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Entwicklung von kritischen und affimativen Sichtweise in der Sozialisation durch die Schule

Essay 2014 4 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Thematisch geht es in diesen Essay um die Sozialisation in Schulen. Die Schüler lernen nicht nur anhand eines Lehrplans, sondern auch durch die Teilnahme an sozialen Situationen. Diese unbewussten Sozialisationseffekte werden konträr in einer kritischen/negativen Varianten und einer positiven/affirmativen Sichtweise beurteilt. Zunächst möchte ich die Sozialisation definieren. Anschließend werde ich sowohl die kritische/negative Sichtweise als auch die positive/affirmative Sichtweise mit ihren jeweiligen Vertretern beschreiben. Im letzten Teil möchte ich Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Sichtweise hervorheben.

Das Konzept der Sozialisation wurde besonders von Durkheim geprägt, weiterentwickelt wurde es u.a von Hurrelman. Nach Hurrelmann ist Sozialisation: „(…) Prozess der Entstehung und Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit in Abhängigkeit von und in Auseinandersetzung mit den sozialen und den dinglich-materiellen Lebensbedingungen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt der historischen Entwicklung einer Gesellschaft existieren. Sozialisation bezeichnet den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt.“ (Hurrelmann 1986 S.14). Hurrelmann unterscheidet zwischen der bewussten und unbewussten Sozialisation. Die Sozialisation ist entscheidend für die Gesellschaftsentwickelung, da u.a. Werte, Einstellungen und Rollenkonzepte verinnerlicht werden. Die Schulen haben einen wichtigen Anteil an der Sozialisation der Kinder. Nachfolgend werde ich mich auf die unbewusste Sozialisation in Schulen beziehen. Zur besseren Unterscheidung werde ich als erstes die kritische/negative Sichtweise und danach die affirmative/positive Sichtweise vorstellen.

Als erstes möchte ich die Ansichten eines Vertreters der kritischen/negativen Position Jules Henry darstellen, der seine Überlegungen durch Unterrichtsanalysen beschreibt. Anhand des Musikunterrichts verdeutlicht Henry, dass in der schulischen Sozialisation das Konkurrenz-, Leistungs-, und Dominanzstreben der Kinder aktiviert wurde (vgl. Henry 1975 S. 39). Der Maßstab an dem sich die Kinder beim Singen orientieren ist die Lehrerin. Die Kinder übernehmen die Tonlage der Lehrerin und folglich auch falsche Tonlagen. Auch musikalische Kinder zweifeln dann an der eigenen Musikalität. Bei der Auswahl der Lieder wetteiferten die Kinder um die Aufmerksamkeit der Lehrerin, da alle ihre Lieblingslieder singen wollten und somit die anderen Kinder übertreffen wollten (vgl. ebd.)

Nach Henry ist der Unterricht [...] eine Lektion in der Kunst, aus einer beliebigen Situation den höchstmöglichen Gewinn für sich selbst herauszuschlagen (vgl. ebd.). Aus der schulischen Sichtweise ist es wichtig, dass die Kinder sich in eine entfremdete Welt einfügen. Die Entfremdung wird als neue Lebensregel übernommen mit der Folge, dass Minderwertigkeitsgefühle bei Kindern entstehen. Ein zweites Beispiel der Unterrichtsanalysen von Henry ist eine Situation aus dem Mathematikunterricht. Ein Kind versucht an der Tafel eine Aufgabe zu lösen, dies gelingt ihn nicht. Währenddessen melden sich alle anderen Kinder schon und wollen die Antwort sagen. Letztendlich fragt die Lehrerin ein anders Kind das die Antwort sagt. Durch diese Situation wird das Konkurrenzprinzip der Schule sichtbar: während das eine Kind einen Misserfolg erlebt, hat das andere Kind Erfolg. Laut Henry entsteht bei den Kindern, die die Misserfolge erleben […] Haß auf den Erfolg anderer; Haß auf die Erfolgreichen; und die Bereitschaft, anderen die Erfolge zu versalzen (Henry 1975 S. 43). Die Kinder haben Angst zu scheitern, Angst vor Misserfolgen. Aus diesem Grund übernehmen sie alles von ihren LehrerInnen. Die Wahrheit ist für die Kinder nicht mehr relevant, denn durch die Entfremdung können sie angstfrei leben. Allerdings muss die Entfremdung beibehalten werden, sonst setzt die Angst wieder ein (vgl. Henry S. 39).

Als Resümee führt Henry an, dass es in der Schule nicht in erster Linie um die Vermittlung von Allgemeinwissen geht: „wesentlicher ist, daß sie notwendige gesellschaftliche Alpträume fest in uns verankert: Angst vor dem Scheitern, Neid auf den Erfolg anderer, entfremdete Existenz (vgl. Henry 1975 S. 51). Es werden Kinder geschaffen, die mit ihren Charakterzügen in eine konkurrenzorientierte und kapitalistische Gesellschaft passen. Zudem wird so zum Erhalt dieser Gesellschaft beigetragen (vgl. ebd.).

Ein Vertreter der positiven/affirmativen Variante ist Robert Dreeben. Nach Dreeben sind „die sozialen Eigenschaften von Schule so geartet, daß die Schüler, indem sie eine Sequenz von Schulaufgaben und -situationen durchlaufen, eher die Prinzipien (d.h. Sozialen Normen) der Unabhängigkeit, Leistung, Universalismus und Spezifität lernen werden […] (Dreeben 1980 S. 61). Unabhängigkeit hat eine Vielzahl von Bedeutungen und Normen, die die Kinder lernen müssen wie Selbstständigkeit, Selbstvertrauen oder das Übernehmen von Verantwortung. Der Lehrer erwartet von den Kindern, dass sie eigenständig arbeiten und sich an den Standard der Unabhängigkeit halten. Eine Abweichung gegen diese Regel ist das Mogeln. Beim Mogeln gibt es mindestens zwei Personen, die daran beteiligt sind wie Eltern oder Schulkameraden. Die Ironie des Mogelns ist, dass von den Kindern sowohl selbständiges Arbeiten als auch Hilfe und Unterstützung von anderen Kindern erwartet wird. Für die Kinder ist es entscheidend zu lernen, wann es eine Mogelei ist, die mit Sanktionen bestraft wird (vgl. Dreeben 1980 S. 62 ff.). Eine weitere Norm der Unabhängigkeit sind formale Prüfungen. Hierbei wird die individuelle Leistung jedes Schülers festgestellt (vgl. ebd.)

Der Begriff Leistung hat nach Dreeben ebenfalls verschiedene Bedeutungen: „Er bezeichnet für gewöhnlich Aktivität und Beherrschung, die aktive Beeinflussung der Umwelt statt ihrer fatalistischen Hinahme, sowie den Wettbewerb gemäß irgend einen Standard der Auszeichnung (vgl. Dreeben 1980 S. 67). Für Dreeben ist Leistung klar abgegrenzt vom Begriff der Unabhängigkeit. In Industrienationen gilt das Leistungsprinzip und es ist entscheidend was der Einzelne kann. Für die Schule bedeutet das, dass der Lehrer jedem Kind die gleichen Aufgaben stellt. Die Kinder lernen mit den gestellten Aufgaben umzugehen. Der Lehrer vergleicht die Leistung anhand der Qualität. Die Kinder gewöhnen sich an die Aufgaben und an das Leistungsprinzip. Hinsichtlich ihrer Leistungen müssen die Schüler lernen, mit einem Scheitern zu leben, damit das Selbstwertgefühl nicht darunter leidet. Die Schüler sollen lernen die gestellten Aufgaben mit einer positiven Grundhaltung anzugehen. Nach Dreeben trägt die Schule zur Persönlichkeitsentwicklung bei, da jedes Kind verschiedene Aufgaben und Situationen durchläuft. Die Normen Universalismus und Spezifität sind negativ konnotiert. Dabei besteht ein Zusammenhang zwischen Universalismus und Gerechtigkeit. Kinder lernen in Kategorien zu denken und sich von anderen zu unterscheiden. Innerhalb der Familie lernen die Kinder, dass ihre Geschwister nachdem jeweiligen Altern mehr oder weniger dürfen. In der Schule sind die Strukturen anders: es gibt altershomogene Klassen und gleiche Grenzen für alle Schüler. Universalismus bedeutet, dass Interaktionsparter mit den identischen Merkmalen wie Schüler gleich behandelt werden. Alle Schüler bekommen beispielsweise die gleichen Aufgaben zugeteilt. Die Gleichbehandlung bleibt über die gesamte Schulzeit, obwohl bei den Schülern nur das Merkmal „Schüler“ übereinstimmt und sich die Kinder hinsichtlich anderer Merkmale (Geschlecht,Nationalität) unterscheiden. Den Schüler wird so eine wichtige Unterscheidung zwischen Personen und Positionen vermittelt, denn in jeder anderen gesellschaftlichen Situation unterscheidet sich die Zusammensetzung (vgl. Dreeben 1980 S. 76ff.)

Zwischen den beiden Standpunkten der kritischen und der affirmativen Sichtweise gibt es sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede. Eine Gemeinsamkeit ist, dass beide Autoren von einem „geheimen Lehrplan“, also einer unbewussten Sozialisation schreiben. Für beide Autoren ist das Erlernen von sozialen Regeln, Normen und Kulturtechniken wichtig um sich in der Gesellschaft einzugliedern. Der Fortbestand der Gesellschaft ist an die Einhaltung gewisser sozialer Bedingungen geknüpft. Die in der Schule erlernten Werte und Normen sind nach beiden Autoren vergleichbar mit denen im Erwerbsleben. Zudem wird nach beiden durch die Vorbereitung auf das Erwachsenleben der Fortbestand der Gesellschaft gesichert. In Industrienationen ist diese Gesellschaft industriell und durch das Konkurrenzprinzip geprägt. Schulen orientieren sich an dieser Prägung.

Unterschiede zwischen den Autoren gibt es beim Schreibstil. Der Autor Henry verwendet einen harten Schreibstil den er mit negativen Metaphern unterstreicht: „Sie [die Schule] schleift die gesellschaftlichen Bedürfnisse messerscharf“. (Henry 1975 S. 40). Henry verweist in seinem Text eher auf die negativen Faktoren indem er von einer entfremdeten Welt spricht und von Menschen in Zwangsjacken (vgl. ebd.) Dreeben dagegen benutzt einen neutralen Schreibstil und übt keine Gesellschaftskritik. Ein weiterer Unterschied ist, dass die Schüler es nach Dreeben lernen mit Misserfolgen umzugehen. Zudem gleicht es sich für Dreeben aus: jeder Schüler erlebt sowohl Erfolge und Misserfolge (vgl. Dreeben 1980 S. 69). Dabei Henry entsteht dagegen bei den Kindern vor allem Hass auf alles( vgl. Henry 1975 S.43).

Abschließend ist festzustellen, dass beide ähnliche Normen im Alltag von Schulen relevant finden. Die kritische Sichtweise ist ablehnender gegenüber diesen Normen, weil die Kinder so auf die kapitalistisch geprägt Gesellschaft vorbereiten. Dagegen findet Dreeben die erlernten Normen wichtig und unentbehrlich, da die Schule die Kinder auf eine industriell orientiere Gesellschaft vorbereiten.

Literaturverzeichnis

Dreeben, Robert (1980): Was wir in der Schule lernen, Frankfurt.

Henry, Jules (1975) Lernziel Entfremdung. Analyse von Unterrichtsszenen in Grundschulen in Zinnecker, Jürgen (Hg.) (1975): Der heimliche Lehrplan, Weinheim.

Hurrelmann, Klaus 1986. Einführung in die Sozialisationstheorie. Über den Zusammenhang von Sozialstruktur und Persönlichkeit. Beltz Verlag, Weinheim/Basel 1993.

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Details

Seiten
4
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656823315
Dateigröße
354 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282860
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,0
Schlagworte
kritische Sichtweise affirmative Sichtweise Sozialisation Schule
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Titel: Entwicklung von kritischen und affimativen Sichtweise in der Sozialisation durch die Schule