körper geben. Kälte und Wärme bestimmten die Farbe des Harns, Trockenheit und Feuchtigkeit die Konzentration.[7] Hinzu kamen weitere Bestandteile des Urins, die sich entweder nach einer Weile am Boden der Matula, dem Harnglas, absetzten oder als so genannte Wolken oder Nebel in der Flüssigkeit schwebten. Die Lage dieser Bestandteile war jedoch keinesfalls willkürlich: "Man setzte […] den im Uringlas befindlichen Harn zum menschlichen Körper in Analogie, indem man, entspre-chend der vier Körperregionen, auch vier Regionen im Urin unterschied."[8] Mit Hilfe einer Skala auf der Matula konnten das Sediment, die Nebel und Wolken der Kopf-, Brust- und Bauchregion und der Region der Geschlechtsorgane zugeordnet werden.[9] Dies setzte man dann mit bestimmten Symptomen in der jeweiligen Körperbereich in Zusammenhang. Manche Ärzte erweiterten die Merkmale Konsistenz, Farbe und Beimengungen auch noch um "weitere Kriterien wie Harnmenge, Geschmack, Geruch, […] das Gefühl auf der Haut und das Geräusch beim Wasserlassen"[10].

Da die Harnschau im mittelalterlichen Glauben auf so vielfältige Weise die Vorgänge im Körper offenlegen konnte, etablierte sie sich schnell als alleiniges Diagnosemittel. Erst im 16. Jahrhundert forderten die akademisch ausgebildeten Ärzte zusätzliche Informationen über den Patienten, um eine genaue Krankheit bestimmen zu können.[11]

2.2 Die Methodik der Harnschau

Am Anfang jeder Harnschau stand zunächst einmal die Gewinnung des Harns. Bereits hier konnten jedoch Fehler gemacht werden, die eine erfolgreiche und aussagekräftige Analyse verhinderten. Der Urin, der gleich nach dem Aufstehen am Morgen genommen wurde, galt als besonders aufschlussreich: "Während der Nacht konnten sich Körper und innere Wärme ganz auf die Verkochung und Assimilation der Nahrung konzentrieren und der Morgenharn konnte somit die verläßlichste [sic!] Auskunft über deren Qualität geben."[12]

Neben diesem zeitlichen Aspekt war es zudem wichtig, den Urin in ein geeignetes Gefäß zu geben, da ein späteres Umfüllen zu Verfälschungen führen konnte. Auch die Sauberkeit dieses Gefäßes musste sichergestellt sein, da sich sonst Bestandteile im Urin finden ließen, die nicht vom Patienten stammten und zu einer inkorrekten Diagnose führten.[13]

War der Harn schließlich gewonnen, musste er zum Harnschauer gebracht werden. Da ein Hausbesuch wesentlich teurer gewesen wäre, überbrachten ihn meist Verwandte oder Bekannte.[14] Nachteil dieser Praxis war jedoch, dass sich der Urin nach einer Weile veränderte, weshalb empfohlen wurde, ihn innerhalb von sechs oder sieben Stunden zu analysieren. War dies nicht möglich, so versuchten die Überbringer die Veränderungen des Harns, die sie beobachtet hatten, selbst zu schildern.[15]

Der Arzt besah den Urin, indem er die Matula am Kolbenrand nahm[16] und sie dann an einem Fenster gegen das Licht oder gegen eine helle Wand hielt.[17] Sowohl direktes Sonnenlicht als auch Kerzenschein waren ungeeignet, da sie die Farbe des Harns verfälschten. Zudem war es wichtig, das Uringlas in ausreichender Entfernung von den Augen zu halten, um zu verhindern, dass ein falscher Eindruck von der Konsistenz des Harns entstand. Der ausgestreckte Arm versprach dabei einen angemessenen Abstand.[18]

[...]


[1] Vgl. Desnos, Ernest: The History of Urology to the Latter Half of the Nineteenth Century. In: Murphy, Leonard J. T.: The History of Urology. Springfield, Illinois 1972, S. 124.

[2] Stolberg, Michael: Die Harnschau. Eine Kultur- und Alltagsgeschichte. Köln 2009, S. 7.

[3] Vgl. Jurina, Kitti: Vom Quacksalber zum Doctor Medicinae - Die Heilkunde in der deutschen Graphik des 16. Jahrhunderts. Köln 1985, S.37.

[4] Vgl. Janota, Johannes: Folz, Hans. In: Kühlmann, Wilhelm: Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes. Berlin, New York 2008. URL: http://www.degruyter.com/view/VDBO/vdbo.killy.1610, zuletzt aufgerufen am 14.03.2014.

[5] Jurina, Vom Quacksalber zum Doctor Medicinae, S.34.

[6] Held, Wilhelm: Die Urinschau des Mittelalters und die Harnuntersuchung der Gegenwart. Leipzig 1931, S. 6.

[7] Vgl. ebd., S. 7.

[8] Ebd., S. 8.

[9] Vgl. ebd., S. 8.

[10] Stolberg, Die Harnschau, S. 44.

[11] Vgl. ebd., S. 27.

[12] Vgl. Stolberg, Die Harnschau, S. 58.

[13] Vgl. ebd., S. 59.

[14] Vgl. ebd., S. 77.

[15] Vgl. ebd., S. 20.

[16] Vgl. Jurina, Vom Quacksalber zum Doctor Medicinae, S. 36.

[17] Vgl. Stolberg, Die Harnschau, S. 62.

[18] Vgl. ebd., S. 62.

Details

Seiten
15
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656821748
ISBN (Buch)
9783656838951
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282866
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Schlagworte
quacksalber hans folz harnschau literatur jahrhunderts Urinschau Lachen Uroskopie

Autor

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Titel: "Der Quacksalber" von Hans Folz. Die Harnschau in der Literatur des 15. Jahrhunderts